Exzerpte
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| Team | Peter Heilbronn | ||||||
| Thema | Exzerpt zu Abstrakte Zeit und Arbeit bei Moishe Postone ( excerpt ) | ||||||
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Chris Arthur; Wildcat-Zirkular Nr. 18 - August 1995 - S. 37-41 |
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| Letzte Bearbeitung | 06/2004 | ||||||
| Home | www.mxks.de | ||||||
1 Überlegungen zur Marxschen KapitalismuskritikII Zur Rekonstruktion der Marxschen Kritik. Die Ware1.1 Einleitung2. Die Voraussetzungen des traditionellen Marxismus
1.2 Die Krise des traditionellen Marxismus
1.3 Zur Rekonstuktion einer kritischen Theorie der modernen Gesellschaft
1.4 Die Grundrisse: Überlegungen zum Marxschen Verständnis des Kapitalismus und seiner Aufhebung
1.5 Der Wesenskern des Kapitalismus
1.6 Kapitalismus, Arbeit und Herrschaft
1.7 Der Widerspruch des Kapitalismus
1.8 Soziale Bewegungen, Subjektivität und historische Analyse
1.9 Einige Implikationen für die Gegenwart
2.1 Wert und Arbeit
2.2 Ricardo und Marx
2.3 >Arbeit<, Reichtum und gesellschaftliche Konstitution
2.4 Gesellschaftskritik vom Standpunkt der Arbeit
2.5 Arbeit und Totalität: Hegel und Marx
4. Abstrakte ArbeitIII Zur Rekonstruktion der Marxschen Kritik. Das Kapital4.1 Erfordernisse einer kategorialen Interpretation5. Abstrakte Zeit
4.2 Der historisch bestimmte Charakter der Marxschen Kritik
4.3 Historische Besonderheit: Wert und Preis
4.4 Historische Besonderheit und immanente Kritik
4.5 Abstrakte Arbeit
4.6 Abstrakte Arbeit und gesellschaftliche Vermittlung
4.7 Abstrakte Arbeit und Entfremdung
4.8 Abstrakte Arbeit und Fetisch
4.9 Gesellschaftliche Verhältnisse, Arbeit und Natur
4.10 Arbeit und instrumentelles Handeln
4.11 Abstrakte und substantielle Totalität
5.1 Die Wertgröße
5.2 Abstrakte Zeit und gesellschaftliche Notwendigkeit
5.3 Wert und stofflicher Reichtum
5.4 Abstrakte Zeit
5.5 Formen gesellschaftlicher Vermittlung und des Bewußtseins
8. Die Dialektik von Arbeit und Zeit8.1 Die immanente Dynamik9. Der Entwicklungsverlauf der Produktion
8.2 Abstrakte Zeit und historische Zeit
8.3 Die Dialektik von Transformation und Rekonstitution
9.1 Mehrwert und >Wirtschaftswachstum<10. Abschließende Betrachtungen
9.2 Die Klassen und die Dynamik des Kapitalismus
9.3 Produktion und Verwertung9.3.1 Kooperation9.4 Substantielle Totalität
9.3.2 Manufaktur
9.3.2 Große Industrie
9.4.1 Kapital
9.4.2 Das Proletariat
9.2.3 Widerspruch und bestimmte Negation
9.2.4 Formen der Universalität
9.2.5 Die Entwicklung der gesellschaftlichen Teilung der Zeit
9.2.6 Das Reich der Notwendigkeit
I Kritik des traditionellen Marxismus(» K)
1 Überlegungen zur Marxschen Kapitalismuskritik(» K)
1.1 Einleitung(» K)
|
"
In der vorliegenden Studie interpretiere ich die von Marx in seinem Spätwerk
entwickelte kritische Theorie grundlegend neu, mit dem Ziel, das Wesen der
kapitalistischen Gesellschaft adäquat zu erfassen. Meine Interpretation der von
Marx analysierten gesellschaftlichen Verhältnisse und Herrschaftsformen des
Kapitalismus erfordert es, die zentralen Kategorien seiner Kritik der
politischen Ökonomie zu überdenken.
...
Zum einen sollen sie das Wesen und die geschichtliche Entwicklung der modernen
Gesellschaft bestimmen, zum anderen soll in ihnen die in den
Sozialwissenschaften gängige Dichotomie von Struktur und Handlung -
beziehungsweise objektiven Determinanten und subjektiver Interpretation -
überwunden werden.
"
(S. 21)
| [Reformulierung der Kategorien der Marxschen Theorie als kritischer Theorie] |
|
"
Beispielsweise analysiere ich den Kapitalismus in erster Linie
weder hinsichtlich der privaten Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel noch
im Hinblick auf den Markt. Der Kapitalismus ist vielmehr als eine historisch
spezifische Form gesellschaftlicher Interdependenz zu begreifen, die durch ihre
unpersönliche und augenfällige Objektivität gekennzeichnet ist. Diese
Interdependenz ergibt sich aus geschichtlich einzigartigen Formen
gesellschaftlicher Verhältnisse, die zwar durch bestimmte Formen
gesellschaftlicher Praxis konstituiert werden, sich aber gleichwohl von den
Subjekten dieser Praxis verselbständigen. Im Ergebnis zeigt sich eine neue,
zunehmend abstraktere Form gesellschaftlicher Herrschaft, die die Menschen
unpersönlichen strukturellen Imperativen und Zwängen unterwirft.
"
(S. 21f)
| [Das historisch Spezifische der Konstitution der Gesellschaft - abstrakte Herrschaft] |
|
"
Es soll gezeigt werden, daß die Analyse der als grundlegend anzusehenden
gesellschaftlichen Formen, die nach Marx den Kapitalismus strukturieren - Ware
und Kapital -, einen hervorragenden Ausgangspunkt darstellt, um die systemischen
Merkmale der Moderne gesellschaftlich begründen zu können: womit
gleichzeitig
gezeigt wäre, daß auch die moderne Gesellschaft fundamental transformiert werden
kann.
"
(S. 22)
| [Möglichkeit der Transformation] |
|
"
Meine Lesart der kritischen Theorie von Marx konzentriert sich auf seine
Auffassung von der Stellung der Arbeit im gesellschaftlichen Leben, die
gemeinhin als Kern seiner Theorie gilt. Ich behaupte, daß die Bedeutung der
Kategorie Arbeit in seinem Spätwerk anders zu fassen ist als dies traditionell
geschieht: in den späten Schriften ist Arbeit historisch spezifisch und
nicht
transhistorisch zu verstehen. Die Auffassung von Marx, daß Arbeit die
gesellschaftliche Welt konstituiert und Quelle allen Reichtums ist, bezieht sich
demnach in seiner späten Kritik nicht auf Gesellschaft im allgemeinen, sondern
allein auf die kapitalistische beziehungsweise moderne Gesellschaft. Hinzu
kommt - und dies ist entscheidend-, daß die Marxsche Analyse nicht die Arbeit im
allgemeinen, transhistorischen Verständnis zum Gegenstand hat - als
zielgerichtete gesellschaftliche Tätigkeit, die zwischen Mensch und Natur
vermittelt und dabei spezifische Güter zur Befriedigung bestimmter menschlicher
Bedürfnisse herstellt -, sondern die eigentümliche Rolle, die die Arbeit allein
in der kapitalistischen Gesellschaft spielt.
"
[Herv. v. P.H.] (S. 22)
| [Arbeit als historisch spezifisch - nicht transhistorische] |
|
"
Im Kapitalismus konstituiert Arbeit also eine historisch spezifische,
quasi-objektive Form gesellschaftlicher Vermittlung, die der Marxschen Analyse
zufolge die gesellschaftliche Ausgangsbasis bildet, aus der sich die Grundmuster
der Moderne erschließen.
"
(S. 23)
| [Arbeit als Form gesellschaftlicher Vermittlung] |
|
"
Die vorliegende Interpretation der Marxschen Kapitalismusanalyse baut auf diesem
revidierten Verständnis des Arbeitsbegriffes auf. Sie stellt die historische
Bedingtheit und die Kritik der Produktionsweise in ihr Zentrum und bereitet so
die Grundlage für eine Untersuchung, die die moderne kapitalistische
Gesellschaft als mit einer inneren, richtungsgebundenen Dynamik versehene
Gesellschaft ausweisen kann, als eine, die ihre Struktur einer geschichtlich
einmaligen Form gesellschaftlicher Vermittlung verdankt. Diese Vermittlung,
obwohl gesellschaftlich konstituiert, ist von abstrakter, unpersönlicher und
quasi-objektiver Natur. Ihre Form wird durch eine geschichtlich bestimmte
gesellschaftliche Praxis (Arbeit im Kapitalismus) strukturiert und diese
bestimmt ihrerseits die Handlungen, Weltanschauungen und Verhaltensdispositionen
der Menschen. Diese Perspektive reformuliert die Frage nach der Beziehung
zwischen kulturellem und materiellem Leben in die nach der Beziehung zwischen
einer historisch spezifischen Form gesellschaftlicher Vermittlung und den Formen
gesellschaftlicher >Objektivität< und >Subjektivität<. Diese Theorie
gesellschaftlicher Vermittlung zielt auf die Aufhebung der klassischen
theoretischen Dichotomie von Subjekt und Objekt, indem sie sie als geschichtlich
entstandene ausweist.
"
(S. 24)
| [Aufhebung der historischen Dichotomie: Subjekt - Objekt] |
|
"
Die Marxsche Theorie ist also nicht als eine universell anwendbare, sondern als
eine für die kapitalistische Gesellschaft spezifische kritische Theorie zu
verstehen. Sie analysiert die historische Bedingtheit des Kapitalismus und die
Möglichkeit seiner Aufhebung mithilfe von Kategorien, die dessen besondere
Formen von Arbeit, Reichtum und Zeit erfassen.
"
(S. 24)
| [Marxsche Theorie ist selbst historisch bedingt (anwendbar)] |
|
"
...
einer Kritik des Kapitalismus vom Standpunkt der Arbeit auf der einen und
einer
Kritik der Arbeit im Kapitalismus auf der anderen Seite. Ersteres, das auf einem
transhistorischen Verständnis von Arbeit beruht, unterstellt, daß
zwischen den
Bestimmungen, die das gesellschaftliche Leben des Kapitalismus kennzeichnen (zum
Beispiel Markt und Privateigentum), und der gesellschaftlichen Sphäre, die durch
Arbeit konstituiert wird, eine strukturelle Spannung existiert. Arbeit bildet
hier die Grundlage der Kapitalismuskritik; sie stellt den Standpunkt dar, von
dem aus kritisiert wird.
"
[Herv. v. P.H.] (S. 25)
"
Dem zweiten Analyseverfahren dagegen gilt Arbeit im Kapitalismus als
historisch spezifisch; sie konstituiere die wesentlichen
Strukturen dieser Gesellschaft.
Aus dieser Perspektive wird Arbeit daher zum Gegenstand der Kritik der
kapitalistischen Gesellschaft. Dieser Analyse zufolge teilen die vorfindlichen
Marxinterpretationen, ungeachtet ihrer Unterschiede im einzelnen, mehrere
gemeinsame Prämissen des ersten Analyseverfahrens: diese Interpretationen
bezeichne ich als >traditionell<.
"
[Herv. v. P.H.] (S. 25)
| [Standpunkt der Arbeit - traditioneller Marxismus] |
|
"
Weit davon entfernt, die Arbeit für das Prinzip gesellschaftlicher Konstitution
und die Quelle des Reichtums in allen Gesellschaften zu halten,
sieht die
Marxsche Theorie die historische Einzigartigkeit des Kapitalismus gerade darin,
daß seine grundlegenden gesellschaftlichen Beziehungen durch Arbeit konstituiert
werden und sich daher letztlich von den Beziehungen in nicht-kapitalistischer
Gesellschaften fundamental unterscheiden. Selbstverständlich ist die Marxsche
Kapitalismusanalyse auch eine Kritik an Ausbeutung, gesellschaftlicher
Ungleichheit und Klassenherrschaft, doch geht sie darüber weit hinaus: sie klärt
das innere Gefüge der gesellschaftlichen Verhältnisse der modernen Gesellschaft
und die ihnen innewohnende, abstrakte Form gesellschaftlicher Herrschaft - und
zwar mittels einer Theorie, die die gesellschaftliche Konstitution dieser
Herrschaft auf bestimmte, strukturierte Praxisformen gründet.
"
[Herv. v. P.H.] (S. 26)
| [Arbeit ist NICHT Quelle des Reichtum in allen Gesellschaften] |
1.2 Die Krise des traditionellen Marxismus(» K)
|
"
Die Bezeichnung >traditioneller Marxismus< bezieht sich dabei nicht auf
irgendeine besondere geschichtliche Tendenz innerhalb des Marxismus, sondern
allgemein auf sämtliche Theorien, die den Kapitalismus vom Standpunkt der
Arbeit
aus analysieren und davon ausgehen, daß diese Gesellschaft durch
Klassenbeziehungen, das Privateigentum an Produktionsmitteln und eine
durch den
Markt regulierte Wirtschaft ihrem Wesen nach bestimmt sei. Gemeint sind also
alle Theorien, die die Herrschaftsverhältnisse vor allem als Klassenherrschaft
und Ausbeutung verstehen.
"
[Herv. v. P.H.] (S. 27)
| [Traditioneller Marxismus = Standpunkt der Arbeit mit Klassenbeziehnung, Privateigentum, Markt] |
|
"
Bekanntlich behauptete Marx, daß in der kapitalistischen Entwicklung ein
strukturell angelegtes Spannungsverhältnis beziehungsweise ein Widerspruch
besteht zwischen den
den Kapitalismus bestimmenden gesellschaftlichen Verhältnissen und den
>Produktivkräften<. Dieser Widerspruch wurde allgemein als Gegensatz
zwischen
Privateigentum und Markt auf der einen und industrieller Produktionsweise auf
der anderen Seite interpretiert, wobei Privateigentum und Markt als genuin
kapitalistisch, die industrielle Produktion dagegen als Basis einer zukünftigen
sozialistischen Gesellschaft erachtet wurde.
... Die historische Negation des Kapitalismus wird also vornehmlich in einer Gesellschaft als verwirklicht angesehen, in der die Beherrschung und Ausbeutung einer Klasse über eine andere überwunden sind. " [Herv. v. P.H.] (S. 27f) | [Widerspruch: gesell. Verhältnisse//Produktivkräfte] |
|
"
Reichtum immer und überall durch menschliche Arbeit geschaffen werde, und daß im
Kapitalismus die Arbeit der bewußtlosen, >automatischen<, durch den Markt
vermittelten Distributionsweise unterliege. (Sweezy 1970, 70f.; Dobb 1940, 70f.;
Meek 1956, 155) Seine Mehrwerttheorie suche zu zeigen, daß - allem Anschein zum
Trotz -das kapitalistische Mehrprodukt allein durch Arbeit erzeugt und von der
Kapitalistenklasse angeeignet werde. In diesem allgemeinen Interpretationsrahmen
kann dann die Kapitalismuskritik von Marx als eine Kritik der Ausbeutung vom
Standpunkt der Arbeit ausgegeben werden. Sie entmystifiziere die
kapitalistische
Gesellschaft erstens durch die Enthüllung, daß die Arbeit die wahre Quelle allen
gesellschaftlichen Reichtums darstelle, und zweitens durch den Beweis, daß diese
Gesellschaft auf einem System der Ausbeutung beruhe.
"
(S. 28)
"
Der Kapitalismus, als freier Markt strukturiert, ließ die Industrieproduktion
entstehen, die die Menge des gesellschaftlich erzeugten Reichtums ungeheuer
vermehrt. Unter kapitalistischen Bedingungen jedoch verdankt sich dieser
Reichtum nach wie vor einem Ausbeutungsprozeß und wird auf zutiefst ungleiche
Weise verteilt. Jedoch entfaltet sich zunehmend ein Widerspruch zwischen
industrieller Produktion und den bestehenden Produktionsverhältnissen.
"
(S. 29)
| [Traditionelle Auffassung = Arbeit schafft immer den gesell. Reichtum] |
|
"
Die historische Dynamik des Kapitalismus läßt jedoch nicht nur die älteren
gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse anachronistisch werden, sondern in
ihr entsteht auch die Möglichkeit einer neuen Gestaltung der gesellschaftlichen
Verhältnisse. Sie bringt die technischen, gesellschaftlichen und
organisatorischen Voraussetzungen für die Abschaffung des Privateigentums hervor
und schafft die Vorbedingungen für eine zentrale Planung - beispielsweise in der
Zentralisation und Konzentration der Produktionsmittel, in der Trennung von
Besitz und Management und in der Entstehung und Konzentration eines
industriellen Proletariats. Diese Entwicklungen schaffen die geschichtliche
Möglichkeit, Ausbeutung und Klassenherrschaft abschaffen und eine neue, gerechte
und rational geregelte Verteilung organisieren zu können. Dieser Interpretation
zufolge steht im Zentrum der Marxschen Kritik die Distributionsweise.
"
(S. 29f)
| [Zentrale Planung nach Abschaffung des Privateigentums - Kritik nur der Distribution] |
|
"
Sozialismus wird als neue Form verstanden, dieselbe, vom Kapitalismus
hervorgebrachte industrielle Produktionsweise politisch zu administrieren und
ökonomisch zu regulieren; er wird gedacht als eine gesellschaftliche Form der
Distribution, die nicht nur gerechter, sondern der Industrieproduktion auch
adäquater sei.
"
(S. 31)
| [Industrieproduktion ohne Kapital] |
|
"
...Rätekommunisten gegen Parteikommunisten; >wissenschaftliche<
Theorien
gegenüber denjenigen, die auf verschiedenen Wegen Marxismus und Psychoanalyse zu
vereinigen oder eine kritische Theorie der Kultur oder des Alltagslebens zu
entwickeln suchten. Dennoch blieben sie alle, so weit sie die oben ausgeführten
Grundannahmen teilten, in den traditionellen Marxismus eingebunden. Wie prägnant
auch immer die sozialen, politischen, historischen, kulturellen und ökonomischen
Analysen waren, die auf diesem theoretischen Gerüst aufbauten, so sind doch
dessen Grenzen angesichts der Entwicklungen des 20. Jahrhunderts zunehmend
deutlich geworden.
"
(S. 32)
| [Unterschiede der Marxismen sind nicht grundsätzlich genug] |
|
"
Wenn die Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie nur auf eine sich selbst
regulierende, über den Markt vermittelte Wirtschaft und auf die private
Aneignung des Mehrprodukts Anwendung finden können, dann bedeutet die zunehmende
Intervention des Staates, daß diese Kategorien immer weniger der
gesellschaftlichen Realität entsprechen. Daraus folgt, daß die traditionelle
Theorie immer weniger in der Lage ist, den postliberalen Kapitalismus
geschichtlich zu kritisieren.
"
(S. 33)
| [Staatsintervention - traditionelle Kritik greift nicht mehr] |
|
"
Die Schwächen des traditionellen Marxismus im Umgang mit der postliberalen
Gesellschaft werden besonders deutlich, wenn es darum geht, den >real
existierenden Sozialismus< systematisch zu analysieren. Nicht alle Varianten
des
traditionellen Marxismus sympathisierten mit den >real existierenden
sozialistischen< Gesellschaften sowjetischen Typs. Allerdings erlaubt seine
theoretische Perspektive von vornherein keine Kritik, die dieser
Gesellschaftsform adäquat wäre. In ihrer traditionellen Auslegung sind die
Marxschen Kategorien zur Formulierung einer Kritik staatlich regulierter und
beherrschter Gesellschaften kaum zu gebrauchen.
"
(S. 33)
| [Staatssozialismus - traditionelle Kritik greift nicht] |
|
"
Überdies wurde vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedeutung, die die
Wissenschaften und die fortgeschrittenen Technologien für den Produktionsprozeß
erlangt haben, die theoretische Grundlage seiner Gesellschaftskritik - die
Behauptung also, menschliche Arbeit sei die gesellschaftliche Quelle allen
Reichtums - kritisiert. Gescheitert ist der traditionelle Marxismus aber nicht
nur daran, eine angemessene historische Analyse des >real existierenden
Sozialismus< (und seines Zusammenbruchs) zu entwickeln, sondern auch, weil
seine
Kapitalismuskritik und seine emanzipatorischen Ideale sich mehr und mehr von den
Inhalten und Ursachen der gegenwärtigen sozialen Unzufriedenheit in den
entwickelten Industrieländern entfernen.
"
(S. 34)
| [Arbeit hört auf Quelle allen Reichtums zu sein] |
|
"
Die gegenwärtige historische Situation kann als Transformation der
modernen
kapitalistischen Gesellschaft verstanden werden, die - sozial, politisch,
ökonomisch und kulturell - so tief geht wie die Umwandlung des liberalen in den
staatsinterventionistischen Kapitalismus. Wir scheinen zur Zeit in eine neue
geschichtliche Phase des entwickelten Kapitalismus einzutreten.
"
[Herv. v. P.H.] (S. 35)
| [Tiefgreifende Transformation des Kapitalismus] |
|
"
Zwei scheinbar gegensätzliche geschichtliche Tendenzen haben zu dieser
Schwächung der zentralen Institutionen des staatsinterventionistischen
Kapitalismus beigetragen: zum einen eine teilweise Dezentralisierung in
Produktion und Politik sowie, damit einhergehend, das Auftauchen einer Vielzahl
neuer gesellschaftlicher Gruppierungen, Organisationen, Bewegungen, Parteien und
Subkulturen; zum anderen ein Globalisierungs- und Kapitalkonzentrationsprozeß,
der sich auf einem neuen, sehr abstrakten Niveau bewegt - weit entfernt von
unmittelbarer Erfahrung und, zumindest gegenwärtig, scheinbar jenseits einer
wirksamen staatlichen Kontrolle.
"
(S. 35f)
| [Globalisierung, Kapitalkonzentration,...] |
|
"
Sein zunehmend anachronistischer Charakter und seine gravierenden Schwächen als
emanzipatorische kritische Theorie sind dem traditionellen Marxismus
wesenseigen. Letztlich wurzeln sie in seinem Unvermögen, den Kapitalismus
adäquat erfassen zu können.
"
(S. 37)
| [Zunehmend anachronistischer Charakter dem traditionellen Marxismus wesenseigen] |
|
"
Die Krise des staatsinterventionistischen Kapitalismus läßt darauf schließen,
daß sich der Kapitalismus weiterhin dank einer quasi-autonomen Dynamik
entwickelt. Diese Entwicklung verlangt eine kritische Revision derjenigen
Theorien, die die Verdrängung des Marktes durch den Staat als das Verschwinden
ökonomischer Krisen interpretiert hatten. Allerdings bleibt das Wesen des
Kapitalismus, jenes dynamischen Prozesses, der sich, wieder einmal, offenkundig
geltend gemacht hat, unklar. Es kann jedenfalls nicht mehr überzeugend behauptet
werden, daß >Sozialismus< die Antwort auf die Probleme des Kapitalismus
darstellt, wenn damit schlicht die Einführung zentraler Planung und staatlicher
(oder auch öffentlicher) Verfügungsgewalt gemeint ist.
"
(S. 38)
| [Krise des staatsinterventionistischen Kapitalismus - Krise des Marxismus] |
1.3 Zur Rekonstuktion einer kritischen Theorie der modernen Gesellschaft(» K)
|
"
Das neue Verständnis des Wesens der Marxschen kritischen Theorie, das hier
entwickelt werden soll, stellt eine Antwort auf die geschichtliche Wandlung des
Kapitalismus und die Schwächen des traditionellen Marxismus dar.(7) Die
Neubewertung der in den späten Werken von Marx, vor allem des Kapitals,
dargelegten Theorie ergab sich mir bei der Lektüre der Grundrisse - einer
früheren Fassung seiner entwickelten Kritik der politischen Ökonomie. Diese
Marxsche Theorie unterscheidet sich nicht nur vom traditionellen Marxismus, sie
hat auch viel größere Aussagekraft und eine gewichtigere Bedeutung für die
Analyse der gegenwärtigen Verhältnisse.
