Aus:

Initiative sozialistisches Forum,

Der Theoretiker ist der Wert,

Eine ideologiekritische Skizze der Wert- und Krisentheorie der KRISIS-Gruppe,

Freiburg 2000

S. 60- 71


....

Vor allem zeigt sich, dass die kategorischen Urteile von

KRISIS über den wann auch immer eintreffenden Zusammenbruch des

Kapitals weder logisch noch historisch (empirisch ja sowieso

nicht, denn das Kapital boomt schliesslich immer noch wie

schon lange nicht) eine Grundlage haben und sich damit als das

erweisen, was sie sind.. unbewiesene und unbeweisbare Glau-

benssätze,



(3) Produktive und abstrakte Arbeit



Die Überflüssigkeit derartiger Theorien zur Analyse der Ak-

tualität des Kapitals lässt sich exemplarisch am Begriff der

produktiven Arbeit verdeutlichen. Mit diesem Begriff will Kri-

sis Marx mit ihrer Entkopplungs-, Krisen- und Planungstheo-

rie vermitteln und zu einem einheitlichen Ganzen zusammen-

schweissen. Im Begriff der produktiven Arbeit soll die ,,anti-

ökonomische Begrifflchkeit ihre dialektische Basis finden.

Zur Illustration sei ein von Kurz gewähltes Beispiel her-

Ausgegriffen: der Friseur. Um die Frage zu klären, ob dessen

Arbeit produktiv ist, entwickelt Krisis eine anspruchsvolle

"kreislauftheoretische Argumentation" (Kurz 1995 34 ff.), an

dessen Ende das Ergebnis steht, dass der Friseur dann produk-

tive Arbeit leistet, wenn er einem produktiven, und

dementsprechend dann nicht, wenn er einem unproduktiven Arbeiter die

Haare schneidet (Kurz 1995, 35). Die nähere Ausgestaltung

dieses Modells spielt hier keine Rolle - es ist, wie alles ande-

re auch, wissenschaftlich gut durchdacht und bezieht die bis-

herigen marxistischen Diskussionen nahtlos ein; hier geht es

allein um den argumentativen Status dieses Modells.

krisis will damit zeigen, warum nicht nur ihre, sondern auch

die Marxschen Kategorien einen Neuanfang des Kapitals nach

dem nächsten Crash ausschliessen. Nach Marx ist es allein das

variable Kapital, das Wert erzeugt. Kapital aber ist es wieder-

um nur, wenn es in Kombination mit konstantem Kapital ,yer-

nutzt" wird: Denn nur in diesem Verhältnis (seiner ,organi-

schen Zusammensetzung") ist es produktiv, nur darin kann das

variable Kapital sich auf dem Markt als Wert realisieren. Alle

Tätigkeiten, die in diesem Prozess der Kapitalakkumulation nicht

durchlaufen, sind demzufolge unproduktiv, müssen, wie die

Küchenhilfe im Haushalt eines Fabrikbesitzers, aus der

im Akkumulationsprozess erzeugten Mehrwertmasse bezahlt wer-

den, gehen also auf Kosten des Profits beziehungsweise, in

diesem Beispiel, zu Lasten der Revenue des Kapitalisten, die

er für sich aus der Mehrwertmasse abzweigt'6).

Unterstellt, diese kreislauftheoretische Behandlung der pro-

duktiven Arbeit beruhe nicht auf falschen Voraussetzungen,

dann wäre es in der Tat plausibel, davon auszugehen, dass eine

Dienstleistungsgesellschaft, wie sie vielen Ökonomen als das

Ergebnis kapitalistischer Evolution vorschwebt, ein Ding der

Unmöglichkeit darstellt. Die im produktiven Sektor zu erzie-

lende Mehrwertmasse kann dann (berücksichtigt man zudem

den aktuellen Stand der Produktivität, vor allem dank der mi-

kroelektronischen Revolution), unmöglich ausreichen'7, all die

unproduktiven Dienstleister: neben den Friseuren natürlich die

Pizzabäcker, die den unproduktiven Friseur; die Internetsurfer,

die den unproduktiven Kneipier in Anspruch nehmen usw., mit

produktiv gedecktem Geld zu versorgen.

