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Team Christoph Deutschmann
Thema Der linke Keynesianismus ( original )
Status
Letzte Bearbeitung 1973
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I. Einleitung: Der historische Entstehungshintergrund des linken Keynesianismus
II. Die Keynes'sche Theorie
1. Die Weltwirtschaftskrise
2. Die Keynes'sche Erklärung der Krise
- Die Keynes'sche Analyse der ´effektiven Nachfrage´ -
a) Konsumnachfrage
b) Investitionsnachfrage
c) Zur Frage der Geldlöhne
3. Die Hansen'sche Stagnationstheorie
4. Die wirtschaftspolitische Konzeption von Keynes und Hansen
III. Der linke Keynesianismus
1. Die Unterkonsumptionstheorie Joan Robinsons
2. Die Marx-Kritik Joan Robinsons und Stracheys
IV. Die Politik des linken Keynesianismus
V. Die Funktion der fiskalpolitischen Eingriffe
1. Die permanente Rüstungswirtschaft
2. Tendenzieller Fall der Profitrate und Staatseingriffe
a) Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate
b) Das Realisierungsproblem
c) Zur Mattick'schen Kritik des Keynesianismus
d) Das Problem der ´Produktivität´ der Staatsausgaben
e) Defizitfinanzierung und Realisierungsproblem
VI. Zusammenfassende Schlußbemerkungen
Anhang: Zum Problem der Wertsenkungen des konstanten Kapitals
- Literaturverzeichnis

I. Einleitung: Der historische Entstehungshintergrund des linken Keynesianismus

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"Augenscheinlich ist die Arbeiterbewegung nicht daran interessiert, auf der ganzen Linie einen Vorstoß in Richtung auf den Sozialismus zu machen. Warum sollte sie dann nicht die Rolle eines Juniorpartners im Kapitalismus akzeptieren und ihn mit allen Kräften unterstützen, damit er prosperiert und Dividenden zahlen kann? Sicher ist das, was die große Mehrheit insgeheim denkt. Aber es offen aussprechen? Paragraph vier des Gewerkschaftsprogramms neu schreiben? Auch noch die Bezeichnung für das aufgeben, wofür die Väter gekämpft haben? Da ist es doch viel besser, die Frage gar nicht erst zu stellen und auch künftig so zu tun als ginge der Kampf weiter." (Joan Robinson)*I.1
Diese Charakterisierung der Haltung der britischen Gewerkschaften zur staatlichen "Einkommenspolitik", wie Joan Robinson sie gibt, ist sicherlich nicht unrealistisch. In ihren offiziellen Erklärungen halten sie zwar an ihrer "Unabhängigkeit", an einer offensiven Lohnpolitik und an Reformforderungen fest. Tatsächlich sind sie aber ebenso wie die mit ihnen eng verbundenen sozialdemokratischen Parteien in den meisten westlichen Ländern längst zu integralen Bestandteilen und wichtigen Garanten der sozialen und politischen Stabilität des kapitalistischen Systems geworden.*I.2 Die Metamorphose der Sozialdemokratie aus einer revolutionären in eine staatstragende Kraft ist häufig beschrieben worden. Sie war in den meisten westlichen Ländern bereits während des Ersten Weltkrieges vollendet. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die politische Rolle des Reformismus jedoch eine neue Färbung. Hatte der frühere Reformismus Bernstein'scher oder Hilferding'scher Prägung — wenn auch nur verbal und nicht in der tatsächlichen Politik — an einer sozialistischen Programmatik festgehalten, so zeichnete sich in den fünfziger Jahren eine weitere Degeneration des politischen Bewußtseins der reformistischen Parteien und der Gewerkschaftsbewegung ab. Die sozialdemokratischen Parteien haben ihre Bindung an die Arbeiterklasse aufgegeben; sie bezeichnen sich als Volksparteien, die das kapitalistische Privateigentum prinzipiell bejahen. Die Gewerkschaftsführungen haben mit ihrer faktischen Unterordnung unter die staatliche "Einkommenspolitik" ihre Rolle als "Juniorpartner" des Kapitalismus akzeptiert. Parallel dazu wurden die Reste marxistischen Denkens über Bord geworfen; an ihre Stelle trat die Keynes'sche Theorie und speziell der "linke Keynesianismus", der das politische Selbstverständnis des Reformismus nach dem Zweiten Weltkrieg prägte.

Unter dem "linken Keynesianismus" sollen im folgenden diejenigen Interpretationen der Keynes'schen Theorie verstanden werden, die in den von Keynes empfohlenen Maßnahmen der staatlichen Finanzpolitik oder einer ihnen entsprechenden Gewerkschaftspolitik einen Ansatzpunkt für die Realisierung eines Programms sozialer und demokratischer Reformen zugunsten der Arbeiterschaft sehen. Ein adäquates Vorverständnis zur Diskussion dieser Theorien kann nur aus einer Betrachtung ihrer historischen Entstehungshintergründe gewonnen werden, die in dem folgenden Abschnitt der Einleitung kurz beleuchtet werden sollen.

Mit ihrem historischen Schicksal seit dem Ersten Weltkrieg bestätigten die reformistischen Arbeiter-Parteien unfreiwillig die marxistische Theorie des bürgerlichen Staates. Marx, Engels und Lenin hielten das Programm des "parlamentarischen Weges" zum Sozialismus für illusionär, da nach ihrer Auffassung nicht das Parlament, sondern die administrative und exekutive Staatsbürokratie, Verwaltung, Polizei, Militär und Gefängnisse das wirkliche Machtzentrum des bürgerlichen Staates bildeten. Sie könne nicht durch Wahlstimmen, sondern nur mit den Mitteln der revolutionären Gewalt der Arbeiterklasse beseitigt werden. Der "parlamentarische Weg" würde, so hob zuletzt Lenin hervor, nicht zum Sozialismus, sondern zur Niederlage der Arbeiterbewegung und zur Integration der Arbeiterparteien in den bürgerlichen Staat führen. Die einmal beschrittene parlamentarische Strategie implizierte die Aufgabenteilung zwischen politischer, d. h. parlamentarischer und ökonomischer Aktion und mit dieser die Entpolitisierung der Gewerkschaften und ihre Beschränkung auf den rein ökonomischen Kampf. Der Verzicht darauf, die Organisationsmacht der

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Arbeiterklasse als politische Kraft zur Geltung zu bringen, unterwarf die Sozialdemokratie der Macht eben jener Institutionen, die sie ursprünglich erobern wollte. Der parlamentarische Weg zum Sozialismus verwandelte sich in einen Weg der sozialistischen Parteien zum Parlamentarismus. Er führte, wie Victor Agartz einmal gesagt hat, nicht zur Macht, sondern in das Amt. Spätestens als sie an die Regierung gelangte, verwandelte sich die Sozialdemokratie in einen ausführenden Agenten des von dem Monopolkapital beherrschten und eng mit ihm verschmolzenen Staatsapparats. Die Vorstellung, daß der Staatsapparat durch die demokratisch gewählten Personen kontrolliert würde, die an seiner Spitze standen, erwies sich als ein großer Irrtum. Der administrative und exekutive Apparat war nicht das reine und klassenneutrale "Instrument", das sich für beliebige Zwecke einsetzen ließ, wie die reformistische Ideologie angenommen hatte, sondern zeigte sich als eine von mächtigen Interessen beherrschte Institution, die der an der Spitze stehenden Regierung das Gesetz des Handelns aufzwang. Von ihrer ursprünglichen Machtbasis, der organisierten Arbeiterklasse, abgetrennt, verwandelten sich die sozialdemokratischen Parteien in Mächte gegen die Arbeiterbewegung. Diese Umfunktionierung der Sozialdemokratie führte zur Zersplitterung und Demoralisierung der Arbeiterbewegung und war eine der Hauptursachen ihrer großen und entscheidenden Niederlagen seit dem Ersten Weltkrieg: der Niederlagen der deutschen Arbeiterbewegung 1914, 1918 und 1933, des Scheiterns des britischen und französischen Generalstreiks.

Der Aufstieg der sozialdemokratischen Parteien in die Regierungs"verantwortung", der sich für sie selbst (in dem Maße, wie sie von ihrer neu errungenen Stellung im Staat profitierten) als ein Prozeß der allmählichen "Zähmung" und "Demokratisierung" des Kapitalismus darstellte, war in Wirklichkeit ein Prozeß der Funktionalisierung des Reformismus durch das Monopolkapital. Er ging keineswegs ohne Widerstände vonstatten, die jedoch weniger auf der Seite der reformistischen Führungen als auf der des Monopolkapitals lagen. So gab es z.B. in Deutschland zwar schon vor 1918 einzelne weitsichtige bürgerliche Politiker wie Rathenau*I.3 , die die Bedeutung einer Zusammenarbeit mit den reformistischen Arbeiterführern erkannten, aber innerhalb ihres eigenen Lagers isoliert blieben. Die Zusammenarbeit

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mit der SPD und dem ADGB nach 1918 war ein Zweckbündnis, das notgedrungen unter dem Druck der Ereignisse eingegangen worden war und so schnell wie möglich wieder gelöst werden sollte. Ende 1932 entschied sich die Mehrheit der "Wirtschaft" für den Faschismus und für die Liquidierung der parlamentarischen Demokratie, von SPD und Gewerkschaften*I.4 . Dieser "Fehler" wurde zu spät erkannt; erst nach 1945 konnte sich dann auch in Westdeutschland jenes Verhältnis zwischen Monopolkapital, Staat und Sozialdemokratie entwickeln, das sich in den meisten anderen westlichen Ländern bereits seit der Weltwirtschaftskrise angebahnt hatte: In Großbritannien schon 1928 mit den Mond-Turner-Gesprächen, in den USA 1933 mit dem "New Deal" Roosevelts*I.5 und in Schweden 1938 mit dem "Geist von Saltsjöbaden", wo das zentrale Lohnabkommen zwischen Arbeitgebern und dem Gewerkschaftsverband abgeschlossen wurde.

Was sich also veränderte, war nicht so sehr die Haltung der Sozialdemokratie gegenüber dem bürgerlichen Staat als umgekehrt die Haltung des Monopolkapitals gegenüber der Sozialdemokratie. Den entscheidenden Anstoß dazu gab die Weltwirtschaftskrise, die sich nicht nur auf das Monopolkapital, sondern auch auf den Reformismus verheerend auswirkte, der Mitglieder und Parlamentssitze dahinschwinden sah und in Deutschland ganz zerschlagen wurde. Die von den früheren reformistischen Theorien behauptete Krisenfestigkeit des Monopolkapitalismus war die Voraussetzung gewesen, von der der Reformismus ausgegangen war und unter der allein er hoffen konnte, seine Basis zu erhalten und gewisse parlamentarische Erfolge zu erzielen. Denn nur die Prosperität gewährleistete den ökonomischen und politischen Spielraum, in dem Kompromisse möglich waren und in dem der Reformismus parlamentarisch und gewerkschaftlich manövrieren konnte. Mit der Krise der dreißiger Jahre stellte sich diese Annahme als ein folgenschwerer Irrtum heraus. Die Krise trat nicht nur ein, sondern verschärfte sich in vorher nie dagewesener Weise. Sie ging nicht nach kurzer Zeit wieder vorüber, sondern erwies sich als permanent. Der einzige Ausweg waren kreditfinanzierte Staatsaufträge, mit denen zusätzliches Geld in Umlauf gebracht wurde und Produktion und Beschäftigung wiederbelebt werden mußten. Allgemein wurde erkannt, daß die Sicherung der Vollbeschäftigung und der Profite des

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Kapitals nicht mehr dem Mechanismus des "laissez-faire" überlassen werden durfte, sondern durch die staatliche Wirtschaftspolitik garantiert werden müsse.
"... Die Überzeugung breitete sich aus, daß Vollbeschäftigung das entscheidende und wesentliche Mittel war, um das zu erreichen, was jede Gruppe für sich selbst wünschte und mit anderen, begrenzteren Mitteln angestrebt hatte. Die Forderung nach Vollbeschäftigung rückte an die erste Stelle in den Programmen zur Stützung und Anpassung der Landwirtschaft. Sie wurde die notwendige Bedingung — sogar vor der Steuerreform — zur Wiederbelebung der Profite und Investitionsgelegenheiten. Sie wurde das Mittel zur Belebung des Wettbewerbs, indem sie günstige Bedingungen für die Bildung und den Aufbau neuer Unternehmen schuf. Sie wurde der sicherste Weg, um die Einkommen der Arbeiter anzuheben, nicht nur, indem sie ihnen Beschäftigung sicherte, sondern auch, indem sie Weiterbildung und Aufstieg stimulierte. Vollbeschäftigung wurde die Flagge, um die alle sich scharen konnten." (Stein, 1969, S. 172)
Auch das Monopolkapital sah sich durch die ökonomische und politische Entwicklung gezwungen, die Keynes'sche Beschäftigungspolitik zu akzeptieren. 1946 verabschiedete der amerikanische Kongreß die "Employment Act", die die Regierung gesetzlich auf die Aufrechterhaltung zwar nicht der "Vollbeschäftigung" — eine entsprechende Vorlage wurde vielmehr durch den Kongreß zurückgewiesen —, aber doch eines "hohen Beschäftigungsstandes" verpflichtete. Die Anwendung dieser Politik erforderte aber eine Verständigung und ein kooperatives Zusammenwirken von Kapital und Gewerkschaften. Schon 1937 hatte Joan Robinson — später die Wortführerin des "linken" Keynesianismus — vor einer staatlichen Vollbeschäftigungspolitik gewarnt, da diese die gewerkschaftliche Machtposition zu sehr stärken und zu einem Auftrieb der Geldlöhne mit inflationären Konsequenzen führen müsse.*I.6 Eine solche Entwicklung konnte nur vermieden werden, wenn die Gewerkschaften sich zu einer "verständnisvollen Zusammenarbeit" bereit erklärten und von sich aus alle Anstrengungen unternahmen, die Lohnerhöhungen im Rahmen des "gesamtwirtschaftlich Möglichen" zu halten. Darunter wurde, wie sich später zeigen sollte, in der Theorie die Steigerung der (freilich sehr schwer definierbaren) "Arbeitsproduktivität", in der Praxis aber der Reallohnstopp verstanden. So war die Beschäftigungspolitik von Anfang an mit einem Appell an die "Disziplin" der Gewerkschaften verbunden und zugleich

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mit Plänen für innergewerkschaftliche Organisationsreformen, die die Politik der Gewerkschaftsführungen gegenüber dem Druck der Basis absichern sollten. Administrative oder gesetzliche Eingriffe in die Tarifautonomie versuchte man möglichst zu vermeiden; die Erfahrung hatte gezeigt, daß es berechtigte Gründe gab, auf die Loyalität der Gewerkschaftsführungen und ihr Verständnis für die "gesamtwirtschaftlichen Notwendigkeiten" zu vertrauen.

Auf der Seite der reformistischen Führungen war die Bereitschaft zu einem solchen Arrangement schon immer groß gewesen. Die Krise hatte ihnen die eigene Abhängigkeit von den Wechselfällen der ökonomischen Entwicklung vor Augen geführt. Das Fortbestehen der reformistischen Führungen hing jetzt davon ab, daß sie eine Wirtschaftspolitik unterstützten, die das weitere Fortbestehen des Kapitalismus sicherte und seine immanenten Krisen- und Zusammenbruchstendenzen abwendete, denn dieses war ja zugleich ihre eigene Existenzvoraussetzung, wie sich in den dreißiger Jahren speziell in Deutschland gezeigt hatte. Nicht mehr nur das politische, sondern auch das ökonomische Überleben des Kapitalismus mußte jetzt aktiv von den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie mitgetragen werden. Die Vollbeschäftigung wurde damit zum obersten Ziel reformistischer Politik, während andererseits die traditionellen antikapitalistischen Reformpläne schrittweise endgültig aus den Partei- und Gewerkschaftsprogrammen verschwanden.

Die Unterwerfung der Gewerkschaftsführungen unter die staatliche Politik der Lohnbeschränkung — in der Regel war sie dort am effektivsten, wo sozialdemokratische Parteien regierten oder an der Regierung beteiligt waren — brachte allerdings für sie die ständige Gefahr mit sich, sich gegenüber ihrer Basis zu verselbständigen und die Kontrolle über die Lohnkämpfe zu verlieren. Denn auch die noch so "disziplinierte" Haltung der Bürokratien konnte nicht verhindern, daß wilde Streiks stattfanden und Lohnerhöhungen an ihnen vorbei erkämpft wurden. Die Möglichkeit, die Erfolge dieser Lohnkämpfe über eine inflationäre Geld- und Finanzpolitik*I.7 zu neutralisieren, waren wegen der daraus resultierenden Gefährdung der Zahlungsbilanz nur sehr beschränkt. Besonders exportabhängige Länder wie

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Großbritannien, Schweden und die Niederlande mußten daher zu schärferen Methoden der Lohnrestriktion Zuflucht nehmen. So waren die Gewerkschaftsführungen gezwungen, ständig zwischen dem Druck von "oben" und dem von unten hin- und herzulavieren. Das war stets ein prekärer Balanceakt, dessen Gelingen nur so lange aussichtsreich war, wie die Vollbeschäftigung anhielt und das Keynes'sche Instrumentarium der Konjunktursteuerung die gewünschten Wirkungen brachte.

Die neue Rolle des Reformismus als Träger "gesamtwirtschaftlicher Verantwortung" erforderte eine entsprechende ideologische Umorientierung und eine allgemeine Anpassung des politischen Selbstverständnisses. Vor allem mußte der antikapitalistische Ballast des alten reformistischen Denkens über Bord geworfen werden, der angesichts der neuen Stufe der Kooperation zwischen Staat und Gewerkschaften nur unglaubwürdig wirken und Verwirrung stiften mußte. Andererseits mußte die Rolle der Gewerkschaften aber so bestimmt werden, daß ihrer Rolle als Interessenvertretungsorgane der Arbeiter Rechnung getragen wurde. Es mußte gezeigt werden, wie die Gewerkschaften sich trotz ihrer Bindung an die Arbeiterinteressen als integrales und tragendes Element des bestehenden kapitalistischen Systems verstehen konnten.

Die Theorie, die das tat, war der linke Keynesianismus. Der linke Keynesianismus — seine bekanntesten theoretischen Repräsentanten sind Kalecki, Kaldor, L. Klein, Joan Robinson und Strachey — konnte an frühere sozialdemokratische Unterkonsumptionstheorien, wie sie von Hobson und Lederer bereits vor der Weltwirtschaftskrise vertreten wurden, anknüpfen. Der gemeinsame Grundgedanke — und auch der Keynes'schen Theorie, wie die "linken" Keynesianer meinten*I.8 — war die Erklärung der Krise aus dem Zurückbleiben der Konsumnachfrage hinter Produktionskapazitäten und Warenangebot, das sie vor allem auf den zu niedrigen Stand der Reallöhne zurückführten. Insbesondere die Monopolisierung der Märkte im fortgeschrittenen Kapitalismus (die verhindert, daß die Preise proportional zu den mit wachsender Arbeitsproduktivität sinkenden Kosten fallen) beschwöre die Gefahr der Unterkonsumptionskrise herauf. Den Gewerkschaften falle daher die Aufgabe zu, einen Druck zur Erhöhung der Reallöhne auszuüben und so für ein ausreichendes Niveau der "effektiven Nach-

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frage"
zu sorgen. Indem sie diese Funktion erfüllen, bewirken sie ein Doppeltes: Sie sichern einerseits die ökonomische Stabilität des kapitalistischen Systems; erfüllen aber zugleich den Auftrag ihrer Mitglieder. So sind die Interessen von Kapital und Arbeit nur scheinbar entgegengesetzt: In Wirklichkeit befinden sie sich in objektiver Harmonie, da das Kapital auf ausreichende Reallöhne als Quelle der "effektiven Nachfrage" angewiesen ist.

Die gleichen stabilisierenden Wirkungen können von einer öffentlichen Investitionspolitik ausgehen, die die fehlende private Nachfrage durch eine an den gesellschaftlichen Bedürfnissen orientierte Investitionspolitik ausgleicht. So wird zwar nicht das individuelle Einkommen der Lohnabhängigen, wohl aber ihr realer Lebensstandard durch die Verbesserung der Versorgung mit nicht kaufbaren Gütern wie Schulen, Krankenhäusern, Straßen und Parks erhöht. Darüber hinaus könnte durch ein solches Programm der "Vergesellschaftung der Nachfrage" die Arbeitslosigkeit noch effektiver als durch Lohnerhöhungen bekämpft und die gesamte Wirtschaft allmählich der Beherrschung durch das Profitprinzip entzogen und den allgemeinen Bedürfnissen untergeordnet werden. Ein solches Programm wurde noch während des Zweiten Weltkrieges von W. Beveridge entwickelt.*I.9


Es war nicht zu leugnen, daß die früheren reformistischen Theorien wie die Bernsteins und Hilferdings und die ihnen entsprechende Politik mit der Weltwirtschaftskrise einen eindeutigen Bankrott erlitten hatten. So vertraten denn bis in die vierziger Jahre hinein auch viele sozialdemokratische Theoretiker unter dem Eindruck der Krise die Ansicht, daß der Zusammenbruch des Kapitalismus eine Tatsache und die einzige Alternative zum Faschismus der Sozialismus sei. Kaum jemand hatte diese Position treffender und schärfer formuliert als — John Strachey, der in seinem 1935 geschriebenen Buch "The Nature of Capitalist Crisis" — vor seinem Aufstieg bis hin zum Posten des Heeresministers — die Position des revolutionären Marxismus vertrat.
"Der verhängnisvolle Fehler unserer ganzen Politik, angefangen mit der Denkschrift, die Mosley noch als Minister im Jahre 1930 dem Labour-Kabinett vorlegte, war, daß sie ebenso wie die Regierungspolitik, die sie kritisierte, [9] die wichtigste Tatsache der Situation verkannte. Sie verkannte die Tatsache, daß die fortwährende Entartung des britischen kapitalistischen Systems jedes Programm des sozialen Fortschritts unmöglich machte, solange die Aufgabe, den Kapitalisten die Produktionsmittel wegzunehmen, nicht gestellt und durchgeführt war. Und diese unvermeidlich revolutionäre Aufgabe unterdrückten wir ebenso wie die Mitglieder und Anhänger der Labour-Regierung." (Strachey, 1967, S. 259)
Kein Zweifel: Die optimistischen Prognosen Bernsteins und Hilferdings über die zunehmende Krisenfestigkeit des kapitalistischen Systems infolge der wachsenden Organisierung der Märkte und der Vorteile des Kreditsystems waren durch die wirkliche Entwicklung falsifiziert worden. Die Marx'sche Zusammenbruchstheorie — Grossmann hatte sie 1929 noch einmal zu formulieren versucht — bestätigte sich in einem wörtlicheren Sinn als selbst die meisten Marxisten es für möglich hielten. Nicht nur die reformistischen Theoretiker, sondern auch die damaligen prominentesten Vertreter der akademischen Nationalökonomie konnten nicht umhin, die Marx'sche Theorie über die Entwicklung des Kapitalismus wenn zwar nicht in ihrem theoretischen Gehalt, so doch in ihren faktischen Konsequenzen in den wichtigsten Punkten anzuerkennen.*I.10 Der von Marx als das "in jeder Beziehung wichtigste Gesetz der politischen Ökonomie" bezeichnete tendenzielle Fall der Profitrate kehrte bei Keynes in der Gestalt der

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"fallenden Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals" wieder. Und Schumpeter erklärte zu dem Thema der langfristigen Tendenz der Profitrate:
"Ich sehe nicht, wie man leugnen könnte, daß die Geschichte der Industrie überzeugend für die Wichtigkeit dieses Elements der kapitalistischen Erträge zeugt. Und ich halte daran fest, daß mit wachsender Mechanisierung des industriellen Fortschritts (Gemeinschaftsarbeit in Forschungsabteilungen usw.) dieses Element und mit ihm der wichtigste Pfeiler der wirtschaftlichen Position der Kapitalistenklasse notwendig mit der Zeit zerbröckelt." (Schumpeter, 1972, S. 489)
Marx hatte den langfristigen Fall der Profitrate auf die Steigerung der organischen Zusammensetzung des Kapitals zurückgeführt — Schumpeter sprach davon, daß die "dauerhafte Kapitalausrüstung stets an relativer Bedeutung zugenommen" (a.a.O., S. 108) habe. Und Keynes warnte davor, daß sich mit der zunehmenden kapitalintensiven "Umwegproduktion" zwar die physische Arbeitsproduktivität, keinesfalls jedoch auch der Wert der Produkte erhöhen müsse:
"Mit einer gegebenen Arbeitskraft ist der in umwegigen Verfahren verkörperten Arbeit, die vorteilhaft verwendet werden kann, eine bestimmte Grenze gesetzt. Von anderen Erwägungen abgesehen, muß ein angemessenes Verhältnis zwischen der Arbeitsmenge, die für die Erstellung von Maschinen, und der Menge, die für ihren Gebrauch beschäftigt wird, bestehen. Die endgültige Menge des Wertes wird mit der Anwendung von immer umwegigeren Verfahren nicht unendlich zunehmen im Verhältnis zur beschäftigten Arbeitsmenge, selbst dann nicht, wenn ihre stoffliche Leistungsfähigkeit immer noch zunimmt." (Keynes, 1952, S. 179)
Das von Marx prognostizierte Wachstum der industriellen Reservearmee war zu einem unübersehbaren und die politische Existenz des kapitalistischen Systems bedrohenden Problem geworden. Der unaufhörliche technische Fortschritt und die Konzentration und Zentralisation des Kapitals waren offenkundige und von niemandem zu leugnende Tatsachen. Der russisch-amerikanische Ökonom Leontief faßte 1937 sein Urteil über die "brilliante Marx'sche Analyse der langfristigen Tendenzen des kapitalistischen Systems" wie folgt zusammen:
".. . die wirklich beeindruckende Aufzählung: wachsende Konzentration des Reichtums, schnelle Ausschaltung kleiner und mittlerer Betriebe, fortschreitende Begrenzung der Konkurrenz, ununterbrochener technologischer Prozeß, der von einer wachsenden Bedeutung des fixen Kapitals begleitet wird, und als letztes, aber nicht weniger wichtiges, der unverminderte Umfang der sich wiederholenden Zyklen, stellt eine unvergleichliche Reihe von verwirklichten [11] Voraussagen dar, der gegenüber die moderne ökonomische Theorie mit all ihren Feinheiten sehr wenig aufzuweisen hat." (Leontief)*I.11
Niemand konnte erwarten, daß das bereits totgesagte kapitalistische System mit der bis in die sechziger Jahre reichenden Nachkriegsprosperität zu einem neuen Aufschwung fähig sein würde. In seinem Verlauf verblaßten die Erinnerungen an die Vorkriegszeit sehr rasch. Der revolutionäre Marxismus verlor in der Arbeiterbewegung vieler westlicher Länder jeden Einfluß. Statt dessen tauchten die alten reformistischen Theorien — diesmal in keynesianischer Verkleidung — neu auf und prägten das politische Selbstverständnis der Arbeiterbewegung. Der Kapitalismus habe sich prinzipiell gewandelt — so hieß es —, seitdem die "keynesianische Revolution" ihm die "Giftzähne" gezogen habe. Die anhaltende Vollbeschäftigung und die steigenden Reallöhne verliehen dieser These einen gewissen Grad von Glaubwürdigkeit. Der Marxismus wurde mehr oder weniger auf eine bloße akademische Rolle zurückgedrängt und verlor damit die lebendige Beziehung auf die politische Praxis. Er sah sich schwerwiegender Kritik ausgesetzt, die zu weitreichenden theoretischen Revisionen führte. Baran/Sweezy warfen in ihrem bekannten Buch "Monopolkapital" die Marx'sche Werttheorie über Bord — ein Schritt, der, wie sie meinten, notwendig war, um die Marx'sche Theorie den gewandelten Realitäten des Monopolkapitalismus anzupassen.