"
(S. 40)
| [Neue kritische Theorie gibt wesentliche Antworten] |
|
"
Obwohl die Marxsche Kapitalismusanalyse auch eine Kritik der Ausbeutung und der
bürgerlichen Distributionsweise (Markt, Privateigentum) enthält, geht sie nach
meiner Überzeugung nicht vom Standpunkt der Arbeit aus, sondern basiert vielmehr
auf einer Kritik der Arbeit im Kapitalismus. Sie will die einzigartige
geschichtliche Rolle aufzeigen, die diese Arbeit in der Vermittlung der
gesellschaftlichen Verhältnisse spielt, und über die Konsequenzen dieser Form
von Vermittlung aufklären.
"
(S. 42)
| [Marx auch Kritik der Ausbeutung - aber nicht vom Standpunkt der Arbeit aus] |
|
"
Die Marxsche Analyse der Besonderheit der Arbeit im Kapitalismus zeigt vielmehr,
daß die kapitalistische Produktion nicht nur ein rein technischer Prozeß ist,
sondern daß diese Produktion auch mit den grundlegenden gesellschaftlichen
Verhältnissen dieser Gesellschaft untrennbar verbunden und durch diese
Verhältnisse geformt ist. Diese können nicht verstanden werden, wenn die
Produktion ausschließlich in ihrem Bezug auf Markt und Privateigentum betrachtet
wird.
"
(S. 42)
| [Produktion nicht nur rein technischer Prozess] |
|
"
Tatsächlich stellt die produktivistische Position aus der Sicht der hier
vorgestellten Interpretation keine fundamentale Kritik dar: Sie versagt nicht
nur, weil sie nicht über den Kapitalismus hinaus auf die Möglichkeit einer
anderen Gesellschaft zu verweisen vermag, sondern sie affirmiert auch zentrale
Aspekte des Kapitalismus. In dieser Hinsicht liefert die vorliegende
Rekonstruktion der Marxschen kritischen Theorie den Standpunkt für eine Kritik
des produktivistischen Paradigmas der marxistischen Tradition. Es wird sich
erweisen, daß eben das, was die marxistische Tradition generell affirmativ
behandelt hat, der Gegenstand der Kritik in den späten Werken von Marx ist. Es
geht im folgenden nicht nur darum, diesen Unterschied aufzuzeigen und
auszuführen, daß die Marxsche Theorie nicht produktivistisch war -und so
eine
theoretische Tradition zu kritisieren, die vorgibt, auf den Marxschen Texten
aufzubauen -, sondern auch darum zu zeigen, daß sie selbst eine umfassende
Kritik des produktivistischen Paradigmas liefert, eine Kritik, die dieses
Paradigma nicht nur als falsch zurück-weist, sondern auch versucht, es in
gesellschaftlichen und geschichtlichen Begriffen verständlich zu machen.
"
(S. 43)
| [Produktivistische Kritik ist keine fundamentale Kritik] |
|
"
Ähnlich wird die Geschichtstheorie von Marx interpretiert. In seinen Spätwerken
ist seine Auffassung von der immanenten Logik der geschichtlichen Entwicklung
gleichfalls nicht transhistorisch und affirmativ, sondern kritisch, und sie
bezieht sich ausdrücklich auf die kapitalistische Gesellschaft. Marx erkennt den
Grund dieser besonderen geschichtlichen Logik in den spezifischen Formen der
kapitalistischen Gesellschaft. Seine Position bejaht weder die Existenz einer
transhistorischen Logik der Geschichte, noch leugnet sie die Existenz jedweder
Art geschichtlicher Logik. Statt dessen behandelt sie eine
derartige Logik als Eigentümlichkeit der kapitalistischen Gesellschaft, die auf
die ganze Menschheitsgeschichte projiziert werden kann und auch projiziert
wurde.
"
(S. 43f)
| [Es gibt nur besondere Geschichtslogik] |
|
"
Die Bandbreite und die Systematik der Marxschen kritischen Theorie können jedoch
nur voll erfaßt werden, wenn die Analyse ihrer Kategorien diese als Bestimmungen
des gesellschaftlichen Lebens im Kapitalismus begreift. Nur wenn die
Feststellungen von Marx ausdrücklich als Entfaltung seiner Kategorien verstanden
werden, kann die innere Logik seiner Kritik adäquat rekonstruiert werden.
Deshalb werde ich immer wieder auf die Bestimmungen und Implikationen der
fundamentalen Kategorien der Marxschen kritischen Theorie zu sprechen kommen.
"
(S. 45)
| [Marxsche Kategorien als streng historisch konstituierte] |
|
"
Ich werde dagegen so vorgehen, als entspräche das, was in der Logik der
Marxschen Theorie des Kerngehalts der kapitalistischen Gesellschaftsformation
lediglich impliziert wird, auch dem Selbstverständnis von Marx. Da ich einen
Beitrag zur Rekonstituierung einer systematischen kritischen
Gesellschaftstheorie des Kapitalismus leisten will, ist die Frage, ob sein
tatsächliches Selbstverständnis dieser Logik adäquat war, hier von sekundärer
Bedeutung.
"
(S. 46)
| [Postones Vorgehen] |
1.4 Die Grundrisse: Überlegungen zum Marxschen Verständnis des Kapitalismus und seiner Aufhebung(» K)
|
"
Die hier untersuchten Abschnitte der Grundrisse verweisen darauf, daß die
Kategorien der Marxschen Theorie historisch spezifisch sind, daß sich die
Marxsche Kritik sowohl auf die Produktions- als auch die Distributionsweise des
Kapitalismus bezieht und daß der grundlegende Widerspruch des Kapitals nicht so
aufgefaßt werden kann, als handele es sich dabei einfach um einen Widerspruch
zwischen Markt und Privateigentum einerseits, industrieller Produktion
andererseits.
"
(S. 49)
| [Widerspruch nicht zw. Industrieproduktion//PE und Markt] |
|
"
Sobald hier Klarheit besteht, vermag man dem Problem nachzugehen, warum der
Marxschen Kritik zufolge die Basiskategorien des gesellschaftlichen Lebens im
Kapitalismus Kategorien der Arbeit sind. Dies ist alles andere als
selbstverständlich und kann mit dem allgemeinen Hinweis auf die offensichtliche
Relevanz der Arbeit für das gesellschaftliche Leben der Menschen nicht begründet
werden.
"
(S. 49)
| [Warum die Arbeit als Ausgangspunkt ?] |
|
"
Die Analyse des Widerspruchs zwischen den »Produktionsverhältnissen« und den
»Produktivkräften« in den Grundrissen unterscheidet sich grundlegend von
den Auffassungen der traditionellen marxistischen Theoretiker, die sich auf die
Distributionsweise konzentrieren und diesen Widerspruch als einen zwischen
Distributions- und Produktionssphäre verstehen. Marx kritisiert ausdrücklich die
Theoretiker, die zwar eine geschichtliche Transformation der Distributionsweise
für möglich halten, aber die Möglichkeit ausschließen, daß auch die
Produktionsweise umgestaltet werden könnte.
"
(S. 50)
| [Produktion und Distribution] |
|
"
Mit der Aufhebung des Kapitalismus ist bei Marx offensichtlich eine
Transformation nicht nur der bestehenden Distributions-, sondern auch der
Produktionsweise gemeint. In diesem Sinne verweist er zustimmend auf die
Bedeutung eines Gedankens von Charles Fourier: »Die Arbeit kann nicht Spiel
werden, wie Fourier will, dem das große Verdienst bleibt, die Aufhebung nicht
der Distribution, sondern der Produktionsweise selbst in höhre Form als ultimate
object [letztes Ziel] ausgesprochen zu haben.« (MEW 42, 607)
"
(S. 52)
| [Aufhebung von Distribution UND Produktionsweise] |
1.5 Der Wesenskern des Kapitalismus(» K)
|
"
Marx beginnt hier folgendermaßen: »Der Austausch von lebendiger Arbeit gegen
verdinglichte, d.h. das Setzen der gesellschaftlichen Arbeit in der Form des
Gegensatzes von Kapital und Lohnarbeit - ist die letzte Entwicklung des
Wertverhältnisses und der auf dem Wert beruhenden Produktion.« (MEW 42, 600)
Überschrift und Eingangssatz deuten darauf hin, daß für Marx in der Kategorie
des Werts die Basisbeziehungen der kapitalistischen Produktion zum Ausdruck
gebracht werden, diejenigen gesellschaftlichen Verhältnisse also, die dem
Kapitalismus als Form des gesellschaftlichen Lebens eigentümlich sind, ihn als
solche charakterisieren. Gleichzeitig ist damit gesagt, daß die Produktion im
Kapitalismus auf dem Wert basiert. Mit anderen Worten: der Wert konstituiert die
»Grundlage der bourgeoisen Produktion«.
"
(S. 195)
| [Wert konstituiert die Grundlage des Kapitalismus] |
|
"
Der Austausch, auf den er sich bezieht, ist nicht der der Zirkulation, sondern
der der Produktion: »der Austausch von lebendiger Arbeit gegen
vergegenständlichte«. Dies impliziert, daß Wert nicht nur als Kategorie der
Distribution von Waren verstanden werden sollte, das heißt als Kategorie, die
beispielsweise den Automatismus des sich selbst regulierenden Marktes begründen
soll, sondern vielmehr als Kategorie der kapitalistischen Produktion selbst. Die
Marxschen Ausführungen zum Widerspruch zwischen Produktivkräften und
Produktionsverhältnissen müssen offenbar neu interpretiert werden, und zwar so,
daß dieser Widerspruch sich auf unterscheidbare Momente des Produktionsprozesses
bezieht. »Auf Wert beruhende Produktion« und »auf Lohnarbeit gegründete
Produktionsweise« scheinen eng verwandt zu sein. Dies verlangt nach einer
weitergehenden Untersuchung.
"
(S. 54)
| [Wert als Kategorie der Produktion] |
|
"
Was den Wert als eine Form von Reichtum charakterisiert, ist, Marx zufolge, daß
er konstituiert wird durch die Verausgabung unmittelbarer menschlicher Arbeit im
Produktionsprozeß, daß er an diese Verausgabung als bestimmenden Faktor in der
Reichtumsproduktion gebunden bleibt und daß er eine zeitliche Dimension besitzt.
Wert ist eine gesellschaftliche Form, die die Verausgabung unmittelbarer
Arbeitszeit ausdrückt und auf ihr basiert. Diese Form bildet für Marx den
inneren Kern der kapitalistischen Gesellschaft. Als eine Kategorie der
gesellschaftlichen Grundbeziehungen, die den Kapitalismus konstituieren, drückt
der Wert das aus, was das Fundament kapitalistischer Produktion ist und bleibt.
Es entsteht jedoch eine wachsende Spannung zwischen dieser Grundlage der
kapitalistischen Produktionsweise und den Ergebnissen ihrer geschichtlichen
Entwicklung:...
"
(S. 54)
| [Wert als Reichtumsform] |
|
"
Der Gegensatz zwischen Wert und »wirklichem Reichtum« - also der Gegensatz
zwischen einer Form des Reichtums, die auf»Arbeitszeit und dem Quantum
angewandter Arbeit« beruht und einer Form, für die das nicht gilt - ist für
diese Passagen und das Verständnis der Marxschen Werttheorie sowie seiner
Vorstellung vom grundlegenden Widerspruch der kapitalistischen Gesellschaft
entscheidend. Dieser Gegensatz zeigt eindeutig, daß Wert sich nicht auf Reichtum
im allgemeinen bezieht, sondern eine historisch spezifische und somit
vergängliche Kategorie darstellt, die die Grundlage der kapitalistischen
Gesellschaft erfassen soll.
"
(S. 55)
| [Gegensatz: Wert//stofflicher Reichtum] |
|
"
Eine derart marktzentrierte Interpretation - die mit der Position Mills
übereinstimmt, die Distributionsweise sei geschichtlich veränderbar, nicht aber
die Produktionsweise - impliziert die Existenz einer transhistorischen Form des
Reichtums, der in verschiedenen Gesellschaften nur verschieden verteilt werde.
Dagegen ist Marx zufolge Wert eine historisch spezifische Form
gesellschaftlichen Reichtums und wesentlich an eine historisch spezifische
Produktionsweise gebunden. Daß Formen des Reichtums historisch spezifisch sein
können, heißt offenkundig, daß gesellschaftlicher Reichtum nicht in allen
Gesellschaften das gleiche bedeutet.
"
(S. 55)
| [Wert als spezifisch kapitalistische Reichtumsform] |
|
"
Der Wert stellt innerhalb der Marxschen Analyse eine kritische Kategorie dar,
die die geschichtliche Besonderheit der für den Kapitalismus charakteristischen
Form des Reichtums und der Produktion enthüllt. Das oben Zitierte zeigt, daß
sich Marx zufolge die auf dem Wert basierende Form der Produktion so entwickelt,
daß sie die Möglichkeit einer historischen Negation des Werts selbst aufscheinen
läßt. In seiner Analyse, die für die Gegenwart sehr wichtig sein dürfte,
argumentiert Marx, daß der Wert im Verlauf der Entwicklung der kapitalistischen
Industrieproduktion als Maßstab des produzierten »wirklichen Reichtums« immer
inadäquater wird.
"
(S. 56)
| [Der Wert wird anachronistisch] |
|
"
Der Wert wird, was das Potential des Produktionssystems betrifft, das er
hervorgebracht hat, immer anachronistischer: Die Realisierung dieses Potentials
wäre gleichbedeutend mit der Abschaffung des Werts.
"
(S. 57)
| [Abschaffung des Werts] |
|
"
Da die auf dem Wert beruhende Produktion, die auf Lohnarbeit gegründete
Produktionsweise und die auf proletarischer Arbeit basierende
Industrieproduktion ineinander verbunden sind, trifft die Marxsche Auffassung
vom zunehmend anachronistischen Charakter des Werts auch den unter dem
Kapitalismus entwickelten industriellen Produktionsprozeß: dieser muß dann
gleichermaßen als zunehmend anachronistisch aufgefaßt werden. Die Aufhebung des
Kapitalismus ist Marx zufolge gleichzusetzen mit einer grundlegenden
Transformation der materiellen Form der Produktion, also der Weise, wie Menschen
arbeiten.
"
(S. 58)
| [Grundlegende Transformation der materiellen Form d. Produktion] |
|
"
Vielmehr wird bei ihm die industrielle Produktion von diesen Verhältnissen
geprägt: Industrieproduktion ist die »Produktionsweise, die auf dem Wert
basiert«. In genau diesem Sinne bezieht sich Marx in seinen Spätschriften
ausdrücklich auf die industrielle Produktionsweise als eine »spezifisch
kapitalistische Produktionsform... (auch auf technologischem Niveau)« (Marx
1969, 50; s. a. 60f), und impliziert dabei, daß mit der Aufhebung des
Kapitalismus auch sie umgewandelt werden muß.
"
(S. 195)
| [Wert prägt die Industrieproduktion] |
|
"
Deshalb sollten sie nicht
einfach mit dem Marxschen Begriff der >Produktivkräfte<, die mit den
kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnissen in Widerspruch geraten,
identifiziert werden. Einen Widerspruch verkörpern sie jedoch in der Weise, daß
Marx unterscheidet zwischen der Aktualität der durch den Wert
konstituierten
Produktionsform und ihrem, die Möglichkeit einer neuen Produktionsform
begründenden Potential.
"
(S. 58f)
| [Widerspruch PK und PV nach Postone, was ist - was könnte] |
|
"
Marx faßt also ins Auge, daß das der fortgeschrittenen kapitalistischen
Produktion innewohnende Potential zum Mittel werden kann, auch den industriellen
Produktionsprozeß zu transformieren, so daß das System gesellschaftlicher
Produktion, in dem der Reichtum durch die Aneignung unmittelbarer Arbeitszeit
geschaffen wird und die Arbeiter nur als Zahnräder eines produktiven Apparates
fungieren, abgeschafft werden kann. Diese beiden Aspekte der industriellen
kapitalistischen Produktionsweise hängen für Marx zusammen. Darum verlangt die
Aufhebung des Kapitalismus, wie sie in den Grundrissen skizziert ist,
implizit
die Aufhebung sowohl der formalen als auch der materiellen Aspekte der auf
Lohnarbeit gegründeten Produktionsweise. Sie erfordert die Abschaffung eines
Verteilungssystems, das auf dem Tausch der Ware Arbeitskraft gegen Lohn basiert,
mit dem Konsumgüter erworben werden, ebenso wie die Abschaffung eines
Produktionssystems, das auf proletarischer Arbeit basiert, so auf der
einseitigen und fragmentierten Arbeit, wie sie für die kapitalistische
Industrieproduktion charakteristisch ist. Mit anderen Worten: Die Aufhebung des
Kapitalismus bedeutet auch die Aufhebung der durch das Proletariat verrichteten
konkreten Arbeit.
"
(S. 59)
| [Aufhebung der proletarischen Arbeit - Abschaffung der Lohnarbeit] |
|
"
Für Marx bedeutet das Ende der Vorgeschichte auch die Aufhebung der Trennung und
des Gegensatzes zwischen körperlicher und geistiger Arbeit. Dieser Gegensatz
kann jedoch nicht dadurch überwunden werden, daß die gegebenen körperlichen und
geistigen Tätigkeiten einfach verschmolzen werden (wie es zum Beispiel in der
Volksrepublik China in den 1960er Jahren verkündet wurde).
... Ihre Trennung kann nur durch die Transformationen der bestehenden Formen sowohl körperlicher wie auch geistiger Arbeit überwunden werden, also durch die historische Konstitution einer neuen Struktur und sozialen Organisation der Arbeit. Eine solche neue Struktur wird nach Marx möglich, wenn die Surplusproduktion nicht mehr notwendigerweise in erster Linie auf unmittelbarer menschlicher Arbeit basiert. " (S. 60) | [Aufhebung der Trennung von Kopf und Hand = Änderung der Organisation der Produktion] |
1.6 Kapitalismus, Arbeit und Herrschaft(» K)
|
"
Die Marxsche Konzeption von der geschichtlichen Besonderheit der Arbeit im
Kapitalismus verlangt deshalb eine grundlegend neue Interpretation seiner
Auffassung von den die Gesellschaft charakterisierenden Verkehrsformen. Diese
werden laut Marx durch Arbeit konstituiert, was zur Folge hat, daß sie eine
eigentümliche, quasi-objektive Natur aufweisen. Sie gehen jedenfalls nicht
vollständig in Klassenbeziehungen auf.
"
(S. 61)
| [Nicht vollständig in Klassenbeziehungen] |
|
"
Richtig ist, daß Marx die im Kapitalismus entwickelte industrielle
Produktionsweise und die dieser Gesellschaft eigentümliche historische Dynamik
als charakteristisch für die kapitalistische Gesellschaftsformation betrachtet
hat. Deren historische Negation würde dann sowohl die geschichtliche Abschaffung
des historisch-dynamischen Systems abstrakter Herrschaft als auch der
industriellen kapitalistischen Produktionsweise bedeuten. Desgleichen zeigt die
entwickelte Entfremdungstheorie, daß Marx die Negation des strukturellen Kerns
des Kapitalismus als Chance zur Aneignung desjenigen Herrschafts- und
Wissenspotentials durch die Menschen begriffen, das sich geschichtlich in
entfremdeter Form konstituiert hatte.
"
(S. 64)
| [Abschaffen von abstrakter Herrschaft UND kap. Industrieproduktion] |
|
"
m Begriff des gesellschaftlichen Individuums schlägt sich die Marxsche Idee
nieder, daß die Aufhebung des Kapitalismus auch die Aufhebung des Gegensatzes
zwischen Individuum und Gesellschaft beinhaltet.
... So wenig Marx den Kapitalismus vom Standpunkt der industriellen Produktion aus kritisiert, so wenig hält er eine Kollektivität, in der alle Menschen zu bloßen Elementen werden, für einen positiven Standpunkt, von dem aus das atomisierte Individuum zu kritisieren wäre. Er brachte nicht nur die historische Konstitution des monadischen Individuums mit der Sphäre der Warenzirkulation in Verbindung, sondern analysierte auch den Meta-Apparat (in dem die Personen bloße Zahnräder sind) als charakteristisch für die Sphäre der vom Kapital bestimmten Produktion. (MEW 23, 374; 446; 486) " (S. 65) | [Aufhebung Gegensatz Individuum//Gesellschaft] |
|
"
Bis hier wurde gezeigt, daß Marx die proletarische Arbeit als den
materialisierten Ausdruck entfremdeter Arbeit begreift. Dies läßt vermuten, daß
es solange die konkrete Arbeit eines jeden die gleiche bleibt wie im
Kapitalismus bestenfalls ideologisch wäre zu behaupten, die Emanzipation der
Arbeit sei verwirklicht, wenn das Privateigentum abgeschafft ist und die
Menschen eine kollektive, sozial verantwortliche Haltung gegenüber ihrer Arbeit
einnehmen. Im Gegenteil, die Emanzipation der Arbeit setzt eine neue Struktur
gesellschaftlicher Arbeit voraus.
"
(S. 66)
| [Proletarische = entfremdete Arbeit] |
|
"
Die Marxsche Auffassung, daß »die Arbeitermasse ihre Surplusarbeit sich aneignen
muß« (MEW 42, 604) impliziert somit einen Prozeß der Selbstabschaffung, der
sich als Prozeß materieller Selbstverwandlung vollzieht. Statt der
Verwirklichung des Proletariats verlangt die Aufhebung des Kapitalismus
die
materielle Abschaffung der proletarischen Arbeit. Die Emanzipation der
Arbeit
erfordert die Emanzipation von (entfremdeter) Arbeit.
... Aus dem bisher Gesagten wird deutlich, daß Marx sich die Negation dieser Form der Produktion als eine Gesellschaftsformation vorstellte, in der gesellschaftliche Produktion zum Zweck der Konsumtion stattfindet und die Arbeit des Individuums dermaßen befriedigend ist, daß sie um ihrer selbst willen ausgeübt wird. " (S. 66) | [Selbstabschaffung des Proletariats - materielle Selbstverwaltung - befriedigende Arbeit um ihrer selbst willen] |
1.7 Der Widerspruch des Kapitalismus(» K)
|
"
(Fußnote 16)
...Die Freiheit von Herrschaft bedeutet jedoch nicht die Freiheit von allen
Zwängen, da jede menschliche Gesellschaft, um zu überleben, Arbeit in
irgendeiner Form erfordert. Daß Arbeit niemals eine Sphäre von Freiheit sein
kann, bedeutet jedoch nicht, daß nicht-entfremdete Arbeit auf die gleiche Weise
und in gleichem Ausmaß unfrei wäre wie die Arbeit, die durch abstrakte
gesellschaftliche Herrschaftsformen erzwungen wird. Mit anderen Worten: Marx
füllt dadurch, daß er die Existenz absoluter Freiheit im Bereich der Arbeit
verneint, nicht in den undifferenzierten Gegensatz zurück, wie er von Adam Smith
vertreten wurde, daß nämlich Freiheit und Glück mit Arbeit nicht vereinbar
seien. (MEW 42, 512)
... Es dürfte klar sein, daß mit der Überwindung des Kapitalismus nicht sofort jede einseitige und fragmentierte Arbeit abgeschafft werden kann. Und zugestanden sei, daß einige dieser Arbeiten nie vollständig abzuschaffen sind (doch die dazu erforderliche Zeit könnte drastisch reduziert werden und solche Aufgaben könnten innerhalb der gesamten Bevölkerung rotieren). Doch da es mir in dieser Studie um die Marxsche Analyse der kapitalistischen Arbeit und deren Bezug zur zukünftigen Gesellschaft geht, werde ich diese Probleme nicht näher behandeln. (Eine kurze Erörterung bietet Gorz (1983, 83 f.)) " (S. 67) | [Keine absolute Freiheit aber von entfremdeter Arbeit] |
{ Gerade an diesen wichtigen Stellen, wie auch noch z.B. beim Messen des Wertes in Zeit über den Durschnitt, weicht Postone einer Darlegung aus. (d.V.)}
|
"
Der Kapitalismus ist zwar in sich durch eine Entwicklungsdynamik gekennzeichnet,
aber diese bleibt vollständig an ihn gebunden: sie überwindet sich nicht selbst.