Diesem Befund zu widersprechen ist so sinnlos wie sich

darum zu streiten, ob auf einer Nadelspitze zwölf oder drei-

zehn Engel Platz haben: Das Ergebnis hängt allein davon ab,

wie man die Ausgangsgrössen und die Grundmenge bestimmt,

ist also ,subjektiv'. Hier ist erneut ein Punkt erreicht, an dem

der Krisis-Gruppe zu raten wäre, sich zu entscheiden: entwe-

der man argumentiert auf der Grundlage der Marxschen Kate-

gorien, also auf der Basis von Realabstraktionen - dann aber

ist alles, was zum fordistischen Akkumulationsmodell als an-

geblich historischer Besonderheit kapitalistischer Reproduk-

tion, ist alles, was zum kreislauftheoretischen Modell ,produk

tiver Arbeit ausgeführt wird, so nebensächlich wie überflüs-

sig und trägt rein gar nichts zur Erkenntnis bei. Oder man ar-

gumentiert wissenschaftlich, das heisst empirisch-analytisch,

auf der Basis von Nominalabstraktionen: dann sind die Marx-

schen Kategorien obsolet. Tertium non datur.

Das ,fordistische Akkumulationsmodell' ist keinesfalls

eine nicht vollständig in die Marxschen Kategorien der Kritik

der politischen Ökonomie aufgehende historische Erscheinungs-

form. Erst recht nicht, wenn es um die angeblich erst durch den

Fordismus "auf den Weg gebrachte Weltgesellschaft' geht: die

hat Marx bekanntlich auch schon analysiert. (Und dass sich erst

durch den Fordismus die Totalität des Kapitals zur Darstellung

gebracht haben soll, stellt eine derart evidente ökonomistische

Reduktion dar, dass wir hier nicht näher darauf eingehen wol-

len.) Alle bekannten Daten lassen sich naht- und zwanglos in

den von Marx entwickelten Kategorien und vor allem dem darin

sich entfaltenden Prozess fassen. Und so lässt sich auch die

aktuelle Situation in den Marxschen Kategorien darstellen, und

zwar ohne dass mit dem Trick der Unterscheidung von formel-

ler Existenz und substantieller Nichtexistenz das empirische

Faktum geleugnet werden müsste dass es dem Kapital gerade

zur Zeit substantiell und formell ungeheuer gut geht, so gut,

dass der prognostizierte Zusammenbruch derzeit eher- als höchst

unwahrscheinlich erscheint.2)