Andere, wie die Autoren der "Frankfurter Schule", wandten ihre theoretischen Interessen ganz von der Sphäre der Politischen Ökonomie ab und konzentrierten sich auf kulturkritische Untersuchungen. Horkheimer, Marcuse und Adorno entwickelten einen universellen Begriff technologischer Herrschaft: In dem modernen, zum "autoritären Staat" fortgeschrittenen Kapitalismus beschränkt sich die Herrschaft des Kapitals über die Arbeit nicht mehr allein auf die Produktions-Sphäre, sondern greift auf das gesamte Leben der Massen — auf die Privatsphäre, die Kultur und den Konsum — über. Sie entwickelt sich zur totalen technologischen Steuerung der Bedürfnisse. Die Form politischer Herrschaft verselbständigt sich gegenüber den ökonomischen Bewegungsgesetzen des Kapitals und der Klassenstruktur. So schien ihnen eine Ergänzung oder gar Ersetzung der Marx'schen Kritik der

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Politischen Ökonomie durch eine "Kritik der technologischen Rationalität" notwendig zu werden.

Aus dem durch die Diskussionen über das "Verhältnis von Politik und Ökonomie" geprägten akademischen Milieu ist eine radikalistische Variante des linken Keynesianismus hervorgegangen, die seit der Studentenbewegung auch außerhalb der Universität eine politische Rolle zu spielen begonnen hat. Repräsentativ für diese theoretische Diskussionsrichtung ist das Buch von A. Gorz: "Zur Strategie der Arbeiterbewegung im Neokapitalismus", aber auch die weithin bekannten Beiträge von J. Habermas und C. Offe.*I.12 Gorz stimmt mit Strachey in der grundlegenden These der ökonomischen Stabilisierungsfunktion von Lohnerhöhungen überein. Mit Strachey betrachtet er eine ständige Verbesserung des individuellen Lebensstandards der Arbeiter als nicht nur mit den kapitalistischen Produktionsverhältnissen vereinbar, sondern als eine den Gesetzen des kapitalistischen Systems selbst inhärente Entwicklungstendenz. Denn: "Der Kapitalismus braucht nicht nur eine Mehrheit qualifizierter Arbeiter, er braucht auch Konsumenten für seine Produkte." (Gorz, a.a.O., S. 8) Gorz ist deshalb mit Strachey der Auffassung, daß der Kampf um höhere Löhne für die Arbeiterklasse keine revolutionäre Perspektive mehr in sich berge. Die Erhöhung des individuellen Konsums halte nicht nur den ökonomischen Mechanismus des Systems funktionsfähig, sondern fördere darüber hinaus ein individualistisches Konsumentenbewußtsein, das die Arbeiter ihre gemeinsame Situation als Klasse im Produktionsprozeß immer mehr vergessen lasse. Lohnforderungen könnten daher keine einigende Perspektive mehr liefern und tragen so nach Meinung von Gorz zur politischen Integration der Arbeiterbewegung in das kapitalistische System bei:
"Allgemeine Lohnforderungen schlechthin drücken daher immer weniger das Klasseninteresse der Arbeitnehmer als solches aus und immer mehr das Interesse einer Schicht von unterprivilegierten Verbrauchern. Sie bieten der Gesamtheit der Lohnempfänger keine andere Perspektive als die einer Entwicklung des individuellen Konsums. Sie machen in anderen Worten die Arbeitnehmer als Klasse zu einem Anhängsel der "Konsumgesellschaft" und ihrer [13] Ideologie. Sie stellen nicht dieses Gesellschaftsmodell in Frage, sondern kritisieren nur den geringen Anteil, den es dem Lohnempfänger als Verbraucher zugesteht." (a.a.O., S. 35)
Strachey hatte aus der gleichen Einschätzung reformistische Konsequenzen gezogen: Wenn eine ständige Verbesserung der materiellen Lage der Arbeiter innerhalb des kapitalistischen Systems nicht nur möglich, sondern nach dessen eigenen Gesetzen sogar geboten ist, so ist eine revolutionäre Strategie nicht mehr zu rechtfertigen: Der "demokratische Sozialismus" fällt mit einem dynamischen und sich reformierenden Kapitalismus zusammen. Gorz zieht die umgekehrte Schlußfolgerung: Trotz des steigenden Lebensstandards der Arbeiterklasse muß an der revolutionären Perspektive festgehalten werden. Allerdings kann dann der Lohnkampf nicht mehr als Ansatzpunkt einer revolutionären Strategie gelten. Die neue "offensive Strategie", die Gorz der Arbeiterbewegung vorschlägt, setzt andere Schwerpunkte: Die Erringung betrieblicher "Gegenmachtpositionen", d.h. die schrittweise Ausdehnung der Kontrolle der Gewerkschaften und Belegschaften über Arbeitsplatzbedingungen, Investitionsentscheidungen, betriebliche Sozialpolitik, auf überbetrieblicher Ebene "antikapitalistische Strukturreformen" im Bereich der öffentlichen Infrastrukturpolitik. Hinter dieser Strategie steht der Hauptgedanke, daß neben den "integrierbaren" individuellen Konsumbedürfnissen neue Bedürfnisse entwickelt werden müssen, die nur gesellschaftlich aktualisiert und befriedigt werden können und zu ihrer Durchsetzung neue, revolutionäre Organisationsformen verlangen. Denn die Forderungen nach besseren Arbeits- und Lebensbedingungen stellen das Profitsystem nicht wie Lohnforderungen nur "quantitativ", sondern "qualitativ" in Frage; ihre Verwirklichung würde, wenn sie mit einer Mobilisierung der Lohnabhängigen verbunden sei, sehr viel eher an die Grenzen der Konzessionsfähigkeit des kapitalistischen Systems stoßen. Mit ihnen könnte die Kluft zwischen Tagesforderungen und dem sozialistischen Endziel überbrückt werden.

Diese Neudefinition der revolutionären Strategie führt zugleich zu einer Radikalisierung des Reformismusbegriffs. Während Lenin und Rosa Luxemburg stets die revolutionären Implikationen militanter gewerkschaftlicher Lohnkämpfe betonten und eine schematische Gleichsetzung von gewerkschaftlichem Kampf und Reformismus ablehnten, tendiert Gorz dazu, den Lohnkampf überhaupt mit Reformismus gleichzusetzen. Denn auch eine harte und militante gewerkschaft-

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liche Lohnpolitik läßt sich, wie Gorz behauptet, "mit der plattesten reformistischen und trade-unionistischen Ideologie vereinbaren" (a.a. O., S. 29).

So unvereinbar die Positionen von Gorz und Strachey scheinen, beide gehen von den gleichen fundamentalen theoretischen Voraussetzungen aus. Sie stimmen darin überein, daß das Problem der Krise, der Armut und der Massenarbeitslosigkeit im modernen "organisierten Kapitalismus" als langfristig überwunden gelten kann und die gewerkschaftlich erkämpften Reallohnerhöhungen daran entscheidenden Anteil haben; sie ziehen daraus lediglich unterschiedliche politische Konsequenzen. Insoweit erscheint es als berechtigt, von einer "kritischen" und einer "affirmativen" Variante des linken Keynesianismus zu sprechen*I.13 . Das zentrale Thema der vorliegenden Arbeit wird die Überprüfung dieser gemeinsamen Grundvoraussetzungen sein.

Sowohl die affirmative als auch die kritische Variante des linken Keynesianismus repräsentieren einen unzureichenden Stand der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Keynesianismus. Die affirmativen Varianten sind ebensowenig wie die Keynes'sche Theorie selbst imstande, die kategorialen und methodischen Grenzen der bürgerlichen Ökonomie zu überschreiten und sind deshalb — wie in der vorliegenden Arbeit zu zeigen versucht werden soll — unfähig, die von der realen Entwicklung vorgegebene Problematik theoretisch zu

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bewältigen und die gesellschaftlichen Implikationen der faktischen Wirkungen der Keynes'schen Politik zu durchschauen. Die "kritischen" Varianten des linken Keynesianismus, neben Gorz insbesondere die angeführten Beiträge von Habermas und Offe, leiden darunter, daß ihre Kritik an der interventionistischen Wirtschaftspolitik des Staates äußerlich bleibt. Gerade der die konkreteren Probleme der Politischen Ökonomie sorgfältig aussparende Radikalismus der "Kritik der Politischen Technologie", wie er in der von Habermas vorgeschlagenen "Neuformulierung" des begrifflichen Rahmens des Historischen Materialismus oder in dem Offe'schen Ansatz einer "politischen Krisentheorie" zum Ausdruck kommt, beläßt die Kritik selbst in einer gewissen Unverbindlichkeit. Mit Recht hat G. Therborn dazu in seiner Kritik der Frankfurter Schule bemerkt:
"Aber diese radikale philosophische Kritik führt zu einem paradoxen Ergebnis. Da sie philosophisch ist und nicht direkt in den wissenschaftlichen Diskurs eingreift, kann sie keine neuen wissenschaftlichen Begriffe schaffen. Sie "transzendiert" sicherlich die bürgerliche Ökonomie, läßt aber ihr Begriffssystem intakt. Kritische Theorie betrachtet die bürgerliche Ökonomie als unhistorisch, aber nicht als falsch oder unwissenschaftlich. . .. Gerade der Radikalismus dieser Interpretation des Marxismus begrenzt drastisch ihre Wirkungen. Die Betrachtung der Ökonomie durch diese Philosophie erfüllt Wittgensteins Vorschrift: Sie läßt alles, wie es ist." (Therborn)*I.14
Eine immanente und in den Gegenstand selbst eindringende Kritik liegt nach meiner Kenntnis erst in dem Buch von Paul Mattick "Marx und Keynes" vor, dem die vorliegende Arbeit viel verdankt und an deren wichtigsten Fragestellungen sie anknüpft. Das Mattick'sche Buch ist der erste Versuch einer systematischen Kritik des Keynesianismus auf der Grundlage der Marx'schen "Kritik der Politischen Ökonomie". Im Gegensatz zu den angelsächsischen "Neomarxisten" Baran/Sweezy, Gillman und Dobb, die "pragmatisch" Elemente der Keynes'schen Theorie mit der Marx'schen Theorie zu verschmelzen suchten, bemüht Mattick sich darum, den strikten Sinn der Marx'schen Begriffe festzuhalten und für eine Kritik des Keynesianismus fruchtbar zu machen:
"Ich behaupte, daß die keynesianische Lösung der die Welt bedrängenden wirtschaftlichen Probleme nur von zeitweiliger Gültigkeit sein kann, und daß [16] die Bedingungen, unter der sie wirksam war, sich aufzulösen beginnen. Daher ist die Marx' sche Kritik der Politischen Ökonomie keineswegs irrelevant geworden; sie erhält vielmehr eine neue Bedeutung, weil sie in der Lage ist, sowohl die "alte" als auch die "neue" Nationalökonomie zu begreifen und zu überschreiten. Ich werde die keynesianische Theorie und Praxis einer marxistischen Kritik unterziehen und darüber hinaus versuchen, politische und ökonomische Ereignisse und Entwicklungen mit Hilfe der marxistischen Analyse zu erhellen." (Mattick, 1971, S. 8)
Die vorliegende Arbeit schließt in ihrer zentralen Fragestellung an diesen Intentionen Matticks an: Hat die "keynesianische Revolution" die Chance einer dauerhaften praktischen Bewältigung des Krisenproblems, wie ihre Wortführer, gestützt auf die empirische Evidenz der ökonomischen Entwicklung der Nachkriegszeit, behaupten, und die Vertreter der "kritischen" Richtung des linken Keynesianismus zumeist ohne jede nähere Diskussion unterstellen? Eröffnet die Anwendung der Keynes'schen Politik eine Perspektive langandauernder Vollbeschäftigung und wirtschaftlichen Wachstums, die die ökonomischen Rahmenbedingungen für ein politisches Klima schaffen, in dem eine kontinuierliche "linke" Reformpolitik möglich ist? Oder wird eine linke keynesianische Politik das gleiche Schicksal erleiden wie ihre reformistischen Vorgänger vor 1929? Die vorliegende Arbeit kann nicht beanspruchen, eine definitive Antwort auf diese Fragen zu geben. Sie könnte jedoch dazu beitragen, die bis heute stark zersplitterte marxistische Diskussion über die politische Ökonomie des Nachkriegskapitalismus auf gemeinsame Fragestellungen zu konzentrieren.

Hierbei kann es keineswegs nur um die vielbeschworene "empirische Konkretisierung" der Marx'schen Theorie für die Nachkriegszeit gehen. Notwendig ist vielmehr eine wechselseitige Vermittlung empirischer Analysen mit den Fragestellungen der Marx'schen Akkumulationstheorie. Viele marxistische Beiträge zu den Fragen etwa des Staatsinterventionismus oder des internationalen Währungssystems leiden darunter, daß diese Vermittlung fehlt: Nachdem pflichtschuldigst die Dialektik der Wertform von der Ware zum Kapital absolviert ist, folgen abrupt empiristische Darstellungen, deren theoretischer Aussagegehalt sich prinzipiell nicht von dem der Beiträge der akademischen Nationalökonomie unterscheidet und oft sogar hinter sie zurückfällt. Von solchen Analysen ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Konsequenz, die viele an den Problemen der Politischen Ökonomie interessierte Marxisten schließlich gezogen haben: Die ganze Werttheorie als überflüssigen Ballast aus der Politischen Ökonomie zu ver-

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bannen und nur noch unverbindliche Diskussionen über ihre "qualitativen" Aussagen zur Kritik des kapitalistischen Gesellschaftssystems zu akzeptieren. Für die ökonomische Analyse erscheint jedoch der Begriffsapparat der Keynes'schen Theorie als "brauchbarer".

Eine solche "pragmatische" Haltung ist vor allem im Bereich des angelsächsischen Neomarxismus weit verbreitet, wobei nur an das bekannte Buch "Monopolkapital" von Baran/Sweezy erinnert zu werden braucht. Sie entstand nicht aus einer immanenten Kritik der Marx'schen Werttheorie, deren allgemeine Begründung von den "keynesianischen" Marxisten wenn auch nur in einem sehr abstrakten Sinne akzeptiert wird. Ihr Motiv waren vielmehr die sehr erheblichen Schwierigkeiten, die Marx'sche Theorie der kapitalistischen Entwicklung mit den historischen Erfahrungen der Nachkriegsprosperität zu vermitteln. Die Marx'sche Werttheorie wurde verworfen, nicht weil ihre theoretische Begründung als falsch nachgewiesen worden wäre, sondern weil sie mit der faktischen ökonomischen Entwicklung nicht in Einklang zu stehen schien.

Die Konsequenzen dieses Schrittes waren allerdings schwerwiegend: Der Marxismus regredierte auf eine hauptsächlich Intellektuellen vorbehaltene philosophisch-moralische Kritik des Kapitalismus. Auf die Vermittlung der Kritik mit der faktischen gesellschaftlichen Entwicklung und politischen Praxis, auf der Marx bestanden hatte und die eines der zentralen Motive seiner Hinwendung zur politischen Ökonomie war, wurde verzichtet. Während Marx die Aufgabe der Kritik darin sah, zu zeigen, wie in der empirischen Bewegung der bestehenden Gesellschaft Tendenzen zu einer neuen Gesellschaftsordnung wirksam sind, beschränkten die neomarxistischen Theoretiker sich wieder darauf, die Kritik aus ihrer eigenen Selbstreflexion zu begründen.

Dieser Rückzug der Marx'schen Theorie in das Ghetto einer nur philosophischen Gesellschaftskritik kann nur dann aufgehalten werden, wenn es gelingt, die Relevanz der Marx'schen Werttheorie für die Analyse aktueller und konkreter Tendenzen der kapitalistischen Entwicklung deutlich zu machen. Das impliziert zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit denjenigen Richtungen der bürgerlichen Ökonomie, die heute beanspruchen, den Marxismus nicht nur theoretisch, sondern praktisch, in ihrer wirtschaftspolitischen Anwendung und ihren Folgen überwunden zu haben. Diese Auseinandersetzung kann nicht von außen her — vom Standpunkt desjenigen, der ohnehin schon immer alles weiß — geführt werden, sondern muß immanent an den von der realen historischen Entwicklung gestellten Problemen anknüpfen, um deren theoretische und praktische Bewältigung die bürgerliche Ökonomie sich bemüht.

Dieser Aufgabe will die vorliegende Arbeit nachgehen. In den ersten beiden Teilen sollen die Keynes'sche Theorie und relevante Teile der an sie anknüpfenden Diskussion innerhalb der akademischen Nationalökonomie kritisch dargestellt werden. Abschließend soll dann anhand einer Diskussion der Marx-Kritik von Joan Robinson und Strachey der Anspruch des linken Keynesianismus, den Marxismus theoretisch überschritten zu haben, überprüft werden.

Eine Beschränkung der Untersuchung auf die Ebene der kategorialen Kritik — so notwendig diese ist — würde jedoch der gestellten Aufgabe nur unzureichend gerecht werden. Denn auch eine noch so zwingende theoretische Kritik des linken Keynesianismus würde die Tatsache des faktischen Erfolges des Keynesianismus und der sozialdemokratischen Politik in der Nachkriegszeit nicht hinwegräumen können. Die Ursachen, Bedingungen und Perspektiven dieses Erfolges sollen in den letzten beiden Teilen untersucht werden. Im Mittelpunkt steht dabei die im letzten Abschnitt durchgeführte Auseinandersetzung mit der Mattick'schen Kritik des Keynesianismus, die meiner Ansicht nach in dem entscheidenden Aspekt der Erklärung der Nachkriegsprosperität und der wirtschaftlichen Entwicklungstendenzen der Nachkriegszeit unzulänglich bleibt. In dem letzten Abschnitt soll ein präziserer Ansatz zur Darstellung der Funktion der fiskalpolitisdien Eingriffe vorgeschlagen werden, der insbesondere den Problemen der Geldzirkulation genauer als die Mattick'sche Argumentation Rechnung trägt. Auf dieser Basis kann dann der Versuch einer allgemeinen Antwort auf das Problem des Verhältnisses von Staat und Privatwirtschaft im "interventionistischen" Kapitalismus gemacht werden.

II. Die Keynes'sche Theorie

1. Die Weltwirtschaftskrise

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Die Keynes'sche "Revolution" des bürgerlichen ökonomischen Denkens ist eine Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre, die die bürgerliche Gesellschaft in ihren Grundfesten erschütterte und zu einschneidenden Veränderungen der Struktur des Kapitalismus führte. Eine detaillierte Analyse der Krise soll hier nicht gegeben werden; dennoch ist eine kurze Schilderung zweckmäßig, um die Tragweite der Probleme, mit denen die Keynes'sche Theorie es zu tun hat, begreiflich zu machen. Der Krise war in den westlichen Ländern eine unterschiedliche konjunkturelle Entwicklung vorausgegangen. In Großbritannien hatte bereits 1921 eine schwere Depression begonnen, aus der sich die britische Wirtschaft vor allem infolge des Experiments der Wiedereinführung des Goldstandards während der ganzen zwanziger Jahre nicht wieder richtig erholte. Die Arbeitslosigkeit (Großbritannien und Nordirland) betrug 1921 17 %. Sie sank bis 1927 auf lediglich 9,7 %, um 1932 ein erneutes Maximum von 22,1 % zu erreichen*II.1 . In Deutschland hatte nach der Krise von 1923 eine vor allem durch amerikanische Kredite gespeiste "Rationalisierungskonjunktur" eingesetzt, die allerdings schon 1928 wieder Abschwächungszeichen erkennen ließ. Einzig in den USA herrschte die gesamten zwanziger Jahre hindurch eine Periode fast ungebrochener Prosperität, so daß man — in dem später am härtesten von der Krise getroffenen Land — von einem "golden age of business" sprach. In einem 1929 — sechs Monate vor dem berühmten "Schwarzen Freitag" — vorgelegten Bericht des "Committee of Recent Economic Changes of the President's Conference on Unemployment" hieß es:
"Die Schlußfolgerung lautet, daß wir ökonomisch ein grenzenloses Feld vor uns haben; daß es neue Bedürfnisse gibt, die endlos den Weg für neue Bedürfnisse bereiten, ebenso schnell, wie sie befriedigt werden. Wir scheinen nur die Anfänge unserer Möglichkeiten berührt zu haben." (Zit. aus Terborgh, 1945, S. 15)

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Die Ereignisse, die wenige Monate später begannen, lassen sich am besten durch einige Zahlen illustrieren. Das Volkseinkommen sank in den USA zwischen 1929 und 1933 um 57,7 %*II.2 ; in Deutschland nahm es zwischen 1929 und 1932 um etwa 40 % ab, in England fiel es "nur" um 15 %*II.3 . Die Industrieproduktion in den USA betrug 1932 54 % der von 1929; die Eisenproduktion ging im gleichen Zeitraum von 55,7 auf 13,7 Mill. t, die Kohleproduktion von 552 auf 326 Mill. t zurück. Das Bauvolumen schrumpfte um 82,3 %, wobei die Industriebauten fast zum völligen Stillstand kamen. In Deutschland betrug der Bruttowert der gesamten Industrieproduktion 1929 84,3 Mrd. RM, 1932 betrug er 38 Mrd. RM. Die Produktionsgütererzeugung ging insgesamt zwischen 1929 und 1932 um knapp 50 % zurück, die Investitionsgütererzeugung um über 60 %. Die Roheisenerzeugung sank um nicht weniger als 76 %, die Stahlerzeugung um 65 % und der Schiffbau kam mit einem Rückgang von 97 % so gut wie zum Erliegen. Die offizielle Arbeitslosenzahl betrug 1933 in den USA 12,830 Millionen (oder 23 % nach Beveridge). In Deutschland betrug sie 1932 6,1 Millionen oder — nach Kuczinski*II.4 — 44% der abhängig Beschäftigten, in England, wie bereits erwähnt, 22,1 %. Dazu müssen in allen Ländern noch Millionen von Kurzarbeitern gerechnet werden — abgesehen davon, daß die offiziellen Arbeitslosenzahlen wahrscheinlich noch zu niedrig gegriffen sind.