Was auf der einen Ebene >überflüssig< wird bleibt auf einer anderen
>notwendig<.
Anders gesagt: Der Kapitalismus läßt die Möglichkeit seiner eigenen
Negation
entstehen, aber er toleriert nicht automatisch in irgend etwas anderes.
Daß die Verausgabung unmittelbarer menschlicher Arbeit für den Kapitalismus
zentral und unverzichtbar bleibt, obwohl sie dank der Entwicklung des
Kapitalismus anachronistisch
geworden ist, läßt eine innere Spannung entstehen. Wie herauszuarbeiten sein
wird, analysiert Marx die Industrieproduktion und die sieh darin entfaltende
Entwicklungstendenz im Verhältnis zu dieser Spannung.
Diese bedeutsame Dimension des grundlegenden Widerspruchs im Kapitalismus verweist darauf, daß er nicht, etwa als Klassenkampf, unmittelbar mit den konkreten, antagonistischen oder konfliktuellen sozialen Verhältnissen gleichgesetzt werden sollte. " (S. 68f) | [Kapitalistische Dynamik in Widerspruch zum Maß des Reichtums in unmittelbarer Arbeitszeit] |
|
"
Mit Blick auf die Struktur der gesellschaftlichen Arbeit kann der
Grundwiderspruch im Kapitalismus verstanden werden als wachsender Widerspruch
zwischen der Art der Arbeit, die die Menschen unter dem Kapitalismus verrichten,
und der, die sie verrichten könnten, wenn der Wert abgeschafft ist und das in
der kapitalistischen Form entwickelte produktive Potential reflexiv genutzt
wird, um die Menschen von der durch ihre eigene Arbeit konstituierten Herrschaft
entfremdeter Strukturen zu befreien.
"
(S. 70)
| [Grundwiderspruch: zwischen dem Was ist und Was sein könnte] |
{ Kein Zweifel. (d.V.)}
|
"
Der Marxschen Analyse zufolge ist die gesellschaftliche Arbeit trotz des
Auftauchens der geschichtlichen Möglichkeit, daß die gesellschaftliche
Arbeitsweise für jeden bereichernd sein könnte, für die Vielen
tatsächlich
verarmend. Deshalb verweist das rapide Anwachsen wissenschaftlicher und
technischer Kenntnisse im Kapitalismus nicht auf einen linearen Fortschritt in
Richtung Emanzipation.
"
(S. 70)
| [Kein linearer Gang zur Emanzipation] |
|
"
Mit dem Hinweis, daß das Potential des im Kapitalismus entwickelten
Produktionssystems zur Aufhebung dieses Systems selbst genutzt werden
könnte,
überwindet die Marxsche Analyse den Gegensatz dieser Perspektiven und zeigt, daß
eine jede von ihnen einen Teilaspekt der komplexeren geschichtlichen Entwicklung
für das Ganze nimmt. Der Gegensatz zwischen dem Glauben an einen linearen
Fortschritt einerseits und seiner romantischen Zurückweisung andererseits ist
Marx zufolge als Ausdruck einer historischen Antinomie zu begreifen, die, nach
beiden ihrer Seiten hin, für die kapitalistische Epoche charakteristisch
ist. (MEW 23,451 f.; 668ff.) Seine kritische Theorie plädiert weder für die
einfache Erhaltung noch für die Abschaffung dessen, was geschichtlich im
Kapitalismus konstituiert wurde. Vielmehr verweist sie auf die
Möglichkeit, daß
das in entfremdeter Form Konstituierte angeeignet und dabei grundlegend
umgestaltet werden kann.
"
[Herv. v. P.H.] (S. 71)
| [Kapitalistisches Produktionssystem kann zu eigenen Aufhebung genutzt werden] |
1.8 Soziale Bewegungen, Subjektivität und historische Analyse(» K)
|
"
Im Gegensatz zu Analysen, die ein grundlegendes Spannungsverhältnis zwischen
industrieller Produktionsweise und Kapitalismus unterstellen, verwirft diese
Interpretation die Vorstellung, das Proletariat repräsentiere ein soziales
Gegenprinzip zum Kapitalismus. Marx zufolge sind die Manifestationen des
Klassenkampfs zwischen den Vertretern des Kapitals und den Arbeitern etwa zur
Frage der Arbeitszeit oder des Verhältnisses zwischen Löhnen und Profiten
strukturell im Kapitalismus verankert und somit zwar ein wichtiges, für die
Entwicklungsdynamik dieses Systems konstitutives Element. (MEW 23, 249)
Gleichwohl geht aus dieser Analyse des Werts notwendig hervor, daß die
proletarische Arbeit die Grundlage des Kapitals ist und bleibt sie kann somit
nicht zugleich die Basis der möglichen Negation der kapitalistischen
Gesellschaftsformation sein.
"
(S. 72)
| [Proletariat als dem Kapital immanentes Moment - kein Gegenprinzip] |
|
"
Der kapitalistische Grundwiderspruch, wie er in den Grundrissen
dargestellt
wird, ist nicht der zwischen proletarischer Arbeit und Kapitalismus, sondern der
zwischen proletarischer Arbeit - also der bestehenden Form der Arbeit - und der
Möglichkeit einer anderen Produktionsweise.
"
(S. 72)
| [Grundwiderspruch: zwischen jetziger Form und Möglichkeit] |
|
"
Die in dieser Studie präsentierte Kritik am Sozialismus - verstanden allein als
effizientere, menschlichere und gerechtere Verwaltung der unter dem Kapitalismus
entstandenen industriellen Produktionsweise - stellt somit gleichzeitig eine
Kritik der Auffassung dar, das Proletariat sei das >revolutionäre Subjekt<
in
dem Sinne, daß es als gesellschaftlicher Handlungsträger sowohl die Geschichte
konstituiere als auch im Sozialismus sich selbst verwirkliche.
Dies impliziert, daß es kein lineares Kontinuum gibt zwischen den Forderungen und Vorstellungen der Arbeiterklasse - so wie diese sich historisch konstituiert und sich in diesem Prozeß selbst behauptet -und den Bedürfnissen, Forderungen und Vorstellungen, die über den Kapitalismus hinaus weisen. " (S. 72) | [Sozialismus nicht als gerechtere Verwaltung] |
{ Mit seiner Kritik am Realsozialismus muß man ihm so erst einmal einfach recht geben. (d.V.)}
|
"
Eine kritische Theorie des Kapitalismus und der Möglichkeiten seiner Aufhebung
sollte daher auch eine Theorie der gesellschaftlichen Konstitution solcher
Bedürfnisse und Bewußtseinsformen sein - eine Theorie, die die qualitativen
historischen Veränderungen von Subjektivität anzugehen und die sozialen
Bewegungen der Gegenwart dementsprechend zu begreifen vermag. Dies könnte ein
neues Licht auf den Marxschen Begriff der Selbstabschaffung des Proletariats
werfen und bei der Analyse der sozialen Bewegungen der letzten Jahrzehnte gute
Dienste leisten.
"
(S. 72)
| [Notwendig: Theorie der Bewußtseins- und Bedürfniskonstitution] |
|
"
Diese Interpretation des von Marx analysierten Widerspruchs als sowohl
>objektiv< wie >subjektiv< sollte jedoch nicht so verstanden werden,
als sei
damit impliziert, oppositionelles Bewußtsein entstünde notwendigerweise; und
noch weniger meint dies, die Emanzipation werde wie von selbst erreicht. Ich
bewege mich hier nicht auf der theoretischen Ebene einer Wahrscheinlichkeit, zum
Beispiel der Wahrscheinlichkeit der Entstehung solchen Bewußtseins,
sondern
betrachte die Ebene der Möglichkeit - wähle sozusagen die grundlegendere
Formulierung eines Zugangs zum Problem der gesellschaftlichen Konstitution von
Subjektivität einschließlich der Möglichkeit kritischen oder oppositionellen
Bewußtseins.
"
(S. 73)
| [Nicht Notwendigkeit sondern Möglichkeit oppositionellen Bewußtseins] |
1.9 Einige Implikationen für die Gegenwart(» K)
|
"
Wenn die Kritik der Produktion ins Zentrum rückt, ist es auch möglich, den
Marxschen Begriff des Sozialismus als einer postkapitalistischen Form des
gesellschaftlichen Lebens wieder aufzunehmen. Es ist schon dargelegt worden, daß
für Marx die geschichtliche Beziehung zwischen Kapitalismus und Sozialismus
nicht einfach eine Frage der geschichtlichen Vorbedingungen für die Abschaffung
der privaten Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel und die Ersetzung des
Marktes durch Planung ist. Diese Beziehung sollte vielmehr auch unter dem Aspekt
betrachtet werden, daß in zunehmendem Maße die Möglichkeit besteht, die
historisch spezifische Rolle der Arbeit im Kapitalismus durch eine andere Form
gesellschaftlicher Vermittlung abzulösen.
"
(S. 76)
| [Kritik der Produktion] |
|
"
Das heißt: der Ansatz, mit dessen Entwicklung ich in dieser Studie beginne, geht
davon aus, daß eine postkapitalistische Demokratie mehr umfaßt als demokratische
politische Formen bei einer Abschaffung privater Verfügungsgewalt über
Produktionsmittel. Sie würde ebenfalls die Abschaffung der abstrakten
gesellschaftlichen Zwänge erfordern, die in den von den Marxschen Kategorien
erfaßten gesellschaftlichen Formen angelegt sind.
"
(S. 78)
| [Abschaffung der abstrakten Herrschaft] |
2. Die Voraussetzungen des traditionellen Marxismus(» K)
|
"
Der Wert stellt für Sweezy die äußere Form dieser verdeckten Interdependenz dar.
Er beschreibt einen indirekten Modus der gesellschaftlichen Verteilung der
Arbeit und ihrer Produkte. Sweezy interpretiert somit die Kategorie Wert allein
in Begriffen des Marktes.
... Dieser Interpretation zufolge ist das Wertgesetz »im wesentlichen eine Theorie des allgemeinen Gleichgewichts« (1970, 71). Eine seiner Hauptfunktionen bestehe darin, »klarzumachen, daß in einer warenproduzierenden Gesellschaft trotz des Fehlens zentralisierter und koordinierter Entscheidung Ordnung herrscht, und nicht bloßes Chaos« (1970, 71). " (S. 83) | [Wert und Gleichgewicht bei Sweezy] |
|
"
Daß für Marx die Aufhebung des Kapitalismus gleichbedeutend ist mit der
Aufhebung der >automatischen< Distributionsweise, ist nicht zu bestreiten.
Dennoch kann die Kategorie des Werts nicht adäquat erfaßt werden, wenn sie
allein auf die Distributionsweise bezogen wird. Marx analysiert nicht nur,
wie
die Distribution vonstatten geht, sondem auch, was hier verteilt wird.
"
(S. 84)
| [Aufhebung der >automatischen< Distributionsweise] |
|
"
Ernest Mandel legt eine ähnliche Interpretation vor. Wenngleich er von Wygodski
bezüglich der Priorität des Privateigentums für den Kapitalismus abweicht
(1968,93), liegt auch für ihn die Besonderheit der Arbeit im Kapitalismus in
ihrem indirekt gesellschaftlichen Charakter:
Wenn die individuelle Arbeit unmittelbar gesellschaftlichen Charakter erhält - und dies ist wohl eines der Hauptcharakteristiken einer sozialistischen Gesellschaft! - so ist es offensichtlich absurd, erst einen Umweg über den Markt zu nehmen, um die gesellschaftliche Qualität dieser Arbeit >wiederzuentdecken<. (1968, 93)Nach Mandel will die Marxsche Werttheorie die indirekte Art und Weise offenlegen, in der sich die gesellschaftliche Qualität der Arbeit im Kapitalismus vermittelt (1968, 93). Derartige Interpretationen, die die Arbeit im Kapitalismus als nicht unmittelbar gesellschaftlich kennzeichnen, finden sich sehr häufig. Was sie als spezifisch gesellschaftlichen <Charakter> oder spezifisch gesellschaftliche <Qualität> der Arbeit im Kapitalismus präsentieren, ist jedoch genau genommen nur die Art und Weise ihrer Verteilung. Eine solche Bestimmung bleibt der Arbeit äußerlich. Um die Unterscheidung zwischen einer äußerlichen und einer inneren Bestimmung der Besonderheit dieser Arbeit klären zu können, soll hier die Marxsche Kennzeichnung der Arbeit im Kapitalismus als privat und gesellschaftlich zugleich herangezogen werden (MEW 13, 21). " (S. 85f) | [Nicht Unmittelbare Gesellschaftlichkeit des Wertes] |
|
"
Hier bedeutet <gesellschaftlich> nichts weiter als nicht-<privat>,
meint
das,
was sich scheinbar auf die Gesamtheit, nicht auf das Individuum bezieht. Weder
wird der besondere Charakter der betreffenden gesellschaftlichen Verhältnisse
zum Problem noch ist in einem derartig bestimmten Begriff des
<Gesellschaftlichen> der Gegensatz zwischen gesellschaftlich und privat
enthalten.
"
(S. 86)
| [Trad.: gesellschaftlich = nicht-privat] |
|
"
Mit anderen Worten: der Gegensatz zwischen privater und unmittelbar
gesellschaftlicher Arbeit ist der von zwei Seiten, die sich gegenseitig ergänzen
und bedingen.
Der Gedanke liegt nahe, daß es die Arbeit im Kapitalismus selbst ist, die eine
unmittelbar gesellschaftliche Dimension besitzt, und daß der unmittelbar
»gesellschaftliche Charakter der Arbeit« nur innerhalb gesellschaftlicher
Bedingungen existiert, die ebenso durch die Existenz »privater Arbeit«
gekennzeichnet sind. Im Gegensatz zu den oben umrissenen Interpretationen macht
Marx ausdrücklich geltend, daß der unvermittelt gesellschaftliche Charakter der
Arbeit im Kapitalismus den Kern dieser Gesellschaft ausmacht.
"
(S. 87)
| [Identisches Moment gesell. und privat im Kapitalismus] |
|
"
Er erachtet diesen unmittelbar gesellschaftlichen Charakter der Arbeit
als
zentral für die den Kapitalismus kennzeichnenden geschichtlichen Prozesse, in
deren Verlauf sich allgemeine gesellschaftliche Potenzen und Reichtum
herausbilden - jedoch auf Kosten der Individuen:
"Es ist in der Tat nur durch die ungeheuerste Verschwendung von individueller Entwicklung, daß die Entwicklung der Menschheit überhaupt gesichert und durchgeführt wird in der Geschichtsepoche, die der bewußten Rekonstitution der menschlichen Gesellschaft unmittelbar vorausgeht. Da die ganze Ökonomisierung, von der hier die Rede, entspringt aus dem gesellschaftlichen Charakter der Arbeit, so ist es in der Tat gerade dieser unmittelbare gesellschaftliche Charakter der Arbeit, der diese Verschwendung von Leben und Gesundheit der Arbeiter erzeugt."(MEW 25, 99; Hervorhebung M. P.) " [Herv. v. P.H.] (S. 88) | [Unmittelbar gesellschaftlich im Kapitalismus] |
{ Auch in anderen Gesellschaften ist die Arbeit immer vermittelt, sei es über tradierte Formen und ihre Durchsetzung. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass die Arbeit in jeder Gesellschaft als Teil der Gesamtarbeit auch immer unmittelbar gesellschaftlich ist, z.B. alleine in der Kooperation, oder es ist auch immer Arbeit für die anderen und mit den anderen. Wobei erst der Kapitalismus die Gesamtarbeit, bzw. den Gesamtarbeiter, als wirkliche Qualität erst vollständig entwickelt, als global verteilte Produktion und Distribution. Dies gibt Postone denn auch als Banalität zu. (d.V.)}
{ Dies ist eine glatte Unterstellung und kann erst getroffen werden, wenn man mittelbar und vermittelt so einseitig begreift, wie M.P.. Postone verwechselt 'unmittelbar' und 'vermittelt' im Kapitalismus mit der anderen Vermitteltheit in anderen Gesellschaftsordnungen und der abstrakt immer vorhandenen Gesellschaftlichkeit der menschlichen Arbeit. Letzteres ist in der Tat transhistorisch, wie auch die Kooperation von Menschen als Eigenschaft von Gesellschaft als solcher transhistorisch ist, so es Gesellschaft gibt. (d.V.)}
|
Postone löst das Dilemma, dass die Arbeit deshalb unmittelbar gesellschaftlich
ist, weil sie gesellschaftlich vermittelnde Tätigkeit ist und dies ist Arbeit
nur im Kapitalismus. So ist diese Unmittelbarkeit auch nur im
Kapitalismus
vorhanden, nur hier ist die Vermittlung durch Arbeit gegeben.
| [Unmittelbar, weil vermittelnd] |
|
"
In der späten kritischen Theorie von Marx ist die Arbeit im Kapitalismus
unmittelbar gesellschaftlich, weil sie als gesellschaftlich vermittelte
Tätigkeit agiert. Diese - historisch einzigartige - gesellschaftliche Qualität
unterscheidet die Arbeit im Kapitalismus von der Arbeit in anderen
Gesellschaften und bestimmt den Charakter der gesellschaftlichen Verhältnisse
als kapitalistische Formation. Weit davon entfernt, die Abwesenheit
gesellschaftlicher Vermittlung anzuzeigen (das heißt die Existenz unvermittelter
gesellschaftlicher Verhältnisse), konstituiert der unmittelbar gesellschaftliche
Charakter der Arbeit eine für den Kapitalismus spezifische Form
gesellschaftlicher Vermittlung.
"
(S. 88)
| [Unmittelbar, weil vermittelnd] |
|
"
Allgemeiner gefragt: Was ist der Unterschied zwischen klassischer politischer
Ökonomie und der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie?
"
(S. 91)
| [Was ist der Unterschied?] |
|
"
Beim Wertgesetz handele es sich um eine Theorie des Gleichgewichts, die als
solche mit der Entwicklungsdynamik des Kapitalismus nichts zu tun habe.
"
(S. 93)
| [Wertgesetz als Gleichgewichtstheorie] |
|
"
Entscheidend ist die Implikation, der Charakter der Marxschen Kapitalismuskritik
sei im Prinzip identisch mit der bürgerlichen Kritik an früheren
Gesellschaftsordnungen. In beiden Fällen werden gesellschaftliche Verhältnisse
vom Standpunkt der Arbeit kritisiert. Wenn aber Arbeit den Standpunkt der
Kritik bildet, dann ist und kann sie selbst nicht ihr Gegenstand sein.
"
[Herv. v. P.H.] (S. 94)
| [Standpunkt der Arbeit = bürgerlich] |
|
"
Diese Differenz kennzeichnet den Unterschied zwischen einer Gesellschaftskritik,
die vom Standpunkt der >Arbeit< ausgeht - einem Standpunkt, der selbst
nicht Gegenstand der Untersuchung ist -, und einer Kritik, in der die Form der
Arbeit selbst den Gegenstand der kritischen Untersuchung darstellt. Erstere
bleibt in der kapitalistischen Gesellschaftsformation verfangen, letztere
hingegen weist darüber hinaus.
"
(S. 100)
| [Kritik der Form der Arbeit selbst] |
2.3 >Arbeit<, Reichtum und gesellschaftliche Konstitution(» K)
|
"
>Arbeit< wird hier zum ontologischen Grund der Gesellschaft, der das
gesellschaftliche Leben konstituiert, bestimmt und ursächlich steuert. Wenn die
Arbeit, wie die traditionellen Interpretationen behaupten, die einzige Quelle
gesellschaftlichen Reichtums darstellt und alle Gesellschaften dem Wesen nach
konstituiert, dann können die Unterschiede zwischen verschiedenen Gesellschaften
nur eine Funktion der verschiedenen Weisen sein, wie dieses regulierende Element
vorherrscht - ob in verschleierter und >mittelbarer< Form oder (was
natürlich vorzuziehen ist) in offener und >unmittelbarer< Form.
"
(S. 105)
| [Aporie der Planwirtschaft] |
|
"
Wie Hilferding behauptet Reichelt, daß der Inhalt des Werts im Sozialismus
»bewußt zum Prinzip der Ökonomie erhoben« werde. Wenn aber die >Form<
(Wert) strikt vom >Inhalt< (>Arbeit<) getrennt werden kann, hat dies
zur Folge, daß diese Bestimmung nicht eine Form der Arbeit, sondern der Weise
ihrer gesellschaftlichen Verteilung ist. Dieser Interpretation zufolge gibt es
keine innere Verknüpfung zwischen Form und Inhalt - es kann sie auch nicht
geben, wenn man den vorgeblich transhistorischen Charakter des Inhaltes als
gegeben nimmt.
Diese Interpretation des Verhältnisses von Form und Inhalt ist gleichzeitig eine bestimmte Interpretation des Verhältnisses von Erscheinung und Wesen. " [Herv. v. P.H.] (S. 106) | [Form und Inhalt bei Reichelt] |
|
"
Wenn >Arbeit< als das transhistorische Wesen des gesellschaftlichen Lebens
angesehen wird, wird unter Mystifizierung notwendigerweise die historisch
vergängliche Form verstanden, die mystifiziert und die es abzuschaffen gilt
(Wert) und die von dem transhistorischen Wesen (>Arbeit<), das sie
verschleiert, unabhängig ist. Entmystifizierung wird somit als ein Prozeß
verstanden, der das Wesen transparent und unmittelbar erscheinen läßt.
"
(S. 107)
| [Entmystifizierung der Arbeit] |
|
"
Zwar konstituiert und bestimmt Marx zufolge die Arbeit tatsächlich die
Gesellschaft - aber nur im Kapitalismus. Geschuldet ist dies allein
ihrer geschichtlichen Besonderheit und nicht einfach dem Umstand, daß sie eine
Tätigkeit ist, die die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Natur materiell
vermittelt. Was Theoretiker wie Hilferding der >Arbeit< zuschreiben,
stellt für Marx eine transhistorische Hypostasierung der Besonderheit der Arbeit
im Kapitalismus dar.
"
[Herv. v. P.H.] (S. 107)
| [Konstitution durch Arbeit nur im Kapitalismus] |
{ Aber das machst du für deine Kritik erst recht nicht. (d.V.)}
|
"
Indern er eine Kritik der Arbeit im Kapitalismus auf der Basis ihrer
geschichtlichen Besonderheit formulierte, entwickelte Marx die auf der
Arbeitswerttheorie aufgebaute Gesellschaftskritik von einer >positiven< zu
einer >negativen< Kritik weiter. Die Kapitalismuskritik, die den
Ausgangspunkt der klassischen politischen Ökonomie - einen transhistorischen,
undifferenzierten Begriff von >Arbeit< - beibehält, um daraus die
strukturelle Existenz von Ausbeutung zu beweisen, ist, ihrer Form nach,
>positive< Kritik.
"
(S. 110)
| [Marx' negative Kritik] |
2.4 Gesellschaftskritik vom Standpunkt der Arbeit(» K)
|
"
Die Aufhebung des Mehrwerts wird als Abschaffung des Privateigentums und somit
der Ausbeutung des allgemeinen, allein durch die Arbeit geschaffenen
gesellschaftlichen Überschusses seitens einer unproduktiven Klasse konzipiert:
die produktive Arbeiterklasse könnte sich dann die Ergebnisse ihrer kollektiven
Arbeit wieder aneignen (vgl. u. a. Dobb 1940, 76ff). Im Sozialismus werde die
Arbeit offen als das regulierende Prinzip des gesellschaftlichen Lebens
erscheinen und so die Grundlage für die Verwirklichung einer rationalen und
gerechten, auf allgemein gültigen Prinzipien gegründeten Gesellschaft schaffen.