Als Beleg mag die Feststellung dienen, dass die Beispiele,

die Krisis zur Verifikation ihrer Analysen anführt, sich alle-

samt genauso gut zur Stützung der gerade gegenteiligen Be-

hauptungen heranziehen lassen. Greifen wir eines heraus: Zeigt

nicht der Fall Leason, also der Zusammenbruch der Barings-

Bank, dass infolge der dem Kapital immanenten und von Marx

längst beschriebenen Entwicklung hin zu anonymisierten Ag-

glomerationen (die Aktiengesellschaften, die Pensionsfonds und

vieles andere), eine wesentliche Voraussetzung der von Krisis

beschworenen Untergangsszenarien - die psychologische - gar

nicht mehr existiert? Die ökonomische Voraussetzung für einen

Börsencrash ist, dass das auf den spekulativen Märkten sich um

sich selbst drehende Geld mit einem Schlag in Waren sich um-

setzen lassen will. ,,Würde (!) sich das gesamte Gebirge der

fiktiven kommerziellen Werte heute als realwirtschaftlicher

Nachfrageschub in Bewegung setzen, dann würde (!) das die

sofortige Hyperinflation auch im Westen bedeuten" (Kurz

1995, 63). Die psychologische Voraussetzung hierfür wäre eine

aus Panik erfolgende Kettenreaktion. Warum aber sollten die

Manager der Versicherungsfonds, Holdinggesellschaften, Ban-

ken usw. kollektiv Panik entwickeln, selbst wenn sich das

ihnen anvertraute Geld über Nacht in reines Papier verwandelt? War-

um sollten sie, alle auf einmal, ,,in Sachwerte flüchten" wol-

len? Dass eine solche Flucht, bei der alle dasselbe und notwen-

dig das Falsche tun, ökonomisch unklug ist, lernt jeder Wirt-

schaltswissenschaftler im Grundstudium. (Er lernt, dass er,

wenn er ,Erfolg haben will, sich möglichst anders verhalten

muss als alle anderen.) Die Sparer und die Kleinaktionäre mögen

den Banken die Schalter einrennen aber die befriedigt irgend-

ein Rückversicherungsfonds aus der Portokasse - Geld ist ja,

was das betrifft, tatsächlich genug da. Und der Manager ver-

liert, wenn er sich dumm anstellt, seinen Job oder geht viel-

leicht für ein paar Jahre in den Knast. Die Manager jedenfalls,

die es nicht als erste erwischt, werden, trotz oder gerade we-

gen aller Computersimulationen, den Teufel tun und panikar-

tig all ihre, auf wie niedrigem Stand auch immer bewerteten

Papiere verkaufen wollen. Es ist nicht ihr Geld, mit dem sie

spekulieren - sie tun das im Auftrag einer- anonymen, ihnen nie

persönlich gegenübertretenden Macht. Das bildet durchaus eine

Sicherung (neben vielen anderen) gegen den Zusammenbruch

der Finanzmärkte - wenn auch selbstverständlich nicht ausge-

schlossen werden kann, dass er dennoch (dann aber aus kollek-

tiver und institutionalisierter Dummheit, also einem absolut

kontingenten, ,subjektiven', also politischen Grund) tatsäch-

lich stattfinden kann.

Doch selbst wenn dies geschehen, wenn das Geld also kolla-

bieren sollte: Daraus, dass alles geldwerte Vemögen mit einem

Schlag wertlos wird, lässt sich immer noch auf gar keinen Fall

schliessen, dass der Kapitalismus dann ebenfalls am Ende wäre.

Auf der Basis der Marxschen Kategorien ist auch mit noch so

viel empirisch-analytischen Taschenspielertricks nicht ableit-

bar, dass selbst in und nach einem solchen tiefgreifenden Crash

sich die kapitalistische Produktionsweise, auf welchem Niveau,

und mit wieviel ,real gedecktem Geld auch immer, nicht fort-

setzen und erneuern kann

Und so könnte auch die Dienstleistungs- (beziehungsweise

Kommunikations-) Gesellschaft als kapitalistische funktionie-

ren.21 Eine solche Dienstleistungsgesellschaft ist zumindest

insofern vorstellbar, als die von Marx beschriebene organische

Zusammensetzung des Kapitals in keinem ihrer Momente ein

quantitativ notwendiges Verhältnis in Bezug auf die empirische

Verteilung in der Zusammensetzung von konstantem und vari-

ablen Kapital in der gesamtgesellschaftlichen Produktion von

Kapital impliziert. Woraus unmittelbar folgt, dass die Unter-

Scheidung in produktive und unproduktive Arbeit in der Form

der "kreislauftheoretischen Argumentation", ganz und gar über-

flüssig ist.

Nicht umsonst ist diese Unterscheidung für Marx alles an-

dere als zentral.22 Die linken Intellektuellen dagegen, die sich

mit dem Minderwertigkeitskomplex herumschlagen müssen'

eigentlich Klassenverrat zu begehen, weil sie nicht zur arbei-

tenden, produktiven Klasse" gehören, substituieren die von

ihnen unverstandene Marxsche Unterscheidung von abstrak-

ter und konkreter Arbeit - eine Unterscheidung, die ihr Selbst-

verständnis als autonome, vom Kapitalverhältnis abhängige

Kopfarbeiter komplett in Frage stellt - in die von produktiver

und unproduktiver Arbeit.

Selbstverständlich ist es so lächerlich, wie es sich anhört.

anhand der Frage, wem der Friseur die Haare schneidet, ent-

scheiden zu wollen, ob er produktive oder unproduktive Arbeit

leistet. Nicht um die Produktivität seiner Arbeit (die stellt

sich, wie die Realisation der Wertgrösse auch, immer erst ex post

heraus) geht es bei der Darstellung des tatsächlich unaufheb-

baren Grundes aller Krisen, sondern hier ist allein die Frage

von Interesse, ob ein Friseur überhaupt Wert produziert. Dies

tut er in genau in dem Augenblick, in dem seine Arbeit auf dem

Markt einen Abnehmer findet, in genau dem Moment, in dem

er Geld erhält, also dann, wenn seine konkrete Verausgabung

von Arbeit, also ein Teil seiner individuellen Lebenszeit, ver-

mittelt über das in der Funktion des Geldes erscheinende ,Drit-

te als abstrakte Arbeit sich ausdrückt, das heisst realisiert. In

diesem Moment hat er sich der Gesellschaftlichkeit der Arbeit

unterworfen, ist er künftig abhängig von anderen Friseuren (die

vielleicht billiger Haare schneiden als er), von der Konkurrenz

also. Er unterwirft sich dem Zwang, Haare in bestimmter Qua-

lität und in einer bestimmten Zeit schneiden zu müssen - und

hat Wert produziert, sobald ihn jemand bezahlt.