Die Krise war nicht nur hinsichtlich ihrer Schärfe mit allen früheren Krisen des Kapitalismus völlig unvergleichbar, sondern auch hinsichtlich ihrer territorialen und branchenmäßigen Ausdehnung. Sie erfaßte mit der einzigen Ausnahme der vom Weltmarkt isolierten Sowjetunion alle Länder der Welt, sowie alle Industriezweige und Wirtschaftsbereiche, Innen- und Außenhandel, Börse und Kredit. Der Index der industriellen Weltproduktion betrug nach Varga*II.5 1932 für Produktionsmittel 62, für Konsumgüter 89. (1928 = 100)

Im Gegensatz zu allen früheren Krisen standen nicht nur die mittleren und kleinen Betriebe, sondern auch ein erheblicher Teil der großen Konzerne vor allem der Grundstoff- und Schwerindustrie — jener Branchen also, in denen die Zentralisation und Konzentration

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des Kapitals bereits ein maximales Niveau erreicht hatte — und der Großbanken vor dem Bankrott: In Deutschland unter anderen der Flick-Konzern, der Wintershall-Konzern, der Stinnes-Konzern, die Danatbank, die Dresdner Bank, die Disconto-Gesellschaft, die Commerzbank. In den USA verschwanden nach Kroll 10 000 Banken "von der Bildfläche". Der in den früheren Krisen wirksame Mechanismus der weiteren Zentralisation des Kapitals sowie der Entwertung, durch den Profitrate und Profitmasse und damit die Akkumulationsfähigkeit des Kapitals wieder gesteigert werden konnten, war weitgehend außer Kraft gesetzt, da "die Konzentrationsbewegung 50 Jahre nach ihren Anfängen auch jene oberste Schicht erreicht hatte, von der sie so lange betrieben worden war" (Treue, 1967 S. 101). So blieb der "spontane" Wiederanstieg der Profite, der in den früheren Krisen die Erholung eingeleitet hatte, aus.*II.6 Der hohe Grad der Monopolisierung in vielen Zweigen der Grundstoff- und Investitionsgüterindustrie wirkte sich ferner insofern krisenverschärfend aus, als die Preise hier in weit unterdurchschnittlichem Maße sanken*II.7 und die Anpassung an die schrumpfenden Märkte stattdessen über eine Verringerung der Produktionsmenge angestrebt wurde. Das verstärkte sowohl die Arbeitslosigkeit als auch — wegen der relativ erheblich gestiegenen Wiederbeschaffungs- und Rohstoffkosten — den Rückgang des Kapitalbestandes. Auch der Mechanismus der Erhöhung der Profite durch Reallohnsenkungen, von dem sich vor allem die liberalen Ökonomen die Überwindung der Krise versprachen, "funktionierte" nicht mehr ausreichend. Abgesehen davon, daß die Nettoreallöhne in Deutschland ohnehin nicht sehr tief fallen konnten (sie waren in der Krise von 1923/24 allgemein auf ein Niveau gesunken, das kaum noch dem Existenzminimum entsprach, so daß der Lebensstandard der Arbeiter

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1928 noch keineswegs rosig war, obwohl die Reallöhne in der Zwischenzeit relativ stark angestiegen waren, vgl. dazu die Statistiken von Kuczynski, S. 208 f.), wirkte sich vor allem die Starrheit des Tarifvertragssystems und der gesetzlichen Sozialleistungen aus, die verhinderte, daß die Reallöhne schnell genug fielen. Sie konnte nur durch staatliche Notverordnungen gebrochen werden. Obwohl die Regierung Brüning von dieser Möglichkeit ausgiebigen Gebrauch machte, kam dennoch aus den Kreisen der deutschen Industrie, wie Treue berichtet*II.8 , der Vorwurf, Brüning nehme immer noch zuviel Rücksicht auf die Massen. Die Sozialleistungen, vor allem die Arbeitslosenhilfe, seien zwar beschnitten, jedoch nicht abgeschafft (!!) worden, die Löhne nicht in ausreichendem Maße gesenkt worden. Erst Papen erfüllte im September 1932 mit einer weiteren drastischen Senkung der Sozialleistungen und mit der Abschaffung des Tarifvertragssystems die Wünsche der deutschen Industrie.

Die Deflation führte zu einem Ansteigen der Schulden- und Zinslasten und dadurch zur Kreditkrise. Im Sommer 1931 kam es zum Zusammenbruch des deutschen*II.9 , im März 1933 — am Tag nach dem Regierungsantritt Präsident Roosevelts — zum Zusammenbruch des amerikanischen Bankensystems. Um einen völligen Wirtschaftsstillstand zu verhindern, mußte die Regierung die Garantie für die Bankeinlagen übernehmen. Der traditionelle Weg zur Reduktion der Schuldenlast war der Bankrott von Teilen des kleineren Kapitals gewesen. Jedoch konnte
"dem für den Kapitalismus normalen anarchischen Weg der Annullierung des untragbar gewordenen Teils der Schuldenlast durch Bankrotte ... in dieser Krise nicht freier Lauf gelassen werden. Die Bankrotte erfaßten solche Kommandohöhen des Finanzkapitals, wie die Darmstädter und Dresdner Bank, die Wiener Creditanstalt, den Kreuger-Konzern in Schweden, den Insull-Konzern in den USA usw.; die Zahl der Bankrotte drohte infolge der Tiefe der Krise, infolge des gewaltigen Preisfalls so gewaltige Dimensionen anzunehmen, daß der vollkommene Zusammenbruch des Kreditsystems und politisch eine Gefährdung der Hegemonie der Bourgeoisie über die Bauernschaft und das städtische Kleinbürgertum drohte. Die Welle der Bankrotte mußte eingedämmt werden. Das geschah entweder durch Entwertung der Valuta, durch staatlich verordnete Herabsetzung der Zinsen, Verbot der Versteigerungen usw. im Inland, durch Moratorien im Ausland. So steigerte sich [23] die Kreditkrise zur Bankkrise und zur Krise der Valuten." (Varga, a.a.O., S. 251)
Die ultima ratio zur Verhinderung des völligen ökonomischen Zusammenbruchs war der Staatseingriff. Auch die liberalen Theoretiker mußten einsehen, daß kein anderer Ausweg blieb als massive staatliche Interventionen und Hilfen für Industrie- und Finanzkapital, für den bedrängten Großgrundbesitz: Subventionen, Steuererlasse, Schuldenmoratorien, Verstaatlichungen usw. Mit der Bankenkrise sei deutlich geworden — meint Treue —, daß der Staat
"Großunternehmen, Pfeiler und Wahrzeichen privaten oder privat erscheinenden Unternehmertums, nicht mehr einfach zusammenbrechen und verschwinden lassen konnte. Bereits vorher hatte man gelernt, Subventionen nicht mehr allein zur Verbesserung oder Erhaltung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, im Interesse des nationalen Ansehens, z. B. bei Schiffbau oder Schiffahrt zu verwenden, sondern auch, um Zusammenbrüche und weitere Arbeiterentlassungen zu verhindern und die deutsche Landwirtschaft, insbesondere den Großgrundbesitz politisch und sozial zu festigen. . .. Krupp von Bohlen und Halbach forderte im Dezember 1932 eine ganz klare Scheidung der Aufgabe des Staates und derjenigen der Privatwirtschaft sowie eine Abkehr von ´jeder Subventionswirtschaft'. Wußte er nicht, daß beides längst nicht mehr möglich war, daß jeder ernsthafte Versuch dazu den Zusammenbruch der Privatwirtschaft bedeutet, daß er mehr oder weniger das private Unternehmertum vernichtet hätte?" (Treue)*II.10
Die "Subventionswirtschaft" war keine Ausnahmesituation, sondern erwies sich in den folgenden Jahren als eine Dauererscheinung. Das Versagen der automatischen "Selbstheilungskräfte", der Gegentendenzen gegen den Fall der Profitrate zog einen kumulativen Schrumpfungsprozeß nach sich, der in einen dauernden Stagnationszustand bei Massenarbeitslosigkeit und brachliegenden Kapazitäten mündete. Eine Wiederbelebung der privaten Investitionen konnte nur noch von der staatlichen Geld- und Finanzpolitik, von Staatsaufträgen, öffent-

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lichen Investitionen und Subventionen erwartet werden*II.11 . Für die Finanzierung blieb kein anderer Weg als die Staatsverschuldung, da die Steuereinnahmen dem allgemeinen wirtschaftlichen Rückgang entsprechend geschrumpft waren und eine Finanzierung der staatlichen Aufträge und Subventionen aus Steuern ohnehin ökonomisch wirkungslos geblieben wäre: sie hätte nur eine andere Verteilung der vom Staat ausgeübten Nachfrage bedeutet; die Funktion der Staatsausgaben mußte es aber sein, einen Nettozuwachs an Nachfrage zu schaffen: "Die Mittel müssen zusätzlich beschafft und dürfen nicht anderen Stellen entzogen werden"*II.12 .

Die Formen der staatlichen Defizitfinanzierung waren vielfältig: In den USA setzte die Roosevelt-Regierung die Notenpresse in Gang und die Zirkulation der "greenbacks" erreichte bald eine ansehnliche Höhe. In Deutschland wurde eine fiktive "Metallurgische Forschungsgemeinschaft" gegründet, auf deren Namen die Wechsel ausgestellt waren, die zur Finanzierung der Aufrüstung verwendet wurden. Die "Defizitfinanzierung" erreichte in den folgenden Jahren beträchtliche Ausmaße. So hatten die amerikanischen Bundesfinanzen seit 1931 ein kontinuierliches Defizit, das mit 0,5 Milliarden Dollar (1931) begann und sein Maximum mit 4,6 Milliarden (1936), das waren mehr als 50 % der gesamten Bundesausgaben*II.13 , erreichte. Dabei ist die ebenfalls rapide anwachsende Verschuldung der Staaten und Gemeinden nicht berücksichtigt. In Deutschland wurden seit Anfang 1936 überhaupt keine Haushaltspläne und keine Ausweise über die Reichsschuld mehr veröffentlicht: die Gesamtsumme der von der Regierung ausgegebenen "Mefo-Wechsel" war bereits über 40 Milliarden geklettert*II.14 .

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Während in Deutschland die Ankurbelung vornehmlich über Rüstungsaufträge stattfand, die zur raschen Reduzierung der Arbeitslosigkeit führten, ging der Aufschwung in den USA sehr langsam und schleppend vor sich. Die Roosevelt'schen Hilfsprogramme für die Landwirtschaft und für die Arbeitslosen und die zivilen öffentlichen Arbeiten führten zwar zu einer gewissen Belebung der Konsumgüterindustrie und des Bausektors, ließen aber die entscheidenden Branchen des Investitionsgütersektors unberührt. Zwar ging die Arbeitslosigkeit bis 1937 auf 11,2 %*II.15 zurück, eine nennenswerte Belebung der Investitionen fand jedoch nicht statt. Die Produktion nahm zwar seit 1934 wieder zu, blieb aber bis 1937 unter dem 1929 erreichten Niveau. Die Anfangserfolge der Roosevelt'schen Politik schienen zunächst die zeitweilig auch von Keynes vertretene "pump-priming-thesis" zu stützen. Nach ihr kam der staatlichen Defizitfinanzierung nur die Funktion einer "Initialzündung" zu, die die vermeintlich latent vorhandenen und nur vorübergehend gestörten Gleichgewichtskräfte des Marktes wieder in Gang setzen sollte. Die "pump-priming"-Theorie bestand jedoch die experimentelle Prüfung nicht. Als die Regierung in dem Glauben, der Aufschwung sei gekommen, 1937 die Ausgaben kürzte, führte das sofort zu einem neuen schweren Rückschlag, der sogar das Ausmaß des Rückgangs von 1929 überstieg. Erst jetzt wurde die Notwendigkeit einer dauerhaften "kompensierenden Finanzpolitik" allgemein anerkannt*II.16 . Der Erfolg trat freilich erst zu Beginn des

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Krieges ein, als die Rüstungsausgaben sprunghaft anstiegen. Noch 1940 betrug die Arbeitslosigkeit 14,1 %; erst 1941 sank sie auf 6,1 % ab. Wie in Deutschland brachte erst die Rüstungsproduktion die Vollbeschäftigung.

Kein Zweifel: Die Weltwirtschaftskrise war keine Krise wie jede andere, sondern ein Ereignis von säkularer Bedeutung. Sie führte zu wichtigen strukturellen Veränderungen des kapitalistischen Systems und vor allem zu einer entscheidenden Wandlung der Rolle der staatlichen Finanzpolitik, die an der Stelle des Marktes zum Motor und Regulator der Kapitalakkumulation wurde. Sie war nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine politische Existenzkrise des kapitalistischen Systems. Der ökonomische Zusammenbruch war die treibende Kraft der Verschärfung der politischen Konflikte und der Zuspitzung der Klassenkämpfe in allen Ländern. Er machte jeden Spielraum für Kompromisse zwischen Arbeiterklasse und Kapital zunichte und führte unerbittlich zu einer rapiden Verschlechterung der Lage der Arbeiter. Die Folge war eine beträchtliche Radikalisierung des Klassenkampfes in allen Ländern. In den USA, wo bis 1929 nur ein verschwindend geringer Bruchteil der Arbeiterklasse gewerkschaftlich organisiert war, führte die Krise zu einem gewaltigen Aufschwung der Gewerkschaftsbewegung, den die Unternehmer durch den Einsatz bewaffneter Privatarmeen zu bekämpfen versuchten. Die von den Unternehmen angestellten Privatsöldner erschossen Streikposten, "verprügelten und erschlugen Gewerkschaftsfunktionäre, sprengten Versammlungen und Demonstrationen und verwüsteten die Gewerkschaftsbüros" (Dobb, 1970, S. 350 f.). Die Bewegung an der Basis führte zur Spaltung der reaktionären AFL und brachte deren bornierten berufsständischen Syndikalismus zum Einsturz. — In Frankreich trug die Radikalisierung der Arbeiterbewegung und des Kleinbürgertums die drei Parteien der Volksfront (Kommunisten, SFIO und Radikalsozialisten) an die Macht. In Großbritannien zerbrach 1931 die damals regierende Labour-Party unter dem Druck der Gegensätze zwischen der Parteibasis und der Regierung, die sich den Forderungen der Unternehmer anpaßte und eine Verschlechterung der Arbeitslosenversicherung durchzusetzen versuchte. Das Kabinett Mac Donald schied aus der Labour-Party aus und bildete mit den Konservativen und

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Liberalen eine neue Koalitionsregierung. In Deutschland hielten die traditionellen Bindeglieder zwischen der Arbeiterschaft und dem bürgerlichen Staat der Radikalisierung der Klassenkämpfe nicht mehr stand: Die mit der Unterstützung einflußreicher Gruppen des Monopolkapitals an die Macht gelangte faschistische Regierung zerschlug nicht nur die KPD, sondern wenig später auch die SPD und die Gewerkschaften und liquidierte die parlamentarische Demokratie. Der Faschismus war keine spezifisch deutsche Erscheinung; er breitete sich zu jener Zeit wie eine Epidemie in den meisten europäischen Ländern aus, ein Heer bankrotter Kleinunternehmer und Händler, entlassener Angestellter, stellungsloser Offiziere, Intellektueller und Beamte um sich sammelnd*II.17 . Die faschistische Bewegung speiste sich vor allem aus den früheren liberalen bürgerlichen Mittelschichten.

Der Zusammenbruch des Kapitalismus war offenkundig und wurde auch von der gesamten bürgerlichen Welt gar nicht mehr geleugnet, die ihr ganzes Heil jetzt nur noch in einem starken Staat erblicken konnte und in Scharen zum Faschismus überlief. Das Scheitern der revolutionären Arbeiterbewegung konnte nicht auf eine Unreife der ökonomischen Bedingungen zurückgeführt werden. Es erklärte sich aus politischen Ursachen, aus dem verhängnisvollen Zusammenspiel von Sozialdemokratie und Stalinismus, das vor allem L. Trotzki*II.18 mit seinen Analysen erhellt hat.

In diesem Zusammenhang muß die politische Position gewürdigt werden, die John Strachey, der spätere Wortführer des linken Keynesianismus, damals einnahm. Stracheys 1935 geschriebenes Buch "The Nature of Capitalist Crisis" ist bis heute zu Unrecht weithin unbekannt geblieben. Es enthält nicht nur eine glänzende marxistische Kritik der damaligen bürgerlichen Krisentheorien einschließlich der später von ihm selbst vertretenen sozialdemokratischen Unterkonsumptionstheorien, sondern zugleich auch eine der — wie sicherlich ohne Übertreibung gesagt werden kann — treffendsten Analysen des Faschismus und der damaligen politischen Situation des Kapitalismus. Strachey faßt die Quintessenz seiner Gedanken wie folgt zusammen:
"Wir müssen erkennen, daß nur zwei Zukunftsperspektiven für solche verbleibenden kapitalistischen Demokratien wie Frankreich, Großbritannien oder [28] Amerika denkbar sind. Entweder die Profitrate muß schließlich wieder erhöht werden, mit allen Mitteln und um jeden Preis menschlichen Leidens und sozialer Unterdrückung, oder die revolutionäre Arbeiterklasse muß die Kapitalisten expropriieren und die profitlose Produktion für den Gebrauch organisieren. Der Zweck des Faschismus liegt in der Verwirklichung der ersten Alternative, wie es der Zweck des Kommunismus ist, die zweite zu erreichen. Ferner ist irgendeine Form des Faschismus mit allen seinen widerwärtigen Konsequenzen heute ebenso unentbehrlich für eine mehr als vorübergehende Wiederherstellung der Profitrate, wie es der Kommunismus für den Sieg der Arbeiter und die Organisation der Produktion für den Gebrauchswert ist. Es ist für die herrschenden Kapitalisten ganz unmöglich, die ungeheuerlichen Lohnkürzungen und die allgemeine Verschlechterung der Lebensbedingungen durchzusetzen, die, wie wir genau im einzelnen gesehen haben, jetzt auch für die geringfügigste Wiederherstellung des Profits notwendig sind, ohne alle zum Widerstand fähigen Arbeiterorganisationen zu zerschlagen." (J. Strachey, 1935, S. 375)
Wie kam es zu dem Zusammenbruch von 1929? Strachey kommt nach einer eingehenden Auseinandersetzung mit den verschiedenen Richtungen der bürgerlichen Krisentheorie (Douglas, Hobson, I. Fisher einerseits, F. Hayek und L. Robbins andererseits) zu dem Ergebnis, daß allein die Marx'sche Krisentheorie eine zureichende Analyse und Interpretation der Situation liefere. Als die entscheidende politische Konsequenz ergibt sich aus ihr der Nachweis, daß der "organisierte", "geplante" und durch hohe Löhne und Massenkaufkraft prosperierende Kapitalismus, wie er den linken Labour-Theoretikern um D. H. Cole vorschwebte, eine Illusion ist:
"Mr. Cole ist in diesen außergewöhnlichen Irrtum verfallen, indem er den wichtigsten Faktor der Situation ignorierte, die fallende Tendenz der Profitrate. Er hat ebenso wie so viele andere, nur die eine Seite des kapitalistischen Dilemmas betrachtet. Er hat gesehen — und darin ist ihm natürlich zuzustimmen —, daß das Herunterdrücken der Reallöhne auf das Existenzminimum schließlich zu einer Krise führen muß, da es dadurch immer schwieriger wird, durch Verkäufe einen Mehrwert zu realisieren, den die Kapitalisten infolge der gleichen niedrigen Löhne auspressen konnten. Aber er hat übersehen, daß hohe Löhne sich noch negativer für das System auswirken würden, da sie es den Kapitalisten unmöglich machen würden, überhaupt einen Mehrwert auszupressen (in ausreichender Höhe), geschweige denn ihn zu realisieren." (a.a.O., S. 336)
Die ausweglose ökonomische Situation stellt die Grundlagen des bestehenden Gesellschaftssystems in Frage. Nur eine revolutionäre Theorie, die diese Grundlagen selbst thematisiert, kann deshalb einen Weg

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aus dem ökonomischen Dilemma weisen. Sie gewinnt deshalb eine unmittelbar praktische Bedeutung:
"Diese Überlegungen ermöglichen es uns, den Anspruch zu bekräftigen, daß gerade heute, in unserer Zeit der Gewalt und Verwirrung, die theoretische Einsicht — es ist nicht übertrieben, das zu sagen — eine Frage von Leben und Tod für uns alle wird, ökonomische Theorie in ihrer tiefsten Bedeutung ist ein Versuch, das Wesen des bestehenden ökonomischen Systems zu begreifen und so indirekt alles zu begreifen, was auf diesem System begründet ist. In ruhigen Zeiten, wenn ein ökonomisches System adäquat funktioniert, wenn sein Zusammenbruch nicht denkbar erscheint, scheinen solche theoretischen Einsichten (obgleich irrtümlicherweise) unnötig. Es scheint möglich (wie die moderne Gleichgewichtsökonomie es zum Beispiel tut), das bestehende System als ein nicht weiter ableitbares Datum zu behandeln und nur die Abweichungen von dem Sollzustand dieses Systems zu untersuchen, jedoch nicht diesen Sollzustand selbst. In unserer furchtbaren Epoche jedoch, in der eine ganze Form des sozialen und ökonomischen Lebens unmöglich wird, wenn es unmöglich ist, zu einer anderen Methode Zuflucht zu nehmen, gewinnt die ökonomische Theorie eine ungeheure Bedeutung, wenn nicht die Barbarei über uns hereinbrechen soll. Daher wächst ganz im Gegensatz zur gewöhnlichen Annahme die Bedeutung der Theorie direkt mit der Schwere der Krise und der Notwendigkeit, zu handeln. Theorie ist das Auge der Praxis, Theorie allein kann die weitreichenden Handlungen, zu denen wir in jedem Fall gezwungen sein werden, davor bewahren, mit sich selbst in Widerspruch zu geraten." (a.a.O., S. 358)
Wenn der Weg der revolutionären Beseitigung des Kapitalismus nicht beschritten werde, meint Strachey, so werde die ökonomische Theorie
". . . nicht nur es uns ermöglichen, den nächsten Krieg vorauszusagen. Sie wird darüber hinaus, und das ist noch wichtiger, uns befähigen zu erklären, wie und warum der Krieg das unvermeidliche Ergebnis der sozialen und ökonomischen Beziehungen der kapitalistischen Welt ist." (a.a.O., S. 360)

2. Die Keynes'sche Erklärung der Krise

Die allgemeine politische Situation des Kapitalismus in den dreißiger Jahren macht verständlich, auf welche Aufnahmebereitschaft in der bürgerlichen Welt und in der reformistischen Arbeiterbewegung ein Buch wie die "General Theory" von Keynes stoßen mußte, das, wie Strachey 1957 ausführte, versprach, "den westlichen Völkern einen Weg aufzuzeigen, der nicht über den Sturzbach des totalen Klassenkampfes führt" (Strachey, 1957, S. 250).

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Als die "General Theory" 1936 erschien, waren die neuen Formen der staatlichen Finanz- und Beschäftigungspolitik bereits eine Tatsache. Die Krise und die Methoden ihrer Bewältigung waren von der bürgerlichen Wirtschaftstheorie nicht vorausgesehen worden, sondern liefen ihren grundlegendsten Annahmen zuwider. Die bürgerliche Nationalökonomie wurde durch die Ereignisse nach 1929 vollständig vor den Kopf gestoßen und zeigte sich gegenüber den praktischen Problemen ebenso hilflos wie der gewöhnliche "Mann auf der Straße". Ihre Ratschläge — rigider Haushaltsausgleich und Lohnsenkungen — führten offensichtlich nur noch zu einer weiteren Verschärfung der Lage, was allerdings die Regierungen nicht daran hinderte, sie jahrelang dennoch zu befolgen. Jahrelang trafen die Keynes'schen Vorschläge trotz der katastrophalen wirtschaftlichen Situation auf ein tiefes Mißtrauen der Regierungen und der Geschäftswelt.
"Präsident Hoover war über Keynes' Lehren so entsetzt, daß er die Deficitspending Politik und alles was damit zusammenhing, die "Operation Tintenfisch" nannte und Keynes zusammen mit Marx und Mussolini als die drei größten Feinde der Zivilisation brandmarkte." (Dillard, 1967, S. 240 f.)
Für Deutschland hat Kroll nachgewiesen, daß die nicht zuletzt durch die Ratschläge der akademischen Theorie beeinflußte Wirtschaftspolitik der Regierung Brüning verschärfend auf die Krise einwirkte. Der sich seit 1932/33 anbahnende Wandel in der wirtschaftspolitischen Orientierung in den USA, England und Deutschland war nicht der akademischen Theorie, sondern den Ratschlägen von erfahrenen "Außenseitern" zu verdanken. So hatte das 1936 veröffentlichte Keynes'sche System den Charakter einer nachträglichen Rationalisierung einer schon bestehenden Praxis.

Der theoretische und praktische Bankrott der bürgerlichen Nationalökonomie war kein Zufall, sondern ein notwendiges und konsequentes Resultat ihrer innersten Traditionen. Das Hauptanliegen der bürgerlichen Ökonomie nach Ricardo war es gewesen, die kapitalistische Ordnung als ein jederzeit spontan zum Gleichgewicht und zu allseitiger Harmonie tendierendes System darzustellen. Marshall, Edgeworth und Pigou entwickelten ausgeklügelte Modellsysteme, in denen gezeigt werden sollte, wie das Preissystem und der Zinssatz unter den Bedingungen freier Konkurrenz und staatlicher Nichteinmischung automatisch dahin tendierten, ein Optimum an Produktion, Beschäftigung und Bedürfnisbefriedigung herzustellen. Das System war

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so definiert, daß keine endogenen Störungen auftreten konnten. Sicherlich war die faktische Existenz von Krisen nicht zu leugnen; aber definitionsgemäß konnten sie nur aus "externen" Einflüssen herrühren, die mit der Struktur des Systems selbst nichts zu tun hatten. So entstanden die groteskesten Konstruktionen wie die von Jevons, der den Sonnenflecken-Zyklus und seinen Einfluß auf die Ernten für die Krise verantwortlich machte. Kernstück der liberalen Theorie war das Say'sche "Gesetz" (dessen eigentlicher Begründer James Mill war), nach dem ein allgemeines Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage nicht möglich ist, da in dem Marktsystem die Produzenten Waren nur auf den Markt bringen, um ihrerseits Nachfrage nach Waren auszuüben. Die Gesamtsumme von Käufen und Verkäufen muß sich so notwendigerweise die Waage halten; möglich sind allenfalls partielle Disproportionalitäten, Übernachfrage in einem Produktionszweig, der eine Unternachfrage in einem anderen entsprechen muß. Allgemeine Überproduktionskrisen waren damit per definitionem unmöglich.