"
(S. 195)
| [Abschaffung des Privateigentums] |
|
"
Letztlich dient sie, weil aus diesem Blickwinkel die Arbeit die Beziehung
zwischen Mensch und Natur konstituiert, als Standpunkt, von dem aus die
gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen untereinander beurteilt werden
können: Verhältnisse, die mit der Arbeit in Einklang stehen und ihre
grundlegende Bedeutung ausdrucken, werden als gesellschaftlich >natürlich<
angesehen. Deshalb ist die Gesellschaftskritik vorn Standpunkt der
>Arbeit< eine Kritik von einer quasi-natürlichen Warte aus, der einer
Sozialontologie.
"
(S. 112)
| [Sozialonthologie - Standpunkt des Natürlichen] |
|
"
Dementsprechend ist die auf >Arbeit< basierende, normative und historische
Kritik ihrem Charakter nach positiv: ihr Standpunkt ist der einer bereits
bestehenden Struktur der Arbeit und der diese verrichtenden Klasse. Die
Emanzipation ist verwirklicht, wenn eine bereits bestehende Struktur der Arbeit
nicht mehr durch kapitalistische Verhältnisse im Zaum gehalten und dazu benutzt
wird, Partikularinteressen zu befriedigen, sondern bewußter Kontrolle im
Interesse aller unterworfen ist. Deshalb müsse die Kapitalistenklasse im
Sozialismus abgeschafft werden - nicht aber die Arbeiterklasse; müsse die
private Aneignung des Mehrwerts und die am Markt orientierte Distributionsweise
historisch negiert werden - nicht aber die Struktur der Produktion. (Dobb 1940,
75ff.)
"
(S. 113)
| [Nichtabschaffung der Arbeiter] |
|
"
...- das heißt die Kritik der Distributionsweise vom Standpunkt der
industriellen Produktion -, schwerwiegende Mängel und zu kritisierende
Konsequenzen auf. Statt über die kapitalistische Gesellschaftsformation
hinaus-zuweisen, hypostasiert und projiziert die vorn Standpunkt der
>Arbeit< geübte, traditionelle und positive Kritik die für den
Kapitalismus spezifischen geschichtlichen Formen des Reichtums und der Arbeit
auf alle Geschichtsepochen und Gesellschaften. Eine derartige Projektion
behindert das Begreifen der Besonderheit einer Gesellschaft, in der die Arbeit
eine einzigartig konstituierende Rolle spielt, und verfehlt das Abklären der
Möglichkeiten zur Aufhebung dieser Gesellschaft. Der Unterschied zwischen diesen
beiden Arten der Gesellschaftskritik ist der zwischen einer kritischen Analyse
des Kapitalismus als einer Form von Klassenausbeutung und -herrschaft
innerhalb der modernen Gesellschaft und einer kritischen Analyse der Form der
modernen Gesellschaft selbst.
"
(S. 114)
| [Kritik innerhalb und der Form selbst] |
|
"
Sozialismus ist somit konzipiert als Verwirklichung der allgemeinen
gesellschaftlichen Ideale und repräsentiert in diesem Sinne die umfassende
Verwirklichung der modernen Gesellschaft selbst. Im zweiten Teil dieser Arbeit
wird näher ausgeführt, daß Ideale wie Vernunft, Universalität und Gerechtigkeit,
wie sie sowohl von der traditionellen marxistischen als auch seitens der frühen
bürgerlichen Gesellschaftskritik verstanden wurden, keineswegs ein
nicht-kapitalistisches Moment der modernen Gesellschaft repräsentieren. Sie sind
vielmehr als eine Art gesellschaftlicher Konstitution zu begreifen, die im
Kapitalismus durch die Arbeit hervorgebracht wird.
"
(S. 115)
| [Ideale durch Kapitalismus konstituiert] |
|
"
Die Gesellschaftskritik vom Standpunkt der >Arbeit< interpretiert diese
Form der Herrschaft wesentlich als Klassenherrschaft, die in der privaten
Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel ihren Grund hat. Die
Gesellschaftskritik der Arbeit im Kapitalismus dagegen charakterisiert die
fundamentale Herrschaftsform als abstrakte, unpersönliche, strukturelle Form,
die der historischen Dynamik des Kapitalismus zugrundeliegt. Sie begründet diese
abstrakte Herrschaftsform in den historisch spezifischen gesellschaftlichen
Formen des Werts und der Wert produzierenden Arbeit.
"
(S. 117)
| [Klassenherrschaft vs. abstrakter Herrschaft] |
|
"
In dieser Lesart der kritischen Kapitalismustheorie von Marx wird der Boden für
eine weitreichende Kritik abstrakter Herrschaft - als, Beherrschung der Menschen
durch ihre Arbeit - bereitet und, damit zusammenhängend, für eine Theorie der
gesellschaftlichen Konstitution einer Lebensform, die durch eine ihr
innewohnende spezifische Entwicklungsdynamik charakterisiert ist.
"
(S. 117)
| [Arbeit beherrscht den Menschen] |
|
"
Als erstes müßte sie versuchen, die Konstitutionsbedingungen dieser
traditionellen Kapitalismuskritik theoretisch zu begründen. So könnte
beispielsweise, Marxschem Procedere folgend, gezeigt werden, daß die
theoretischen Voraussetzungen dieser Theorie darauf gründen, wie sich die
gesellschaftlichen Verhältnisse im Kapitalismus manifestieren. In dieser Studie
werde ich einen Schritt in diese Richtung unternehmen, indem ich zeige, wie der
historisch spezifische Charakter der Arbeit im Kapitalismus für Marx darin
besteht, daß sie als transhistorische >Arbeit< erscheint.
"
(S. 119)
| [Arbeit erscheint als transhistorisch] |
|
"
Das Resultat ist eine Kritik der ungleichen Verteilung des Reichtums und der
Macht sowie des Fehlens gesellschaftlicher Anerkennung für die einzigartige
Bedeutung der unmittelbaren menschlichen Arbeit als dem entscheidenden Element
der Produktion - statt einer Kritik dieser Arbeit und einer Analyse der
historischen Möglichkeit, sie abzuschaffen.
... Die auf einer Affirmation der >Arbeit< als Quelle gesellschaftlichen Reichtums basierende Vorstellung von der Selbstverwirklichung des Proletariats entsprach der Unmittelbarkeit dieses historischen Kontextes genauso wie die damit zusammenhängende Kritik des freien Marktes und der privaten Verfügungsgewalt. Indem jedoch diese Vorstellung als eine Bestimmung des Sozialismus in die Zukunft projiziert wird, impliziert sie eher die entwickelte Existenz des Kapitals als seine Abschaffung. " (S. 120f) | [Abschaffung der Arbeit] |
2.5 Arbeit und Totalität: Hegel und Marx(» K)
|
"
Hegel versucht, die klassisch-theoretische Dichotomie von Subjekt und Objekt zu
überwinden, indem er die Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit: Natürliches wie
Gesellschaftliches, Subjektives wie Objektives, als durch Praxis konstituiert
begreift, genauer: als die vergegenständlichende Praxis des Geistes, des
weltbistorischen Subjekts. Der Geist konstituiert objektive Realität mittels
eines Prozesses der Entäußerung oder Selbstvergegenständlichung, und er
konstituiert sich in diesem Prozeß reflexiv selbst. Weil sowohl Objektivität als
auch Subjektivität durch den sich dialektisch entfaltenden Geist konstituiert
werden, sind sie von gleicher Substanz, statt notwendig getrennt zu sein: beide
sind Momente eines substantiell homogenen, allgemeinen Ganzen - einer Totalität.
"
(S. 122f)
| [Geist als historisches Subjekt, Hegel] |
|
"
Für Hegel ist demnach der Geist gleichzeitig subjektiv und objektiv - er ist das
identische Subjekt-Objekt, die >Substanz<, die zur gleichen Zeit
>Subjekt< ist ...
"
(S. 123)
| [Geist = identisches Subjekt-Objekt, Hegel] |
|
"
Dieser geschichtliche Prozeß der Selbstvergegenständlichung ist, Regel zufolge,
einer der Selbstentfremdung und führt letzten Endes dazu, daß der Geist
sich das, was sich ihm im Verlauf seiner Entfaltung entfremdet hat, wieder
aneignet. Die geschichtliche Entwicklung hat also einen Endpunkt: die
Verwirklichung des Geistes durch sich selbst als sich totalisierendes und
totalisiertes Subjekt.
"
(S. 123)
| [Geist = totalisierendes und totalisiertes Subjekt , Hegel] |
|
"
Trotz seiner Brillanz ist dieser Versuch von Lukács, den Kapitalismus gedanklich
zu rekonstruieren, zutiefst inkonsistent. Obwohl sein Vorgehen über den
traditionellen Marxismus hinausweist, bleibt er einigen seiner theoretischen
Voraussetzungen verhaftet. In seiner materialistischen Aneignung Hegels wird die
Gesellschaft als eine durch die (traditionell verstandene) Arbeit
konstituierte Totalität analysiert. Weil die Totalität somit den Standpunkt
seiner kritischen Analyse der kapitalistischen Gesellschaft bildet,
identifiziert er das Proletariat in >materialisierten< Hegelschen
Begriffen als das identische Subjekt-Objekt des geschichtlichen Prozesses, das
die gesellschaftliche Welt und sich selbst in seiner Arbeit konstituiert. Mit
dem Umsturz der kapitalistischen Ordnung verwirkliche dieses historische Subjekt
sich selbst. (Lukács 1968b, 279ff.; 326ff.; 393ff).
"
[Herv. v. P.H.] (S. 124f)
| [Totalität aus traditioneller ''Arbeit'' ,Lukács] |
|
"
Für ihn besitzt der Wert eine »Substanz« und diese identifiziert er als abstrakt
menschliche Arbeit (MEW 23, 53). Marx sieht somit in der >Substanz< nicht
mehr einfach eine theoretische Hypostasierung, sondern begreift sie nun
als Attribut durch Arbeit vermittelter gesellschaftlicher Verhältnisse,
als Ausdruck eines bestimmten Typus gesellschaftlicher Realität. Das Wesen
dieser gesellschaftlichen Realität untersucht er im Kapital, indem er die
Waren- und Geldformen aus den Kategorien des Gebrauchswerts, des Werts und
dessen »Substanz« logisch entfaltet. Von hier aus beginnt Marx die Analyse der
komplexen Struktur der gesellschaftlichen Verhältnisse, die in seiner Kategorie
des Kapitals zum Ausdruck kommt.
"
[Herv. v. P.H.] (S. 127)
| [Veränderte Substanz, später Marx] |
|
"
Von hier aus beginnt Marx die Analyse der komplexen Struktur der
gesellschaftlichen Verhältnisse, die in seiner Kategorie des Kapitals zum
Ausdruck kommt. Eingangs bestimmt er das Kapital in bezug auf den Wert er
beschreibt es kategorial als den sich selbst verwertenden Werts. An diesem Punkt
seiner Darstellung Kapitals verwendet Marx Ausdrücke, die sich eindeutig auf
Hegels Begriff des Geistes beziehen:
"(Der Wert) geht beständig aus der einen Form in die andre über, ohne sich in dieser Bewegung zu verlieren, und verwandelt sich so in ein automatisches Subjekt... In der Tat aber wird der Wert hier das Subjekt eines Prozesses, worin er unter dem beständigen Wechsel der Formen von Geld und Ware seine Größe selbst verändert... sich selbst verwertet. Denn die Bewegung, worin er Mehrwert zusetzt, ist seine eigne Bewegung, seine Verwertang also Selbsverwertung ... (Wert) stellt ... sich hier plötzlich dar als eine prozessierende, sich selbst bewegende Substanz, für welche Ware und Geld beide bloße Formen." (MEW 23, 168f)" (S. 127) | [Sich selbst bewegende Substanz] |
|
"
Marx kennzeichnet das Kapital ausdrücklich als sich selbst bewegende Substanz,
die Subjekt ist. Damit unterstellt er, daß im Kapitalismus tatsächlich ein
historisches Subjekt im Hegelschen Sinne existiert. Jedoch identifiziert er es
nicht mit einer gesellschaftlichen Schicht wie dem Proletariat oder mit der
Menschheit schlechthin. Vielmehr analysiert Marx es in bezug auf die Struktur
der gesellschaftlichen Verhältnisse, die durch Formen vergegenständlichender
Praxis konstituiert und in der Kategorie Kapital (und somit des Werts) erfaßt
werden. Seine Analyse weist daraufhin, daß die den Kapitalismus kennzeichnenden
gesellschaftlichen Verhältnisse von einer sehr besonderen Art sind. Sie besitzen
genau diejenigen Attribute, die Hegel dem Geist zuschrieb. In diesem Sinne
existiert im Kapitalismus ein historisches Subjekt, wie Hegel es sich
vorgestellt hat.
"
(S. 127f)
| [Historisches Subjekt = Kapital] |
|
"
Dieser Unterschied hängt mit dem zwischen den beiden hier untersuchten Formen
der Gesellschaftskritik zusammen, also mit der
Differenz zwischen einem Verständnis des Kapitalismus als einem System von
Klassenausbeutung und -herrschaft innerhalb der modernen Gesellschaft einerseits
und andererseits des Kapitalismus als Struktur der modernen Gesellschaft selbst.
Dabei ist das >Subjekt< für Marx eine begriffliche Bestimmung dieser
Struktur.
"
(S. 128f)
| [Klassenherrschaft vs. Struktur der Moderne] |
|
"
Im Kapital analysiert Marx den Kapitalismus als eine Dialektik der Entwicklung,
die in der Tat unabhängig vom individuellen Willen ist und sich deshalb als
Logik präsentiert. Er untersucht die Entfaltung dieser dialektischen Logik als
realen Ausdruck entfremdeter gesellschaftlicher Verhältnisse, die durch Praxis
konstituiert werden und doch quasi-autonom existieren. Diese Logik wird von ihm
nicht als eine Illusion oder einfach als eine Konsequenz ungenügenden Wissens
behandelt.
"
(S. 129)
| [Kapital als Logik] |
II Zur Rekonstruktion der Marxschen Kritik. Die Ware(» K)
4.1 Erfordernisse einer kategorialen Interpretation(» K)
|
"
Es wurden die von einer transhistorischen Vorstellung von >Arbeit<
ausgehenden
Vorgehensweisen untersucht, welche die den Kapitalismus kennzeichnenden
gesellschaftlichen Verhältnisse ausschließlich auf die Distributionsweise
beziehen und seinen Grundwiderspruch in dem zwischen Distributions- und
Produktionsweise situieren. Dabei war das Argument zentral, daß die Marxsche
Kategorie Wert nicht bloß als Ausdruck einer marktvermittelten Form der
Verteilung des Reichtums verstanden werden sollte und deshalb sich eine
kategoriale Interpretation auf die Marxsche Unterscheidung zwischen Wert und
stofflichem Reichtum konzentrieren müsse. Diese Interpretation muß zeigen, daß
Wert in der Analyse von Marx wesentlich nicht eine Kategorie des Marktes
darstellt und daß das >Wertgesetz< nicht bloß ein Gesetz des allgemeinen
ökonomischen Gleichgewichts ist.
"
(S. 195)
| [Das Problem des transhistorischen] |
|
"
Eine zureichende Interpretation des Werts muß die
Bedeutung seiner zeitlichen Bestimmung für die Marxsche Kritik und für die Frage
nach der historischen Dynamik des Kapitalismus aufzeigen.
"
(S. 195f)
| [Wichtigkeit der zeitlichen Bestimmung des Wertes] |
|
"
Kurz gesagt, beabsichtige ich, die Marxschen Kategorien in einer Weise neu zu
bestimmen, daß sie die gesellschaftliche Totalität tatsächlich in
ihrem Kern als
widersprüchlich begreifen und sich nicht nur auf eine ihrer Dimensionen
beziehen, die dann der >Arbeit< entgegenstünden oder als von ihr
subsumiert begriffen werden.
"
(S. 197)
| [Neubestimmen der Kategorien] |
|
"
Der Begriff wäre damit seinem Gegenstand adäquat und bliebe dennoch kritisch,
müßte also nicht affirmativ werden. Und somit müßte sich kritische
Gesellschaftstheorie nicht im Auseinanderfallen von Begriff und Sache gründen,
wie Horkheimer dachte, sondern im Begriff selbst, das heißt in den kategorialen
Formen. Dies wiederum könnte die selbstreflexive erkenntnistheoretische
Konsistenz der Kritik wiederherstellen.
"
(S. 197)
Der Verweis auf die Aufzeigung der Möglichkeit des Kommunismus unterscheidet
M.P. vielleicht von vielen kritischen Philosophen. Aber, die Affirmation will
auch er vermeiden, wobei dunkel bleibt, welche er meint.
"
Die historische Abschaffung der kategorial erfaßten gesellschaftlichen
Formen
muß sich als bestimmte Möglichkeit darstellen lassen, welche die
gesellschaftliche Grundlegung von Freiheit in sich enthält.[Herv. v. P.H.]
"
(S. 197)
| [Probleme mit der Kritischen Theorie] |
|
"
Es ist ein Charakteristikum des Kapitalismus, daß seine wesentlichen
gesellschaftlichen Verhältnisse ihre Gesellschaftlichkeit auf eigentümliche
Weise erlangen. Sie existieren nicht als manifeste Verhältnisse zwischen
Individuen, sondern als quasi-unabhängiges Strukturgefüge, das den Individuen
gegenübertritt: als Sphäre unpersönlicher, »sachlicher« Notwendigkeit und
»sachlicher Abhängigkeit«. Folglich ist die dem Kapitalismus eigentümliche Form
gesellschaftlicher Herrschaft nicht offensichtlich gesellschaftlich und
persönlich...
Kapitalismus ist ein System abstrakter, unpersönlicher Herrschaft. " (S. 198)
"
Die Individuen sind unter die gesellschaftliche Produktion subsumiert, die als
ein Verhängnis außer ihnen existiert; aber die gesellschaftliche Produktion ist
nicht unter die Individuen subsumiert, die sie als ihr gemeinsames Vermögen
handhaben. (MEW 42, 92)
... Wenn die Individuen der Produktion subsumiert sind, bedeutet dies, daß sie von gesellschaftlicher Arbeit beherrscht werden. " (S. 198)
Diese Hauptthese wird nun weiter verfolgt, dass die Arbeit letztendlich die
gesellschaftliche Totalität schafft und mit ihrem Charakter den der Totalität
bestimmt. Dies wird aber so dargestellt, dass nur im Kapitalismus die
Arbeit diese Art von Konstitution beherrbergt, was wieder mit der Ablehnung
transhistorischer Betrachtung zu tun hat.
"
Im Kapitalismus ist gesellschaftliche Arbeit nicht nur Gegenstand von
Herrschaft und Ausbeutung, sondern selbst deren wesentlicher Grund. Die
für den Kapitalismus charakteristische unpersönliche, abstrakte,
>sachliche<
Herrschaftsform scheint der Beherrschung der Individuen durch ihre
gesellschaftliche Arbeit inhärent zu sein.
"
(S. 199)
Die Arbeit konstituiert im Kapitalismus die abstrakte Herrschaft, also die
bestimmte gesellschaftliche Praxis. Ein Moment, was später noch ausführlich
beschrieben wird.
| [Die sachliche, abstrakte, unpersönliche Herrschaft] |
|
"
Eine derart marktzentrierte Interpretation geht davon aus, daß die
Klassenherrschaft der unveränderliche Grund der gesellschaftlichen Herrschaft
ist und daß sich lediglich die Form ändere, in der sie vorherrscht (unmittelbar
oder über den Markt). Diese Interpretationen ähneln denen, die annehmen, die
>Arbeit< sei die Quelle des Reichtums und konstituiere transhistorisch die
Gesellschaft, zu kritisieren sei lediglich die Art und Weise, wie sich die
>Arbeit< verteilt.
"
(S. 199)
| [Kritik an transhistorischer Betrachtung] |
|
Zu Pollock
"
Dies zu kritisieren bedeutet zugleich, die Annahme zu bezweifeln, daß mit der
Ablösung des Marktes durch den Staat nicht nur in Teilbereichen nicht-bewußte
Strukturen durch bewußte Kontrolle ersetzt, sondern daß alle derartigen
Strukturen abstrakten Zwangs und somit die historische Dialektik überwunden
seien.
"
(S. 200)
"
Das Verständnis abstrakter Herrschaft ist eng an die Interpretation des Werts
gebunden. Ich werde zeigen, daß der Wert als eine Form des Reichtums - den Kern
von Strukturen abstrakter Herrschaft bildet, deren Bedeutung über den Markt und
die Zirkulationssphäre hinausgeht (zum Beispiel bis in die Produktionssphäre
hinein). Es wird davon ausgegangen, daß die Planung, solange der Wert die Form
des Reichtums bleibt, selbst den Erfordernissen abstrakter Herrschaft unter
worfen ist. Das heißt: öffentliche Planung reicht an und für sich nicht hin, das
System abstrakter Herrschaft - die den Kapitalismus kennzeichnende
unpersönliche, nicht-bewußte, unfreiwillige, vermittelte Form von Notwendigkeit
- zu überwinden. Öffentliche Planung, als das angeblich sozialistische Prinzip,
sollte deshalb nicht abstrakt dem Markt, als dem Prinzip des Kapitalismus,
gegenübergestellt werden.
"
(S. 200f)
| [Kritik an der staatlichen/öffentlichen Planung der Produktion] |
4.2 Der historisch bestimmte Charakter der Marxschen Kritik(» K)
|
"
Vor der weiteren Untersuchung dieser Kategorien - speziell des Doppelcharakters
der warenproduzierenden Arbeit, den Marx als »den Springpunkt, um den sich das
Verständnis der politischen Ökonomie dreht« (MEW 23, 56), ansieht - ist es
wichtig, ihre historische Besonderheit zu betonen.
"
(S. 201f)
"
Untersucht wird nicht die aus ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang gerissene
Ware, wie sie beliebig in vielen Gesellschaften existieren mag. Analysiert wird
»die Form der Ware als die allgemein notwendige gesellschaftliche Form des
Produkts selbst« (Marx 1969, 91) und als die »allgemeine elementarische Form des
Reichtums« (Marx 1969, 92). Allgemeine Form ist die Ware Marx zufolge aber
nur im Kapitalismus (Marx 1969, 92).
"
(S. 202)
| [Betonung der historischen Besonderheit] |
|
"
In anderen Worten: eine Ware, wie Marx sie im Kapital untersucht, setzt
Lohnarbeit und damit Kapital voraus. Somit ist »die kapitalistische Produktion
die Warenproduktion als allgemeine Form der Produktion« (MEW 24, 119).
"
(S. 202)
| [Die Ware setzt das Kapital voraus] |
|
"
Darum bedeutet die bloße Existenz von Tauschbeziehungen zum Beispiel nicht
bereits, daß die Ware als eine strukturierende gesellschaftliche Kategorie
existiert und daß gesellschaftliche Arbeit Doppelcharakter hat. Nur im
Kapitalismus hat gesellschaftliche Arbeit doppelten Charakter (MEW 23, 87), nur
hier existiert der Wert als spezifisch gesellschaftliche Form menschlicher
Tätigkeit (MEW 26.1, 20).