Mit keinem Wort ist in der Wertformanalyse unterstellt, dass

wertschöpfende Arbeit die Form der Lohnarbeit (oder, mit Aus-

nahme der Warenform, eine bestimmte Form überhaupt) anneh-

men muss. Die Lohnform ist zwar eine historisch notwendige

Erscheinungsform kapitalistischer Ausbeutung, durch die hin-

durch die formelle Subsumtion der Ware Arbeitskraft sich in

die reelle transformiert hat. Ohne Industrialisierung hätte es

natürlich auch keinen Kapitalismus gegeben. im Vollzug dieses

Prozesses, in dem die Warenform zum alleinigen, die (Welt-)

Gesellschaft synthetisierenden Moment geworden ist, hat je-

doch jede Tätigkeit die darauf gerichtet ist, das Individuum zu

reproduzieren, konkret in der Form von Arbeit (das heisst als

Verkauf der Ware Arbeitskraft) zu erfolgen. Seitdem ist jeder

Mensch darauf angewiesen, dass sein Arbeitsangebot eine Nach-

frage auf dem Arbeitsmarkt findet: Alle Tätigkeit ist zur kon-

kreten Arbeit (und abstrakten zugleich) geworden23, die sich

auf einem Markt realisieren, und sich dort in (tatsächlich ge-

zahltem) Geld ausdrücken lassen können muss. Dieser Markt

ist und bleibt das entscheidende Kriterium dafür, ob eine Tä-

tigkeit umsonst verausgabt wurde, also wertlos war, oder am

Wertschöpfungsprozess (in welch produktiver Form auch im-

mer) beteiligt ist. Inseln jedenfalls, auf denen man sich unter



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Missachtung der Marktgesetze reproduzieren könnte, sind seit

langem nur noch als Illusion zu haben 24

Natürlich produziert der Friseur Wert - allerdings verge-

genständlicht dieser Wert sich in einer anderen Form als zum

Beispiel in der industriellen Produktion. Ein Auto ist etwas

anderes als eine Frisur. Das Auto kann ich wieder verkaufen.

ich kann es von der Bank finanzieren lassen. Mein Outfit kaum.

Aber auch der Friseur hat als Gegenleistung für seine Arbeit

etwas bekommen, das genauso eine dingliche Form aufweist,

wie ein Auto: nämlich Geld. Das ist es, was die Sache zum

Problem werden lässt. Denn dieses ,harte Geld' gibt er womög-

lich nicht vollständig für ebenfalls so flüchtige Güter wie Frisu-

ren aus, sondern zahlt seine Steuern, tilgt womöglich Bankkre-

dite. Zwar können die Institutionen, denen dieses Geld überlas-

sen wird, wie der Staat und die Banken usw., als blosse Durch-

gangsstationen für den Geldkreislauf fungieren: dann nämlich,

wenn sie dieses Geld wiederum allein dafür verwenden, un-

mittelbar mehrwertbildende Arbeit, in welcher Form auch im-

mer, zu bezahlen, sie dieses Geld also komplett ,verkonsumie-

ren'. Anders, wenn der Friseur (oder der Staat, oder die Bank)

Geld spart oder Versicherungsansprüche oder sonstige Vermö-

gensansprüche erwirbt. Dann, und das ist das einzige, was die

Arbeit des Friseurs von der Arbeit eines Automobilarbeiters

unterscheidet, steht seinem Geld, in dieser Modellkonstruk-

tion, kein dinglich gedeckter Wert mehr gegenüber. Dann ist

das gesparte, also der Zirkulation entzogene Geld durch keine

(ebenso wie das Geld: dingliche, die Zeit überdauernde) Ware

gedeckt; es ist, ganz im Sinne der Krisentheorie von Krisis,

objektiv Spielgeld - wird aber subjektiv behandelt als sei es

tatsächlich existierendes, jederzeit in werthaltige Gegenständ-

lichkeit übersetzbares Geldvermögen.