Die Erklärung, die die liberale Ökonomie für die Arbeitslosigkeit gab, war ein noch eklatanterer Ausdruck ihrer Oberflächlichkeit und ihres gedankenlosen Zynismus. Angeblich war der Grund, daß die Arbeiter "freiwillig" wegen der nach ihrer Ansicht zu niedrigen Reallöhne sich weigerten, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, d. h. die Situation des Arbeiters wurde nach dem Verhaltensmuster des kleinen Warenproduzenten interpretiert, der beim Verkauf seiner Ware die für ihn günstige Marktkonstellation abwartet. Da aber der Lohn nicht über das Grenzprodukt der Arbeit steigen könne — wobei dieses wiederum per definitionem dem Reallohn bei Vollbeschäftigung gleichgesetzt wurde — und der Kapitalist den Arbeitern nicht mehr als das Grenzprodukt ihrer Arbeit zahlen könne, sei der einzige Ausweg das Einverständnis der Arbeiter mit niedrigeren Löhnen. In diesem Sinne sei alle Arbeitslosigkeit "freiwillige Arbeitslosigkeit"; der Weg zu ihrer Beseitigung sei die Bereitschaft der Arbeiter, für niedrigere Reallöhne zu arbeiten.

Das Funktionieren aller dieser Mechanismen setzte allerdings — wie nicht anders zu erwarten — strikte staatliche Nichteinmischung und ein Preissystem voraus, das nach den Regeln der atomistischen Konkurrenz funktionierte und mit monopolistischer Marktbeherrschung und insbesondere gewerkschaftlicher Verhandlungsmacht unvereinbar war. Staatliche Eingriffe waren unter den Annahmen der liberalen Theorie nur gerechtfertigt, wenn sie Beseitigung von Hindernissen für

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den freien Wettbewerb — Monopole, Kartelle und in erster Linie Gewerkschaften zum Ziel hatten. Eine positive ökonomische Funktion des Staates konnte es jedoch nicht geben und alle staatlichen Eingriffe, die über die bloße Abwendung von Gefahren für die freie Wettbewerbswirtschaft hinausgingen, waren abzulehnen. Die liberale Ökonomie war so ihrem Wesen nach ideologisch; ihre Funktion bestand darin, das "freie Spiel der Kräfte", wie es den Bedingungen der Kapitalakkumulation im 19. Jh. entsprach, zu verteidigen, den sozialpolitischen Eingriff des Staates abzuwehren und den Widerstand des Kapitals gegen die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiter zu rechtfertigen. Es widersprach ihrem Prinzip, praktische Handlungsanweisungen für die staatliche Wirtschaftspolitik zu geben, da für sie das einzig richtige "Handeln" des Staates in seiner Tatenlosigkeit bestand.

So ist die völlige Verwirrung und Hilflosigkeit der liberalen Ökonomie, als sie 1929 von den Ereignissen überrollt wurde, nicht erstaunlich. Die Weltwirtschaftskrise bedeutete das Ende der liberalen Ökonomie und ihres Glaubens an die prästabilisierte Harmonie des kapitalistischen Systems. Auch für die bürgerliche Welt war sie nicht länger brauchbar, da sie nicht imstande war, den Weg zur Rettung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu weisen. Diese Funktion wurde vielmehr von der Keynes'schen Ökonomie übernommen. Nachdem in Deutschland und den USA nahezu die Hälfte der Arbeiter arbeitslos geworden war und nachdem ein Theoretiker wie Keynes jahrelang seinen gesamten Scharfsinn aufgewendet hatte, drang es auch in das Bewußtsein der bürgerlichen Ökonomie vor, daß es im Kapitalismus auch andere als "freiwillige" Arbeitslosigkeit geben könne. Gegen die liberalen Vorschläge, die Krise durch Lohnsenkungen zu bekämpfen, meint Keynes:
"Die Anschauung, daß die Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten im Jahre 1932 entweder durch die hartnäckige Weigerung der Arbeiter verschuldet wurde, eine Kürzung der Geldlöhne anzunehmen oder durch ihr hartnäckiges Bestehen auf einem Reallohn, der höher war als der, den die Produktivität des Wirtschaftslebens bieten konnte, klingt nicht sehr überzeugend." (Keynes, 1952, S. 8)
So richtet Keynes sein Hauptbemühen darauf, zu zeigen, wie es zu dem für die liberale Ökonomie unfaßbaren Phänomen der Massenarbeitslosigkeit kommen konnte. Sein Ansatzpunkt dabei ist der Begriff der "effektiven Nachfrage". Offenbar hing die Unfähigkeit der libera-

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len Ökonomie, das Faktum der "unfreiwilligen Arbeitslosigkeit" gedanklich zu fassen, mit ihrem Festhalten an dem Say'schen Postulat zusammen, das angesichts des riesenhaften Umfangs der Absatzstockung nicht minder wirklichkeitsfremd als die Leugnung "unfreiwilliger Arbeitslosigkeit" anmuten mußte. Die selbstverständliche Grundannahme, daß das Angebot sich seine eigene Nachfrage schaffe, muß, wie Keynes argumentiert, aufgegeben werden — und von dort her ergibt sich zugleich der Ansatz zur Erklärung der "unfreiwilligen" Arbeitslosigkeit. Keynes' Plan ist es, zu zeigen, daß ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage, das zugleich Vollbeschäftigung impliziert, nicht den einzig möglichen, sondern nur einen Sonderfall vieler möglicher Gleichgewichtszustände darstellt. "Gleichgewicht" ist somit auch bei Unterbeschäftigung möglich. Diese Argumentation zwingt Keynes dazu, zu der Betrachtung des ökonomischen Systems als Ganzes zurückzukehren, die die bürgerliche Ökonomie seit Ricardo unter Berufung auf das Say'sche Postulat aufgegeben hatte. Der Horizont der liberalen Ökonomie deckte sich mit dem "gesunden Menschenverstand" des einzelnen Kapitalisten, während Keynes Ersparnis, Investition und Konsum wieder in gesamtwirtschaftlicher Perspektive behandelt.

Weiter geht die Keynes'sche Problematisierung der liberalen Ökonomie allerdings nicht. Das Keynes'sche Modell beschränkt sich auf die Konstruktion quantitativer Funktionszusammenhänge zwischen den verschiedenen makroökonomischen Größen; die kategoriale Fragestellung nach der inneren Natur der ökonomischen Formbestimmungen, die noch der Analyse Ricardos zugrundelag, liegt ebenso außerhalb seines Denkens wie für Walras, Pigou, Marshall und Edgeworth.

Der Begriff des Ganzen geht bei Keynes nicht aus einer kategorialen Untersuchung, sondern lediglich aus einer Addition der einzelwirtschaftlichen Befunde hervor. Deshalb wird die Keynes'sche Analyse, wie im folgenden näher gezeigt werden soll, in allen ihren entscheidenden Elementen trotz der gesamtwirtschaftlichen Betrachtung nach wie vor wie die liberale Theorie von der "psychologischen" Perspektive des individuellen Kapitalisten beherrscht. Nichtsdestoweniger nimmt Keynes als zentrales Verdienst gegen seine Vorgänger für sich in Anspruch, die Lösung des Paradoxons der "Armut im Überfluß" gefunden zu haben. Dieser Anspruch wird im folgenden zu überprüfen sein.

- Die Keynes'sche Analyse der ´effektiven Nachfrage´ -

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"Verbrauch — um das Selbstverständliche zu wiederholen — ist das einzige Ziel und der einzige Zweck aller wirtschaftlichen Tätigkeit. Die Beschäftigungsgelegenheiten sind notwendigerweise durch die Größe der gesamten Nachfrage begrenzt. Die gesamte Nachfrage kann nur vom gegenwärtigen Verbrauch oder von der gegenwärtigen Vorsorge für zukünftigen Verbrauch kommen. Der Verbrauch, für den wir vorteilhaft im voraus sorgen können, kann nicht unendlich in die Zukunft hinausgeschoben werden." (Keynes, a.a.O., S. 104)
Diese Definition des Problems der "effektiven Nachfrage", wie sie Keynes am Ende des 8. Kapitels der "General Theory" gibt, stellt das Prinzip der "Knappheit der Mittel", das von der bürgerlichen Wirtschaftstheorie gewöhnlich als das Grundproblem der Ökonomie hingestellt wird, auf den Kopf. Nicht die Knappheit, sondern im Gegenteil der Überfluß an Gütern, die übermäßige Produktion für den zukünftigen Konsum wird als das Zentralproblem der Wirtschaft bezeichnet. Wenn aber der Konsum wirklich das einzige Ziel und der einzige Inhalt der Produktion wäre, wie Keynes mit der größten Selbstsicherheit behauptet, und die Überproduktion wirklich eine Überproduktion im Hinblick auf die bestehenden Konsumbedürfnisse, dann wäre ja gerade nicht zu erklären, wie es zu der paradoxen Erscheinung der "Armut im Überfluß" kommen konnte, der doch die Keynes'schen Überlegungen gelten. Offenbar muß es eine Differenz zwischen Bedürfnissen und zahlungsfähigen Bedürfnissen, wie zwischen den Gebrauchswerten zur Befriedigung der Bedürfnisse und ihrem Geldausdruck geben. Wie Paulsen, einer der deutschen Keynes-Interpreten formuliert: "Aber von einer vollen Deckung der Bedürfnisse wird ja nicht gesprodien. Sondern von der Fähigkeit des Systems, diese Bedürfnisse zu wirksamer Nachfrage, zu einem ökonomischen Faktor zu machen" (1969 S. 40). Worin besteht aber das Wesen der wirksamen Nachfrage als "ökonomischer Faktor" im Unterschied zu dem Bedürfnis nach Gebrauchswerten (die "Knappheit" kann es offensichtlich nicht sein)? So fundamental die theoretische Bedeutung dieser Frage erscheint, so unzureichend bleiben hier die von Keynes und Paulsen gegebenen Antworten. Darin liegt der Schlüssel der Unzulänglichkeit und Beliebigkeit der Keynes'schen Theorie, wie sich im folgenden immer wieder zeigen wird.

Das Problem tritt bereits am Anfang der "General Theory" auf, wo Keynes versucht, die "effektive Nachfrage" als einen "ökonomi-

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sehen Faktor"
zu fassen und dazu nach der geeigneten "Wahl der Einheiten" sucht. Es ist charakteristisch für die Oberflächlichkeit der Keynes'schen Betrachtungsweise, daß Keynes hier die Frage nach der Quantifizierbarkeit ökonomischer Größen von vornherein als eine rein analytische Frage auffaßt. Die Notwendigkeit, quantitative Ausdrücke für die Beschreibung der ökonomischen Tatbestände zu finden, wird von Keynes aus den methodologischen Maßstäben exakter Wissenschaft begründet; Keynes unterläßt es aber, auch nur die Frage zu stellen, welche den ökonomischen Objekten selbst inhärente gemeinsame Qualität eine solche quantitative Beschreibung überhaupt erst ermöglicht und damit die Wirklichkeitsbezogenheit der ökonomischen Analyse sichert. An die Stelle der erkenntnistheoretischen Frage nach der Quantifizierbarkeit ökonomischer Größen treten die methodologischen Postulate der "exakten Wissenschaft". Keynes stellt die Frage nach den ökonomischen Einheiten nur als die Frage nach dem Wertmaß und nicht als die Frage nach dem Wertbegriff selbst.

Hier ist es allerdings bemerkenswert, daß Keynes die von anderen Ökonomen verwendeten Indexzahlen als ökonomische Maßeinheiten verwirft. Er argumentiert dabei wie folgt:
"Das Nationalprodukt, wie es von Marshall und Professor Pigou definiert wird, mißt die Menge der laufenden Produktion oder das Realeinkommen und nicht den Wert der Produktion oder das Geldeinkommen. Es hängt ferner in einem gewissen Sinn von der Reinproduktion ab — das heißt von der Reinhinzufügung zum Vermögensbestand des Gemeinwesens, die für den Verbrauch oder für die Erhaltung des Kapitalbestandes verfügbar ist, als Folge der wirtschaftlichen Tätigkeiten oder Opfer des laufenden Zeitabschnittes und unter Berücksichtigung der Abnützung des Bestandes an Realkapital, der zu Beginn des Zeitabschnittes vorhanden war. Auf dieser Grundlage wird versucht, eine Mengenwissenschaft aufzubauen. Ein schwerwiegender Einwand gegen diese Definition für einen solchen Zweck ist aber, daß die Produktion von Gütern und Dienstleistungen des Gemeinwesens ein ungleichartiger Komplex ist, der, genau genommen, nicht gemessen werden kann, mit Ausnahme gewisser Sonderfälle, wie zum Beispiel, wenn alle Posten einer Produktion im gleichen Verhältnis in einer anderen Produktion eingeschlossen sind. Die Schwierigkeit ist noch größer, wenn wir, um die Reinproduktion zu berechnen, versuchen, die Reinhinzufügung zur Kapitalausrüstung zu messen; denn wir müssen irgendeine Grundlage für einen Mengenvergleich finden zwischen den neuen Posten der Ausrüstung, die während des Zeitabschnittes erzeugt worden sind, und den alten Posten, die durch Abnützung zugrunde gegangen sind. Um auf das Nettonationalprodukt zu kommen, zieht Professor Pigou das Veralten usw. ab, das leidlich ´normal´ genannt werden kann, und das praktische Merkmal von Normalität ist, daß die Abnahme regelmäßig [36] genug ist, um, wenn nicht im einzelnen, so doch im ganzen vorausgesehen werden zu können. Da aber dieser Abzug kein Abzug in Geld ist, ist er gezwungen, die Möglichkeit einer Veränderung der physischen Menge anzunehmen, obschon es keine physischen Veränderungen gegeben hat; das heißt, er führt verstohlen Veränderung im Wert ein. Er kann überdies keine befriedigende Formel für die Abschätzung der alten Ausrüstung gegen die neue erdenken, wenn die beiden infolge von Veränderungen in der Technik nicht identisch sind." (Keynes, 1952, S. 33)
Für das physische Produkt läßt sich kein gemeinsamer quantitativer Ausdruck finden. Die Indizes des "physischen Output" sind "nicht präzise", da nicht angegeben werden kann, was sie messen. Aus diesem Grunde lehnt Keynes auch den Begriff des "allgemeinen Preisniveaus" ab, der auf den Maßzahlen des "physischen out-put" beruht. Obgleich diese Begriffe zwar nicht sinnlos sein mögen, erlauben sie dennoch keine genaue quantitative Analyse:
"Zu sagen, daß die Reinproduktion heute größer, aber das Preisniveau niedriger ist als vor zehn Jahren oder vor einem Jahr, gleicht in ihrem Wesen der Feststellung, daß Königin Viktoria eine bessere Königin, aber keine glücklichere Frau war als Königin Elisabeth — eine Behauptung, die nicht ohne Bedeutung und ohne Interesse, aber unbrauchbar als Grundlage für die Differentialrechnung ist. Unsere Genauigkeit wird eine Scheingenauigkeit sein, wenn wir versuchen, solche teilweise ungenauen und nicht quantitativen Begriffe als Grundlage für eine quantitative Analyse zu benutzen." (Keynes, 1952, S. 35)
Keynes hätte aus dieser Sachlage zwei mögliche Konsequenzen ziehen können: Entweder ist Nationalökonomie als exakte und quantifizierende Wissenschaft wegen der Inhomogenität ihrer Gegenstände nicht möglich, oder Keynes hätte nach dem realen Konstituens der Beziehung der Waren aufeinander, das ihre Darstellung in der Preisform ermöglicht, nach dem absoluten Gemeinsamen der Waren fragen, d. h. die Frage nach dem Wertbegriff stellen müssen. Keynes entscheidet sich weder für die eine noch für die andere Alternative. Sein schließlicher Entschluß, "Lohneinheiten" als Maß des "real Output" zu wählen, verkennt die Natur des von ihm selbst aufgeworfenen Problems und trägt zu seiner Lösung nichts bei. Denn problematisch ist nicht der Maßstab, sondern der Gegenstand der Messung; er aber bleibt bei einer Messung durch "Lohneinheiten" ebenso unklar wie bei der Verwendung von Indexzahlen. Eine größere Wirklichkeitsbezogenheit der Theorie wird so nicht erreicht. Das zeigt sich insbesondere an den analytischen Voraussetzungen, die Keynes für die Verwendung

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von Lohneinheiten macht: der Annahme einer gleichbleibenden technischen Ausrüstung und einer konstanten Arbeitsproduktivität. Nur unter diesen Annahmen ist, so Keynes, die Verwendung von "Lohneinheiten" als Maß des "physischen Output" sinnvoll, da nur bei konstanter Ausrüstung und Arbeitsproduktivität eine exakte Korrelation zwischen den aufgewendeten Arbeitsstunden und der Menge des "physischen Output" bestehe. Joan Robinson hat diese Annahmen später in ihrem "Essay on Marxian Economics" als wirklichkeitsfremd kritisiert, ein Vorwurf, der jedoch, wie weiter unten genauer gezeigt werden soll, nicht minder ihre eigenen Analysen trifft.

Keynes "löst" das Problem des Realitätsbezuges, indem er es durch Einführung analytischer Definitionen eliminiert. An die Stelle der Realität tritt die logische Konstruktion. Dieses in der bürgerlichen Ökonomie gebräuchliche Verfahren hat H. Albert in seinem bekannten Aufsatz unter dem Begriff "Modell-Platonismus" kritisiert*II.19 . Dem "Modell-Platonismus" entspricht, wie sich im folgenden noch näher zeigen wird, der Subjektivismus der Keynes'schen Analyse. Denn da die analytischen Konstruktionen, aus denen sie besteht, keine Erkenntnisse, sondern nur logische Relationen beinhalten, erweist sich die ökonomische Theorie im Hinblick auf die Realität als nicht klüger, als die jeweiligen "Wirtschaftssubjekte" selbst. Sie ist gezwungen, alles aus deren "Psychologie" zu erklären, m. a. W.: Sie weiß auch nicht mehr als der ökonomische "gesunde Menschenverstand" der "praktischen Geschäftswelt". In der Tat werden sich alle drei entscheidenden Determinanten des Keynes'schen Systems — "der Hang zum Verbrauch", "die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals" und die "Liquiditätspräferenz" als "psychologisch bestimmt" erweisen.

Bevor Keynes zu seiner materialen Analyse übergeht, definiert er auf der Basis der zuvor gewonnenen quantitativen Begriffe die Bestandteile der effektiven Nachfrage — Konsum und Investition sowie Ersparnis und Einkommen. Die Gesamtproduktion besteht aus Konsumgütern und Produktionsmitteln; ihr entspricht auf der Geldseite jener Teil des Einkommens, der für den Konsum ausgegeben wird, und der restliche Teil, der "gespart" und investiert werden kann. Der Konsum ist die Differenz zwischen den gesamten Verkäufen und den Verkäufen an Unternehmer. Die Investition wird als Nettoinvestition definiert; sie ist gleich dem Überschuß des Gesamtverkaufs minus der

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"Gebrauchskosten" über den Konsum. Das Einkommen wird als Summe von Investition und Konsum definiert; es entspricht also dem Nettoeinkommen. Die Ersparnis ist gleich der Differenz zwischen Einkommen und Konsum, ist also per definitionem gleich der Investition. Diese Gleichheit von Ersparnis und Investition hat in der späteren Keynes-Diskussion Verwirrung hervorgerufen, da in den Überlegungen Keynes' die mögliche Ungleichheit von Ersparnis und Investition eine zentrale Rolle spielt. In der späteren Keynes-Diskussion (Hansen, Dillard, Paulsen, L. Klein) wurde diese Unklarheit dahingehend aufgeklärt, daß es sich im ersten Fall (notwendige Gleichheit von Ersparnis und Investition) um ex-post-Größen, d. h. um die geplante plus die ungeplante Investition (z. B. unverkäufliche Warenvorräte) handle, während es sich beim zweiten Fall (mögliche Ungleichheit von Ersparnis und Investition) nur um die ex-ante —, d. h. die geplanten Größen gehe. Ersparnis und Investition sind so notwendigerweise gleich, müssen sich aber nicht immer im Gleichgewicht befinden, wie Hansen formuliert (1959 S. 40 ff.).

Diese Position enthält eine wichtige Differenz gegenüber der Auffassung der Ökonomie vor Keynes. Die von Keynes so bezeichnete "klassische Theorie" (vertreten vor allem durch Marshall und Pigou) nahm an, daß Ersparnis und Investition auch ex ante stets zum Gleichgewicht tendieren müßten. Dieses Gleichgewicht war nach ihrer Vorstellung durch die Bewegung des Zinssatzes vermittelt: Bei einem Überschuß der Investition über die Ersparnis würde der Zinssatz steigen und dadurch zugleich die Investition abdrosseln und die Ersparnis ansteigen lassen. Umgekehrt bei einem Überschuß der Ersparnis über die Investition: in diesem Fall würde der Zinssatz sinken und so zugleich zur Verminderung der Ersparnisse wie zum Ansteigen der Investition führen. Keynes vertritt demgegenüber die These, daß dieser Mechanismus des Ausgleichs von Ersparnis und Investition über den Zinssatz zumindest auf fortgeschrittenen Stufen der Kapitalakkumulation aus einer Reihe von (noch näher zu erörternden Gründen) nicht oder nicht mehr ausreichend wirksam sei. In den entwickelten kapitalistischen Systemen löst ein Zurückbleiben der Investition hinter der Ersparnis keine zwangsläufige Gegenreaktion mehr aus, so daß ein Teil der Gesamtproduktion unabsetzbar bleibt und eine "unfreiwillige Investition" in Form von unverkauften Lagerbeständen entsteht. Das Einkommen der nächsten Periode wird dann geringer sein und es wird so lange weiter sinken, bis das Gleichgewicht von Ersparnis und In-

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vestition wiederhergestellt ist. Das tendenzielle Zurückbleiben der Investition hinter der Ersparnis betrachtet Keynes als ein strukturelles Merkmal des fortgeschrittenen Kapitalismus; seinen Ursachen geht Keynes in der Analyse der einzelnen Determinanten der "effektiven Nachfrage" nach.

a) Konsumnachfrage

Keynes unterscheidet bei den Faktoren, die die Konsumnachfrage bestimmen, "objektive" und "subjektive" Determinanten. Die wichtigste "objektive" Determinante ist das Einkommen. Nach Keynes besteht zwischen Einkommen und Konsumnachfrage ein relativ stabiler Zusammenhang, die sog. "Konsumfunktion": Wächst das Einkommen, so sinkt der Teil des Einkommenzuwachses, der für zusätzlichen Konsum ausgegeben wird, so daß mit wachsendem Einkommen die Differenz zwischen Gesamteinkommen und dem für den Konsum ausgegebenen Teil überproportional ansteigt.