"
(S. 202)
| [Doppelcharakter der Arbeit nur im Kapitalismus] |
|
{ Hier, wie noch an vielen anderen Stellen, schränkt Postone die Erkenntnisse von Marx auf den Kapitalismus in einer Weise ein, die jede transhistorische Aussage ausschließen soll. Dies ist im Modus der Kritik wichtig, in der Ausschließlichkeit hingegen undialektisch. Dies ist ein Hauptmotiv seiner kritischen Kritik. Im 'einfach' des nächsten Zitats verschwimmt dies. Es ist klar, dass es kein einfaches Anwenden der Marxschen Kategorien auf Nichtkapitalismus gibt, unbesehen. Aber trotz dessen gibt es diese Anwendung, wenn sie die notwendige Transformation in Rechnung stellt. Sonst kann man auch nicht zu einer bestimmten Negation des Kapitalismus gehen, welches ja definitiv ein Darüberhinausgehen darstellt. (d.V.)}
"
Sofern tatsächlich eine zum Kapitalismus hinführende logisch angelegte
historische Entwicklung dargestellt ist - wie in der Analyse des Werts im 1.
Kapitel des Kapitals (MEW 23, 62 ff.)3 - muß diese Logik eher als
retrospektiv
evident, denn als immanent notwendig verstanden werden. Marx zufolge existiert
zwar eine immanent notwendige Form historischer Logik, diese ist aber ein
Attribut allein der kapitalistischen Gesellschaftsformation.
Die kategorial gefaßten gesellschaftlichen Formen der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie sind somit historisch bestimmt und können nicht einfach auf andere Gesellschaften angewandt werden. Gleichermaßen sind sie historisch bestimmend. Am Anfang seiner kategorialen Analyse stellt Marx explizit fest, daß sie als Untersuchung der Besonderheit des Kapitalismus zu verstehen ist:... " (S. 203) | [Immanente historische Logik nur im Kapitalismus] |
|
"
Wenn die Ware, als allgemeine und totalisierende Form, tatsächlich die
»Elementarform« (MEW 23, 49) der kapitalistischen Formation ist, dann sollte
ihre Untersuchung die wesentlichen Bestimmungen der Marxschen
Kapitalismusanalyse und insbesondere die spezifischen Charakteristika der
Arbeit, die der Warenform zugrundeliegt und die zugleich von ihr bestimmt wird,
enthüllen.
"
(S. 204)
{
Die beiden Momente der Ware
| [Ware als totalisierende Form] |
4.3 Historische Besonderheit: Wert und Preis(» K)
|
"
Marx analysiert die Ware als verallgemeinerte gesellschaftliche Form im Kern der
kapitalistischen Gesellschaft. Diesem Selbstverständnis gegenüber hat die
Behauptung, das Wertgesetz, und somit die Verallgemeinerung der Warenform, seien
einer vorkapitalistischen Situation zugehörig, keine Berechtigung.
[Herv. v. P.H.]
"
(S. 204)
{ Nach meinem Dafürhalten ist aber das Wertgesetz eine Form etwas transhistorischem. Außerdem, wie erklärt M.P. die Phönizier? Selbstverständlich hat es eine Warenproduktion gegeben, die schon uralt ist, wo Produkte für einen Markt, für den Handel hergestellt worden sind und getauscht wurden. Produkt waren Geldformen bis zu einem Goldstandart bei den alten Ägyptern. (d.V.)} | [Wertgesetz gilt nur im Kapitalismus - keine einfache Warenzirkulation] |
|
"
Was Böhm-Bawerks Argumentation betrifft, seien zwei Punkte angesprochen. Erstens
hat Marx, entgegen Böhm-Bawerks Annahme, nicht zuerst den ersten Band des
Kapitals beendet, um erst später, bei der Niederschrift des dritten
Bandes, zu
bemerken, daß die Preise von den Werten abwichen und somit seinen Ausgangspunkt
untergrüben. Marx verfaßte vielmehr die Manuskripte für den dritten Band
zwischen 1863 und 1867, das heißt bevor der erste Band veröffentlicht wurde.6
"
(S. 208)
"
Die Schwierigkeit der Diskussion des Transformationsproblems liegt darin, daß
gemeinhin angenommen wird, Marx habe das Wertgesetz operationalisierbar machen
wollen, um die Marktmechanismen zu erklären. Es dürfte aber klar sein, daß Marx
eine andere Absicht verfolgte.7
"
(S. 208)
| [1=>3.Band] |
|
"
Die durch Preise ausgedrückte Ebene gesellschaftlicher Realität stellt in der
Analyse von Marx eine Erscheinungsform des Werts dar, die das zugrundeliegende
Wesen verschleiert. Die Wertkategorie ist weder eine grobe, erste Annäherung an
die kapitalistische Realität noch eine Kategorie, die für vorkapitalistische
Gesellschaften gültig ist. Statt dessen drückt sie den »inneren Zusammenhang«
der kapitalistischen Gesellschaftsformation aus.
"
(S. 209)
| [Wesen als der Wert (Band 1) und seine Erscheinung Tauschwert an der Oberfläche der Gesellschaft (Band 3) ist die integrale Konzeption Marx' und der damit notwendigen Inkongruenz] |
|
"
Marx beginnt mit der Feststellung, daß der einem individuellen Kapital
zuwachsende Profit de facto nicht identisch ist mit dem Mehrwert, der von der
Arbeit gebildet wird, über die dieses Einzelkapital verfügt. Dies erklärt er mit
dem Argument, daß Mehrwert eine Kategorie des gesellschaftlichen Ganzen
ist, der
unter die individuellen Kapitalien gemäß ihres relativen Anteils am
gesamtgesellschaftlich eingesetzten Kapital verteilt wird. Das bedeutet, daß auf
der Ebene der unmittelbaren Erfahrung der Profit einer individuellen
Kapitaleinheit tatsächlich nicht eine Funktion der in dieser
Kapitaleinheit
verausgabten Arbeit allein ist (des >variablen Kapitals<), sondern eine
des
vorgeschossenen Gesamtkapitals. (MEW 25, 147f)
"
(S. 210)
| [Wert als Kategorie des gesellschaftlichen Ganzen] |
|
"
Marx führt aus, daß diese Ebene gesellschaftlicher Realität vermittels
ökonomischer >Oberflächenkategorien< wie Preis und Profit nicht erklärt
werden
kann. Auch entfaltet er seine Kategorien der kapitalistischen Tiefenstruktur auf
eine Art und Weise, die zeigt, inwiefern Phänomene, die diesen strukturellen
Kategorien widersprechen, in Wirklichkeit deren Erscheinungsformen sind. Auf
diese Weise versucht Marx, die Gültigkeit seiner Analyse der Tiefenstruktur zu
demonstrieren und gleichzeitig zu zeigen, wie die >Bewegungsgesetze< der
Gesellschaftsformation auf der Ebene der unmittelbaren empirischen Realität
verschleiert in Erscheinung treten.
"
(S. 211)
| [Die Oberflächenkategorie verschleiern notwendig die Tiefenstruktur und lassen diese als transhistorische(!) erscheinen.] |
|
"
Die Marxsche Kritik endet mit der Ableitung von Ricardos Ausgangspunkt. Seiner
immanenten Methode entsprechend hat die Marxsche Strategie der Kritik solcher
Theorien wie der Ricardos nicht mehr die
Form einer Widerlegung. Vielmehr bettet er sie in seine eigene ein, indem er sie
in seinen analytischen Kategorien plausibilisiert. Indem er diesen Weg
einschlägt, kann er die grundlegenden Voraussetzungen, die Smiths und Ricardos
Sichtweise von Arbeit, Gesellschaft und Natur bestimmten, auf eine Weise
begründen, die ihren transhistorischen Charakter erklärt.
"
(S. 213f)
"
Und er zeigt darüber hinaus, daß die einzelnen Argumente dieser Theorien auf
>Daten< basieren, die irreführende Manifestationen einer tieferen,
historisch spezifischen Struktur sind. Indem er sich vom >Wesen< zur
>Oberfläche< der kapitalistischen Gesellschaft vorarbeitet, will Marx
zeigen, daß seine eigene
kategoriale Analyse sowohl das Problem als auch seine Formulierung durch Ricardo
erklären kann. Er weist dabei nach, daß diese Formulierung unzureichend ist, da
sie das Wesen der gesellschaftlichen Totalität nicht begreift. Indem er das, was
Ricardos Theorie als Grundlage diente, als Erscheinungsform erklärt, kritisiert
Marx die politische Ökonomie Ricardos.
"
(S. 214)
| [Die Marxsche immanente Kritik zeigen die politische Ökonomie als notwendigen Ausdruck der Oberflächenkategorien, deren Erscheinungen nun auf Grund des Wesentlichen erklärbar sind, weil sie die gesellschaftliche Totalität nicht begreifen.] |
|
"
Der historisch spezifische Charakter der Marxschen als einer immanent
argumentierenden Gesellschaftskritik zeigt, daß das >Falsche< eine
zeitlich
beschränkt gültige Denkform ist, die, weil es ihr an Selbstreflexion mangelt,
ihren eigenen historisch spezifischen Grund nicht wahrzunehmen vermag und sich
deshalb für >wahr<, das heißt für transhistorisch gültig hält.
"
(S. 215)
| [Das 'Falsche' als zeitlich beschränkte Denkform - Fetisch.] |
4.4 Historische Besonderheit und immanente Kritik(» K)
{ Hier wäre zu bemerken, dass Marx am Anfang der Grundrisse mit der allgemein menschlichen und somit transhistorischen Entwicklung der Kategorien beginnt, und M.P. diesem seine Wahrheit nicht absprechen kann. Das dies für das 'Kapital' nicht ausreicht ist klar, aber nichts desto trotz werden hier die wichtigen Grundsteine der materialistischen Dialektik bezüglich menschlicher Produktion im Allgemeinen sichtbar, die im 'Kapital' auf ihre speziphische Weise konkretisiert wird für den Kapitalismus. Diesen Standpunkt lehnt M.P. ab. (d.V.)}
|
"
Von einem transhistorischen Anfang geht Marx zu einem historisch bestimmten
über. Denn die Kategorie Ware bezieht sich für ihn nicht einfach auf einen
Gegenstand, sondern auf eine historisch spezifische, >objektive< Form
gesellschaftlicher Verhältnisse eine strukturierende und strukturierte Form
gesellschaftlicher Praxis, die eine radikal neue Form wechselseitiger
gesellschaftlicher Abhängigkeitsverhältnisse konstituiert.
"
(S. 217)
"
Ausgehend von der Kategorie Ware in dieser verdoppelten Form, dieser
nicht-identischen Einheit, entfaltet Marx die die kapitalistische Gesellschaft
als Totalität übergreifende Struktur ebenso wie die innere Logik ihrer
historischen Entwicklung und die Elemente der unmittelbaren gesellschaftlichen
Erfahrung, die die Grundstruktur dieser Gesellschaft verschleiern. Für die
Marxsche Kritik der politischen Ökonomie ist die Ware die wesentliche Kategorie
im Innersten des Kapitals. In der Entfaltung dieser Kategorie klärt er das Wesen
des Kapitals und die ihm innewohnende Dynamik.
Mit dieser Wendung zum geschichtlich Spezifischen historisiert Marx seine frühere, transhistorische Konzeption des gesellschaftlichen Widerspruchs und der Existenz einer der Geschichte immanenten Logik. " (S. 195) | [Transhistorischer Anfang ('Grundrisse') zum historisch Speziphischen der Warenform im Kapitalismus ('Grundrisse'->'Kapital') zum grundlegenden treibenden Widerspruch des Doppelcharakters zu Erklärung der Dynamik im Kapitalismus.] |
|
"
In meiner Analyse des Kapitals werde ich zeigen, wie sich Marx zufolge diese
Verdopplung externalisiert und so eine Geschichtsdialektik sui generis
entfaltet. Mit der Darstellung seines Untersuchungsgegenstandes als historisch
spezifischem Widerspruch und dadurch, daß er die Dialektik der kapitalistischen
Gesellschaftsformation im Doppelcharakter der ihr zugrundeliegenden,
eigentümlichen gesellschaftlichen Formen (Arbeit, Ware, Produktionsprozeß usw.)
begründet, weist Marx von nun an - und ohne
dies noch ausdrücklich aussprechen zu müssen - die Vorstellung zurück, es gäbe
eine der menschlichen Geschichte immanente Logik oder eine Form
transhistorischer Dialektik ob sie die Natur nun einschließt oder sich auf
die
Geschichte beschränkt. Im Marxschen Spätwerk resultiert die Dialektik nicht
mehr
aus dem Wechselspiel von Subjekt, Arbeit und Natur, noch ist sie Resultat der
reflexiven Wirkungen der materiellen Vergegenständlichungen der >Arbeit<
des
Subjekts auf sich selbst, sondern sie hat ihre Wurzeln im widersprüchlichen
Charakter der kapitalistischen gesellschaftlichen Formen.
"
(S. 217f)
{
| [Es gibt keine transhistorische Dialektik, sondern sie hat ihre Wurzeln in der Widersprüchlichkeit der historisch speziphischen Formen im Kapitalismus. Jede solche müsse sich ontologisch fundieren und ist somit Metaphysik.] |
|
"
Der Unmöglichkeit eines äußerlichen oder privilegierten theoretischen
Standpunkts darf allerdings auch die Form der
Theorie selbst nicht entgegenstehen. Deshalb sieht Marx sich gezwungen, seine
Kritik der kapitalistischen Gesellschaft strikt immanent aufzubauen, und darum
kritisiert er diese Gesellschaft gleichsam in ihren eigenen Kategorien: in denen
also, die er vorfand.
"
(S. 218f)
{
| [Äußerlicher Standpunkt=Überhistorischer Standpunkt] |
|
"
Beginnend mit einem einzelnen Strukturelement, der Ware, rekonstruiert Marx die
gesellschaftliche Totalität der kapitalistischen Zivilisation und entfaltet
daraus dialektisch die Kategorien Geld und Kapital. Es ist diese
Darstellungsweise selbst, die, betrachtet aus der Perspektive des neuen
Selbstverständnisses von Marx, die Besonderheiten der untersuchten
gesellschaftlichen Formen zum Ausdruck bringt. In dieser Methode selbst wird
beispielsweise ausgedrückt, daß es zu den besonderen Merkmalen des Kapitalismus
gehört, als homogene Totalität zu existieren, die von einem einzelnen
strukturierenden Prinzip her entfaltet werden kann. Im dialektischen Charakter
der Darstellung kommt ebenso unmittelbar zum Ausdruck, daß die
gesellschaftlichen Formen in einzigartiger Weise so konstituiert werden, daß sie
eine Dialektik begründen.
"
(S. 219)
| [Die Dialektik selbst kommt aus den Strukturmerkmalen hervor.] |
|
"
Es ist das Prinzip der Marxschen Argumentation, nicht logisch zu deduzieren: Sie
beginnt nicht mit unbezweifelbaren Grundprinzipien, aus denen dann alles weitere
abgeleitet werden könnte; schon die bloße Form eines solchen Vorgehens
unterstellt einen transhistorischen Standpunkt. Die Marxsche Argumentation
besitzt dagegen eine sehr spezifische reflexive Form. Ihr Ausgangspunkt, die
Ware, die als der die Gesellschaftsformation in ihrem Fundament strukturierende
Kern gesetzt wird, erhält seine Gültigkeit rückwirkend, das heißt: erst in der
Entfaltung der Argumentation. Indem es die Analyse der Ware vermag, die
Entwicklungstendenzen des Kapitalismus zu erklären, und indem es ihr zudem
gelingt, auch die Phänomene zu erklären, die der Gültigkeit der
Ausgangsbestimmungen zu widersprechen scheinen, erweist sie sich als adäquater
Anfang. Das wiederum heißt: die Kategorie Ware setzt die des Kapitals voraus,
und sie erhält ihre Gültigkeit durch die Aussagekraft und Stringenz der Analyse
des Kapitalismus, der sie als Ausgangspunkt dient.
"
(S. 220)
| [Prinzip der rückwirkenden reflexive Begründung verbindet Band 1 und 3.] |
{
|
"
Die immanente Darstellung dieses Doppelcharakters der warenproduzierenden Arbeit
macht es schwierig, die Bedeutung, die Marx dieser Unterscheidung beimißt, zu
verstehen. Darüber hinaus sind die Bestimmungen der abstrakt menschlichen
Arbeit, wie er sie im 1. Kapitel des Kapitals ausführt, äußerst
problematisch.
Es scheint hier, als stelle in diesem Kontext Arbeit so etwas wie ein
biologisches Residuum dar, so daß sie als bloße Verausgabung menschlicher
physiologischer Energie interpretiert werden müsse.
"
(S. 224)
| [Warum erscheint die Marxsche Darstellung der abstrakten Arbeit das physiologische hervorzuheben? Weil der Erscheinungsformen selbst dies so hervorbringen ist M.P.'s Antwort.] |
|
"
Gleichzeitig macht Marx aber auch unmißverständlich deutlich, daß wir es hier
mit einer gesellschaftlichen Kategorie zu tun haben. Er bezieht sich
dabei auf
die abstrakt menschliche Arbeit, insofern sie die Warenwerte konstituiert als
deren »gemeinschaftliche gesellschaftliche Substanz« (MEW 23, 52;
Hervorhebung M. P.). Folglich sind die Waren - im Widerspruch zu ihrer
stofflichen Natur als Gebrauchswerte - als Wert rein gesellschaftliche Objekte:
"
(S. 225)
{
| [Abstrakte Arbeit ist keine physiologische, sondern eine (rein) gesellschaftliche Kategorie.] |
|
"
Wenn indes die Kategorie der abstrakt menschlichen Arbeit eine gesellschaftliche
Bestimmung ist, dann kann sie keine physiologische Kategorie sein. Darüber
hinaus bestätigt dieses Zitat das Ergebnis meiner Interpretation der Grundrisse
(im 1. Kapitel dieser Studie), daß es für die Marxsche Analyse von zentraler
Bedeutung ist, den Wert als eine historisch spezifische Form gesellschaftlichen
Reichtums zu verstehen. Dies als gegeben unterstellt, kann dessen
>gesellschaftliche Substanz< nicht transhistorisch sein, kein von
Natur aus vorhandenes Residuum, das der menschlichen Arbeit in allen
Gesellschaftsformationen gemeinsam wäre.
[Herv. v. P.H.]
"
(S. 225)
{
| [Entweder-Oder, gesellschaftlich oder transhistorisch] |
|
"
Colletti führt zunächst aus, daß diese Interpretation auch heute noch
vorherrsche; sie reduziere die Marxsche Werttheorie auf die von Ricardo und
ermögliche infolgedessen nur ein eingeschränktes Verständnis der Ökonomie.
(1971, 41) Wie Ruhm stellt er fest, daß nur selten verstanden wurde, daß die
Wetttheorie von Marx mit seiner Fetischtheorie identisch ist. Was erklärt werden
müsse, sei, warum das Arbeitsprodukt die Form der Ware annimmt und warum deshalb
menschliche Arbeit als Wert von Dingen erscheint. (1971, 42) Für eine solche
Erklärung sei der Begriff der abstrakten Arbeit zentral, doch hätten die meisten
Marxisten darunter Karl Kautsky, Rosa Luxemburg, Rudolf Hilferding und Paul
Sweezy - diese Kategorie niemals wirklich erklärt.
"
(S. 227)
| [Colletti: Werttheorie = Fetischtheorie, also zentrale Stellung der abstrakten Arbeit] |
|
"
Dazu hätte der traditionsmarxistische Arbeitsbegriff überdacht und es hätte
gezeigt werden müssen, daß Marx die Arbeit im Kapitalismus als historisch
spezifische Form gesellschaftlicher Vermittlung analysiert. Nur eine Kritik, die
die historisch einzigartige Rolle der Arbeit im Kapitalismus in ihr Zentrum
stellt, hätte Colletti - und andere Theoretiker, die aus der Perspektive der
historischen Besonderheit von Wert und abstrakter Arbeit argumentiert haben - zu
einem grundsätzlichen theoretischen Bruch mit dem traditionellen Marxismus
befähigen können.
"
(S. 228)
| [Arbeit im Kapitalismus ist eine spezielle Form der Vermittlung] |
4.6 Abstrakte Arbeit und gesellschaftliche Vermittlung(» K)
|
"
Mit der Untersuchung dieser einzigartigen Form von Interdependenz und der
spezifischen Rolle, die die Arbeit in ihrer Konstitution spielt, werden die von
Marx dargestellten abstraktesten Bestimmungen der kapitalistischen Gesellschaft
erhellt. Auf der Grundlage der Marxschen Ausgangsbestimmungen der Formen von
Reichtum und Arbeit sowie der Form der gesellschaftlichen Verhältnisse, die den
Kapitalismus charakterisieren, werde ich dann seine Ausführungen zur abstrakten
gesellschaftlichen Herrschaft klären, indem analysiert wird, wie diese Formen
den Individuen in einer quasi-objektiven Art und Weise gegenübertreten, wie sie
eine besondere Produktionsweise entstehen lassen und wie sie aus sich heraus
eine historische Dynamik entialten.
"
(S. 230)
| [Konstitution durch die Arbeit] |
|
"
Dies unterscheidet sich erheblich von Gesellschaftsformationen, in denen
Warenproduktion und Austausch nicht vorherrschen und die gesellschaftliche
Verteilung der Arbeit und ihrer Produkte auf der Basis einer großen Vielfalt von
Gebräuchen, traditionellen Bindungen, transparenten Machtverhältnissen oder,
auch das ist vorstellbar, bewußten Entscheidungen erfolgt.
"
(S. 231)
| [Transparente Machtverhältnisse in nicht-warenförmigen Gesellschaften] |
|
"
Es ist die entweder unmittelbare oder die in Produkten ausgedrückte Arbeit
selbst, die diese Verhältnisse ablöst, indem sie als >objektives< Mittel
dazu
dient, die Produkte Anderer zu erwerben. Arbeit selbst konstituiert eine
gesellschaftliche Vermittlung anstelle transparenter gesellschaftlicher
Verhältnisse. Eine neue Form von Interdependenz entsteht: Niemand konsumiert,
was er produziert, und dennoch füngiert die Arbeit des Einen - oder deren
Produkte - als das notwendige Mittel, um Produkte von Anderen zu erhalten.
... Statt durch transparente oder >erkennbare< gesellschaftliche Verhältnisse vermittelt zu sein, wird die warenförmige Arbeit durch eine Reihe von Strukturen vermittelt, die sie, wie wir noch sehen werden, selbst konstituiert. " (S. 195) | [Arbeit konstituiert eine gesellschaftliche Vermittlung von von ihr hervorgebrachten Strukturen] |
|
"
Indem sie Gebrauchswente produziert, kann die Arbeit im Kapitalismus als
zweckbestimmte Tätigkeit aufgefaßt werden, die Stoff auf eine bestimmte Weise
umwandelt; was Marx »konkrete Arbeit« nennt. Die Funktion der Arbeit als
gesellschaftlich vermittelnde Tätigkeit bezeichnet er als >abstrakte
Arbeit<.
In
allen Gesellschaften gibt es unterschiedliche Ausprägungen dessen, was wir
üblicherweise Arbeit nennen (wenn auch nicht in der mit der Kategorie der
konkreten Arbeit implizierten allgemeinen, >säkularisierten< Form).
Abstrakte
Arbeit aber ist spezifisch für den Kapitalismus und erfordert schon deswegen
eine genauere Untersuchung.
"
(S. 233)
{ Die Kategorie konkrete Arbeit ist dem Inhalt nach transhistorisch, aber als Kategorie entgegen der abstrakten Arbeit gesetzt historisch speziphisch für den Kapitalismus, da nur in ihm zwischen dem konkreten und dem abstrakten Moment so unterschieden wird. (d.V.)} | [Arbeit im Kapitalismus ist auch zweckbestimmte Tätigkeit als konkrete Arbeit.] |
|
"
Im Kapitalismus ist es die Arbeit selbst, welche die gesellschaftliche
Vermittlung konstituiert, und nicht eine derartige Matrix von Beziehungen. Das
bedeutet, daß der Arbeit kein gesellschaftlicher Charakter aufgrund
transparenter gesellschaftlicher Verhältnisse zu vermittelnden Charakters der
Arbeit, wie auch die der von dieser gesellschaftlichen Vermittlung
strukturierten gesellschaftlichen Verhältnisse.