Dieses Problem ist nichts anderes als Ausdruck des Grund-

problems des Kapitals, das Marx im Gesetz vom tendenziel-

len Fall der Profitrate beschreibt - nur aus der Perspektive des

Geldes, nicht aus der der Produktion. Aber das ist ein blosses

Umdrehen der Medaille, vergleichbar einer logischen Äquiva-

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lentumformung. Vom Geld jedenfalls, das liegt in seiner ,Na-

tur', wird seitens seines Besitzers verlangt dass es beständig

sich selbst gleich bleibt, seinen Wert nicht verliert, im Gegen-

teil sogar: es sich beständig aus sich selbst vermehrt. Das das

Bewusstsein des Geldbesitzers davon abstrahiert, dass es dies

nur kann, wenn es den Kreislauf G-W-G' durchlaufen hat,

Geld also in Wirklichkeit gar nicht die ihm zugeschriebene my-

stisch-theologische Eigenschaft (,,Lassen Sie Ihr Geld arbei-

ten') besitzt, ist der affirmativen politischen Ökonomie gleich-

gültig. Diese, dem Geld als natürlich angedichtete Eigenschaft

unterscheidet es fundamental von allen anderen Waren: diese al-

tern, werden unbrauchbar, verschwinden schliesslich in der Zeit

wie die (warenförmige) Dinglichkeit der Arbeit des Friseurs.25

Das - nur ideell-konstrukiv herzustellende - Gleichgewicht

herrscht in der kapitalistischen Produktion26, wenn soviel Mehr-

wert erzeugt werden kann, dass das Geld seinen Wert behält und

darüber hinaus eine Zinsrate abwirft, die den Geldbesitzer dazu

bewegen kann, sein Geld nicht in den Sparstrumpf zu stecken,

sondern es aus der Hand zu geben und dem Kreislauf G-W'G

zuzuführen. Dem dürfte Krisis zwar zustimmen; hier hat das

Problem des ,Kasinogeldes' unbestreitbar seinen Ursprung -

einen Ursprung, der so alt ist wie das Kapital selbst: denn es

ist empirisch unmöglich, die ,richtige' Geldmenge für nur ir-

gendeinen Zeitraum festzulegen. Das ,Transformationspro-

blem ist auch in diesem Aspekt unlösbar. Doch damit ist eben

auch gezeigt, dass es, um die heutige Situation erklären zu kön-

nen, mitnichten einer Analyse bedarf, die den Fordismus als his-

torischen Sonderfall begreift, die die Dienstleistungsgesell-

schaft als auf der Basis des Kapitals unmögliches Konstrukt

behauptet, oder meint, die Totalität des Kapitals in (mindestens)

drei Theorien auseinander dividieren zu müssen. Nicht die

Theorien sind das Problem - weder der offiziellen Volkswirt-

schaftslehre (die liegen mit dem Monetarismus einerseits, dem

Keynesianismus andererseits vollständig vor und harren nur der

,richtigen' Anwendung in der je spezifischen historischen Si-

tuation), und erst recht nicht der Kritik, sondern es geht um die



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Bestimmung der angemessenen Qualitäten - etwa in der Geld-

schöpfung. Aber damit (und darin wird uns Krisis zweifellos

zustimmen), eine im Vergleich zur herrschenden ,adäquatere'

ökonomische Theorie vorzulegen, sollte Kritik grundsätzlich

nichts am Hut haben wollen.

Die im Kapitalismus unvermeidbaren empirisch-quantita-

tiven Disproportionalitäten lösen sich - Theorie hin, Theorie

her -ja auch immer ,wie von selbst', denn es handelt sich beim

Kapital um ein ,selbstreproduzierendes System'. Bei dieser

,Lösung geht es allein darum, wann und in welcher Form sich

das überschüssige' Geld entwertet; hier ist das Kapital abso-

lut kontingent, sind Prognosen somit den Priestern der moder-

nen Orakel von Delphi zu überlassen. Die Qualität des Pro-

zesses wird durch die verschiedensten Möglichkeiten, die im-

mer wieder in den verschiedensten Grössenordnungen notwen-

dig werdende Entwertung des ,überschüssigen' Geldes herbei-

zuführen, ebensowenig tangiert wie aus Knöpfen,je mehr man

davon auf einen Haufen wirft, irgendwann Geld werden könn-

te. Der Umschlag von Quantität in Qualität ist eine der Hegel-

schen Logik entlehnte Mystifikation, der antihegelianische

Empiriker mit Vorliebe aufsitzen.