Bei dem sinkenden "Hang zum Verbrauch" soll es sich nach Keynes um ein "psychologisches Gesetz handeln", das "a priori aus der menschlichen Natur abgeleitet werden kann" (Keynes, a.a.O., S. 83). Diese Interpretation ist zweifellos bemerkenswert naiv. Sie mag aus der Vorstellungswelt des kleinen Warenproduzenten heraus verständlich sein, für dessen Verhalten in der Tat das "psychologische Gesetz" gilt, daß er, je mehr er schafft und rafft, desto mehr für den "zukünftigen Konsum" auf die hohe Kante legen kann. Keynes übersieht hier völlig, daß zwischen dem "Sparen" der verschiedenen sozialen Klassen ein grundlegender Unterschied besteht. Während es sich bei dem Sparen des Lohnabhängigen und des kleinen Warenproduzenten in der Tat nur um hinausgeschobenen Konsum handelt, dient die "Ersparnis" der Kapitalprofite (die den größten Teil der gesamtwirtschaftlichen "Sparsumme" ausmachen) keineswegs dem zukünftigen Konsum, sondern der weiteren Produktion von Profiten. Das Verhältnis von Löhnen und Profiten ist kein "psychologisches Gesetz", keine individuell bestimmte Größe, sondern die soziale Relation zwischen den gesellschaftlichen Klassen. Der sinkende "Hang zum Verbrauch" ist nicht Ausdruck eines individuellen Spartriebes, sondern reflektiert die wachsende Ausbeutungsrate. Ganz in der Tradition der liberalen Ökonomie ist Keynes blind für die sozialen Implikationen der ökonomischen Kategorien, für ihn ist die Welt eine Welt von kleinen Warenprodu-

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zenten, die für ihren zukünftigen Konsum sparen*II.20 . "Keynes treats behaviour patterns which are characteristic of capitalist society as though they were manifestations of innate ,propensities', ,animal instincts' and so on", bemerkt P. Sweezy mit Recht*II.21 . Der gesellschaftliche Rahmen scheint erst dort ins Blickfeld zu treten, wo Keynes die Einkommensverteilung als Bestimmungsfaktor des "Hangs zum Verbrauch" analysiert. Bei einer ungleichen Einkommensverteilung muß der gesamtwirtschaftliche "Hang zum Verbrauch" niedriger sein als bei einer egalitären, da ein größerer Teil des Gesamteinkommens auf die hohen Einkommensklassen mit niedrigem Hang zum Verbrauch entfällt. Daraus ergibt sich nach Keynes für die staatliche Finanzpolitik die Möglichkeit, durch Variationen der Steuerstruktur die Einkommensverteilung und dadurch indirekt den "Hang zum Verbrauch" zu beeinflussen. Keynes hat häufig eine Verstärkung der Steuerprogression als finanzpolitisches Mittel zur Stabilisierung der "effektiven Nachfrage" durch Erhöhung des "Hangs zum Verbrauch" empfohlen. Die steuerpolitisch bewirkte Anhebung des "Hangs zum Verbrauch" soll einem Dilemma entgegenwirken, das nach Ansicht von Keynes durch das steigende Gesamteinkommen heraufbeschworen wird: Auf jeder gegebenen Stufe des Einkommens hängt die Reproduktion dieses Einkommens davon ab, daß der gesparte Teil investiert wird; wird die Ersparnis nicht voll investiert, so tritt eine Nachfragelücke auf, die zu einem Rückgang von Einkommen und Beschäftigung führt. Die Wahrscheinlichkeit, daß diese Nachfragelücke auftritt, ist um so größer, je mehr das Einkommen bereits gestiegen und der Anteil der "Ersparnis" am Einkommen gewachsen ist. Denn je höher der Konsum ist, desto mehr muß die "Vorsorge für den zukünftigen Konsum" (wie Keynes die Nettoinvestition definiert) relativ wachsen, um einen Rückgang von Konsum und Einkommen zu verhindern; gerade mit wachsendem Konsum wird es aber andererseits immer schwieriger, neue "Investitionsgelegenheiten" zu finden:

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"Je größer überdies der Verbrauch, für den wir im voraus gesorgt haben, um so schwieriger wird es, etwas weiteres zum Voraussorgen zu finden, und desto größer unsere Abhängigkeit vom gegenwärtigen Verbrauch als Quelle der Nachfrage. Je größer jedoch unser Einkommen, desto großer ist unglücklicherweise auch die Spanne zwischen unserem Einkommen und unserem Verbrauch. In der Ermangelung eines neuen Ausweges gibt es daher, wie wir sehen werden, keine Lösung für das Rätsel, es sei denn, es gäbe genug Arbeitslosigkeit, um uns so arm zu halten, daß unser Verbrauch um nicht mehr hinter unserem Einkommen zurückbleibt, als der Gegenwert der physischen Vorsorge für den zukünftigen Verbrauch, deren Erzeugung sich heute lohnt." (Keynes, a.a.O., S. 90)
Die gleiche Überlegung kann auch in der Retrospektive angestellt werden: Der Konsum der laufenden Periode wird aus der laufenden Produktion und aus der Produktion früherer Perioden, d. h. aus Disinvestition gedeckt. Soweit er aus Disinvestition gedeckt wird, bedeutet er einen Abzug von der effektiven Nachfrage der gegenwärtigen Periode. Sollen Einkommen und Beschäftigung in der gegenwärtigen Periode aufrechterhalten bleiben, so muß die Investition die Disinvestition um den Betrag der Ersparnis übersteigen, m. a. W. das Problem der effektiven Nachfrage in der gegenwärtigen Periode wird nur gelöst, indem es in verschärfter Form auf die nächste Periode weitergewälzt wird:
"Die Aufgabe, dafür zu sorgen, daß die neue Kapitalinvestition immer die Kapitaldisinvestition genügend übersteige, um die Spanne zwischen Realeinkommen und Verbrauch zu füllen, stellt uns somit vor ein Problem, dessen Schwierigkeit mit der Zunahme des Kapitals wächst. Neue Kapitalinvestition kann die laufende Kapitaldisinvestition nur übersteigen, wenn eine Zunahme der zukünfligen Ausgabe für den Verbrauch erwartet wird. Jedesmal, wenn wir das heutige Gleichgewicht durch vermehrte Investition sichern, verschärfen wir die Schwierigkeit der Sicherung des Gleichgewichts von morgen. Ein verminderter Hang zum Verbrauch von heute kann nur zum allgemeinen Vorteil ausgenützt werden, wenn ein vermehrter Hang zum Verbrauch an irgendeinem späteren Zeitpunkt erwartet wird." (Keynes, a.a.O., S. 90)
Das tendenzielle Zurückbleiben der Investition hinter der Ersparnis wird zusätzlich verschärft, wenn hohe Abschreibungsrücklagen gebildet werden. Hohe Abschreibungsrücklagen, wie sie z. T. durch das Steuersystem in den USA und Großbritannien ermutigt würden, verringern die Nettoinvestition und tragen zusätzlich zur Akkumulation überschüssiger Ersparnisse bei. Diese Art "finanzieller Weisheit" allein, meint Keynes, könne als ein zureichender Grund für die Krise von

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1929 in den USA betrachtet werden, da ein enormer Betrag von Investitionen erforderlich gewesen sei, allein um die durch den vorangegangenen Investitionsboom induzierten übermäßig hohen Abschreibungsrücklagen zu absorbieren. Er spricht sich daher gegen eine die Selbstfinanzierung der privaten Unternehmen fördernde Steuerpolitik aus.

Die eben referierten Überlegungen Keynes' zum Problem des abnehmenden "Hangs zum Verbrauch" scheinen auf eine unterkonsumptionstheoretische Erklärung der Krise hinzudeuten; das wird noch einmal aus den Bemerkungen deutlich, mit denen Keynes das 8. Kapitel beschließt. Keynes bemerkt hier, das Kapital sei
". .. keine vom Verbrauch unabhängige und selbstgenügsame Wesenheit.. . Im Gegenteil, jede zur beständigen Gewohnheit werdende Schwächung des Hangs zum Verbrauch muß sowohl die Nachfrage für Kapital als auch die Nachfrage für den Verbrauch schwächen." (Keynes, a.a.O., S. 91)
Auf diese und andere Passagen stützen sich die "linken" Interpretationen der Keynes'schen Theorie, die das Heilmittel gegen die Krise in der Erhöhung des "Hangs zum Verbrauch" sehen, der durch Steuerreformen und gewerkschaftlichen Lohndruck erreicht werden soll. Eine Steigerung des "Hangs zum Verbrauch" — so wird behauptet — verringert die Abhängigkeit des Systems von der Aufrechterhaltung einer hohen und wachsenden Investitionsrate und erlaubt auch bei sinkender Investitionsrate eine Beibehaltung des bestehenden Einkommens und der Beschäftigung, sofern sie nur groß genug ist, um die sinkende Investitionsrate zu kompensieren. Eine hohe Konsumnachfrage soll so ein wirksames Mittel gegen starke Schwankungen von Einkommen und Beschäftigung sein. Diese Argumentation wird im 10. Kapitel fortgeführt, wo Keynes in Anlehnung an R. F. Kahn eine Konstruktion entwickelt, die den Namen des "Multiplikators" trägt. Keynes untersucht die Wirkungen von Investitionsveränderungen auf das Einkommen, soweit sie über Veränderungen der Konsumnachfrage wirken. Eine Zunahme der Investition bedeutet neues Einkommen, von dem ein Teil für zusätzlichen Konsum ausgegeben wird. Diese Konsumausgabe bedeutet ihrerseits zusätzliches Einkommen, von dem wiederum ein bestimmter Teil für den Konsum ausgegeben wird usw. Die Konsumausgabe wird so laufend kleiner, da nur ein Teil des zusätzlichen Einkommens für den Konsum ausgegeben wird. Rechnet man jedoch die zusätzlichen Konsumausgaben auf jeder Etappe des Geldumlaufs zu-

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sammen, so ergibt sich eine Gesamtzunahme des Konsums und damit des Einkommens, die größer als die ursprüngliche Investitionsausgabe ist. Je größer die "Neigung zum Verbrauch" ist, desto größer ist die Einkommenserhöhung, die von der zusätzlichen Investition ausgeht, und da Keynes annimmt, daß die Beschäftigung mit der Einkommenserhöhung parallel läuft, auch die zusätzliche Beschäftigung. Ein System mit hohem "Grenzhang zum Verbrauch" — so soll damit plausibel gemacht werden — hat es leichter, Vollbeschäftigung zu erreichen als eines mit niedrigem "Grenzhang zum Verbrauch". Von dorther erklärt sich das Problem der Unterbeschäftigung gerade in entwickelten und reichen "Gemeinwesen". Da hier der "Hang zum Verbrauch" niedrig ist, reichen die privaten Investitionen hier häufig nicht aus, um Vollbeschäftigung zu sichern. Vermehrte öffentliche Investitionen könnten hier das einzige Mittel gegen die Arbeitslosigkeit sein, sofern es nicht gelingen sollte, durch staatliche Eingriffe den "Hang zum Verbrauch" zu erhöhen.

Diese Rolle des Staates als Garant eines hohen "Hangs zum Verbrauch", wie sie sich aus dem skizzierten unterkonsumptionstheoretischen Ansatz ergibt, hat Sweezy in dem bereits erwähnten Aufsatz mit Recht eine "Deus-ex-machina"-Theorie des Staates genannt. Sie ist nur die Kehrseite der anfangs erwähnten psychologistischen Oberflächlichkeit der Keynes'schen Analyse. Denn die psychologistische Analyse der Einkommensverteilung läßt deren soziale Funktion völlig aus dem Blickfeld geraten. Der soziale Rahmen des Klassenverhältnisses von Lohnarbeit und Kapital, in dem der Staat tätig ist und der seine Aktionen bestimmt, liegt völlig außerhalb des Horizonts des Keynes'schen Denkens. Der Staat wird vielmehr als ein Deus ex machina eingeführt, der willkürlich in die Wirtschaft eingreifen und sie aus ihren Schwierigkeiten befreien kann. Seine Funktion bestimmt sich nicht aus der gesellschaftlichen Klassenstruktur, sondern erscheint als eine mehr oder weniger technische Aufgabe: die Reparatur der defekten "effektiven Nachfrage", die mit den ausgefeilten mathematischen Mitteln der "Multiplikator"-Analyse bewältigt wird.

Immerhin ahnt Keynes, daß sich die Funktion des Staates in der Realität nicht so einfach und unproblematisch ausnimmt, wie seine bisherigen Konstruktionen glauben machen. Das zeigen seine berühmten ironischen Randbemerkungen am Ende des 10. Kapitels:
"Wenn das Schatzamt alte Flaschen mit Banknoten füllen und sie in geeigneten Tiefen in verlassenen Kohlebergwerken vergraben würde, diese dann bis [44] zur Oberfläche mit städtischem Kehricht füllen würde und es dem privaten Unternehmungsgeist nach den erprobten Grundsätzen des laissez faire überlassen würde, die Noten wieder auszugraben (wobei das Recht, also zu tun, natürlich durch Offerten für die Pacht des Grundstücks, in dem die Noten liegen, zu erwerben wäre), brauchte es keine Arbeitslosigkeit mehr zu geben, und mit Hilfe der Rückwirkungen würde das Realeinkommen des Gemeinwesens wie auch sein Kapitalreichtum wahrscheinlich viel größer als jetzt werden. Es wäre zwar vernünftiger, Häuser und dergleichen zu bauen, aber wenn dem politische und praktische Schwierigkeiten im Wege stehen, wäre das obige besser als gar nichts." (Keynes, a.a.O., S. 110)
Es ist offenkundig, daß Keynes bisher bei der Erklärung des Paradoxons der "Armut im Überfluß" — im Gegensatz zu dem, was er in der Einleitung behauptet (a.a.O., S. 26) — keinen Schritt weiter gekommen ist. Das Problem bleibt dasselbe: Wie kann es einen "Mangel an Investitionsgelegenheiten" und die Notwendigkeit "Löcher zu graben", geben, während zugleich der größte Teil der Bevölkerung seine dringlichsten Bedürfnisse nicht befriedigen kann? Was ist der Unterschied zwischen zahlungsfähiger Nachfrage und dem Bedürfnis nach Gebrauchswerten? In der folgenden Analyse der Bestimmungsfaktoren der Investitionsnachfrage wird Keynes nun zu Schlußfolgerungen gelangen, die das genaue Gegenteil der bisherigen unterkonsumptions-theoretischen Position beinhalten.

b) Investitionsnachfrage

Offenbar hängt die Investitionsnachfrage auch noch von anderen Determinanten ab als von den zu befriedigenden Konsumbedürfnissen. Die wichtigste dieser Determinanten wird von Keynes als die "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals" bezeichnet. Sie ist definiert als der von dem einzelnen Unternehmer erwartete Profit, d. h. als die erwartete Differenz zwischen Erlösen und Kosten.
"Genauer: Ich definiere die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals als jenem Diskontsatz gleich, der den gegenwärtigen Wert der Reihe von Jahresrenten, die aus dem Kapitalwert während seines Bestandes erwartet werden, genau gleich seinem Angebotspreis machen würde. Das gibt uns die Grenzleistungsfähigkeiten besonderer Arten von Kapitalwerten." (Keynes, a.a.O., S. 114)
Die "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals" ist neben dem "Hang zum Verbrauch" und der "Liquiditätspräferenz" innerhalb des Keynes'schen Systems die entscheidende "strategische Variable", von der

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die Investition und mit ihr Beschäftigung, Einkommen und Konsum abhängen. Nichtsdestowengiger ist die Analyse des Profits derjenige Punkt, an dem die Keynes'sche Analyse am schwächsten ist und jeden Erklärungswert einbüßt.

Bedeutsam ist vor allem, daß es sich bei der "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals" um eine erwartete und von subjektiven psychologischen Erwägungen der Unternehmer abhängige Größe handelt. In dem entscheidenden Punkt seiner Analyse gibt Keynes damit die Gesamtbetrachtung des ökonomischen Systems, die bisher in wenn auch völlig unzureichenden Ansätzen vorhanden war, wieder auf und stellt sich nach dem Vorbild der liberalen Theorie auf den Standpunkt des einzelnen Kapitalisten. Damit verzichtet er auf die Klärung des eigentlichen Problems: Die Ableitung der objektiven Bestimmungsgründe der Profitrate. Keynes weiß zu dem zentralen Problem des Profits auch nicht mehr zu sagen als der gesunde Menschenverstand des "practical business"; seine "Analyse" besteht in einer bloßen Beschreibung des Unternehmerverhaltens. Dieser Mangel an theoretischer Analyse ist einigen anderen Keynesianern als unbefriedigend erschienen. So schreibt z. B. Paulsen:
"Die Theorie ist vor die Aufgabe gestellt, sich über die Bildung der Erwartungen Einsicht zu verschaffen und namentlich zu klären, wieweit auch dieser Faktor systemendogen behandelt werden kann. Denn es würde, wie Lundberg bemerkt, zur Liquidierung der Ökonomik als Wissenschaft führen, wenn die von Erwartungen bestimmten Verhaltensweisen nicht auf der Basis vergangener oder gegenwärtiger ökonomischer Ereignisse erklärt werden könnten." (Paulsen, 1969, S. 137)
So recht Paulsen damit hat, ist es doch charakteristisch, daß das, was er im folgenden zu dem Problem zu sagen weiß, noch banaler ist als die Ausführungen von Keynes selbst:
"So wird das Gesamtausmaß der Investitionen durch einen Faktor beeinflußt, den man als ,Unternehmerfreudigkeit' oder ähnlich bezeichnen könnte, meistens, um über sein Nachlassen Klage zu führen." (Keynes, a.a.O., S. 142)
Die Unsicherheit, die bei Paulsen wie bei Keynes in der Behandlung der Profitrate zutage tritt, hat, wie im folgenden daher gezeigt werden soll, systematische Gründe, die mit der kategorialen Struktur der bürgerlichen Ökonomie zusammenhängen. Denn eine theoretische Ableitung der Profitrate ist weder in den Kategorien der "effektiven Nachfrage" noch in den technischen Kategorien der "realen Produktion"

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möglich. So ergibt sich als zwangsläufige Folge der Subjektivismus, der einer Kapitulation der theoretischen Analyse gleichkommt.

Zuvor müssen jedoch einige wichtige deskriptive Aussagen, die Keynes zur "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals" macht, gewürdigt werden. Trotz ihrer Abhängigkeit von den zufälligen Stimmungsschwankungen der einzelnen Unternehmer zeigt die "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals" eine Tendenz, mit zunehmender Investition und wachsendem Umfang des Kapitalbestandes zu fallen. Sie ergibt sich nach Keynes aus der abnehmenden "Knappheit" des Kapitals:
"Denn der einzige Grund, warum ein Vermögenswert eine Aussicht bietet, während seines Bestandes Dienste von einem größeren Gesamtwert als dem ursprünglichen Angebotspreis zu leisten, ist seine Knappheit; und es wird knapp gehalten wegen des Wettbewerbs um den Zinsfuß auf Geld. Wird das Kapital weniger knapp, so vermindert sich das überschüssige Erträgnis, ohne daß es — wenigstens im stofflichen Sinn — weniger produktiv geworden ist." (Keynes, a.a.O., S. 178 f.)
Diese Erklärung der Profitrate aus der "Knappheit" des Kapitals ist aus der traditionellen bürgerlichen Grenzproduktivitätstheorie abgeleitet. Der Erklärungswert dieser Theorie (die offensichtlich Erklärung und ideologische Rechtfertigung verwechselt) soll hier nicht weiter zur Diskussion stehen. Nichtsdestoweniger ist die zitierte Äußerung von Keynes bemerkenswert, weil sie den durch wachsende Kapitalintensität der Produktion hervorgerufenen Fall der Profitrate als einen objektiven Sachverhalt beschreibt und damit aus dem Rahmen der sonstigen psychologistischen Analyse herausfällt.

Die fallende Tendenz der "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals" ist der Angelpunkt der Keynes'schen Erklärung der Stagnationstendenzen des Kapitalismus. Sie ist in der Keynes'schen Konstruktion die Hauptursache des tendenziellen Zurückbleibens der Ersparnis hinter die Investition. Sie ist kein psychologischer Tatbestand, sondern wird durch objektive Kräfte bestimmt, die durch eine Änderung der subjektiven Erwartungen der Unternehmer nicht beseitigt werden können. Das hebt auch Hansen in seiner Keynes-Interpretation hervor. (Hansen 1959, S. 207) Welcher Art diese Kräfte sind, bleibt in der Keynes'schen Analyse allerdings offen.

Neben der absoluten Höhe der "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals" ist vor allem die Relation zwischen ihr und der Höhe des Zinssatzes für die Investitionsneigung entscheidend. Denn sinkt die "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals" unter den Zinssatz, so stellen

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die Unternehmer die Investitionen ein und bevorzugen festverzinsliche Anlagen. Eine zusätzliche Ursache, die das Dilemma der schrumpfenden Investitionsneigung noch weiter verschärft, liegt hier darin, daß der Zinssatz im Gegensatz zur Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals nur begrenzt nach unten flexibel ist. Diese These versucht Keynes in einer ausführlichen Argumentation zu begründen. Anders als die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals, die bis auf Null sinken kann, ist dem Sinken des Zinssatzes eine Grenze durch die Höhe der "Liquiditätspräferenz" gesetzt. Sie ist die entscheidende dritte — und ebenfalls "psychologisch", durch die Erwartungen der Wirtschaftssubjekte bestimmte — Determinante des Keynes'schen Systems. Vermehrt sich das Angebot an Geldkapital, so sinkt ceteris paribus der Zinssatz; je mehr aber der Zinssatz sinkt, desto größer wird der Teil des verleihbaren Geldkapitals, der dem Markt entzogen bleibt und zu Spekulationszwecken (in Erwartung eines künftig steigenden Zinssatzes) gehortet wird. Der Möglichkeit, durch eine Vermehrung der Geldmenge durch die Banken den Zinssatz zu senken und dadurch die Investition anzuregen, ist durch das konventionelle Maß der Liquiditätspräferenz eine Schranke gesetzt, da von einem bestimmten Punkt der Vermehrung der Geldmenge an das Angebot an Leihkapital überhaupt nicht mehr zunimmt und das gesamte zusätzliche Geld in die Spekulationskasse wandert. Diese absolute Untergrenze des Zinssatzes (der Zustand sog. "absoluter Liquiditätspräferenz" oder die "Liquiditätsfalle") soll nach Dillard (1948, S. 170 f.) bei etwa 2 % liegen. So setzt der Fall der Profitrate in seinem fortgeschrittenen Stadium den von der liberalen Theorie konstruierten Mechanismus des Ausgleichs von Investition und Ersparnis über den Zinssatz außer Kraft. Weil der Zinssatz nicht mehr unter die gefallene "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals" sinken kann oder sogar dauernd über ihr liegt, findet kein Aufschwung der Investitionen mehr statt. Aus diesen Gründen betrachtete Keynes den Kampf gegen das "Horten" als eine Hauptaufgabe der Wirtschaftspolitik. Eine sanfte "Euthanasie des Rentiers" schien ihm unabdingbar. Er sympathisierte deshalb auch mit dem phantastischen Gesell'schen Plan eines "Schwundgeldes", das eine Besteuerung liquider Geldbestände vorsah und damit jeden Anreiz für das Horten beseitigen wollte. Er ließ aber andererseits in der "General Theory" keinen Zweifel mehr daran, daß er rein monetäre Maßnahmen nicht mehr als ausreichend betrachtete, um einen Aufschwung der Investitionen herbeizuführen:

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"Ferner scheint es unwahrscheinlich, daß der Einfluß der Bankpolitik auf den Zinsfuß an sich genügend sein wird, um eine Optimumrate der Investition zu ermöglichen." (Keynes, a.a.O., S. 319)
Der Wurzel des Übels — der gefallenen Profitrate — kann nach Keynes (wie später noch genauer ausgeführt werden soll) nur durch eine "kompensierende Finanzpolitik" (wie Hansen sie später bezeichnete) begegnet werden.

Mit der Lehre der fallende "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals" setzt Keynes sich selbst in Widerspruch zu seinen vorangegangenen makroökonomischen Analysen. War auf makroökonomischer Ebene im 8. — 11. Kapitel der "General Theory" ein "Übermaß" an Ersparnissen, (für die keine "Investitionsgelegenheit" gefunden werden können) als der Kern des Problems der effektiven Nachfrage erschienen, so scheint sich jetzt aus der Perspektive des Einzelkapitals das Problem genau umgekehrt darzustellen: Die Investitionen werden eingestellt, weil die investierbaren Mittel wegen der sinkenden Profitrate zu gering werden. Hatte er vorher behauptet, daß die Akkumulation des Kapitals von einer wachsenden Sparquote, d. h. einem wachsenden Anteil an anlagesuchenden Profiten begleitet sei, so stellt er nun fest:
"Heute und wahrscheinlich auch für die Zukunft ist die Tabelle der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals aus verschiedenen Gründen viel niedriger als im neunzehnten Jahrhundert." (Keynes, a.a.O., S. 261)
Keynes wendet sich zwar im 16. Kapitel noch einmal gegen die Ansicht der "klassischen Theorie", daß Sparen kein Ausfall an "effektiver Nachfrage", sondern vielmehr eine automatische Verlagerung der Nachfrage von Verbrauchsgütern auf Investitionsgüter sei. Er wiederholt noch einmal das frühere Argument, daß die Ersparnis als solche einen depressiven Einfluß auf die Wirtschaft ausübe, da sie der gegenwärtigen Periode effektive Nachfrage entziehe, ohne für die Zukunft eine entsprechende Zunahme an effektiver Nachfrage zu sichern. Da die Profitaussicht einer Investition von der erwarteten effektiven Nachfrage abhänge, die effektive Nachfrage in letzter Instanz jedoch stets Konsumnachfrage sei, die Ersparnis ceteris paribus aber die Konsumnachfrage vermindere, trage ein hoher Grenzhang zum Sparen dazu bei, die Profitaussichten des Kapitals zu vermindern. Der "Grenzhang zum Verbrauch" wird damit zur wichtigsten Determinante der "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals" gemacht. Das bestätigt auch Paulsen:

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"Unter den Bestimmungsgründen der Ertragsaussichten für Investierungen spielt die künftige Nachfrage nach Verbrauchsgütern eine entscheidende Rolle, denn schließlich sollen ja alle Investitionsgüter dem einzigen Zweck des Wirtschaftens dienen: der Ermöglichung des Verbrauchs." (Paulsen, a.a.O., S. 31)
In den Ausführungen über die "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals", wo Keynes die Bestimmungsgründe der Investition aus der Perspektive des Einzelkapitals analysiert, läuft die Überlegung umgekehrt: Der Unternehmer wird um so mehr investieren, je mehr die erwarteten und die tatsächlichen Profite wachsen. Da aber die Profite die Hauptfinanzierungsquelle der Investitionen sind und insoweit der Ersparnis zugerechnet werden müssen, bedeutet ein Wachsen der Profitrate gesamtwirtschaftlich ein Wachsen der Sparquote. Keynes spricht damit einer erwarteten hohen Sparquote günstige und ungünstige Wirkungen auf die Investition zugleich zu. Günstige Wirkungen spricht er ihr zu, sobald er sie aus der Perspektive des Einzelkapitals (die Profitrate wächst), ungünstige, sobald er die addierten Einzelkapitalien betrachtet (die "Investitionsgelegenheiten" sinken). Das Umgekehrte gilt für eine niedrige Sparquote. Was Keynes als eine für die "effektive Nachfrage" günstige Konstellation bezeichnet — ein hoher "Hang zum Verbrauch" —, ist aus der Sicht des einzelnen Kapitalisten das untrüglichste Merkmal der Krise.