"
(S. 233f)
| [Nur im Kapitalismus hat die Arbeit diese konstitutive Eigenschaft, das sich selbst begründende.] |
|
"
In der Konstitution einer sich selbst begründenden gesellschaftlichen
Vermittlung konstituiert die Arbeit auch ein bestimmtes gesellschaftliches
Ganzes - eine Totalität. Die Kategorie der Totalität und die mit ihr verbundene
Form von Universalität kann erhellt werden, wenn man die Art von Allgemeinheit
betrachtet, die mit der Warenform verknüpft ist.
"
(S. 234)
| [Diese Arbeit begründete eine bestimmte Totalität ein gesellschaftliches Ganzes.] |
|
"
Folglich ist warenproduzierende Arbeit sowohl besondere (als konkrete Arbeit,
also als eine bestimmte Tätigkeit, die besondere Gebrauchswerte schafft) als
auch gesellschaftlich-allgemein (als abstrakte Arbeit, also als ein Mittel, um
Güter von Anderen zu erwerben).
"
(S. 235)
| [Arbeit als produzierende ist besonders (konkret), als Mittel Güter zu erwerben hingegen gesellschaftlich allgemein (abstrakt).] |
|
"
Vielmehr ist es die gesellschaftliche Funktion der Arbeit, die sie allgemein
macht. Als eine gesellschaftlich vermittelnde Tätigkeit abstrahiert die
Arbeit
von der Besonderheit ihres Produkts, und somit von der Besonderheit ihrer
eigenen konkreten Form.
"
(S. 235)
| [...die gesellschaftliche Funktion der Arbeit, die sie allgemein macht] |
|
"
In der Marxschen Analyse bringt die Kategorie der abstrakten Arbeit diesen
realen gesellschaftlichen Abstraktionsprozeß zum Ausdruck. Sie basiert nicht auf
einem bloß begrifflichen Abstraktionsprozeß. Als Praxis ist die Arbeit, die eine
gesellschaftliche Vermittlung konstituiert, Arbeit im allgemeinen. Außerdem
setzen wir uns hier mit einer Gesellschaft auseinander, in der die Warenform
verallgemeinert und deshalb gesellschaftlich bestimmend ist: Die Arbeit aller
Produzenten dient als Mittel, mit dem die Produkte Anderer beschafft werden
können.
"
(S. 235)
| [Arbeit als Praxis macht die Abstraktion zu einer real gesellschaftlichen und nicht zu einer bloß begrifflichen] |
|
"
Insgesamt ist die Arbeit aller Warenproduzenten eine Ansammlung verschiedener
konkteter Arbeiten. Jede ist besonderer Teil eines Ganzen.
... Weil aber jede einzelne Arbeit auf die gleiche gesellschaftlich vermittelnden Weise wie alle anderen fungiert, konstituieren die abstrakten Arbeiten insgesamt keine ungeheure Sammlung verschiedener abstrakter Arbeiten, sondern eine allgemeine gesellschaftliche Vermittlung oder, anders gesagt: gesellschaftlich totale abstrakte Arbeit. Somit konstituieren ihre Produkte eine gesellschaftlich totale Vermittlung: Wert. " (S. 236)
Die konkreten Arbeiten sind Teil eines inhomogenen Ganzen (Gesamtarbeit)
und die abstrakten Arbeiten sind teil einer sind einzelne Momente eines
homogenen Ganzen - allgemein gesellschaftlichen Vermittlung.
| [Gesellschaftliche Gesamtarbeit und die gesellschaftlich totale Vermittlung wird konstituiert - der Wert.] |
|
"
Weil jede besondere Art der Arbeit als abstrakte Arbeit fungieren und jedes
Arbeitsprodukt als Ware dienen kann, werden Tätigkeiten und Produkte, die
in
anderen Gesellschaften nicht als ähnlich klassifizieren wurden, im Kapitalismus
als gleiche, als Vielfalt (konkreter) Arbeiten oder als besondere Gebrauchswerte
klassifiziert. In anderen Worten: die durch abstrakte Arbeit historisch
konstituierte abstrakte Allgemeinheit etabliert auch die >konkrete Arbeit<
und den >Gebrauchswert< als allgemeine Kategorien.
"
(S. 237)
| [Abstrakte Arbeit konstituiert die Kategorie der konkreten Arbeit] |
|
"
Den in der Ware vergegenständlichten zwei Formen der Arbeit entsprechen zwei
Formen gesellschaftlichen Reichtums: Wert und stofflicher Reichtum. Letzterer
ist eine Funktion der produzierten Produkte, ihrer Quantität und ihrer Qualität.
Als eine Form des Reichtums drückt er die Vergegenständlichung verschiedener
Arten der Arbeit aus, das aktive Verhältnis der Menschheit zur Natur.Für sich
genommen aber konstituiert er weder die Verhältnisse zwischen Menschen noch
determiniert er seine eigene Verteilung.
"
(S. 239)
{ Dies halte ich für eine stark hervorzuhebende Aussage. M.P. bezieht sich auf wichtige Begriffe, Totalität, Praxisform und Natur. Auf Grund der notwendigen Vergegenständlichung ergibt sich die Existenz der Vermittlung Wert in Raum und Zeit. (d.V.)} | [2 Arten des gesellschaftlichen Reichtums, also auch Wert als Ausdruck der Vergegenständlichung, aktives Verh. Mensch Natur.] |
|
"
Der Wert dagegen ist Vergegenständlichung abstrakter Arbeit.
... Wert ist also eine Kategorie der Vermittlung: er ist gleichzeitig eine historisch bestimmte, sich selbst verteilende Form des Reichtums und eine objektivierte, sich selbst vermittelnde Form gesellschaftlicher Beziehungen. " (S. 239) | [Wert ist eine materielle Vergegenständlichung !] |
|
"
Im Kapital präsentiert Marx die grundlegenden Formen der
Warengesellschaft als den gesellschaftlichen Kontext von Ausführungen über den
Unterschied zwischen Wesen und Erscheinung, den philosophischen Begriff der
Substanz, die Dichotomie von Subjekt und Objekt, die Totalität, und, auf der
logischen Ebene der Kategorie Kapital, die sich entfaltende Dialektik des
identischen Subjekt-Objekts.22
... Weil diese Arbeit sich selbst vermittelt, begründet sie sich (gesellschaftlich) selbst und hat deshalb die Eigenschaften einer >Substanz< im philosophischen Sinne. Wir haben gesehen, daß sich Marx auf die Kategorie der abstrakt menschlichen Arbeit ausdrücklich mit dem philosophischen Begriff der >Substanz< bezieht und daß diese auf die Konstitution gesellschaftlicher Totalität durch die Arbeit verweist. " (S. 241f) | [Substanz - als sich selbst begründend] |
|
"
So offensichtlich wahr es ist, daß der durch die Arbeit bewirkte
>Stoffwechsel<
mit der Natur eine Existenzbedingung jeder Gesellschaft darstellt, so wird eine
Gesellschaft aber auch durch den Charakter ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse
bestimmt. Marx zufolge ist der Kapitalismus durch den Umstand charakterisiert,
daß seine fundamentalen gesellschaftlichen Verhältnisse von der Arbeit
konstituiert werden. Arbeit im Kapitalismus vergegenständlicht sich aber nicht
nur in materiellen Produkten - das gilt in allen Gesellschaftsformationen -,
sondern ebenso in objektivierten gesellschaftlichen Verhältnissen. Kraft ihres
Doppelcharakters konstituiert die Arbeit als Totalität eine objektive,
quasi-natürliche gesellschaftliche Sphäre, die nicht auf die Summe unmittelbarer
gesellschaftlicher Verhältnisse reduziert werden kann, sondern die, wie wir
sehen werden, der Gesamtheit der Individuen und Gruppen als ein abstraktes
Anderes entgegensteht.
... Nicht Arbeit als solche konstituiert Gesellschaft, wohl aber Arbeit im Kapitalismus. " (S. 244) | [Transhistorischer Stoffwechsel - historische Konstitution] |
4.7 Abstrakte Arbeit und Entfremdung(» K)
|
"
Es ist wichtig festzuhalten, daß Marx die Existenz dieses gesellschaftlichen
>Systems< nicht auf begrifflich verdinglichte Weise ontologisch
voraussetzt.
Statt dessen gründet er die systemhafte Qualität der fundamentalen Strukturen
des modernen Lebens in bestimmten Formen gesellschaftlicher Praxis. Die
gesellschaftlichen Verhältnisse, die den Kapitalismus in seinen Grundzügen
definieren, haben >objektiven< Charakter und konstituieren ein
>System<, weil
sie durch die Arbeit als einer historisch besonderen, gesellschaftlich
vermittelnden Tätigkeit konstituiert werden, das heißt durch eine abstrakte,
homogene und objektivierende Form von Praxis.
"
(S. 245f)
| [Eine Form der Praxis -Arbeit- begründet das gesellschaftliche System] |
|
"
Die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Entfremdung und Vergegenständlichung
hängt jedoch davon ab, was man unter Arbeit versteht. Geht man von einer
transhistorischen Auffassung der >Arbeit< aus, muß diese Unterscheidung
notwendigerweise in Faktoren begründet werden, die der vergegenständlichenden
Tätigkeit äußerlich sind - zum Beispiel in den Eigentumsverhältnissen, das heißt
in der Beantwortung der Frage, ob die unmittelbaren Produzenten über ihre eigene
Arbeit und deren Produkte verfügen können oder ob die Kapitalistenklasse sich
diese aneignet.
"
(S. 247)
| [Überinterpretation der Arbeit gegenüber den Klassen] |
{ Hier überzieht M.P. ganz klar und sieht nicht, das die Lohnarbeit zwar tagtäglich die gesellschaftlichen Verhältnisse reproduziert, welche allerdings ihre Voraussetzung stellen. Ohne die Klasse der Lohnarbeiter keine Lohnarbeit. Die historisch speziellen Klassenverhältnisses sind die Grundlage der historisch speziellen Arbeit, so sie auf ihrer eigenen Grundlage stattfindet. So unterscheidet Marx die Lohnarbeit allgemein auch von der im Kapitalismus in der Existenz des doppelt freien Lohnarbeiters als vorherrschende Form der Arbeitskraft, jenseits des ständischen Handwerksgesellen, welcher auch lohnarbeitet. Arbeit wird hier teil mystifiziert als DAS Agens, welches gesellschaftliche Verhältnisse schafft, dabei ist in der ursprünglichen Akkumulation zu lesen, wie die Verhältnisse hitorisch real geschaffen wurden. (d.V.)}
|
"
Er zeigt vielmehr, daß Vergegenständlichung tatsächlich Entfremdung ist, wenn
das, was Arbeit vergegenständlicht, gesellschaftliche Verhältnisse sind.
"
(S. 247)
| [Entfremdung = Arbeit vergegenständlicht gesell. Verhältnisse] |
|
"
Die Form, in der Notwendigkeit durchgesetzt wird - und die ich hier nur in ihrer
ersten Bestimmung erörtert habe-, existiert ohne jegliche direkte persönliche
Herrschaft. Weil der ausgeübte Zwang unpersönlich und >objektiv< ist,
scheint
er
gar nicht gesellschaftlich zu sein, sondern von >Natur<, und auf diese
Weise
konditioniert er, wie noch zu zeigen sein wird, naturhafte Begriffe
gesellschaftlicher Wirklichkeit.
"
(S. 249)
| [Naturhafter Schein der Notwendigkeit durch die Abstraktheit] |
|
"
In gewissem Sinne ist Arbeit eine notwendige Vorbedingung, das heißt eine
transhistorische oder >naturgegebene< gesellschaftliche
Notwendigkeit
menschlicher gesellschaftlicher Existenz als solcher. Diese Notwendigkeit kann
aber die Besonderheit warenproduzierender Arbeit verschleiern nämlich die
Tatsache, daß, auch wenn man das von einem Produzierte nicht konsumiert, diese
Arbeit dennoch weiterhin das gesellschaftlich notwendige Mittel bleibt, um
Produkte für den Konsum zu erlangen. Letzteres ist, im Gegensatz zur
naturgegebenen, eine historisch bestimmte gesellschaftliche
Notwendigkeit.
"
(S. 250)
| [Transhistorische Notwendigkeit verdeckt die historisch spezielle] |
{ Man sollte auch zwischen Inhalt, der transhistorisch notwendigen Konsumtion, und ihrer historischen Form über Lohn/Profit/Grundrente unterscheiden. (d.V.)}
|
"
Dieser Prozeß der Universalisierung konstituiert Marx zufolge die
soziohistorische Vorbedingung für die Entstehung einer populären Vorstellung
menschlicher Gleichheit, auf der wiederum moderne Theorien der politischen
Ökonomie basieren (MEW 23, 73 f). Die moderne Idee der Gleichheit verdankt sich
also einer gesellschaftlichen Form von Gleichheit, die historisch mit der
Entwicklung der Warenform entstanden ist, das heißt mit dem Prozeß der
Entfremdung.
"
(S. 252)
| [Moderne Idee der Gleichheit als Resultat dieses Prozesses] |
|
"
Es entsteht ein Gegensatz zwischen Allgemeinem zum Besonderem, der im
historischen Entfremdungsprozeß gründet. Die so konstituierte Universalität und
Gleichheit zeitigte positive politische und gesellschaftliche Konsequenzen, aber
auch negative, insofern sie die Besonderheit negierten.
"
(S. 252)
| [Negativer Gegensatz Universalität//Besonderes - abstrakte Herrschaft] |
|
"
Bei ihnen handelt es sich nicht nur um sich selbst bestimmende >Subjekte<,
die
vermöge eines freien Willens handeln, sondern sie sind zugleich einem System
objektiver Zwänge und Beschränkungen unterworfen, das unabhängig von ihrem
Willen operiert - und in diesem Sinne sind sie auch >Objekte<. Das in der
kapitalistischen Gesellschaft konstituierte Individuum hat, wie die Ware, einen
Doppelcharakter.
"
(S. 254)
| [Doppelcharakter des Subjekts] |
|
"
Vielmehr klärt sie darüber auf, daß der Gegensatz zwischen abstraktem
Universalismus und konkretem Partikularismus in bestimmten Formen
gesellschaftlicher Verhältnisse seinen Grund hat - und wie wir sehen werden,
verweist die Entwicklung dieser Verhältnisse auf die Möglichkeit einer anderen
Form des Universalismus, der nicht auf Abstraktion von aller konkreten
Besonderheit basiert. Mit der Aufhebung des Kapitalismus könnte die im
Kapitalismus bereits in entfremdeter Form konstituierte Einheit der Gesellschaft
anders hergestellt werden, nämlich durch Formen politischer Praxis, die
qualitative Besonderheit nicht negieren müssen.
"
(S. 254f)
| [Aufhebung dieses Universalismus in einen anderen] |
|
"
Der Entfremdungsprozeß ist im Marxschen Spätwerk also Bestandteil eines
Prozesses, in dem strukturierte Praxisformen geschichtlich die basalen
Verkehrsformen, Denkformen und kulturellen Werte der kapitalistischen
Gesellschaft konstituieren.
"
(S. 255)
| [Denkformen sind durch Praxisformen konstituiert] |
|
"
Im Kapitalismus konstituieren die Menschen ihre gesellschaftlichen Verhältnisse
und ihre Geschichte mittels Arbeit. Obwohl sie von dem, was durch sie selbst
konstituiert worden ist, kontrolliert werden, >machen< sie diese
Verhältnisse
und diese Geschichte in einem anderen und emphatischeren Sinne, als die Menschen
ihre vorkapitalistischen Verhältnisse >machten< (die Marx als spontan
entstanden
und naturwüchsig charakterisierte).
"
(S. 256)
| [Der Konstitutionsunterschied in der Arbeit] |
4.8 Abstrakte Arbeit und Fetisch(» K)
|
"
Wir haben gesehen, daß Arbeit in ihrer historisch bestimmten Funktion als
gesellschaftlich vermittelnde Tätigkeit die >Substanz des Werts<, also das
die
Gesellschaftsformation bestimmende Wesen ist. Es versteht sich keinesfalls von
selbst, einer Gesellschaftsfonnation ein Wesen zuzusprechen. Die Kategorie des
Wesens setzt die Kategorie der Erscheinungsform voraus. Es macht keinen Sinn, da
von einem Wesen zu sprechen, wo zwischen dem, was ist, und seiner
Erscheinungsweise kein Unterschied besteht. Das Wesen ist also dadurch
charakterisiert, daß es nicht unmittelbar erscheint, und dies auch nicht kann,
sondern in einer von ihm gesonderten Erscheinungsform seinen Ausdruck finden
muß. Dies unterstellt eine notwendige Beziehung zwischen Wesen und Erscheinung.
Das Wesen muß eine Qualität haben, aus der es notwendigerweise in genau der
manifesten Form erscheint, in der es zutage tritt. Das Verhältnis von Wert und
Preis zum Beispiel wird von Marx in der Weise analysiert, daß der Wert vom Preis
sowohl dargestellt als auch verschleiert wird. Ich beschäftige mich hier jedoch
mit einer grundsätzlicheren logischen Ebene: der von Arbeit und Wert.
"
(S. 257)
| [Wesen und notwendig verschleiernde Erscheinung, Wert und Preis] |
|
"
Deshalb muß die spezifische gesellschaftliche Rolle der Arbeit im Kapitalismus
sich notwendig in Erscheinungsformen ausdrücken, die Vergegenständlichungen der
Arbeit als produktive Tätigkeit sind. Die historisch spezifische
gesellschaftliche Dimension der Arbeit nun wird durch die scheinbar
transhistorische, >materielle< Dimension der Arbeit sowohl ausgedrückt als
auch
verschleiert. Derart manifeste Formen sind notwendige Erscheinungsformen der
einzigartigen Funktion der Arbeit im Kapitalismus. In anderen Gesellschaften
sind produktive Tätigkeiten in eine transparente gesellschaftliche Matrix
eingebettet und deshalb weder >Wesen< noch >Erscheinungsform<.
"
(S. 258)
| [Wesen und Erscheinung gibt es so nur im Kapitalismus] |
|
{ Hier verplettet die richtige Kritik die transhistorische wichtige Funktion der Arbeit als erster Praxisform. Die Arbeit konstituiert den Menschen zum Menschen, aber nicht die Lohnarbeit. Wie immer fehlt zur richtigen Kritik an der Naturalisierung die Darstellung derer objektivem Kern, dass Arbeit immer geleistet werden muss, aber natürlich nicht in der Form der Lohnarbeit. Aber derer Inhalt bleibt selbstverständlich die nicht zuletzt auch stoffliche Reproduktion der Gesamtgesellschaft, siehe 'Kugelmannbrief' oder 'Grundrisse' Einleitung, da gibts kein Mogeln. Und so ist die von M.P. sogenannte abstrakter Herrschaft die Form der objektiven Zwänge, der die Gesellschaft ausgesetzt ist. Nicht diesen Inhalt gilt es als überhistorisch zu kritisieren, sondern deren Form im Kapitalismus. (d.V.)} | [Form und Inhalt] |
|
"
Im 2. Kapitel habe ich dargelegt, daß gesellschaftliche Verhältnisse nie
unmittelbar, beziehungsweise unvermittelt sein können. An dieser Stelle kann ich
diese Kritik damit ergänzen, daß durch Arbeit konstituierte gesellschaftliche
Verhältnisse nie manifest gesellschaftlich sein können, sondern
notwendigerweise
in versachlichter Form existieren müssen. Wegen ihrer Hypostasierung des Wesens
des Kapitalismus zum Wesen der menschlichen Gesellschaft können diese
traditionellen Theorien die innere Beziehung des Wesens zu seinen
Erscheinungsformen nicht erklären und deshalb nicht in Erwägung ziehen, daß es
ein Kennzeichen des Kapitalismus sein könnte, ein Wesen zu haben.
"
(S. 259)
| [Es gibt keine unvermittelten gesell. Verh.] |
|
"
Dies impliziert, daß die Allgemeinheit einer jeden Ware als gesellschaftliche
Vermittlung eine Ausdrucksform annehmen muß, die von der Besonderheit jeder
einzelnen Ware getrennt ist. Dies ist der Ausgangspunkt der Marxschen
Wertformanalyse, von dem aus er zur Analyse des Geldes fortschreitet. (MEW 23,
62ff.) Die Existenz jeder Ware als allgemeine Vermittlung nimmt eine von ihr
unabhängige, matenalisierte Form an - als Äquivalent zwischen Waren. Die
Dimension des Werts aller Waren wird in die Form einer einzelnen Ware: dem Geld,
externalisiert, das als allgemeines Äquivalent zwischen allen anderen Waren
fungiert: das Geld erscheint als allgemeine Vermittlung. Somit wird der
Doppelcharakter der Ware als Gebrauchswert und Wert externalisiert und erscheint
in der Form der Ware einerseits und in der Form des Geldes andererseits. Im
Resultat dieser Externalisierung erscheint die Ware nicht selbst als
gesellschaftliche Vermittlung.
"
(S. 261)
| [Geld als Materialisierung der allgemeinen Vermittlung] |
|
"
So wird der gegenständlich vermittelte Charakter gesellschaftlicher Beziehungen
im Kapitalismus durch seine manifeste Formen als äußerliche Vermittlung (Geld)
zwischen Gegenständen ausgedrückt und verschleiert zugleich. Die Existenz dieser
Vermittlung kann dann für das Resultat einer Übereinkunft gehalten werden. (MEW
23, 109ff.)
"
(S. 261)
| [Verschleierung durch das Geld als dinglich] |
|
"
Anders gesagt: wenn, bedingt durch ihre manifesten Formen, - der bestimmte
Charakter der grundlegenden gesellschaftlichen Formen des Kapitalismus nicht
erkannt wird, dann mag zwar der Wert als Eigenschaft der Waren gelten, wird
jedoch nicht der Ware als einer gesellschaftlichen Vermittlung, sondern als eine
des Produkts zugeschrieben. Folglich scheint Wert durch Arbeit als produktiver
Tätigkeit geschaffen zu werden - durch Arbeit, die Güter und stofflichen
Reichtum schafft - statt durch Arbeit als gesellschaftlich vermittelnder
Tätigkeit. Da Arbeit, so gesehen, offensichtlich unabhängig von ihrer konkreten
Besonderheit Wert schafft, scheint sie diesen einfach aufgrund ihrer Fähigkeit
zu erzeugen, auch allgemeine produktive Tätigkeit zu sein. Wert scheint daher
durch die Verausgabung von Arbeit schlechthin konstituiert zu werden.
"
(S. 262)
| [Vs. Verausgabung von Arbeit überhaupt] |
{ D'accord: Wert ist Verausgabung von Arbeit überhaupt, physiologisch, aber in der nicht zu trennenden Formbestimmtheit des Kapitalverhältnisses. Er ist beides zugleich. Zeit als operable Form (aufgespeicherte Arbeitszeit) und Anweisung auf lebendige Arbeitszeit, als Form des Reichtums im Geld, gibt es nur im Kapitalismus als bestimmende Form. (d.V.)}
|
"
Die von Marx präsentierte Kategorie der abstrakten Arbeit ist somit
Ausgangsbestimmung seiner Fetischismusanalyse: weil die dem Kapitalismus
zugrundeliegenden Verhältnisse durch Arbeit vermittelt werden und daher
objektiviert sind, erscheinen sie nicht als historisch spezifisch und
gesellschaftlich, sondern als transhistorisch gültige und ontologisch begründete
Formen. Daß der Vermittlungscharakter der Arbeit als Arbeit im physiologischen
Sinne erscheint, das macht den Wesenskern des kapitalistischen Fetischs aus.