Dieses ,Ungleichgewicht' zwischen Geldmenge und Wert-

produktion ist das Resultat der Argumentation von Krisis. Den

zentralen Grund für den ,,Kollaps der Moderne" sieht die Grup-

pe dagegen in der dem Kapital immanenten, mit Notwendig-

keit sich beständig steigernden Arbeitsproduktivität. Mit dem

bisher ausgeführten ist dieser Grund allerdings schon wider-

legt: Denn wenn, anders als Krisis meint, jede auf einem Markt

realisierte Verausgabung von Arbeit Wert produziert (und nicht

nur die, die irgendetwas mit der Produktion dinglich-dauerhaf

ter Waren zu tun hat), dann geht diese Arbeit selbstredend auch

in den Gesamtreproduktionsprozess als wertbildende mit ein. Um

es zu überspitzen: eine Gesellschaft, in der allein Dienstleistun-

gen erbracht würden, würde genau so viel Wert erzeugen, wie

Arbeitszeit verausgabt wird, genauso viel, wie Arbeit sich als

abstrakte realisiert und in Geld verwandelt - unter der Bedin-

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gung allerdings, dass dieses Geld sich sofort und unmittelbar

wieder in rein konsumtive Ausgaben zurückverwandelt.

Idealisiert man weiter und fügt hinzu: Wenn in einer sol-

chen Gesellschaft nur so viel Geld im Umlauf ist, dass es allein

den Wert repräsentiert, der in einem Produktionszyklus produ-

ziert worden ist, das heisst, es hier zu einer Schatzbildung au-

sserhalb des Kapitalkreislaufes und über die einzelnen Zyklen

hinweg gar nicht erst kommt, dann muss man, sofern man diese

so konstruierte Gesellschaft vor dem Hintergrund der organi-

schen Zusammensetzung des Kapitals betrachtet, sagen: Es

handelt sich um eine für den Kapitalismus ideale Konstella-

tion. Denn nicht nur alle ökonomischen Indikatoren befinden

sich im ,Gleichgewicht', sondern auch das konstante Kapital,

das ja das Dilemma des tendenziellen Falls erst verursacht, ist

gleich Null; das Marxsche Gesetz hat sich in dieser Konstruk-

tion selbst aufgehoben. (Natürlich ohne den Kapitalismus eben-

falls aufgehoben zu haben - denn die Warenförmigkeit ist in

keinem Punkt ausser Kraft gesetzt.)

Eine solche Gesellschaft kann natürlich weder auf kapita-

listischer noch sonst einer Basis real existieren. Denn auch der

Computerfreak kann von dem nicht leben, was das Internet alles

ausspuckt. Der Friseur braucht zumindest Scheren. Und so

weiter und so fort. Aber vor allem anderen: der Kapitalismus

ist Kapitalismus nur, insofern er Kapital akkumuliert. Die

Verwertung des Werts um des Werts willen ist sein einziger

Zweck - nicht die Produktion von Gebrauchswerten. Ein Fri-

seur, der nur Haare schneidet und alles Geld, das er verdient,

konsumtiv ausgibt, wird nie Kapitalist - so viel sei Kurz zu-

gestanden. 27 Allein in seiner Selbstbewegung, im Prozess, der

die paradoxe Identität von Produktion und Zirkulation ausein-

anderreisst, entfaltet das Kapital seine Bewegungsgesetzlich-

keit, allein so findet Kapitalverwertung überhaupt statt.28 Zu

fragen ist nun, ob die hier konstruierte Dienstleistungsgesell-

schaft als kapitalistische aufhören müsste zu existieren, weil ihr

diese, dem Akkumulationsprinzip immanente Dynamik von der

Konstruktion her schon fehlt.