Die individuellen und die gesellschaftlichen Determinanten der Investition stehen in der Keynes'schen Konstruktion in unüberbrückbarem Widerspruch. Die einzelnen Kapitalisten mögen sich gewiß in ihren Investitionsentscheidungen an der erwarteten Profitrate orientieren. Unklar bleiben aber die objektiven Bestimmungsgründe dieser Profitrate: Die Konsumnachfrage kann es in dem von Keynes behaupteten Sinne offensichtlich nicht sein. Für einzelne Unternehmen der Konsumgüterbranche mag eine allgemeine Erhöhung des "Hangs zum Verbrauch" mit einer Erhöhung der Profitrate verbunden sein; für das addierte Kapital muß jedoch das Gegenteil gelten. Hier zeigen sich die beiden "horns of the capitalist dilemma", von denen Strachey gesprochen hatte. Abstrakt gesehen wäre es zweifellos möglich, den "Hang zum Verbrauch" zu erhöhen und die Konsumnachfrage der Produktion anzupassen. Aber das würde die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, der Unterwerfung von Produktion und Nachfrage unter den Profit voraussetzen. Der Konsum ist also keineswegs das offenkundige letzte Ziel aller wirtschaftlichen Tätigkeit, der Tauschwert mitnichten der bloße "Geldschleier" einer auf die Befrie-

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digung der Bedürfnisse gerichteten Produktion, wie es Keynes als selbstverständlich annimmt. Das Ziel des Profits steht vielmehr in unversöhnlichem Widerspruch zur Befriedigung der Bedürfnisse.

Diese Widersprüche spiegeln eine tiefer liegende begriffliche Inkonsistenz bei Keynes wider. Ebensowenig, wie Keynes einzelwirtschaftliche und gesamtwirtschaftliche Betrachtungsweise vereinbaren kann, ist er in der Lage, die stofflichen und die monetären Bestimmungen des Kapitalbegriffs, zwischen denen er hin- und herschwankt, in Einklang zu bringen. Die monetäre Bestimmung dominiert dort, wo Keynes von der Perspektive des individuellen Kapitalisten ausgeht, die stoffliche, wo Keynes das Gesamtkapital betrachtet. Auf der Ebene des Einzelkapitals ist Kapital Mittel zur Erzielung von Profit, auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene dagegen "Vorsorge für den zukünftigen Konsum".

Diese widersprüchlichen Perspektiven bleiben bei Keynes unvermittelt. Wo er solche Vermittlungsversuche unternimmt, verlaufen sie zirkulär und reduzieren sich schließlich auf die psychologische Argumentation. So etwa am Anfang des 16. Kapitels, wo Keynes die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals und damit die Investition von der erwarteten Höhe der "effektiven Nachfrage" abhängig macht, die effektive Nachfrage aber ihrerseits zu einer Funktion der Investition macht. Aus diesem Zirkel bleibt nur die Flucht in die "Psychologie"*II.22 , was gleichbedeutend ist mit der Kapitulation der ökonomischen Analyse.

Das Dilemma, in das die Keynes'sche Theorie bei der Ableitung der Bestimmungsfaktoren der Profitrate gerät, zeichnet sich damit genauer ab: Die Profitrate läßt sich weder aus den materiellen Produktionsfaktoren, noch aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage ableiten, da sie selbst dieses Verhältnis erst bestimmt. Ihre Bestimmungsfaktoren lassen sich nicht in den Kategorien der Zirkulation, d. h. der "effektiven Nachfrage" fassen*II.23 . Ebenso scheitert der Versuch, die

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Profitrate aus den materiellen Produktionsbedingungen abzuleiten, wie sich weiter unten bei der Diskussion der Hansen'schen Stagnationstheorie noch näher zeigen wird: diese Versuche laufen ebenfalls auf eine Verwechslung von Ursache und Wirkung hinaus.

c) Zur Frage der Geldlöhne

Die Keynes'sche Stellungnahme zur Problematik der von der "klassischen Theorie" vorgeschlagenen Geldlohnsenkungen in der Krise soll hier deshalb noch referiert werden, weil sie noch einmal ein bezeichnendes Licht auf die zwiespältige Haltung Keynes' zur Unterkonsumptionstheorie wirft. Die "klassische Theorie" hatte wie folgt argumentiert: Niedrigere Löhne führen zu niedrigeren Preisen, wobei die Preissenkungen jedoch in der Regel geringer als die Lohnsenkungen sein werden. Niedrigere Preise bedeuten eine Zunahme der Verkäufe; da mehr verkauft wird, muß mehr produziert werden und zusätzliche Arbeiter beschäftigt werden. Diese Zunahme der Beschäftigung wird von den Unternehmen als lohnend angesehen, weil der Profit pro Einheit sich durch den relativen Rückgang der Lohnkosten gegenüber den Preisen vergrößert. Keynes lehnt diese Argumentation zwar zunächst ab, bemerkenswerterweise aber nur, um ihr nach einigem Hin und Her doch zuzustimmen. Die "klassische Theorie" habe unrecht, so lautet seine Überlegung zuerst, wenn sie glaube, daß eine Politik der Geldlohnsenkung ceteris paribus (also bei konstantem "Hang zum Verbrauch", konstanter "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals" und konstantem Zinsfuß) zu einer Vermehrung der Beschäftigung führe, da sie die gesamtwirtschaftlichen Rückwirkungen der Geldlohnsenkung auf die "effektive Nachfrage" übersehe. Er räumt aber ein, daß Geldlohnsenkungen vor allem dann, wenn keine weiteren Geldlohnsenkungen erwartet werden, die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals erhöhen und zu einer Senkung des Zinssatzes führen, so daß die durch die Geldlohnsenkung bewirkte Verminderung der "effektiven Nachfrage" durch eine Zunahme der Investition kompensiert werden kann. Keynes lehnt folglich Reallohnsenkungen als Mittel zur Überwindung der Krise keineswegs ab, im Gegenteil:

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"... Es (das erste Postulat der klassischen Ökonomie C. D.) bedeutet, daß — in einer gegebenen Wirtschaftsordnung, Ausrüstung und Technik — Reallöhne und Produktionsmenge (und daher Beschäftigungsmenge) in einer einzigartigen Wechselbeziehung sind, so daß im allgemeinen die Beschäftigung nur zunehmen kann, wenn die Rate der Reallöhne gleichzeitig fällt. Ich bestreite daher diese wesentliche Tatsache nicht, welche die klassischen Ökonomen (ganz richtig) als unantastbar bezeichnet haben .. . Wenn die Beschäftigung zunimmt, muß somit auf kurze Sicht die Entschädigung, je Arbeitseinheit in Lohngütern ausgedrückt, im allgemeinen fallen, und die Gewinne müssen zunehmen." (Keynes, a.a.O., S. 15)
Keynes hält lediglich die Geldlohnsenkung als Form der Reallohnsenkung für unklug, da diese nur unnötig den Widerstand der Arbeiter provoziere und schwer durchzusetzen sei, solange es Streikrecht und freie Gewerkschaften gebe. Statt einer "flexiblen Lohnpolitik" befürwortet er eine "flexible Geldpolitik". Eine "flexible Geldpolitik", d. h. eine inflationäre Vermehrung des Geldumlaufs mit Hilfe monetärer oder fiskalischer Maßnahmen, hat (da die Geldlöhne nicht oder nicht zugleich mit den Preisen ansteigen) den gleichen Effekt der Reallohnsenkung, ist aber weitaus praktikabler und unterläuft den Widerstand der Arbeiter. Zudem sei sie auch gerechter, da sie nicht nur die Arbeiter, sondern auch die Rentiers treffe und habe schließlich auch noch den Effekt, die Investition wie die gesamte effektive Nachfrage als Folge der Verminderung der Schuldenlast weiter zu stimulieren, während eine deflationäre Politik die Schuldenlast erhöhe. So zeigt sich, daß in der Substanz zwischen Keynes und der "klassischen Theorie" kein Gegensatz besteht. Es handelt sich nur um zwei differierende Methoden zum gleichen Ziel: Erhöhung der Profitrate auf Kosten der Reallöhne*II.24 . — Dillard ist also zuzustimmen, wenn er meint, daß die Keynes'sche Theorie "keine Verteidigung der organisierten Arbeiterschaft" beinhalte. Die Keynes'sche Theorie sei keine Unterkonsumptionstheorie, da Keynes nicht zuviel, sondern zuwenig Investition als das entscheidende Dilemma betrachte*II.25 .

3. Die Hansen'sche Stagnationstheorie

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Hatte Keynes selbst gegenüber der Unterkonsumptionstheorie noch eine schwankende und widersprüchliche Haltung eingenommen, so versucht Hansen in seiner Weiterentwicklung der Keynes'schen Theorie eine eindeutige Abgrenzung gegenüber der Unterkonsumptionstheorie. Hansen stimmt mit der Keynes'schen Erklärung der Krise aus den fallenden Profiten überein, sieht aber im Unterschied zu ihm klar die Unzulänglichkeit der Ableitung des Falls der Profitrate aus der mangelnden Konsumnachfrage. Die Hansen'sche Stagnationstheorie ist darin ein Niederschlag der Erfahrungen mit der "New-Deal-Politik" in den dreißiger Jahren. Wie schon erwähnt, hatte die New-Deal-Politik nicht zu den erwarteten Resultaten geführt; Produktion, Investition und Beschäftigung waren unter dem Niveau von 1929 verblieben. Erst der Rüstungsboom zu Beginn des Zweiten Weltkrieges brachte die Überwindung der Krise.

Bereits 1938 hatte Hansen in seinem Buch "Füll Recovery or Stagnation" versucht, eine Erklärung für den Mißerfolg der New-Deal-Politik und den Rückschlag von 1937 zu finden. Seine Hauptthese war: Die Fortdauer der Krise sei hauptsächlich aus der Tatsache zu erklären, daß die von der Roosevelt-Regierung ergriffenen Maßnahmen zu sehr auf die Erhöhung des Konsums gerichtet waren. Steigender Konsum reiche jedoch nicht aus, um den Aufschwung herbeizuführen, der entscheidende Faktor seien vielmehr die Nettoinvestitionen. In dem Ausbleiben der Nettoinvestition und der mangelnden Kompensation durch die öffentliche Investitionspolitik sei die eigentliche Ursache der Stagnation der dreißiger Jahre zu suchen. Im Gegensatz zu Keynes vermutet Hansen die Ursachen des Rückgangs der Investition weder in den Konsumbedürfnissen, noch in den Erwartungen der Unternehmer, oder in Faktoren der Zirkulationssphäre. Nach seiner Auffassung sind vielmehr materielle und technische Bedingungen der Produktion für die "sinkenden Investitionsgelegenheiten" verantwortlich zu machen, wobei er an Gedanken von Schumpeter und Spiethoff anknüpft. Er nennt dabei vor allem drei Faktoren: In seinem 1941 erschienenen Buch "Fiscal Policy and Business Cycles" arbeitete Hansen diese Argumentation weiter aus. Obgleich dieses Buch in seinem theoretischen Gehalt nicht entscheidend über die "General Theory" hinausgeht, enthält es doch eine Reihe wichtiger empirischer Beobachtungen und Analysen und soll deshalb im folgenden etwas mehr im Detail referiert werden.

Hansens grundlegende These ist, daß der Konjunkturzyklus im wesentlichen eine Funktion der Nettoinvestitionen ist. Zu ihrer empirischen Verifikation analysiert er zunächst die Kuznets'schen Daten über die amerikanische Wirtschaftsentwicklung (Kuznets, "National Income and Capital Formation" 1919 — 35). Sie zeigen erstens, daß Investitionsschwankungen im Verlauf des Konjunkturzyklus weit stärker sind als Konsumschwankungen, und zweitens, daß Konsumschwankungen in der Regel durch Investitionsschwankungen bedingt sind:
"Darüber hinaus steigt und fällt der Konsum größtenteils in Reaktion auf Veränderungen der realen Investition, obwohl diese Bewegungen bis zu einem gewissen Grade, wie wir später sehen werden, einen unabhängigen Charakter ohne Beziehung zur Investitionsrate haben. . . . Folglich tendieren die statistischen Daten während der letzten beiden Jahrzehnte zu einer Bestätigung der These, daß der aktive, dynamisdie Faktor im Zyklus die Investition ist, wobei der Konsum eine eher passive, nachhinkende Rolle spielt." (Hansen 1941, S. 18 und 50)*II.26
Welche Faktoren wirkten auf die Entwicklung der Investitionen in dem untersuchten Zeitraum ein? Hansen beginnt mit einer Untersuchung der Geld- und Finanzpolitik der US-Regierung, die er mit einem theoriegeschichtlichen Exkurs einleitet. Bis 1929 bestanden in der kontinentalen und der angelsächsischen Konjunkturtheorie zwei Entwicklungsrichtungen der Konjunkturtheorie. Während in den

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angelsächsischen Ländern die monetären Konjunkturtheorien (beispielhaft: Hawtrey) dominierten, hatten kontinentale Autoren damals bereits Konjunkturtheorien entwickelt, die das Hauptgewicht auf reale Faktoren (technische Entwicklung, Bevölkerungswachstum usw.) legten: Spiethoff, Schumpeter und Tugan-Baranowsky.

Die Weltwirtschaftskrise — so Hansen — bedeutete das Ende der monetären Konjunkturtheorien. Die monetären Maßnahmen von Regierung und Zentralbank waren sowohl bei den Versuchen der Eindämmung der Spekulationswelle 1929 wie als Mittel gegen die Depression nach 1929 völlig unwirksam:
"Die dreißiger Jahre zeigen mit reichlicher Evidenz, daß billiges Geld allein nicht ausreicht. Billiges Geld wird keine Kreditnehmer anlocken, solange keine leidlich befriedigenden Möglichkeiten für profitable Investitionen vorhanden sind. Billiges Geld kann die Investition ermutigen, wenn die Bedingungen günstig sind. Aber es wird nicht selbst ein ausreichendes Volumen von Investitionen und Konsum herbeiführen." (Hansen a.a.O., S. 82)
Es war nicht die Geldpolitik, sondern die Finanzpolitik der US-Regierung, von der die entscheidenden Wirkungen auf die Investitionen in den dreißiger Jahren ausgingen. Da die Krise die privaten Nettoinvestitionen zum Stillstand gebracht hatte, war eine Belebung der "Investitionsneigung" nur noch von einer öffentlichen Investitionspolitik zu erwarten. Hansen untersucht daraufhin, wieweit die Finanzpolitik der Regierung Roosevelt diesen Erfordernissen gerecht wurde. Er kommt zu dem Ergebnis, daß die Regierung bis 1937 kein eigentlich expansives Programm verfolgt habe: Die Regierungsausgaben zielten nicht auf eine Stimulierung der Investition, sondern bestanden größtenteils in finanziellen Rettungsaktionen für die Arbeitslosen in den Städten, sowie in Sanierungsmaßnahmen für die bankrotten Banken, Eisenbahngesellschaften und anderen Industriezweige und öffentlichen Körperschaften. Alle diese Maßnahmen wirkten nicht expansiv; die finanziellen Rettungsaktionen nicht, weil sie in erster Linie nur der Schuldentilgung dienten, die Hilfsprogramme nicht, weil sie nur eine geringe Wirkung auf die Beschäftigung ausübten. Sie erhöhten zwar die Konsumausgaben der Betroffenen; die Ausgaben verteilten sich aber so stark auf die verschiedenen Branchen der Konsumgüterindustrie, daß in keinem einzelnen Zweig die Beschäftigung und die Investitionen genügend anwuchsen. Effektiv für die Konjunkturbelebung seien die Regierungsausgaben nur — so folgert Hansen —, wenn sie für öffentliche Investitionen verwendet werden, da sie dann in konzentrierter Form

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den von der Krise am stärksten betroffenen Industriezweigen — in erster Linie der Bau- und Schwerindustrie wie der Investitionsgüterindustrie überhaupt — zugute kommen könnten. Gerade diese Art von Ausgaben sei aber von der Roosevelt-Regierung vernachlässigt worden.

Nach einer eingehenden Analyse der Möglichkeiten staatlicher Finanz- und Steuerpolitik (auf die weiter unten näher eingegangen werden soll) wendet sich Hansen wieder der Frage des Verhältnisses von Investition, Ersparnis und Konsum zu. Er bemüht sich dabei zunächst um eine statistische Fundierung der Keynes'schen Hypothesen, wobei er wiederum die Studien von Kuznets zur Kapitalbildung in den USA während der Periode 1919 — 1938 heranzieht. Diese Daten unterstützen die Keynes'schen Annahmen in einem wichtigen Punkt nicht: Es gibt keinen langfristigen Trend zu einem abnehmenden Konsumanteil am Volkseinkommen; vielmehr zeigt sich, daß während der gesamten betrachteten Periode der Konsumanteil am Volkseinkommen annähernd konstant blieb (etwa 88 %). Lediglich die kurzfristigen Schwankungen weisen die von Keynes behaupteten Zusammenhänge auf. Dieser Befund widerlegt also die These, daß das Phänomen der "säkularen Stagnation" auf einen langfristig sinkenden "Hang zum Verbrauch" zurückzuführen sei.

Im Gegensatz zu Keynes hält Hansen es deshalb für unrealistisch, die "fehlenden Investitionsgelegenheiten" durch einen erhöhten "Hang zum Verbrauch" zu kompensieren. Hansen gibt zwar zu, daß auch in den "reifen" kapitalistischen Ländern von einer Befriedigung der Konsumwünsche keine Rede sein könne, trotzdem sei es aber eine "oberflächliche" Vorstellung, das Investitionsproblem durch erhöhten Konsum lösen zu wollen. (S. 246 f.) Nach seiner Ansicht sind es "institutionelle Faktoren" und die "Gewohnheiten der Konsumenten", die das gegebene Verhältnis von Konsum und Einkommen "highly stable" machen und es verhindern, daß die unbeschäftigten Arbeitskräfte und Ressourcen in der Konsumgüterindustrie eingesetzt werden können. Nur radikale "institutionelle Veränderungen" könnten das gegebene "Income-Consumption-Pattern" brechen. Diese könnten allenfalls das langfristige Ziel einer staatlichen Wirtschaftspolitik sein; bis auf weiteres kann die deflationäre Lücke jedenfalls nicht durch zusätzlichen Konsum, sondern nur durch vermehrte öffentliche Investitionen gefüllt werden (S. 248 f.)

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Ebensowenig wie eine Kompensation kann eine Belebung der privaten Investitionen durch eine Konsumausweitung erreicht werden, wie Keynes noch behauptet hatte. Hansen demonstriert diese These an einem kombinierten Multiplikator-Akzelerator-Modell und formuliert als Ergebnis:
"Außer durch kurzfristige Schwankungen der Konsumnachfrage und abgesehen von sehr hohen Werten der Multiplikator- und Akzeleratorkoeffizienten wird die Nettoinvestition durch Konsumausgaben nicht berührt." (Hansen a.a.O., S. 277)
Lediglich die Ersatzinvestitionen, nicht aber die Nettoinvestition stünden mit dem Volumen der Konsumausgaben in Zusammenhang. Deshalb könne das Volkseinkommen
"langfristig und im Normalfall — im Gegensatz zu gemeinhin akzeptierten aber zweifellos oberflächlichen Ansichten — nicht steigen infolge einer induzierten Investition, die einer induzierten Konsumerhöhung entspringt." (Hansen a.a.O., S. 284)
Die Nettoinvestitionen hängen nicht vom Konsum ab, sondern sind eine Reaktion auf die Bewegung der Profite:
"Die Nettoinvestition wird andererseits ausschließlich in Reaktion auf das Profitmotiv induziert. Die spontane Nettoinvestition hat keine Beziehung zum laufenden Konsumniveau." (Hansen a.a.O., S. 287)
Auch für diese These bringt Hansen ausführliche statistische Belege. Die Daten von Kuznets zeigen, daß das "unstabile", Schwankungen unterworfene Element des Konjunkturzyklus nicht die Löhne und die persönlichen Einkommen sind (aus denen die Konsumausgaben zum größten Teil bestritten werden), sondern die Geschäftsprofite und mit ihnen die Nettoinvestitionen. So betrug das Nettoeinkommen von Gesellschaften und Unternehmen in den USA 1929 — auf dem Höhepunkt des Booms — 25 % des gesamten Nationaleinkommens; auf dem Tiefpunkt der Krise (1932) aber nur 4 % (S. 244). Die Konjunkturschwankungen sind Schwankungen der Nettoinvestitionen; diese gehen ihrerseits auf Schwankungen der Profite, nicht der Konsumnachfrage zurück. Die Unterkonsumptionstheorie, die die zu geringe Konsumnachfrage und speziell die zu niedrigen Reallöhne für das Ende des Booms verantwortlich macht, ist folglich nicht haltbar, wie Hansen argumentiert.

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Die ganze Problematik verlagert sich damit auf den Begriff der "Investitionsgelegenheiten". Kann es "Investitionsgelegenheiten" unabhängig vom gegenwärtigen oder zukünftigen Konsum geben, obwohl doch, wie Hansen übereinstimmend mit Keynes betont, der Konsum der einzige Zweck der wirtschaftlichen Tätigkeit sei? (S. 299) Die intensive Auseinandersetzung mit der Empirie bringt Hansen zu einer schärferen Herausarbeitung der Paradoxie der Problemstellung als bei Keynes; da aber sein begrifflicher Ansatz ebenso unzulänglich ist wie der Keynes'sche, gelingt es ihm ebensowenig wie jenem, das Dilemma theoretisch zu bewältigen. Die mangelnde Konsumnachfrage kann nach Hansen nicht die Ursache des Nachlassens der Investitionen sein; statt dessen versucht er, die "Erschöpfung" der genannten materiellen Produktionsbedingungen (technische Innovationen, Bevölkerungswachstum, neue Territorien und natürliche Ressourcen) dafür verantwortlich zu machen. Das entpuppt sich aber gleichwohl als eine modifizierte Version der Keynes'schen Unterkonsumptionstheorie:
"Wenn einmal alle Fabriken neue Maschinen installiert haben, wenn einmal eine Stadt mit all jenen öffentlichen Einrichtungen ausgestattet ist, die die Technik bis dahin verfügbar gemacht hat, wenn schließlich der Bau von Häusern, Wohnungen, Amtsgebäuden, Hotels, Schulen und ähnlichem das Bevölkerungswachstum aufgeholt hat, bleibt außer der Erhaltung der bestehenden Kapitalausrüstung wenig zu tun übrig. Wenn dieser Punkt erreicht ist, stirbt der Boom eines natürlichen Todes." (Hansen a.a.O., S. 345)
Damit beginnt der Zirkel der fehlerhaften Argumentation, der sich bereits bei Keynes gezeigt hatte, wieder von vorn. Wie Keynes übersieht Hansen die einfache Tatsache, daß der Profit und nicht der Bedarf an Gebrauchswerten das entscheidende Kriterium der kapitalistischen Investition bildet. Ein Nachlassen der Investitionen ist stets auf sinkende Profite zurückzuführen; das Sinken der Profite hat jedoch mit dem Grad der Sättigung des Bedarfs an Gebrauchswerten nichts zu tun. Wie Hansen selbst festgestellt hatte, gehen Beschäftigung und Kapazitätsauslastung zurück, obwohl die Konsumwünsche noch nicht befriedigt sind und die von ihm aufgezählten Produkte und Einrichtungen noch längst nicht in ausreichendem Maß vorhanden sind. Joan Robinson spricht das Offenkundige noch einmal aus, wenn sie schreibt:
"In den dreißiger Jahren kam in den Vereinigten Staaten die ,Stagnationsthese' in Mode, wonach eine Verlangsamung des Bevölkerungswachstums und die Schließung der Grenze' (d.h.: der Abschluß der geographischen Expan- [59] sion in Nordamerika) das Bedürfnis nach weiterer Kapitalakkumulation vernichten würde, so daß bald keine nützliche Anlagemöglichkeit mehr für die Ersparnisse gegeben wäre, die die Bevölkerung tätigen will. Das war ein eindeutiges Mißverständnis. Selbst das reichste Land der Welt ist weit davon entfernt, die nützliche Kapitalakkumulation im physischen Sinne abgeschlossen zu haben. Was fehlte, war nicht ein öffentlicher Verwendungszweck für Investition, sondern die Aussicht auf Privatprofit." (Robinson 1969, S. 43 f.)
Abgesehen von der oberflächlichen Identifikation von Profitabilität und Nützlichkeit*II.27 ist die Hansen'sche Stagnationstheorie schon deshalb unhaltbar, weil die von ihm behaupteten empirischen Entwicklungstendenzen der Technologie, des Bevölkerungswachstums und der territorialen Erschließung nicht oder nicht in der von ihm angegebenen Weise zutreffen, wie mehrere Autoren gezeigt haben*II.28 . Diese Kritik ist vor allem von G. Terborgh ausgearbeitet worden. Das Terborgh'sche Pamphlet gegen Hansen hatte einen politischen Hintergrund. G. Terborgh war der Forschungsdirektor des "Machinery and Allied Products Institute" — einer Einrichtung eines der führenden amerikanischen Unternehmerverbände. Das Institut hatte bereits vorher eine Reihe von Pamphleten veröffentlicht, in denen die Keynes'sche Stagnationstheorie angegriffen und warnend auf deren Implikationen für die "capital goods industries and for the economy generally"*II.29 hingewiesen wurde. Auch das Buch Terborghs wurde in Form einer gekürzten und popularisierten Broschüre verbreitet, und das Exekutivkomitee hob in seinem Vorwort hervor:
"Weil ihm die Kritik und der Rat des Exekutivkomitees und des Unterkomitees zuteil wurde, repräsentiert diese Studie mehr als die Leistung eines Individuums. Sie ist ein offizielles Produkt des Instituts." (a.a.O., S. 9)
Die Terborgh'sche Kritik kann somit als ein offizielles Programm der amerikanischen Unternehmerverbände gewertet werden. Sie artikuliert den Widerstand der führenden Kreise der amerikanischen In-

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dustrie gegen die New-Deal-Politik und gegen die von Hansen vertretene wirtschaftspolitische Konzeption*II.30 . Eine Neuauflage der New-Deal-Politik in der Nachkriegszeit sollte verhindert werden.