"
(S. 263)
| [Der Wesenskern des Fetischs] |
|
"
Die Materie der >materialistischen< Marxschen Kritik ist somit
gesellschaftlicher Art - die Formen gesellschaftlicher Verhältnisse sind
materiell. Da sie durch Arbeit vermittelt sind, kann die den Kapitalismus
charakterisierende gesellschaftliche Dimension nur in objektivierter Form
erscheinen. Mit der Aufdeckung des geschichtlichen und gesellschaftlichen
Inhalts der verdinglichten Formen wird die Marxsche Kritik auch zu einer Kritik
der diversen Materialismen, die diese Formen der Arbeit und ihre
Objektivierungen hypostasieren. Seine Analyse kritisiert sowohl den Idealismus
als auch den Materialismus, indem sie beide als historisch spezifischen,
verdinglichten und entfremdeten Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnissen
begründet.
"
(S. 265)
| [Gesellschaftliche Verhältnisse sind materiell !] |
4.9 Gesellschaftliche Verhältnisse, Arbeit und Natur(» K)
|
"
Der Marxschen Kapitalismusanalyse zufolge konstituiert der Doppelcharakter der
warenförmigen Arbeit also eine gesellschaftliche Welt, die durch eine konkrete
und eine abstrakte Dimension gekennzeichnet ist. Erstere erscheint als
mannigfaltig gestaltete Oberfläche unmittelbarer sinnlicher Erfahrung, letztere
existiert allgemein, homogen und abstrahiert von jeder Besonderheit.
Beiden aber wird durch die Selbstvermittlung der Arbeit im Kapitalismus ein
objektiver Charakter verliehen. Die konkrete Dimension wird in dem Sinne als
objektive konstituiert, insofern sie objekthaft, >materiell< oder
>dinglich<
ist. Auch die abstrakte Dimension bat eine objektive Qualität, in dem Sinn, daß
sie eine qualitativ homogene, allgemeine Sphäre abstrakter Zwangsnotwendigkeit
ist, die gesetzmäßig, unabhängig vom Willen funktioniert.
"
(S. 270)
| [Die Materialität der konkreten (stofflich) UND abstrakten (gesell) Seite] |
|
"
Das Verhältnis zwischen diesen beiden Welten der Objektivität kann dann als das
zwischen Wesen und Erscheinung konstruiert werden oder als das eines Gegensatzes
(wie dies historisch zum Beispiel im Gegensatz zwischen romantischen und
positiv-rationalen Denkweisen zum Ausdruck kam).
"
(S. 270)
| [Das Verh. dieser beiden Objektivitäten ist Wesen und Erscheinung] |
|
"
(Fussnote 38)
Die Aufhebung nicht-bewußter gesellschaftlicher Zwänge in einer emanzipierten
Gesellschaft würde also bedeuten, die säkularisierte Arbeit von ihrer Rolle als
gesellschaftlicher Vermittlerin zu >befreien<. Die Menschen könnten dann
auf
eine Weise über die Arbeit und ihre Produkte verfügen, die sowohl von den
traditionellen gesellschaftlichen Beschränkungen als auch von den entfremdeten
objektiven gesellschaftlichen Zwängen frei wäre. Andererseits könnte die Arbeit,
auch wenn sie säkular ist, wieder mit Bedeutung aufgeladen werden nicht als
Resultat nicht-bewußter Tradition, sondern wegen ihrer erkannten
gesellschaftlichen Relevanz und weil die Individuen in ihr Sinn und
substantielle Befriedigung finden können.
"
(S. 270)
| [Möglichkeit der Aufhebung] |
|
"
Diese Form ist nicht die von qualitativ spezifischen Gegenständen, sondern
beruht auf Abstraktion und kann mathematisch erfaßt werden. Sie besitzt
>formale< Charakteristika. Waren sind sowohl besondere, sinnliche
Gegenstände
(und werden als solche vorn Käufer bewertet) als auch Werte: bei all dem handelt
es sich um Momente einer abstrakt homogenen Substanz, die mathematisch
teilbar
und meßbar ist (zum Beispiel in bezug auf Zeit und Geld).[Herv. v. P.H.]
"
(S. 271f)
| [Der Wert ist mathematisch teilbar und meßbar in der Zeit] |
|
"
In gleicher Weise existiert in der klassischen modernen Naturwissenschaft hinter
der konkreten Welt mannigfaltiger qualitativer Erscheinungen eine Welt, die aus
einer ihnen gemeinsamen, sich bewegenden Substanz besteht, die >formale<
Qualitäten besitzt und mathematisch erfaßt werden kann. Beide Ebenen sind
>säkularisiert<. Die Ebene des der Realität zugrundeliegenden Wesens ist
ein
>objektiver< Bereich in dem Sinne, als er von Subjektivität unabhängig ist
und
nach Gesetzen operiert, die von der Vernunft erfaßt werden können. Wie der Wert
der Ware eine Abstraktion von ihren Qualitäten als Gebrauchswert ist, so besteht
zum Beispiel für Descartes die wahre Natur aus ihren »primären Qualitäten«: das
sind die beweglichen materiellen Körper, die nur durch die Abstraktion von der
Erscheinungsebene qualitativer Besonderheiten (den »sekundären Qualitäten«)
erfaßt werden können. Diese Erscheinungsebene ist eine Funktion der
Sinnesorgane, des »Auges des Sehenden«. Objektivität und Subjektivität, Geist
und Körper, Form und Inhalt sind substantiell verschieden und einander
entgegengesetzt konstituiert. Von nun an ist die Frage offen, wie sie
aufeinander bezogen sind - sie müssen vermittelt werden.
"
(S. 272)
| [Wert ist Wesenhaft wie in der Naturwissenschaft das Objektive] |
|
"
Es geht hier nur um den Hinweis, daß sich die Naturauffassungen und die
Paradigmen der Naturwissenschaften gesellschaftlich und historisch begründet
lassen. Ich werde bei der Erörterung des Problems der abstrakten Zeit auf einige
erkenntnistheoretische Implikationen der Kategorien zu sprechen kommen, das
Verhältnis der Naturauffassungen zu ihrem gesellschaftlichen Kontext jedoch
nicht näher ausführen. Es sollte aber klar sein, daß meine Position sehr wenig
mit jenen Theorien zu tun hat, die den gesellschaftlichen Einfluß auf die
Wissenschaft in einem unmittelbaren Sinne - über Gruppen- oder
Klasseninteressen, beziehungsweise >-prioritäten< usw. - verstehen. Auch
wenn
diese unmittelbare Einflußnahme für die Untersuchung der Anwendung von
Wissenschaft durchaus relevant sein dürfte, kann der Bezug darauf den
Naturauffassungen oder wissenschaftlichen Paradigmen selbst nicht gerecht
werden.
"
(S. 273)
| [Abgrenzung vom Zusammenhang Klasseninteresse und zb Naturwissenschaft] |
|
"
Die nicht-funktionalistische soziohistorische Erkenntnistheorie, die der
Marxschen Kritik implizit zugrundeliegt, geht davon aus, daß die Art, wie die
Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft die Welt wahrnehmen und verstehen,
durch die Form ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse - verstanden als
strukturierte Form alltäglicher gesellschaftlicher Praxis - geprägt wird. Mit
>Widerspiegelungstheorie< hat dies wenig gemein.
"
(S. 273)
| [Keine Widerspiegelungstheorie] |
{ Dieser Einwurf ist mit Verlaub lächerlich. Mit welcher Fragwürdigkeit versuchen die Menschen ihre Produktion in adäquater Weise zu erfassen? Der verschränkte Prozess zwischen kategorialer Entwicklungsbewegung und der Realbewegung dürfte doch klar sein. (d.V.)}
|
"
Die gesellschaftliche Synthesis wird in der vorliegenden Studie nie als eine
Funktion der >Arbeit< betrachtet, sondern als Form der gesellschaftlichen
Verhältnisse, in denen Produktion stattfindet. Die Arbeit bewirkt diese Funktion
ausschließlich im Kapitalismus - als Ergebnis der historisch spezifischen
Qualität, die wir anläßlich der Untersuchung der Warenform enthüllt haben.
"
(S. 276)
| [Formaspekt der Arbeit im Kapitalismus] |
4.10 Arbeit und instrumentelles Handeln(» K)
|
"
Wie wir gesehen haben, ist warenförmige Arbeit als konkrete Arbeit ein Mittel
zur Herstellung eines besonderen Produkts. Darüber hinaus und wesentlicher ist
sie - als abstrakte Arbeit - selbst vermittelnd: sie ist ein
gesellschaftliches
Mittel, um Produkte von anderen zu erwerben. Somit wird von den Produzenten
in bezug auf ihr konkretes Produkt von der Arbeit abstrahiert: sie dient ihnen
als
reines Mittel, als Instrument, um Produkte zu erwerben, die keine innere
Beziehung zum substantiellen Charakter der produktiven Tätigkeit unterhalten,
mittels derer sie erworben werden.
"
(S. 279)
| [Doppelcharakter - Arbeit als Instrument zum Erwerb] |
|
"
Der Prozeß der Instrumentalisierung ergibt sich aus dem Doppelcharakter der
Arbeit im Kapitalismus logisch, infolge der Verwandlung der Menschen zu Mitteln
wird er auch noch außerordentlich intensiviert. Wie ich zeigen werde, ist die
erste Stufe dieser Verwandlung die, daß die Arbeit selbst - als Arbeitskraft -
zur Ware wird (von Marx die »formelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital«
genannt), was nicht zwangsläufig auch die materielle Form der Produkte
transformiert. Die zweite Stufe (die »reelle Subsumtion der Arbeit unter das
Kapital«) ist erreicht, wenn der Prozeß der Mehrwertproduktion den Arbeitsprozeß
nach seinem Bilde formt. (Marx 1969, 60 f.) Mit der reellen Subsumtion prägt das
Ziel kapitalistischer Produktion - das in Wirklichkeit ein Mittel ist - die
materiellen Mittel seiner Verwirklichung.
"
(S. 281)
| [Instrumentalisierung ergibt sich aus dem Doppelcharakter] |
|
{ Es muß unterschieden werden zwischen der Instrumentalisierung, die jeder Teleologie gemein ist, also auch ein transhistorisches Moment der Arbeit als solcher darstellt und andererseits, der speziellen "abstrakten" Mehrwertorientierung in der kapitalistischen Produktion. Das hier Produktion um der Produktion willen betrieben wird ist selbst ein realer Schein. Selbstverständlich muß die stoffliche Reproduktion der Gesamtgesellschaft als solcher gewährleistet sein, auch im Kapitalismus. Das dies hinter dem Rücken der Produzenten und der Theoretiker passiert und nicht als solches erscheint, könnte mit M.P.'s eigenen Argumenten von der notwendigen Verkehrtheit des notwendigen Scheines nachgewiesen werde. (d.V.)} | [Der Schein der Produktion um der Produktion willen] |
{ Und dies stimmt gerade nicht. Gerade über die Preise gibt sich auch eine bestimmte und begrenzte und natürlich vermittelte Notwendigkeit einer Ware bezüglich der stofflichen Reproduktion kund. Diese Seite drücken diese Kritiker gerne weg. (d.V.)}
4.11 Abstrakte und substantielle Totalität(» K)
|
"
In der Marxschen Analyse ist die Tatsache, daß der Kapitalismus durch eine ihm
immanente historische Dynamik gekennzeichnet ist, der Form abstrakter Herrschaft
geschuldet, die der Wertförmigkeit des Reichtums und der gesellschaftlichen
Vermittlung innewohnt. Das Wesen dieser Dynamik besteht in einem sich
fortwährend beschleunigenden Prozeß der Produktion um der Produktion willen. Was
den Kapitalismus auszeichnet, ist, daß - auf einer tiefen systemischen Ebene -
die Produktion nicht um der Konsumtion willen stattfindet. Diese Produktion wird
letztlich durch ein System abstrakter, vom Doppelcharakter der Arbeit im
Kapitalismus konstituierter Zwänge angetrieben, das sich die Produktion als ihr
eigenes Ziel setzt.
"
(S. 284)
| [Produktion nicht der Konsumtion wegen] |
{ Hier wird abstrakt Schein und Wirklichkeit verwechselt und konkreter die Formbestimmung der Produktion mit ihrer Inhaltsbestimmung. (d.V.)}
|
"
Dort wird gezeigt, daß die durch das Kapital zum Ausdruck gebrachte
gesellschaftliche Totalität ebenfalls einen >Doppelcharakter< - einen
abstrakten
und einen substantiellen - besitzt, der in den zwei Dimensionen der Warenform
verankert ist. Im Unterschied zu den beiden Seiten der Ware sind in der mit dem
Kapital entfalteten Totalität beide gesellschaftliche Dimensionen der
Arbeit
entfremdet und treten den Individuen gemeinsam als einheitliche Zwangsgewalt
gegenüber. Diese Dualität ist der Grund, warum diese Totalität nicht statisch,
sondern aus sich heraus widersprüchlich ist, weshalb sie einer immanenten,
historisch richtungsgebundenen Dynamik unterliegt.
"
(S. 195)
| [Doppelcharakter der Totalität als treibendes Moment] |
|
"
Da sie im Doppelcharakter der warenförmigen Arbeit verankert ist, ist die
entfremdete gesellschaftliche Totalität nicht, wie zum Beispiel Adorno es sieht,
die Identität, die in sich das gesellschaftlich Nicht-Identische inkorporiert
und so das Ganze zu einer widerspruchslosen Einheit werden ließe - wodurch sich
die Herrschaft universalisiere (1973). Um meine Behauptung zu stützen, daß die
Totalität in sich widersprüchlich ist, wird zu zeigen sein, daß sie ihrem Wesen
gemäß eine widersprüchliche Identität von Identität und Nicht-Identität bleibt
und nicht zu einer einheitlichen Identität geworden ist, die das
Nicht-Identische vollkommen assimiliert habe.
"
(S. 195)
| [Zu Adorno - Widersprüchlichkeit der Totalität selbst] |
|
"
Auf der Grundlage dieser Auseinandersetzung werde ich auf die Unterschiede
zwischen Wert und stofflichem Reichtum eingehen und beginnen können, die Frage
der Zeitlichkeit des Kapitalismus zu untersuchen - um so das Fundament für
meine, im letzten Teil dieser Studie erörterte Marxsche Vorstellung der
Verlaufsform der kapitalistischen Entwicklung zu legen. Auf dem Weg dorthin
werde ich zudem weitere Aspekte der oben bereits umrissenen soziohistorischen
Erkenntnis- und Subjektivitätstheorie entfalten, die eine kritische Untersuchung
der Marxkritik von Jürgen Habermas erlauben und die meine Diskussion der
Entwicklung der Kritischen Theorie - als einen Versuch, eine dem 20. Jahrhundert
adäquate Gesellschaftskritik zu formulieren -abschließen wird. Sodann werde ich
mit der Rekonstruktion der Marxschen Kategorie des Kapitals beginnen können.
"
(S. 287)
| [Weiteres Vorgehen] |
|
"
Die Analyse des Werts als einer historisch spezifischen gesellschaftlichen Form
hätte jedoch auch die Begriffe zu tangieren, in denen die Wertgröße erfaßt
wird.1 Marx schreibt nicht nur - wie häufig zitiert wurde-, daß die politische
Ökonomie »niemals auch nur die Frage gestellt hat, warum sich Arbeit im Wert
darstellt«, er fragt auch, warum sich »das Maß der Arbeit durch ihre Zeitdauer
in der Wertgröße des Arbeitsprodukts darstellt« (MEW 23, 95). Mit der zweiten
Frage ist unterstellt, daß es nicht damit getan ist, die Wertform nur qualitativ
zu untersuchen, und dabei das Problem der Wertgröße auszublenden - auch
letzteres verlangt eine qualitative Gesellschaftsanalyse.
"
(S. 288)
| [Qualität der Wertquantität] |
|
"
Rubin gelangt zu einer ähnlichen Feststellung:
Der Hauptirrtum der Mehrheit der Marxkritiker besteht in: 1) ihrem völligen Unvermögen, die qualitativ soziologische Seite der Marxschen Werttheorie zu erfassen und 2) ihrer Beschränkung der quantitativen Seite auf die Untersuchung von Tauschraten... Sie verkennen die quantitativen Wechselbeziehungen zwischen den Mengen gesellschaftlicher Arbeit, die unter verschiedenen Produktionszweigen und Unternehmen aufgeteilt werden. Die Wertgröße ist ein Regulator der quantitativen Verteilung gesellschaftlicher Arbeit. (1972, 73ff.) [Herv v. P.H.] " (S. 289) | [Wertgröße als Regulator der Arbeitsmengen bei Rubin] |
|
"
Wenn aber die Kategorien Wert und Wertgröße lediglich im Hinblick auf die
fehlende bewußte gesellschaftliche Steuerung der Verteilung im Kapitalismus
interpretiert werden, dann bedeutet dies, die historische Negation des
Kapitalismus nur im Sinne öffentlicher Planung unter Abwesenheit des
Privateigentum zu begreifen. Dies aber liefert keine adäquate Grundlage für eine
kategoriale Kritik der kapitalförmigen Produktionsform. Die Marxsche Analyse der
Wertgröße ist jedoch integraler Bestandteil genau dieser Kritik: sie enthält
eine qualitative Bestimmung des Verhältnisses von Arbeit, Zeit und
gesellschaftlicher Notwendigkeit in der kapitalistischen Gesellschaftsformation.
Im Zuge der Untersuchung der zeitlichen Dimension der Marxschen Kategorien werde
ich meine Behauptung untermauern können, daß das Wertgesetz, weit davon
entfernt, eine Theorie des Gleichgewichts der auf den Märkten wirksamen
Mechanismen zu formulieren, sowohl eine historische Dynamik als auch eine
besondere materielle Form der Produktion unterstellt.
"
(S. 289)
| [Kritik am Wert als Regulator] |
{ Da hat er recht, aber hier wird wieder Regulatorfunktion und Marktgleichgewicht gleichgesetzt. Damit wäre natürlich der Kritikhorizont von Marx hinterschritten. Aber diese Regulatorfunktion wirft M.P. damit gleichzeitig weg und damit meiner Analyse nach den Inhalt des Wertes. Auch tritt bei ihm die objektive Seite, die Notwendigkeiten des Produktionsprozesses selbst völlig in den Hintergrund, hinter der historisch selbstverständlich wichtigen Formbestimmtheit. Das drückt sich darin aus, dass er auch "quasi-objektiv" anstatt objektiv sagt und damit zurecht auf das Trennende eines gesellschaftlich Objektiven und zb stofflich objektiven hindeutet, aber das Identische ''beider'' Objektivitäten wäre hier zu betonen. (d.V.)}
|
"
Stofflicher Reichtum vermittelt sich gesellschaftlich nicht selbst: wo er die
vorherrschende gesellschaftliche Form des Reichtums ist, wird er durch offene
gesellschaftliche Beziehungen >bewertet< und verteilt - aufgrund
traditioneller
gesellschaftlicher Bindungen, Machtverhältnissen, bewußter Entscheidungen,
Nützlichkeitserwägungen und anderem mehr. Die Dominanz stofflichen Reichtums als
der gesellschaftlichen Form des Reichtums ist mit einer manifesten
gesellschaftlichen Form der Vermittlung verbunden.
"
(S. 290)
| [Vorkapitalistische Verteilung des Reichtums] |
|
"
Wenn die Arbeit selbst als das allgemeine, quasi-objektive Mittel zur
Vermittlung der Produkte agiert, konstituiert sich ein allgemeines,
quasi-objektives Maß des Reichtums, das von der Besonderheit der Produkte
und
somit von manifesten gesellschaftlichen Bindungen und Zusammenhängen unabhängig
ist. Marx zufolge ist dieses Maß die gesellschaftlich notwendige Verausgabung
menschlicher Arbeitszeit. Wie wir sehen werden, handelt es sich dabei um eine
bestimmte, >abstrakte< Form der Zeit. Wegen des vermittelnden Charakters
der
Arbeit im Kapitalismus hat auch deren Maß einen gesellschaftlich vermittelnden
Charakter. Die Form des Reichtums (Wert) und sein Maß (abstrakte Zeit) werden
durch Arbeit im Kapitalismus als >objektive< gesellschaftliche
Vermittlungen konstituiert.[Herv v. P.H.]
"
(S. 291)
| [Allgemeines quasi-objektives Mass - abstrakte Zeit] |
|
"
In ähnlicher Weise bezieht sich die Kategorie der Wertgröße zugleich auf eine
Abstraktion von den physischen Quantitäten der ausgetauschten Produkte wie auf
die Reduktion auf einen nicht-manifesten gemeinsamen Nenner - die für ihre
Produktion aufgewandte Arbeitszeit. Im vierten Kapital wurden einige
erkenntnistheoretische Implikationen der Marxschen Warenformanalyse
angesprochen, die ich als Analyse strukturierter Formen von Alltagspraxis
verstehe und die einen fortwährenden Prozeß der Abstraktion von der konkreten
Besonderheit von Gegenständen, Tätigkeiten und Individuen sowie deren Reduktion
auf einen allgemeinen, >wesentlichen< gemeinsamen Nenner beinhalten.
"
(S. 292)
| [Abstraktionsprozeß als Alltagspraxis auf wesentlich gemeinsamen Nenner] |
{ Dem muß in dieser Abstraktheit vehement widersprochen werden, die Vermittlung ist als Durchschnittsbewegung angegeben. (d.V.)}
|
"
Wie im 4. Kapitel dieser Studie dargelegt, ist die Argumentation im Kapital der
Darstellungsweise, das heißt der vollen Entfaltung der Kategorien immanent.
Darin soll, was entfaltet wird, rückwirkend rechtfertigen, was ihm voranging und
aus dem es logisch entwickelt wurde. Wir werden sehen, daß Marx seine
Behauptung, die Wertgröße sei durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit
bestimmt, rückwirkend stützt, wenn er - auf der Grundlage seiner
Ausgangsbestimmungen des Werts und dessen Maß - den kapitalistischen
Produktionsprozeß und die Verlaufsform seiner Entwicklung analysiert. Seine
Argumentation zielt dabei darauf, die zeitliche Bestimmung der Wertgröße als
eine kategoriale Bestimmung sowohl der Produktion als auch der Dynamik des
Ganzen zu rechtfertigen, und nicht nur - wie es zunächst scheinen mag - als eine
Bestimmung allein der Steuerung des Tauschs.
"
(S. 292)
| [Rückwirkend stützende Entwicklung der Kategorien] |
5.2 Abstrakte Zeit und gesellschaftliche Notwendigkeit(» K)
|
"
Marx definiert gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit folgendermaßen:
Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist Arbeitszeit, erheischt, um
irgendeinen Gebrauchswert mit den vorhandenen gesellschaftlich-normalen
Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen Durchschnittsgrad an Geschick
und Intensität der Arbeit darzustellen.
(MEW 23, 53)
"
(S. 293)
"
Die Bestimmung der Wertgröße einer Ware durch die gesellschaftlich notwendige
oder durchschnittliche Arbeitszeit zeigt an, daß der Bezugspunkt die
Gesellschaft als ganze ist. Das Problem, wie dieser Durchschnitt
konstituiert
wird - er wird durch »einen gesellschaftlichen Prozeß hinter dem Rücken der
Produzenten festgesetzt... und (scheint) ihnen daher durch das Herkommen
gegeben« (MEW 23, 59) - soll hier nicht erörtert werden, aber bemerkt werden
soll doch, daß dieser »gesellschaftliche Prozeß« eine
gesellschaftlich-allgemeine Vermittlung individueller Handlungen beinhaltet.
Infolge dieser individuellen Handlungen konstituiert sich eine allgemeine
äußerliche Norm, die reflexiv auf jedes Individuum einwirkt.