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Gesetzt den Fall, alles, was eine solche Gesellschaft an

,Hardware' benötigt, würde dank der enormen Arbeitsproduk-

tivität mit einem Minimum au Arbeitszeit produziert werden

können, sagen wir, weltweit innerhalb von 100 000 Arbeits-

stunden im Jahr X. Was spricht dagegen, dass hier die Mehr-

wertmasse erzeugt wird, die es erlaubt, in diesem Jahre X all

das Geld produktiv zu decken, dass die vielleicht 10.Milliar-

den Dienstleister sparen und verzinsen können? Geld, das sich

dann wieder in weniger als diesen 20 Milliarden Händen, son-

dern sagen wir in lO Millionen konzentriert, und dort teils als

spekulatives Finanzkapital, teils aber auch als Konkurrenzka-

pital zu den, die 100 000 Stunden erarbeitenden Mehrwertpro-

duzenten eingesetzt werden kann - um auf diese Weise die Ver-

fügungsgewalt über die Gesellschaft zu sichern ? Um diese Ver-

fügungsgewalt geht es auch, denn wir leben schliesslich immer

noch in einer Klassengesellschaft, wenn auch in einer, in der

die Klassen, wie Adorno sagt, zum überempirischen Begriff

sich verflüchtigt haben.29 Von der Verfügungsgewalt über die-

se, die ,Hardware' produzierende Arbeit hingen die Herrschafts-

verhältnisse in einer derart konstruierten Gesellschaft weiterhin -

und in dieser erst recht - ab.30

Gegen eine logische oder reale Möglichkeit einer solchen

kapitalistischen Form von Vergesellschaftung - in der also die

,produktive Arbeit' im Sinne von Krisis ein (von Natur aus wei-

ter nicht unterbietbares) Minimum erreicht hat, spricht nichts.

Natürlich würde auch diese Gesellschaft, so günstig für das

Kapital sich die organische Zusammensetzung dann auch aus-

nehmen würde, dem tendenziellen Fall der Profitrate unterlie-

gen, wäre also weiterhin der Krise in Permanenz unterworfen.

Denn im Jahre X+l, X+2, ... wäre die Situation jeweils immer

wieder neu zu bestimmen.31 Das Gesetz würde jedenfalls weiter

wirken. Die Asymptote strebt gegen Null - kann sie aber nie

wirklich erreichen. Das - im Vergleich zu den in dinglichen

Waren ausgedrückten Werten - ,zuviel' vorhandene Geld müss-

te dementsprechend immer wieder neu entwertet werden und

träfe dabei auf die altbekannten, nicht zuletzt dein Fetischcha-


70


rakter des Geldes entspringenden ideologischen Hindernisse.

Und so weiter und so fort..32

Was zu zeigen war, aber ist gezeigt: Ein quantitativ be-

stimmbares, empirisch-analytisch, logisch oder historisch oder

sonstwie ableitbares Ende der kapitalistischen Produktions-

weise gibt es auf der Basis der Marxschen Kategorien nicht.

Und deshalb auch nicht die Notwendigkeit, das angeblich be-

vorstehende Ende des Kapitals grossartig anzukündigen. Das

Sinken der Profitrate kann deshalb tatsächlich bis zum Verlö-

schen der Sonne weitergehen, ohne dass der Kapitalismus je auf

eine andere historische Schranke stossen würde als die, dass die

Menschen ihn einfach nicht mehr haben wollen.

Es mag sein, dass das Kapital sich von seiner nächsten, sei-

ner übernächsten oder seiner x-ten Krise nicht wieder erholt:

Sicher ist allein, dass es immer wieder auch als das erscheint,

was es seinem Wesen nach ist: als Krise. Die Wahrscheinlich-

keit, dass es sich in diesen Krisen, so schwerwiegend sie dem

Bewusstsein auch erscheinen mögen, doch wieder ,erholt, ist

logisch, historisch und theoretisch sehr viel höher als die, dass

es darin spurlos verschwindet. In dieser Hinsicht sind keine ge-

sicherten Urteile zu haben: es handelt sich um nichts als ora-

kelhafte Prognosen. Man sollte deshalb auch nicht in Ansät-

zen so tun, als ob solche Urteile auch nur plausibel wären.

Dies ist keineswegs nur ein Postulat an die intellektuelle

Redlichkeit, sondern dieser Verzicht ist aus politischen Gründen

unbedingt notwendig. Denn über das Kapital lassen sich kate-

gorische Urteile fällen, Urteile, die mit Logik und Empirie voll-

kommen übereinstimmen. Krisis aber ist geradezu verbohrt in

ihre ungesicherten, aber als gesichert vorgetragenen Urteile -

und damit muss diese Gruppe schliesslich blind werden für die

objektive, negative Wahrheit des Kapitals.


(Anmerkungen fehlen noch)