Terborgh zeigt in seiner Hansen-Kritik, daß die drei von Hansen aufgeführten "Stagnationsfaktoren" teils gegenstandslos sind, teils zur Erklärung der Krise nicht in Frage kommen. Das zurückgehende Bevölkerungswachstum kann nach Terborgh nicht Ursache der sinkenden Profite sein, da die Wachstumsrate der Bevölkerung bereits seit dem 19. Jh. sinke ohne daß es deshalb zu größeren Krisen gekommen sei. Außerdem sei diese Erklärung, wie Terborgh weiter unzweifelhaft mit Recht bemerkt, "absurd" im Hinblick auf die über 10 Millionen Arbeitslosen. Das Analoge gilt für das Argument des "passing frontier": Die Erschließung des Wilden Westens war bereits vor fünfzig Jahren beendet:
"The timing of the argument is bad. The western frontier passed fifty years ago." (Terborgh a.a.O., S. 24)
Was den technischen Fortschritt betrifft, so weist Terborgh auf die auch von Hofmann festgestellte Tatsache hin, daß die Forschungsausgaben der Industrie am Ende der dreißiger Jahre auf das Dreifache der Summe von 1929 und auf das Zwölffache der von 1920 gestiegen seien. Gleichzeitig habe sich das durchschnittliche Alter des Kapitalbestandes beträchtlich verringert (S. 32). Von einem Stillstand des technischen Fortschritts und der Entwicklung neuer Industrien könne also keineswegs gesprochen werden. Nur konzentriere sich die technologische Entwicklung nicht mehr auf wenige spektakuläre Einzelerfindungen wie die von Hansen aufgeführten, sondern
"verteilt sich auf Tausende von Erfindungen, die individuell weniger erfolgreich sind, aber kumulative Effekte erzeugen, die ebenso dynamisch und investitionsstimulierend sind wie eine einzige revolutionäre Erfindung in einer weniger fortgeschrittenen Gesellschaft." (a.a.O., S. 27)
Keine der von den Vertretern der Stagnationstheorie angeführten Ursachen könne somit die Depression der dreißiger Jahre erklären; die Erklärung der Krise kann sicherlich nicht in physischen Faktoren gesucht werden. Wenn eine Erklärung überhaupt möglich ist, dann seien "political and economic factors beyond the purview of stagna-

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tionist theory"
(a.a.O., S. 33) für sie verantwortlich zu machen, womit Terborgh offensichtlich auf die Kritik der Unternehmerverbände an der New-Deal-Politik anspielt, nach der die New-Deal-Politik die "Investitionsneigung" der Unternehmer "entmutigte".

Diese Kritik wird im letzten Abschnitt der Broschüre genauer ausgeführt. Hier polemisiert Terborgh gegen die von Keynes vorgeschlagene und von Roosevelt praktizierte progressive Einkommensbesteuerung. Die Vorstellung, daß "überschüssige Ersparnisse" abgeschöpft werden müßten, sei ein gefährlicher Irrtum, da das wirkliche Dilemma der Industrie darin bestehe, daß für die "risikoreichen" Investitionen zuwenig "Ersparnisse" vorhanden seien:
"Die Stagnationstheoretiker scheinen übersehen zu haben, daß überschüssiges Leihkapital die Folge einer zu geringen Ersparnis für riskante Anlagen sein kann und daß das Gegenmittel vielmehr in einer Vermehrung statt in einer Verminderung der für Risiko und Profit vorgesehenen Fonds liegen könnte." (a.a.O., S. 53)
Eine progressive Besteuerung würde die Finanzierungsmöglichkeiten für "riskante" Investitionen nur noch weiter beschneiden und damit das Dilemma verschärfen anstatt es zu lösen. Tatsächlich sind es also nicht die übermäßigen, sondern die zu geringen Profite, die für das Dilemma der Stagnation verantwortlich sind. Nicht zu viele, sondern zu wenige Ersparnisse stehen in Relation zu den vorhandenen Investitionsgelegenheiten zur Verfügung. Die von Keynes vorgeschlagene progressive Einkommensbesteuerung muß daher ihren konjunkturpolitischen Zweck nicht nur verfehlen, sondern ihm direkt zuwiderlaufen. Diese Position läuft auf das genaue Gegenteil der Keynes-Hansen'-schen Konstruktion hinaus und zeigt noch einmal deren ganze Unsicherheit auf.

Trotz aller dieser Unstimmigkeiten besteht in der Tatbestandsfrage und in der Überzeugung von der Notwendigkeit staatlicher Eingriffe Übereinstimmung zwischen Hansen und Terborgh. Auf diesen entscheidenden Punkt legt Hansen in seiner Replik auf Terborgh den Akzent:
"Die wirkliche Frage lautet: Würde eine Laissez-faire-Politik wie im neunzehnten Jahrhundert uns heute jenes Maß an Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung sichern, das wir in jenem Jahrhundert erlebten?" (1946, S. 13; vgl. auch Higgins 1946)*II.31

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Die sogenannte "klassische Ökonomie" vor Keynes hatte die Möglichkeit einer gesamtwirtschaftlichen Krise überhaupt bestritten. Die "Leistung" Keynes' und Hansens gegenüber der liberalen Ökonomie bestand darin, die in den dreißiger Jahren vorherrschende Stagnationstendenz des Kapitalismus als Tatsache festzustellen und die fiskalischen Maßnahmen aufzuzeigen, die notwendig waren, um ihren Auswirkungen zu begegnen. Die Ursachen der Stagnation selbst liegen jedoch außerhalb des begrifflichen Horizonts der bürgerlichen Ökonomie.

4. Die wirtschaftspolitische Konzeption von Keynes und Hansen

So groß die Unklarheit über die eigentlichen Ursachen des Rückgangs der Profite bei Keynes und Hansen ist, so wenig bestehen andererseits Zweifel über die Definition der Krise selbst als einer Situation mangelnder "effektiver Nachfrage", d. h. eines gesamtwirtschaftlichen (und nicht nur partiellen, wie die liberale Theorie annahm) Ungleichgewichts von Angebot und Nachfrage. Übereinstimmung besteht weiter darüber, daß der monetäre Mechanismus des Ausgleichs von Investition und Ersparnis durch den Zinssatz, auf den die liberale Theorie vertraut hatte, nicht mehr ausreichend wirksam ist, um ein Gleichgewicht von Investition und Ersparnis bei Vollbeschäftigung zu sichern. Um die Arbeitslosigkeit und den Verfall der produktiven Ressourcen aufzuhalten und die bestehende Gesellschaftsordnung zu retten, sind daher staatliche Eingriffe zur Erhöhung der "effektiven Nachfrage" notwendig. Keynes und Hansen vertraten die Ansicht, daß die Krise der dreißiger Jahre das definitive Ende des Laissez-faire-Kapitalismus bedeutete. Eine Restauration der liberalen Wettbewerbswirtschaft ist nach ihrer Auffassung nicht mehr möglich: um den Faschismus oder die sozialistische Revolution abzuwerten, gibt es keine andere Alternative als eine kompensierende staatliche Finanzpolitik*II.32 .

Keynes betrachtet es als das ausdrückliche Ziel seines Programms, das Privateigentum an Produktionsmitteln zu schützen:
"Es gibt wertvolle menschliche Betätigungen, die zu ihrer vollen Entfaltung den Beweggrund des Gelderwerbs und die Umgebung privaten Besitztums erfordern. Gefährliche menschliche Triebe können überdies durch Gelegenheit [63] für Gelderwerb und privaten Besitz in verhältnismäßig harmlose Kanäle abgeleitet werden, die, wenn sie nicht auf diese Art befriedigt werden können, einen Ausweg in Grausamkeit, in rücksichtsloser Verfolgung von persönlicher Macht und Autorität und anderen Formen von Selbsterhöhungen finden könnten." (Keynes 1952, S. 315)
Gerade im Interesse der Verteidigung des Privateigentums hält er aber sehr weitgehende Eingriffe in das Privateigentum für unabdingbar. Er ist überzeugt,
". . . ., daß die Welt die Arbeitslosigkeit, die, von kurzen Zeiträumen der Belebung abgesehen — nach meiner Ansicht unvermeidlich — mit dem heutigen kapitalistischen Individualismus verbunden ist, nicht viel länger dulden wird." (Keynes a.a.O., S. 321)
Keynes sieht einen weiteren Fall der Grenzleistungsfähigkeit für die Zukunft als wahrscheinlich an. Innerhalb weniger Generationen würde der Kapitalbestand so sehr gewachsen sein, daß die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals nur noch wenig über Null liege (S. 375). Das würde unvermeidlich das Ende des Profitsystems bedeuten. Unter den Bedingungen des "laisser faire" würde dann die Investition auf Null sinken, was gleichfalls dem Rentier die Existenzbasis entziehen würde. Soll eine ökonomische und soziale Katastrophe vermieden werden, so dürfte dann die Kontrolle der Investition nicht mehr dem privaten Profitinteresse überlassen bleiben, sondern müßte in die Hände des Staates gelegt werden:
"Ich denke mir daher, daß eine ziemlich umfassende Verstaatlichung der Investition sich als das einzige Mittel zur Erreichung einer Annäherung an Vollbeschäftigung erweisen wird; obschon dies nicht alle Arten von Zwischenlösungen und Verfahren ausschließen muß, durch welche die öffentliche Behörde mit der privaten Initiative zusammenarbeiten wird." (Keynes a.a.O.)
Das bedeutet indessen keine Verstaatlichung der Produktionsmittel, die Keynes als überflüssig betrachtet und ablehnt:
"Aber darüber hinaus wird keine offensichtliche Begründung für ein System des Staatssozialismus vorgebracht, das den größten Teil des wirtschaftlichen Lebens des Gemeinwesens umfassen würde. Es ist nicht der Besitz der Produktionsmittel, deren Aneignung für den Staat wichtig ist." (Keynes a.a.O., S. 319)
Keynes betrachtet den Fall der "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals", der die "Sozialisierung der Investition" erforderlich macht, nicht als ein unvermeidliches Übel, sondern sogar als ein wünschens-

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wertes Ziel der staatlichen Wirtschaftspolitik. Zinsen und Profite sind nach seiner Ansicht ohnehin moralisch nicht mehr gerechtfertigt, da sie weder aus der "Knappheit" des Geldkapitals oder der Produktionsmittel, noch aus besonderen Opfern der Kapitalisten mehr legitimiert werden könnten. Keynes hält jedoch nichts von einer sofortigen radikalen Umwälzung: Der endgültige Verlust des "Knappheitswerts" des Kapitals ist ein langfristiges Endziel, das nach und nach im Verlauf einer Übergangsperiode, in der der Staat in wachsendem Maße die Kontrolle über die Investition übernimmt, realisiert werden soll:
"Gleichzeitig müssen wir erkennen, daß nur die Erfahrung zeigen kann, inwieweit der gemeinsame Wille, verkörpert in der Politik des Staates, auf die Vermehrung und Ergänzung der Veranlassung zur Investition gerichtet werden sollte, und inwieweit es gefahrlos ist, den Durchschnittshang zum Verbrauch anzuregen, ohne auf unser Ziel zu verzichten, dem Kapital innerhalb einer oder zwei Generationen seinen Knappheitswert zu entziehen." (Keynes a.a.O., S. 318)
Die schrittweise "Sozialisierung der Investition" soll nach Keynes auf der anderen Seite durch Maßnahmen zur Erhöhung des "Hangs zum Verbrauch" ergänzt werden, wobei Keynes vor allem an eine Redistribution des Einkommens denkt. Die ökonomischen Argumente für eine stark ungleiche Einkommensverteilung sind nach seiner Ansicht nicht mehr länger gerechtfertigt:
"Unsere Beweisführung führt somit zu der Folgerung, daß in den gegenwärtigen Zuständen das Wachstum von Reichtum, weit davon entfernt, von der Enthaltsamkeit der Reichen abhängig zu sein, wie gemeinhin angenommen wird, wahrscheinlicher von ihr aufgehalten wird. Eine der hauptsächlichsten gesellschaftlichen Rechtfertigungen großer Ungleichheit des Reichtums ist daher beseitigt." (Keynes a.a.O., S. 315)
Die Keynes'sche Analyse führt so zu einem paradoxen Ergebnis. Das von ihm vorgeschlagene wirtschaftspolitische Programm sieht gravierende Eingriffe in die Privatwirtschaft vor, die in ihrer faktischen Konsequenz auf eine Abschaffung des Profitsystems und auf seine Ersetzung durch ein System zentralisierter und auf die materielle Versorgung ausgerichteter Kontrolle hinauslaufen. Eine "Sozialisierung der Investition", die das Endziel des Keynes'schen Programms bildet, setzt eine zentrale staatliche Kontrolle über die Produktionsmittel und damit eine faktische An(auf? - mxks)hebung des Privateigentums an Produktionsmitteln voraus, wenn auch Keynes sich der Fiktion hingibt, daß es

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kapitalistisches Privateigentum ohne Profit geben könne. Ein Sinken der "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals" auf Null würde die Produktion vom Standpunkt des kapitalistischen Privateigentums aus sinnlos machen. Der Kapitalist würde dann, wie Keynes selbst sagt,
".. . in der Lage von Pope's Vater sein, der, als er sich vom Geschäft zurückzog, eine Kiste voller Goldstücke mit nach seinem Landhaus in Twickenham nahm und aus ihr seine Ausgaben für den Haushalt je nach Bedarf bestritt." (Keynes a.a.O., S. 185)
Nicht minder würde eine Anhebung des "Hangs zum Verbrauch" die Profite beschneiden. Aber in die beiden genannten Richtungen müssen nach Keynes eben diejenigen Maßnahmen gehen, die zur Erhaltung des kapitalistischen Systems notwendig sind. Daß auch Keynes keinen anderen Weg zur Rettung des Kapitalismus sieht, als seine allmähliche Zersetzung und Zerstörung, ist eine nicht beabsichtigte Bestätigung für den gerade von ihm so heftig bekämpften revolutionären Sozialismus.

Seine Vertrautheit mit den empirischen und praktischen Problemen der Wirtschaftspolitik bringt Keynes zu einer realistischen Einschätzung der Lage und zwingt ihn zu der Einsicht, daß die historischen Entwicklungsmöglichkeiten des "laisser-faire"-Systems erschöpft sind, und daß die Krise und das Massenelend ohne weitreichende staatliche Eingriffe und institutionelle Veränderungen auf die Dauer nicht überwunden werden können. Die Begriffslosigkeit seiner Theorie hindert ihn jedoch daran, die wirklichen revolutionären politischen und sozialen Implikationen dieser Perspektive zu erfassen. Sie rächt sich hier gerade für ihn selbst, indem sie ihn unfähig macht, eine genaue Definition des gesellschaftlichen Systems zu geben, das er für verteidigungswert hält.

Die antikapitalistischen Elemente der Keynes'schen Theorie verschwanden in ihrer praktischen Anwendung sehr bald von der Bildfläche. H. Stein beschreibt den Nachkriegs-Konsensus über die Prinzipien der Wirtschaftspolitik zwischen Republikanern und Demokraten wie folgt:
"Auf der anderen Seite beseitigte der Nachkriegs-Konsensus jene am meisten umstrittenen und angreifbaren Elemente des frühen Keynesianismus — seine Neigung zu einer starken Regierung und einer egalitären Politik und seine Skepsis im Hinblick auf die Funktion von Zins und Profit innerhalb des ökonomischen Systems. Er half, die Differenzen zwischen Keynesianern und [66] Anti-Keynesianern aufzulösen, die eine Übereinstimmung in der praktischen Politik verhindert hatten. Er trug ferner dazu bei, ,keynesianisch' zu einem Begriff zu machen, der gleichbedeutend mit ,modern' oder wissenschaftlich' war, jedoch sich in keiner anderen Weise auf die ursprünglichen Ideen von J. M. Keynes bezog." (Stein 1969, S. 462)
Der angewandte "Keynesianismus" zielte weder darauf ab, den "Hang zum Verbrauch" zu erhöhen, noch das Kapital "seines Knappheitswertes zu berauben". Was als "Keynesianismus" bezeichnet wurde, war vielmehr im Gegenteil der Versuch, die schrumpfenden Profite mit den Mitteln der staatlichen Finanzpolitik zu stabilisieren. Der staatlichen Finanzpolitik kam die Funktion zu, die unzureichende private Nachfrage so durch eine zusätzliche öffentliche Nachfrage zu ergänzen, daß die privaten Profite und mit ihnen ein hoher Beschäftigungsstand und die weitere Akkumulation des Kapitals aufrechterhalten blieben. Aus den mit dieser Politik gewonnenen Erfahrungen ging ein theoretisches Konzept der staatlichen Finanzpolitik hervor, das im folgenden in seinen Grundzügen skizziert werden soll*II.33 . Die staatliche Finanzpolitik tritt in Aktion — so lautet die grundlegende Prämisse, da die monetäre "Politik des billigen Geldes" nicht mehr ausreicht, um einen zur Erreichung der Vollbeschäftigung ausreichenden Aufschwung der Investitionen herbeizuführen. Die öffentlichen Ausgaben vermögen unter den folgenden Bedingungen die erforderliche Erhöhung von Einkommen und Beschäftigung zu bewirken: Auf nähere Details der Ausgaben- sowie der Steuerpolitik und auf die verschiedenen möglichen Kombinationen beider soll hier nicht näher eingegangen werden. Prinzipiell kann die Defizitfinanzierung zwei mögliche Formen annehmen: Steuersenkungen bei gleichbleibenden Ausgaben oder Ausgabenerhöhungen bei gleichbleibenden Steuern. Eine ausführliche Diskussion dieser verschiedenen "Routes to Full Employment" findet sich bei W. Beveridge (1945) wie auch bei F. Neumark (1960).

Hier soll vielmehr das Problem der prinzipiellen Bewertung der Staatsverschuldung zur Diskussion stehen. Wenn die Defizitfinanzierung nicht nur eine vorübergehende Erscheinung ist, sondern das Nachfragedefizit, das sie notwendig macht, ein permanentes ist, wie viele Keynesianer anzunehmen neigen, so würde das ein kumulatives Anwachsen der Staatsschulden zur Folge haben. Die weitreichenden gesellschaftlichen Implikationen dieser Entwicklung werden deutlich, wenn man die Positionen der keynesianischen Finanzwissenschaft den von der klassischen bürgerlichen Ökonomie vertretenen Auffassungen zur Frage der Staatsverschuldung und der Staatsausgaben im allgemeinen gegenüberstellt. Zwischen beiden bestehen diametrale Gegensätze. Die Hauptforderung, die Smith und Ricardo aus ihrer ökonomischen

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Analyse abgeleitet hatten, war die Forderung nach unbedingter Beschränkung und strengster Sparsamkeit bei den Staatsausgaben. Eine Kreditaufnahme des Staates wurde von Adam Smith nur für die Zwecke der Kriegsfinanzierung gutgeheißen*II.34 . Im übrigen war aber die "Inquiry into the Nature and the Causes of the Wealth of Nations", wie Crosser bemerkt,
"speziell darauf ausgerichtet, nachzuweisen, daß die Privatwirtschaft ohne jede Art von fiskalischer Unterstützung wachsen und gedeihen konnte." (Crosser 1960, S. 80)*II.35
Je größer der Staatsverbrauch — so lautet der von Smith und Ricardo aufgestellte allgemeine Satz —, desto größer die Beeinträchtigung der Kapitalakkumulation und mit ihr der Entfaltung des realen Reichtums. Da der durch den Staat angeeignete Teil des Produkts aus dem Kreislauf der Kapitalakkumulation herausfällt, muß dieser Teil auf ein Minimum beschränkt werden, um eine optimale Entfaltung des Kapitals und der Produktivkräfte zu ermöglichen. Wie Ricardo ausführt:
"Falls der durch Einführung zusätzlicher Steuern erhöhte Verbrauch der Regierung entweder durch eine erhöhte Produktion oder durch eine verminderte Konsumption des Volkes getragen wird, so werden die Steuern die Revenue treffen und das nationale Kapital unberührt lassen; wenn aber weder eine erhöhte Produktion noch eine verminderte Konsumption des Volkes vorhanden ist, so werden die Steuern unvermeidlich das Kapital treffen, d. h. sie werden den für die produktive Konsumption vorgesehenen Fonds beeinträchtigen. In dem Maße, wie sich das Kapital eines Landes vermindert, wird auch seine Produktion notwendigerweise zurückgehen, und falls daher weiterhin die gleichen unproduktiven Ausgaben durch das Volk und die Regierung bei sich ständig verringernder jährlicher Produktion gemacht werden, werden die Ressourcen von Volk und Staat mit wachsender Schnelligkeit schwinden und Not und Elend folgen." (Ricardo 1959, S. 139 f.)
Diese Argumentation beruht auf den von der klassischen Ökonomie entwickelten Begriffen der produktiven und unproduktiven Arbeit. Produktive Arbeit, so hatte A. Smith definiert, ist Arbeit, die dem Wert des von ihr bearbeiteten Materials einen zusätzlichen Wert und Mehr-

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wert hinzufügt. Der produktive Lohnarbeiter reproduziert nicht nur den Wert seines eigenen Unterhalts, sondern darüber hinaus einen Profit für den ihn beschäftigenden Unternehmer*II.36 . Die Arbeit des produktiven Lohnarbeiters steht im Gegensatz zu der des Dienstboten, deren Ergebnisse unproduktiv von dem Auftraggeber konsumiert werden und die daher keinen zusätzlichen Wert schafft. "Produktive Arbeit" hat daher zugleich die Bedeutung von reproduktiver Arbeit: ihre Produkte werden produktiv konsumiert, d. h. sie dienen als Material eines neuen Produktionsprozesses. Auf diese Bestimmung legt Ricardo den Akzent:
"Man muß verstehen, daß alle Produkte eines Landes konsumiert werden. Es ist aber der denkbar größte Unterschied, ob sie konsumiert werden durch jene, die einen anderen Wert reproduzieren oder durch solche, die ihn nicht reproduzieren. Wenn wir sagen, daß Revenue erspart und zum Kapital geschlagen wird, so meinen wir, daß der Teil der Revenue, von dem es heißt, er sei zum Kapital gesdilagen, durch produktive statt durch unproduktive Arbeiter verzehrt wird. Es gibt keinen größeren Irrtum, zu unterstellen, daß Kapital durch Nicht-Konsum vermehrt wird." (Ricardo 1959, S. 139 f.)
Alle diese Kriterien der produktiven Arbeit treffen für die Arbeit der Staatsbediensteten nicht zu. Diese ist nicht reproduktiv und schafft deshalb weder Wert noch produziert sie Mehrwert für das private Kapital. "Reichtum" wird also von der klassischen Ökonomie mit privatem Reichtum, mit Tauschwert und Profit gleichgesetzt. Die private Profitproduktion ist für sie die absolute Form der Entfaltung der produktiven Potenzen, außerhalb derer es keinen realen Reichtum geben kann. Was außer sie fällt — wie die Staatsausgaben — bedeutet Wertvernichtung und damit Vernichtung realen Reichtums.

Die Position der keynesianischen Finanzwissenschaft läuft auf das Gegenteil dieser Auffassung hinaus. Ihr Bemühen geht dahin, den Begriff der produktiven Arbeit über den Rahmen des privaten Reichtums hinaus zu erweitern und so umzudefinieren, daß auch Staatsausgaben aller Art darunter fallen. Bedeutsam dabei ist das Argument, daß das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Staat und Privatwirtschaft sich seit der klassischen Epoche des Kapitalismus umgekehrt habe. In seiner Kritik an Smith erinnert Hansen daran, daß weder die einzelnen privaten Investitionen, noch der Privatsektor als Ganzes mehr "self-sustaining" seien, wie von den Vertretern des Liberalismus behauptet.

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Damit aber werde die entscheidende Voraussetzung des Liberalismus wie der Smith'schen Definition der produktiven Arbeit hinfällig. Nicht der Staat hänge von dem im privaten Sektor produzierten Einkommen ab, sondern jenes hänge in der Epoche der "kompensatorischen Finanzpolitik" im Gegenteil von einer ausreichenden Höhe der Staatsausgaben ab.

Diese Entwicklung nötigt nach der Meinung Hansens zu einer Erweiterung des Begriffs der produktiven Arbeit, die der gewandelten Bedeutung der Staatsausgaben gerecht werde. Als "produktive Arbeit" müsse jede Arbeit bezeichnet werden, die ein menschliches Bedürfnis befriedige, und von daher gebe es keinen Grund, die öffentlichen Investitionen als "unproduktiv" zu disqualifizieren. Hansen unterscheidet drei Typen von öffentlichen Investitionen:
  1. Investitionen, die weder in die Reproduktion des Kapitals eingehen, noch irgendeinen öffentlichen Nutzen stiften, in erster Linie: Rüstungsausgaben.
  2. Ausgaben, die ebenso nicht in die Reproduktion des Kapitals eingehen und sich genausowenig wie die erste Kategorie finanziell selbst tragen, jedoch Nutzen für die Öffentlichkeit bringen wie öffentliche Gebäude, Parks usw.
  3. Ausgaben, die sich selbst amortisieren und die direkt oder indirekt die produktive Kapazität des privaten Kapitals steigern (Infrastruktur, öffentl. Versorgung).
Selbst den Rüstungsausgaben, die weder im Sinne der zweiten Kategorie "nützlich" sind, noch im Sinne der dritten "effizienzsteigernd", kann nach Hansen das Prädikat der "Produktivität" nicht abgesprochen werden, da sie zusätzliches Einkommen schaffen und so indirekt zu zusätzlicher "nützlicher" Produktion beitragen.