"
[Herv. v. P.H.] (S. 293)
{ Gerade diese Konstitution des Durchschnitts ist der Kern und wird im dritten Band bis zur Oberfläche der Kategorien hin geleistet. Bemerkenswert, dass der Durchschnitt in Folge völlig aus dem Blickfeld gerät, wobei selbstverständlich die Hervorhebung des gesellschaftlich speziphischen der Form notwendig ist. (d.V.)} | [Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit als Durchschnitt und überindividuelle Norm] |
|
"
Die für die Produktion einer bestimmten Ware verausgabte Zeit wird auf
gesellschaftlich-allgemeine Weise vermittelt und in einen Durchschnitt
umgewandelt, der die Wertgröße des Produkts bestimmt. Somit drückt die Kategorie
der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit eine allgemeine zeitliche
Norm aus,
die aus den Handlungen der Produzenten resultiert und nach der diese sich zu
richten haben. Wer überleben will, ist nicht nur gezwungen, Waren zu produzieren
und auszutauschen, sondern diese Zeit muß darüber hinaus auch - wenn man den
>vollen Wert< seiner Arbeitszeit erhalten will - mit der zeitlichen Norm
übereinstimmen, die als gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ausgedrückt
wird. Als Kategorie der Totalität bringt die gesellschaftlich notwendige
Arbeitszeit eine quasi-objektive gesellschaftliche Notwendigkeit zum Ausdruck,
die den Produzenten gegenübertritt. Es ist die der abstrakten Herrschaft
innewohnende Zeitdimension, welche die Strukturen entfremdeter
gesellschaftlicher Beziehungen im Kapitalismus kennzeichnet. Die von der Arbeit
als objektive allgemeine Vermittlung konstituierte gesellschaftliche Totalität
ist durch eine Zeitlichkeit charakterisiert, worin Zeit zur Notwendigkeit wird.
[Herv. v. P.H.]
"
(S. 195)
| [Durchschnitt als Normzwang, Ausdruck der Totalität und quasi-objektive gesellschaftliche Notwendigkeit] |
|
"
Obwohl der Wert durch die Produktion besonderer Waren konstituiert wird, leitet
sich, reflexiv gesehen, ihre Wertgröße aus einer vorausgesetzten, allgemein
gesellschaftlichen Norm ab. Mit anderen Worten, der Wert einer Ware stellt ein
individuiertes Moment einer allgemeinen gesellschaftlichen Vermittlung dar.
Seine Größe hängt nicht von der für die Produktion einer bestimmten Ware
tatsächlich benötigten Arbeitszeit ab, sondern von der allgemeinen
gesellschaftlichen Vermittlung, die in der Kategorie der gesellschaftlich
notwendigen Arbeitszeit ihren Ausdruck findet. Anders als das Maß des
stofflichen Reichtums, das von der Quantität und der Qualität besonderer Güter
abhängt, drückt das Maß des Werts ein bestimmtes Verhältnis aus - ein
Verhältnis
zwischen dem Besonderen und dem Abstrakt-Allgemeinen, das die Form eines
Verhältnisses zwischen einem Einzelmoment und der Totalität hat. Beide Seiten
dieses Verhältnisses werden durch Arbeit konstituiert, die als produktive und
als gesellschaftlich vermittelnde Tätigkeit fungiert. Dieser Doppelcharakter der
Arbeit liegt dem quasi-objektiven, abstrakt zeitlichen Maß gesellschaftlichen
Reichtums im Kapitalismus zugrunde. In ihm entsteht der Gegensatz zwischen dem
Spektrum der besonderen Produkte (beziehungsweise Arbeiten) auf der einen Seite
und der abstrakt allgemeinen Dimension, die durch diese besonderen Arbeiten
konstituiert wird (und die wiederum diese konstituiert), auf der anderen.
"
(S. 294f)
| [Wert einer Ware als individuelles Moment einer allg. gesell. Vermittlung - Besonderes//abstr. Allg.] |
5.3 Wert und stofflicher Reichtum(» K)
|
"
Erhöhte Produktivität führt zu einer Abnahme des Werts jeder produzierten Ware,
da weniger gesellschaftlich notwendige Arbeit verausgabt wird. Daraus folgt, daß
der in einer bestimmten Zeitspanne (zum Beispiel in einer Stunde) erzielte
Gesamtwert konstant bleibt. Die umgekehrt proportionale Beziehung zwischen der
durchschnittlichen Produktivität und der Wertgröße einer einzelnen Ware ist eine
Funktion des Umstands, daß die Größe des produzierten Gesamtwerts allein von der
Menge der verausgabten abstrakt menschlichen Arbeitszeit abhängt. Veränderungen
der durchschnittlichen Produktivität lassen den in den gleichen Zeitperioden
geschaffenen Gesamtwert unverändert.
"
(S. 297)
| [Konstanz des Gesamtwertes bzgl. der Zeit(einheiten)] |
|
"
Doch dürfte klar geworden sein, daß die Marxsche Kategorie Wert nicht bloß den
stofflichen Reichtum darstellt, der im Kapitalismus über den Markt vermittelt
wird. Qualitativ und quantitativ sind Wert und stofflicher Reichtum vielmehr
zwei vollkommen verschiedene Formen des Reichtums, Formen, die sogar im
Gegensatz zueinander stehen können:
Ein größres Quantum Gebrauchswert bildet an und für sich größren stofflichen
Reichtum, zwei Röcke mehr als einer. Mit zwei Röcken kann man zwei Menschen
kleiden, mit einem Rock nur einen Menschen usw. Dennoch kann der steigenden
Masse des stofflichen Reichtums ein gleichzeitiger Fall seiner Wertgröße
entsprechen. (MFW 23, 60)
"
(S. 298)
| [Verhältnis stofflichem Reichtum und Wert] |
|
"
Anders gesagt hat die konkrete Dimension der Arbeit einen gesellschaftlichen
Charakter, der durch die gesellschaftliche Organisation und das
gesellschaftliche Wissen geprägt wird und Aspekte davon enthält - was ich den
>gesellschaftlichen Charakter der Arbeit als produktive Tätigkeit< genannt
habe
- und beschränkt sich nicht auf die Verausgabung unmittelbarer Arbeit.
Produktivität ist bei Marx Ausdruck dieses gesellschaftlichen Charakters,
Ausdruck der erworbenen produktiven Fähigkeiten der Menschheit. Sie hängt von
der konkreten gesellschaftlichen Dimension der Arbeit ab, und nicht von Arbeit,
insofern diese eine historisch spezifische Vermittlung konstituiert.
"
(S. 299)
| [Gesell. Charakter der konkreten Arbeit] |
|
"
Das Eigentümliche am Wert ist, daß er, obwohl eine Form des Reichtums, nicht
unmittelbar die Beziehung des Menschen zur Natur ausdrückt, sondern das
Verhältnis der Menschen unter einander, so wie es durch Arbeit vermittelt wird.
Marx zufolge hat die Natur an der Konstitution des Werts unmittelbar gar keinen
Anteil (MEW 23, 62). Als gesellschaftliche Vermittlung wird Wert allein durch
(abstrakte) Arbeit konstituiert: er ist eine Vergegenständlichung der historisch
spezifischen Gesellschaftlichkeit der Arbeit im Kapitalismus als
gesellschaftlich vermittelnder Tätigkeit, als >Substanz< entfremdeter
Verhältnisse. Seine Größe ist demnach kein unmittelbarer Ausdruck des erzeugten
Produktquantums oder der dabei genutzten Naturkräfte, sondern er ist allein eine
Funktion abstrakter Arbeitszeit. Mit anderen Worten: Obwohl steigende
Produktivität einen Zuwachs an stofflichem Reichtum zeitigt, erbringt sie keinen
Zuwachs an Wert pro Zeiteinheit.
"
(S. 299f)
| [Wert als gesellschaftliche Vermittlung] |
|
"
Der Unterschied zwischen Wert und stofflichem Reichtum, als Ausdrücke der zwei
Dimensionen der Arbeit, betrifft das Problem des Verhältnisses zwischen Wert
beziehungsweise Technologie und dem Grundwiderspruch des Kapitalismus.
Die Marxsche Auseinandersetzung mit der Maschinerie sollte im Kontext seiner
Analyse des Werts als einer historisch spezifischen, von stofflichem Reichtum
verschiedenen Form des Reichtums gesehen werden. Obwohl Marx zufolge Maschinen
den stofflichen Reichtum vermehren, schaffen sie keinen neuen Wert. Sie
übertragen nur die in ihre Produktion eingegangene Wertmenge (die unmittelbare
Arbeitszeit) auf die mit ihnen produzierten Waren oder vermindern indirekt den
Wert der Arbeitskraft (indem sie den Wert der Waren verringern, die die Arbeiter
konsumieren) und vermehren dadurch die Wertmasse, die sich die Kapitalisten als
Mehrwert aneignen können. (MEW 42, 597 f) Daß Maschinen keinen neuen Wert
schaffen, ist weder ein Paradox noch Indiz eines reduktionistischen Beharrens
von Marx auf dem Primat unmittelbarer menschlicher Arbeit als dem wesentlichen,
von technischen Fntwicklungen unabhängigen gesellschaftlichen Konstituens des
Reichtums. Dies basiert vielmehr auf dem Unterschied zwischen stofflichem
Reichtum und Wert, einem Unterschied, der dem zugrundeliegt, was Marx als
wachsenden Widerspruch zwischen den beiden, durch die Warenform ausgedrückten
gesellschaftlichen Dimensionen analysiert.
"
(S. 301)
| [Maschinen schaffen keinen Wert] |
|
"
(Fussnote 3)
Es wäre zu zeigen, wie Menschen, die auf der Grundlage von Erscheinungsformen
handeln, die die zugrundeliegenden wesentlichen Strukturen des Kapitalismus
verdecken, eben diese Strukturen rekonstituieren. Diese Darstellung würde
zeigen, wie diese Strukturen, als durch ihre Erscheinungsformen vermittelte,
nicht nur Praxisformen konstituieren, die gesellschaftlich konstitutiv sind,
sondern dies auch auf eine Weise, die der Gesellschaft als ganzer eine bestimmte
Dynamik und spezifische Zwänge auferlegt.
"
(S. 301)
| [Handeln auf Erscheinungseben reproduziert die Wesensebene] |
{ Dies angewandt auf die gesellschaftliche Reproduktion bedeutet, dass obwohl es scheinbar Produktion um der Produktion willen ist, trotzdem die Gesamtreproduktion gewährleistet werden muß. Dass dies real mit unglaublicher Verschwendung, Not und Elend einhergeht ist genauso wahr, wie es verdeckt, dass trotzdessen die Gesellschaft sich produktiv weiterentwickelt, bzw. noch schlimmer. Not und Elend sind unter dieser geschichtlich besonderen Form der Gesellschaft notwendige Voraussetzung der Weiterentwicklung. Dynamik im Kapitalimus heißt nämlich, die Reproduktion des Kapitals ist schon Akkumulation, dh Weiterentwicklung ('Kapital' Bd.I) (d.V.)}
|
"
Wie festgestellt bringt Produktivitätszuwachs nicht auch eine größere Wertmasse
pro Zeiteinheit hervor. Aus diesem Grund erhöhen alle Mittel, die die
Produktivität steigen lassen, etwa angewandte Wissenschaft und Technologie -
nicht die pro Zeiteinheit erzielte Wertmenge, wohl aber vermehren
sie erheblich
die Menge des produzierten stofflichen Reichtums.4 Der zentrale Widerspruch des
Kapita
"
(S. 302)
| [Absolute Zuspitzung des Widerspruchs der Reichtumsform Wert zur Produktivität der Gesellschaft - konstante Wertmasse//gigantischer Warenmasse] |
{ Dies ist ein wichtiger Punkt, der zum Beispiel den Wertwissenschaftlern total ab geht und zeigt, dass diese im Gegensatz zu M.P. an der Oberfläche kleben bleiben, bzw. Marx versuchen an diese zu zerren. (d.V.)}
|
"
Als >konkret< bezeichnen werde ich die verschiedenen Arten von Zeit, die
von
Ereignissen abhängen: sie beziehen sich auf naturgegebene Zyklen und
Periodizitäten des menschlichen Lebens sowie auf besondere Aufgaben oder
Prozesse (etwa die Zeit, die man zum Reiskochen benötigt, oder um ein
Vaterunser aufzusagen) und werden durch diese verstanden (Thompson 1980, 36)6.
"
(S. 195)
| [Konkrete Zeit, als von Ereignissen abhängig - eine anhängige Variable] |
{ Meine Zeitvorstellung ist dann nur konkret, wir können Zeiten nur in Referenz auf parallele Prozesse messen. Somit gibt es keine von Ereignissen unabhängige Zeit. Hier lauert wieder ein Logizismus, der Zeit nicht als Bewegungsform der Materie begreifen kann. Sie ist objektiv, also relativ unabhängig, aber eben nur in der Bewegung, als deren Form existent. M.P. begreift sie dagegen wohl eher als Erkenntnisform gleich Kant. Sonst könnte er nich fragen, wann die abstrakte Zeit entstanden wäre, vor allem wann eine Zeit entstanden ist. Zeit und die sich wandelnden Vorstellungen von ihr durchmischen sich einfach. (d.V.)}
|
"
>Abstrakte Zeit< dagegen, unter der ich gleichförmige, kontinuierliche,
homogene, >leere< Zeit verstehe, ist unabhängig von Ereignissen. Die
Vorstellung von abstrakter Zeit, die sich in Westeuropa zwischen dem 14. und 17.
Jahrhundert zunehmend durchsetzte, fand am eindringlichsten seinen Ausdruck in
der Newtonschen Formulierung von der »absoluten, wahren und mathematischen Zeit,
[die] ohne jede Beziehung zu irgendetwas Äußerem völlig gleich fließt« (Isaac
Newton>). Abstrakte Zeit ist eine unabhängige Variable. Sie konstituiert einen
unabhängigen Rahmen, in dem Bewegung, Ereignisse und Handlungen auftreten. Diese
Zeit ist in gleiche, konstante, nicht-qualitative Einheiten aufteilbar.
"
(S. 309f)
| [Abstrakte Zeit, als von Ereignissen abhängig - eine unanhängige Variable] |
|
"
Abstrakte Zeit ist also historisch einzigartig - aber unter welchen Bedingungen
ist sie entstanden?
... Die Ursprünge abstrakter Zeit sollten in der Vorgeschichte des Kapitalismus, im Spätmittelalter gesucht werden. ... Spezifischer ausgedrückt sollten die historischen Ursprünge der Vorstellung von abstrakter Zeit auf die Konstitution der gesellschaftlichen Wirklichkeit einer solchen Zeit im Verlauf der Ausbreitung der Warenförmigkeit gesellschaftlicher Verhältnisse bezogen werden. " (S. 310)
"
Der historische Übergang von einer auf variablen zu einer auf konstanten Stunden
beruhenden Zeitmessung markiert die Entstehung abstrakter Zeit von Zeit als
einer unabhängigen Variablen.
"
(S. 311)
| [Abstrakte Zeit entsteht als Vorstellung, als Erfindung auf Grund der Organisation der Gesellschaft] |
|
"
Ich behaupte also, daß das Aufkommen einer solchen neuen Zeitform mit der
Entwicklung der Warenförmigkeit gesellschaftlicher Verhältnisse zusammenhängt.
Dieses hat seinen Grund nicht nur in der Sphäre der Warenproduktion, sondern
ebenso in der der Warenzirkulation. Mit der Organisation von Handelsnetzen um
das Mittelmeer und auf dem Herrschaftsgebiet der Hanse wurde Zeit als Maßstab
zunehmend bedeutsamer. Dies, weil die Arbeitszeitdauer in der Produktion zur
entscheidenden Frage wurde und weil es zunehmend wichtiger wurde, Faktoren wie
die Dauer einer Handelsreise oder die Fluktuation der Preise im Verlauf einer
kommerziellen Transaktion zu messen. (Le Goff 1977, 402; Piesowicz 1980, 477)
"
(S. 323)
| [Gesellschaftliche Notwendigkeit bringt abstrakte(s) Zeit(verständnis) hervor] |
{ Wenn schon soviel Mühe auf die geschichtliche Darstellung verwendet wird, so wäre wichtig, dass die Bestimmung der Breitengrade, bei anschwellendem Handel und Kollonialisierung immer wichtiger wurde und bares Geld versprach. Für diese navigatorische Leistung, waren lange genau gehende Chronometer unabdingbar. Die britische Gesellschaft schrieb darauf hin einen wohl dotierten Wettbewerb aus, den insbesondere auch das Militär sehr interessierte. So gebahr die gesellschaftliche Notwendigkeit die technologische Lösung. (d.V.)}
|
"
Die Gleichheit und Teilbarkeit konstanter, von der sinnlich wahrnehmbaren
Wirklichkeit wie Licht, Dunkelheit oder den Jahreszeiten abstrahierenden
Zeiteinheiten wurden ebenso zu einem Merkmal des täglichen Lebens in den Städten
(auch wenn dies sich nicht auf alle Bewohner gleichermaßen aus wirkte) wie die
damit verbundene Gleichheit und Teilbarkeit des in der Geldform ausgedrückten
und von der sinnlichen Wirklichkeit verschiedenartiger Produkte abstrahierten
Werts.
"
(S. 324f)
| [Abstraktheit und gleichförmige Teilbarkeit der Zeit, des Wertes in Form des Geldes] |
|
"
Die neue Zeit, die die - häufig vis à vis den Glockentürmen der Kirchen
errichteten - Uhrtürme verkündeten, war die Zeit, die mit einer neuen
gesellschaftlichen Ordnung assoziiert war; beherrscht von der Bourgeoisie, einer
Klasse, die die Städte nicht nur politisch und gesellschaftlich kontrollierte,
sondern auch schon damit begonnen hatte, der Kirche die kulturelle Hegemonie zu
entwinden (Le Goff 1984, 36; Bilfinger 1892, 160ff.; Gurjevich 1976, 241).
Anders als die konkrete Zeit der Kirche, einer manifest von einer
gesellschaftlichen Institution kontrollierte Zeitform, kommt der abstrakten
Zeit, wie auch anderen Aspekten der Herrschaft in der kapitalistischen
Gesellschaft, ein >objektiver< Charakter zu.
"
(S. 326)
| [Objektiver Charakter der abstrakten Zeit als REALER gesellschaftliche Zwangsnormierung] |
|
"
Obwohl das Quantum gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit, wie wir sehen
werden, eine abhängige Variable der Gesellschaft als ganzer ist, stellt sie im
Hinblick auf die Tätigkeit des Individuums eine unabhängige Variable dar. Dieser
Prozeß, in dessen Verlauf eine konkrete, abhängige Variable menschlicher
Tätigkeit zu einer abstrakten, unabhängigen Variablen wird, die diese Tätigkeit
beherrscht, ist real - und nicht illusorisch. Er ist dem Prozeß der durch Arbeit
bewirkten entfremdeten gesellschaftlichen Konstitution immanent.
"
(S. 372)
| [Bzgl. Individuum unabhängig ABER bzgl Gesellschaft abhängige Variable] |
|
"
Wenn ich dagegen von konkreter und abstrakter Zeit spreche, dann um zu betonen,
daß wir es mit zwei verschiedenen Arten von Zeit zu tun haben und nicht bloß mit
zwei verschiedenen Arten, Zeit zu messen. Zudem ist die abstrakte Zeit, wie ich
im 8. Kapitel ausführen werde, nicht die einzige in der kapitalistischen
Gesellschaft konstituierte Zeitform, denn hier wird auch eine eigentümliche Form
konkreter Zeit konstituiert. Wir werden sehen, daß die Dialektik
kapitalistischer Entwicklung - auf einer logischen Ebene - eine Dialektik
zweier, in der kapitalistischen Gesellschaft konstituierter Zeitformen ist und
deshalb im Sinne der Ablösung aller Formen konkreter Zeit durch abstrakte Zeit
nicht adäquat verstanden werden kann.
"
(S. 329)
| [Nich zwei versch. Arten des Zeitmessens, sondern Zeitformen selbst] |
5.5 Formen gesellschaftlicher Vermittlung und des Bewußtseins(» K)
|
"
Die Marxsche Bestimmung der Wertgröße wird hier so interpretiert, daß die Zeit
in ihr als unabhängige Variable, als homogene, absolute mathematische Zeit, die
in unserer Gesellschaft viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens
organisiert, gesellschaftlich konstituiert wurde. Die abstrakte mathematische
Zeit und den Begriff von ihr mit der Warenförmigkeit gesellschaftlicher
Verhältnisse zusammen zu bringen, ist ein Beispiel für die in dieser Studie
vorgelegte sozio-historischen Erkenntnis- und Subjektivitätstheorie. Diese
analysiert sowohl Objektivität wie auch Subjektivität als durch
historisch
spezifisch strukturierte Praxisformen gesellschaftlich konstituiert. Eine solche
Theorie transformiert das klassische erkenntnistheoretische Problem des
Subjekt-Objekt-Verhältnisses und führt zu einer Neuformulierung und Kritik
dieses Problems selbst.
[Herv. v. P.H.]
"
(S. 330)
| [Obj. wie Subj. als durch Praxisform konstituiert] |
|
"
Kant versteht Konstitution im Sinne der konstituierenden Rolle des Subjekts. Er
argumentiert, daß die Wirklichkeit an sich, das Noumenon, sich der menschlichen
Erkenntnis entziehe, und behauptet, daß unsere Erkenntnis der Dinge eine
Funktion der transzendentalen Kategorien a priori sei, welche die Wahrnehmung
organisieren. Das heißt in dem Maß, in dem unsere Erkenntnis und Wahrnehmung
durch diese subjektiven Kategorien organisiert sind, tragen wir zu
Konstituierung der Phänomene bei, die wir wahrnehmen. Dieser Konstitutionsprozeß
sei jedoch keine Funktion von Handlungen und beziehe sich nicht auf das Objekt.
Er sei vielmehr eine Funktion der subjektiven Erkenntnisstrukturen. Zeit und
Raum sind Kant zufolge solche transzendentale Kategorien a priori.
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(S. 195)
| [Kants subj. Konstitutionsprozess] |
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Ich habe schon dargelegt, wie er die gesamte Wirklichkeit, einschließlich der
Natur, als durch Praxis konstituiert behandelt - als Entäußerung, als Produkt
und Ausdruck des weltgeschichtlichen Subjekts: des Geistes, der im Laufe seiner
Entfaltung objektive Wirklichkeit als eine bestimmte Vergegenständlichung des
Selbst konstituiert, was reflexiv bestimmte Entwicklungen im Selbstbewußtsein
erzeugt.
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(S. 331)
| [Hegels Verschränktheit der Prozesse] |
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Die Marxsche Theorie der Konstitution durch Praxis ist zwar gesellschaftlich,
aber nicht in dem Sinn, daß in ihr die Welt gesellschaftlicher Objektivität
durch ein menschliches historisches Subjekt konstituiert wäre. Sie ist vielmehr
eine Theorie des Verfahrens, in dem Menschen Strukturen gesellschaftlicher
Vermittlung konstituieren, die ihrerseits Formen gesellschaftlicher Praxis
konstituieren.
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(S. 331)
| [Marx: Subj. und Obj. konstituieren sich in gesell. Praxis, sind innerlich verschränkt] |
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Die Theorie gesellschaftlicher Praxis im Kapitalismus im Spätwerk von Marx ist
also eine Theorie durch Arbeit konstituierter gesellschaftlicher Formen, die die
Beziehungen der Menschen untereinander und mit der Natur vermitteln und
gleichzeitig Seins- und Bewußtseinsformen darstellen. Bei ihr handelt es sich
sowohl um eine Theorie der gesellschaftlichen und historischen Konstitution
bestimmter, strukturierter Formen gesellschaftlicher Praxis als auch eine
Theorie der die Handlungen prägenden gesellschaftlichen Erkenntnis, Normen und
Bedürfnisse.
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(S. 335)
| [Arbeit konstituiert Formen als Seins- und Bewußtseinsformen im Kapitalismus] |
{ Was sind die Inhalte. Er insistiert zu Recht auf der Form und der historischen speziellen Konstitution, aber der Produktionsprozeß tut dies wegen der besonderen Rolle nur im Kapitalismus. (d.V.)}
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