Entsprechend verändert sich die allgemeine Beurteilung der Staatsausgaben und der Staatsverschuldung. Nach der keynesianischen Auffassung ist eine Expansion der Staatsausgaben unter den Bedingungen des als strukturell angenommenen privaten Nachfragemangels der Kapitalakkumulation nicht nur nicht hinderlich (wie die klassische Theorie behauptet hatte), sondern ist sogar Voraussetzung ihrer weiteren Fortexistenz.
"Ist die öffentliche Verschuldung ein Übel? Die durch Staatsverschuldung beschafften Geldmittel werden verwendet, um andernfalls untätige Arbeitskräfte einzusetzen, um Häuser, Brücken, Straßen und Schulen zu bauen, die uns im realen Sinn reicher machen; diese Art von Verschuldung kann nicht vom Übel sein. Die Verschuldung kann zu einer Belastung werden, ist aber nicht notwendigerweise ein Übel.. . . [72] Mechanisch funktioniert die Verschuldung wie folgt: Auf eine bestimmte gegebene Schuld müssen wir den jährlichen Zinsbetrag zahlen. Vom Nationaleinkommen ziehen wir Steuern als Regierungseinnahme ein, die wir dann in Form von Zinsen auszahlen. Die Verschuldung wird größtenteils von den reicheren Schichten getragen; die Steuern stammen überwiegend von den reicheren Schichten; die Zinsen werden zumeist an die reicheren Schichten bezahlt. Wir nehmen lediglich aus der rechten Tasche der Reichen und zahlen ihnen in die linke. Aber wenn dieser Transfer es uns ermöglicht, genügend Ressourcen zur Erreichung der Vollbeschäftigung einzusetzen, sind sowohl die Reichen wie die Armen besser daran. Den Armen geht es besser, weil sie Arbeitsplätze haben statt Hunger und der zermürbenden Frustration der Müßigkeit. Den Reichen geht es besser, weil sie durch den Transfer nichts verloren haben und größere Profite aus dem Vollbeschäftigungseinkommen erhalten, als es sonst der Fall gewesen wäre." (L. Klein 1947, S. 182 f.)
Die Einwände gegen die Staatsverschuldung beruhen nach L. Klein darauf, daß eine falsche Analogie zwischen öffentlicher und privater Schuld hergestellt wird. Hier greift er ein altes Argument aus der merkantilistischen Tradition wieder auf:
"Die Leute sind schnell mit dem Argument zur Hand, daß Schulden für private Unternehmen nicht wünschenswert sind und folglich auch nicht wünschenswert für die Regierung sein können. Diese Analogie ist völlig ungerechtfertigt. Individuelle Firmen in einem geschlossenen System operieren in einem Meer von Konkurrenten. Wenn sie in diesem System von ihren Konkurrenten borgen und zahlungsunfähig werden, brechen sie zusammen, weil sie ihren Kredit einem Konkurrenten außerhalb ihrer individuellen Einheit schulden. Unsere Regierung kann für die Zwecke der Vollbeschäftigung von ihren eigenen Bürgern leihen; sie muß sich nicht nach außen wenden um an Geldmittel heranzukommen. Die Möglichkeit, daß ein Konkurrent unsere Hypothek für verfallen erklärt, existiert nicht. Eine interne öffentliche Schuld kann niemals eine Bürde sein, weil wir sie uns selbst schulden." (L. Klein 1947, S. 182 f.)*II.37

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Einen berechtigten Einwand sieht Klein lediglich in der Befürchtung, daß das Wachstum der Zinszahlungen aus dem Staatshaushalt die Ungleichheit der Einkommensverteilung verstärken und die Staatsfinanzen zu sehr belasten könne. Wenn aber das säkulare Wachstum des Einkommens — wie als Folge der Anwendung der kompensatorischen Finanzpolitik zu erwarten — weiter anhalte, so sei jedoch mit einem überproportionalen Anwachsen der Zinslasten nicht zu rechnen:
"Die Unbequemlichkeit der Schuld resultiert daraus, daß periodisch Zinsen gezahlt werden müssen und die Regierung über eine Geldquelle verfügen muß, um die Zinsen zu bezahlen. Die Geldquelle, von der die Regierung Gebrauch macht, sind die Steuereinnahmen, die aus dem periodischen Einkommen der Nation fließen. So lange der Zinsbetrag ein kleiner Bruchteil des Einkommens ist, ist die Bürde nicht beschwerlich. Bei den gegenwärtigen Zinssätzen und dem gegenwärtigen Umfang der Verschuldung sind die Zinszahlungen klein im Vergleich zum Nationaleinkommen. Wenn das Einkommen wie schon in der Vergangenheit fortfährt, säkular zu wachsen, ist die Gefahr gering, daß der Zinsbetrag auf irgendeine Schuld, die wir voraussichtlich akkumulieren werden, zu einer Belastung werden wird." (L. Klein a.a.O., S. 182)
Die Argumente, die L. Klein zur Rechtfertigung einer wachsenden Staatsverschuldung vorbringt, können jedoch über die von der klassischen Ökonomie betonte Prinzipiendifferenz zwischen privater und staatlich induzierter Produktion nicht hinwegtäuschen. Mit dem Instrument der Defizitfinanzierung eignet sich der Staat einen wachsenden Teil der gesellschaftlichen Produktion an und nutzt dabei Ressourcen, für die keine private Nachfrage mehr vorhanden wäre. Dadurch sollen einerseits die privaten Profite, andererseits die Beschäftigung und der "reale Reichtum" der Gesellschaft vermehrt werden. Aber dieser "reale Reichtum" ist kein kapitalistischer Reichtum mehr, da die durch den Staat angeeigneten Produkte zum überwiegenden Teil aus dem Reproduktionsprozeß des Kapitals herausfallen und nicht mehr als Mittel zur weiteren Produktion von Profit fungieren.

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Je größer der Teil der gesellschaftlichen Gesamtproduktion, der in die Hände des Staates übergeht — so hatten Smith und Ricardo ausgeführt — desto schmäler die Basis der kapitalistischen Produktion, desto geringer die materiellen Ressourcen, die ihr zur Produktion von Mehrwert zur Verfügung stehen. Dieses Argument wird durch die Ausführungen L. Kleins grundsätzlich nicht entkräftet, die Profite des privaten Kapitals mögen als Folge der staatlichen Defizitfinanzierung größer sein, Produktion und Beschäftigung höher als sie es ohne sie wären — der "Geldschleier" täuscht aber darüber hinweg, daß unter dem Mantel der Defizitfinanzierung ein immer größerer Teil der realen Ressourcen der kapitalistischen Produktion entzogen wird. Die finanzpolitische "Rettung" des Kapitalismus geschieht also mit Mitteln, die zugleich auf eine Untergrabung seiner materiellen Basis hinauslaufen. Hier wird erneut der paradoxe Grundcharakter der Keynes'schen wirtschaftspolitischen Konzeption, wie er auch in der oben dargelegten Argumentation der "General Theory" zutage tritt, deutlich.

Mit der im Vorangegangenen aufgeworfenen Frage nach der Prinzipiendifferenz zwischen staatlich induzierter und privater Produktion ist das Zentralproblem der Theorie des "interventionistischen" Kapitalismus berührt: die Frage nach dem Verhältnis von Staat und Privatwirtschaft, von "Politik" und "Ökonomie". Sie soll im letzten Abschnitt ausführlich erörtert werden.

III. Der linke Keynesianismus

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1. Die Unterkonsumptionstheorie Joan Robinsons

Hatten Dillard und Hansen in der mangelnden Investitionsnachfrage und der unzureichenden Profitabilität der privaten Investitionen das Kernstück der Keynes'schen Erklärung der Stagnationstendenzen des Kapitalismus gesehen, so versuchen Joan Robinson, John Strachey und L. Klein auf der anderen Seite, die unterkonsumptions-theoretischen Ansätze in der Keynes'schen Theorie in den Vordergrund ihrer Interpretation des Keynesianismus zu rücken. So faßt Joan Robinson ihr Verständnis der Keynes'schen Theorie in den folgenden Sätzen zusammen, die die Grundposition des linken Keynesianismus umreißen :
"Das Wesentliche an der Theorie von Keynes (ist): Eine ungleiche Einkommensverteilung erzeugt eine chronische Tendenz zu einem Zurückbleiben der Nachfrage hinter den produktiven Kapazitäten der Industrie. Diejenigen, die konsumieren wollen, haben kein Geld um zu kaufen und schaffen so keinen profitablen Markt. Diejenigen, die das Geld haben, haben kein Interesse daran, so viel zu konsumieren, wie sie könnten, sondern wollen Reichtum akkumulieren, daß heißt sparen." (in: Horowitz (Hrsg.) 1970, S. 106)
Schon in den vorangegangenen Abschnitten war die Unfähigkeit der Keynes'schen Unterkonsumptionstheorie, eine zulängliche und widerspruchsfreie Erklärung des Krisenproblems zu geben, ausführlich beleuchtet worden. Diese inhaltliche Unzulänglichkeit findet ihre Wurzel in grundlegenden methodologischen Mängeln, die die keynesianische Ökonomie mit der zeitgenössischen bürgerlichen Ökonomie überhaupt teilt. Diese sollen im folgenden am Beispiel der Unterkonsumptionstheorie Joan Robinsons dargestellt werden. Joan Robinson macht einen neuen Versuch, den gordischen Knoten des Krisenproblems zu lösen. Sie verknüpft die Keynes'sche Unterkonsumptionstheorie mit einer Theorie des "unvollkommenen Wettbewerbs" mit dem Ziel, die zunehmenden Stagnationstendenzen des Kapitalismus aus den immanenten Widersprüchen des Akkumulationsprozesses abzuleiten. Sie sieht die Hauptursache der Stagnationstendenzen in der zunehmenden Monopolisierung der Märkte und den daraus resultie-

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renden Defekten des Preismechanismus. Die Preise sinken nicht mehr mit den Kosten und führen so zu erhöhten Profitspannen. Das geht zu Lasten der Reallöhne, die nun nicht mehr proportional der Steigerung der Arbeitsproduktivität wachsen. Die Folge ist, daß die Konsumnachfrage nicht mehr proportional dem Wachstum der Produktionskapazität zunimmt, und so entstehen Überkapazitäten und Arbeitslosigkeit.

Einen Ausweg sieht Joan Robinson in starken Gewerkschaften. Eine Verstärkung des gewerkschaftlichen Lohnkampfes könnte zu einer Erhöhung der Reallöhne führen und den durch die Monopolisierung der Märkte durchbrochenen Mechanismus der Anpassung der Reallöhne an die Produktivitätsentwicklung wieder restaurieren, obwohl dadurch die Profitrate verringert wird.
"Der wesentlichste Beitrag zur Bekämpfung der Stagnationstendenzen stammt von den Gewerkschaften und ihrem Drängen nach Erhöhung der Nominallöhne. Wenn sie erfolgreich sind, wirkt sich die Trägheit der Preise zu ihren Gunsten aus, denn die Unternehmer werden vielleicht (innerhalb gewisser Grenzen) eine Verringerung der Gewinnspanne einer Veränderung ihrer Preispolitik vorziehen. Soweit dies tatsächlich der Fall ist, steigen die Reallöhne. Wenn auf diese Weise erreicht werden kann, daß die Reallöhne im selben Tempo steigen wie die Produktion pro Beschäftigten, dann ist die Wurzel des Übels beseitigt, und die Wirtschaft kann in jedem Ausmaß, das dem Tempo der Einführung technischer Verbesserungen entspricht, Kapital akkumulieren und die Produktion ausweiten, so als ob der Wettbewerb noch lebendig wäre." (Robinson 1972, S. 92)
Joan Robinson sieht also den Widerspruch zwischen der Profitabilität des Kapitals und Reallohnerhöhungen; sie nimmt aber an, daß eine "Normalrelation" zwischen beiden existiert, die durch die Monopolisierung der Märkte außer Kraft gesetzt wird und durch verstärkten gewerkschaftlichen Lohnkampf wiederhergestellt werden soll.

Dieser Erklärungsansatz ist nicht der einzige, mit dem Joan Robinson das Problem der Krise zu bewältigen versucht. So fällt es auf, daß sie überall dort, wo sie an die Analyse empirischer Krisen herangeht, wenig dazu neigt, sich des unterkonsumptionstheoretischen Modells zu bedienen. So führt Joan Robinson die gegenwärtige Krise in den USA auf einen Mangel an Profitabilität der Privatinvestitionen zurück. Die Erklärung dafür ist nicht etwa die mangelnde Konsumnachfrage, sondern die "Selbstsuggestion" der Unternehmer:
"Und nun zeigt sich, daß an dem Mangel an voraussichtlichen Profiten nicht der Stillstand des potentiellen Wachstums, sondern der Konjunkturrückgang [77] selbst schuld war. Wenn jedes Unternehmen glaubt, der Markt werde expandieren, dann werden alle feststellen, daß er das wirklich tut, denn jedes von ihnen schafft durch seine Aktivität Nachfrage für die anderen. . . . Die führende kapitalistische Wirtschaft scheint allmählich in die Lage einer unterentwickelten Wirtschaft zu kommen. Kennzeichnend für die unterentwickelte Wirtschaft ist, daß das System nicht allen verfügbaren Arbeitern Arbeitsplätze bieten kann — nicht weil ein zeitweiliger Rückgang der Nachfrage vorliegt, sondern weil der Bestand an Produktionsmitteln nicht hinreichend vergrößert wird. In dieser Situation befinden sich die Vereinigten Staaten heute." (Robinson 1969, S. 44)
Diese Erklärung besagt das Gegenteil des unterkonsumptionstheoretischen Modells (das weiter unten noch genauer dargestellt werden soll). Ebenso hat Joan Robinson auch gegen die Krisentendenzen in Großbritannien niemals steigende Reallöhne als Heilmittel empfohlen, sondern ebenfalls das genaue Gegenteil. Als den Kern des britischen Problems betrachtet sie die Zahlungsbilanzschwierigkeiten, die als Folge des im internationalen Vergleich relativ geringen Produktivitätswachstums entstehen. Weil die Kosten in andereren Ländern schneller als in Großbritannien sinken, gerät die britische Industrie auf dem Weltmarkt gegenüber ihren ausländischen Konkurrenten ins Hintertreffen. Deshalb muß es — so Joan Robinson — primär Aufgabe einer staatlichen Einkommenspolitik sein, den Kostenanstieg zu bremsen — Erwägungen über "soziale Gerechtigkeit" sollten dabei vorerst zurückgestellt werden:
"... Aber eine vollkommene Einkommenspolitik ist in jedem Fall ein utopisches Rezept; so grob und unfair sie sein mag, kann es ihr doch gelingen, den Anstieg der Kosten relativ zu jenen in anderen Industriestaaten zu bremsen und dem Land bessere Möglichkeiten im internationalen Handel zu eröffnen. Darin, und weniger in der Suche nach sozialer Gerechtigkeit ist ihr wesentliches Ziel zu erblicken." (Robinson 1968, S. 21)
Joan Robinson weist ferner anerkennend auf die Politik der westdeutschen Gewerkschaften hin (1969 S. 50), die sich als "Juniorpartner" des Kapitalismus verhielten, indem sie während der Wiederaufbauphase freiwillig ihre Lohnforderungen beschränkten und damit die Überlegenheit des westdeutschen Kapitals auf den internationalen Märkten ermöglichten.

Nichtsdestoweniger spielt die Unterkonsumptionstheorie in der politischen und theoretischen Argumentation Joan Robinsons eine do-

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minierende Rolle*III.38 (ebenso wie in der des gewandelten Strachey). In ihrem Buch "Die Akkumulation des Kapitals" versucht sie, ein analytisches Modell des Akkumulationsprozesses zu konstruieren. Dabei geht sie von einfachsten Annahmen aus, die dann schrittweise in Richtung größerer Komplexität variiert werden — ein Verfahren, von dem sie sich eine immer größere Annäherung an die Realität erhofft. Kernstück der Untersuchung ist die Konstruktion des sog. "Golden Age", des Modells eines gleichgewichtigen Akkumulationsprozesses ohne Störungen und innere Widersprüche, wobei die verschiedenen Varianten der Krise als Störungen der diesem Modell zugrundeliegenden Gleichgewichtsbedingungen interpretiert werden. Eine der grundlegendsten Gleichgewichtsbedingungen ist ein dem Produktivitätswachstum proportionales Wachstum der Reallöhne (S. 88). Im folgenden sollen nicht alle Formen der Krise, sondern nur der mit der Verletzung dieser Gleichgewichtsbedingung zusammenhängende Typus der Krise, die "Unterkonsumption" diskutiert werden.

Zuvor müssen jedoch die methodologischen Voraussetzungen der Akkumulationstheorie Joan Robinsons näher behandelt werden, über deren Problematik die Glattheit der logischen Konstruktionen leicht hinwegtäuscht. Die Analyse des Akkumulationsprozesses kann nicht allein in Geldgrößen durchgeführt werden, sondern benötigt ein "Maß der Kaufkraft", mit dem der "Realwert" der Produktion gemessen werden kann und das eine Differenzierung zwischen "nominellem" und "realem" Wert der Produktion ermöglicht. Dieses Maß muß einen einheitlichen Ausdruck für so heterogene Güter wie "Eier, Mäntel, Symphoniekonzerte" (S. 31) bilden, die alle für Geld gekauft werden können. Dem bloß nominellen Geldausdruck muß etwas "Reales" in diesen Gütern entsprechen. Hier ist wieder das gleiche Problem, vor das Keynes sich konfrontiert sah und das er durch Einführung von "Lohneinheiten" zu lösen versucht hatte. Joan Robinson vermeidet dieses Verfahren aus den erwähnten Gründen (es basiert auf der wirklichkeitsfremden Voraussetzung kon-

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stanter Technik und Arbeitsproduktivität); sie hält die Verwendung von Indexzahlen für einen eher gangbaren Weg. Freilich ist es mit Hilfe der Indexzahlen nicht möglich, eine absolute Bestimmung der Kaufkraft des Geldes zu geben; der Inhalt, die Qualität des Gemessenen bleibt unklar und nicht näher bestimmbar. "Das Produktionsvolumen und die Kaufkraft des Geldes schlechthin" — sagt Joan Robinson — "sind metaphysische Begriffe"*III.39 . Dennoch ist es aber möglich, anhand der Indexzahlen relative Veränderungen der Kaufkraft wie intertemporäre Kaufkraftvergleiche anzustellen. Das Indexzahlenpaar beschreibt die Veränderungen des Geldausdrucks der Waren unter der Annahme eines gleichbleibenden Geldwertes. Dabei müssen jedoch zwei wichtige Punkte beachtet werden. Erstens können die in den Indexzahlen gemessenen Veränderungen der Preissummen der Waren nicht nur aus Mengenveränderungen, sondern auch aus Strukturveränderungen des jeweiligen "Warenkorbes" resultieren; in diesem Fall müßte die Gewichtung des Index entsprechend verändert werden. Sie kann nicht anders als in Preisgrößen (Anteile der jeweiligen Produkte am Nettoproduktionswert) vorgenommen werden: diese müssen als gegeben vorausgesetzt werden und können nicht weiter erklärt und abgeleitet werden. Es kann daher auch nicht festgestellt werden, wieweit die vorausgesetzte Gewichtung selbst bereits durch "nominelle" Preisveränderungen modifiziert ist. Zweitens kann sich die Produktqualität selbst verändern, bzw. es können neue Produkte auftreten; in diesem Fall ist, wie Joan Robinson sagt, eine "exakte" Messung nicht möglich. Genau genommen ist dann aber eine Messung überhaupt nicht möglich, da alle Messungen nur relativ sind, im Fall von qualitativ veränderten oder neuen Produkten jedoch die Vergleichsgrundlage fehlt. Das wirft für jede Anwendung der Indexzahlen das Problem des Realitätsbezuges auf, das um so gravierender wird, je globaler der betreffende Index ist, d. h. je mehr Produktionsreihen in ihm zusammengefaßt werden.

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Ähnlich wie Keynes versucht Joan Robinson, dem Problem durch Einführung analytischer Definitionen aus dem Wege zu gehen. Obgleich sie zugibt, daß
"das Wesen des technischen Fortschritts weitgehend darin (besteht), die Natur der Konsumgüter zu ändern (indem eine Art durch die andere ersetzt wird — etwa Leinen durch Wolle und Wolle durch Kunstseide — oder ganz neue Arten eingeführt werden, wie Automobile oder Fernsehempfänger)" (Robinson 1972, S. 68)
und daher eine der Wirklichkeit entsprechende Behandlung des technischen Fortschritts mit großen "Ungenauigkeiten" der Messung verbunden wäre, setzt sie eine Wirtschaff, voraus,
"in der die Berechnung von Indexzahlen keine Schwierigkeiten bereitet.. . Wir können dieser Schwierigkeit ausweichen, indem wir im Modell den abstrakten Begriff eines technischen Fortschritts einführen, der nur aus Verbesserungen der Produktionsverfahren besteht, ohne am zusammengesetzten Gut, das die Konsumgüterproduktion darstellt, etwas zu ändern. Wenn also bei der Herstellung eines bestimmten Konsumgutes ein technischer Fortschritt auftritt, werden die Kosten des zusammengesetzten Gutes verringert, aber seine Zusammensetzung wird davon nicht berührt." (Robinson a.a.O., S. 67)
Nach Einführung dieser "vereinfachenden" Voraussetzungen hält Joan Robinson es nun für vertretbar, die Begriffe "Gesamtproduktion", "Produktivität je Beschäftigten", "Preisniveau" bzw. "Geldlohnniveau", die sie gerade noch für "metaphysisch" erklärt hatte, einzuführen und darauf ihre analytischen Konstruktionen zu gründen. Um das zu rechtfertigen, weist sie bereits im Vorwort darauf hin, es sei "sinnlos, Definitionen genauer zu gestalten, als das Problem, auf das sie angewendet werden." Sie zitiert in diesem Zusammenhang eine Stelle aus K. R. Popper ("The Open Society and its Enemies"):
"Die Auffassung, daß die Exaktheit der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Sprache von der Genauigkeit ihrer Ausdrucksweise abhängt, ist sicherlich sehr plausibel, aber nichtsdestoweniger ein bloßes Vorurteil. Die Genauigkeit einer Sprache hängt vielmehr davon ab, daß sie sorgfältig die Belastung durch genaue Ausdrucksweise vermeidet. Ein Ausdruck wie "Sanddüne" oder "Wind" ist gewiß sehr verschwommen. Wie viele Zentimeter muß ein Häufchen Sand hoch sein, damit es eine Sanddüne genannt werden kann? Wie schnell muß sich die Luft bewegen, damit von einem Wind gesprochen werden kann? Trotzdem ist für einen Geologen die Genauigkeit dieser Ausdrücke in den meisten Fällen hinreichend. .. . Die Lage der exakten Wissenschaften ist analog. Bei physikalischen Messungen beachten wir stets sorgfältig den Fehlerspielraum; die Genauigkeit besteht dann nicht in dem Versuch, diesen Spielraum auf Null zu reduzieren, und nicht in der Vorspiegelung, es gäbe keinen solchen Fehlerspielraum, sondern vielmehr in der ausdrücklichen Anerken- [81] nung ihrer Existenz." (Robinson a.a.O., S. 11 f.)
Joan Robinson fährt fort:
"Die genaue Definition ökonomischer Begriffe, wie Reichtum, Produktion, Einkommen, Kosten, ist um nichts leichter als die Definition des Begriffes "Wind". Trotzdem sind diese Begriffe durchaus zweckentsprechend und ökonomische Probleme können mit ihrer Hilfe erörtert werden."
Joan Robinson übersieht hier einen wesentlichen Unterschied. Während die Begriffe "Düne" und "Wind" eindeutig auch in ihren "Ungenauigkeitsbereichen" empirisch bestimmbare Sachverhalte beschreiben, kann das von den von ihr aufgeführten ökonomischen Begriffen nicht gesagt werden. Würde man für einzelne Produkte — Kraftwagen, Schreibmaschinen, Bücher usw. — Indexreihen berechnen, so wären diese sicherlich empirisch gehaltvoll und die Analogie zu den von Popper genannten Begriffen wäre vollauf gerechtfertigt. Die Begriffe "Gesamtproduktion", "Produktivität" usw. abstrahieren aber eben von allen den physischen Qualitäten, die diese Begriffe empirisch gehaltvoll machen; es gibt in der empirischen Realität nichts, dem sie entsprechen würden und auf das sie sich beziehen könnten. Das ist kein Problem der bloßen "Meßgenauigkeit", sondern die viel grundlegendere Frage nach der Qualität des Gemessenen selbst. Die Ökonomen "addieren etwas, von dem sie nicht genau wissen, was es ist", hatte Strachey mit Recht gesagt. Eben das hatte Keynes dazu bewogen, Indexzahlen als ökonomische "Maßeinheiten" abzulehnen und statt dessen Lohneinheiten zu verwenden (vgl. die oben angeführten Zitate S. 36). Auch Joan Robinson war sich gelegentlich dieser Problematik durchaus bewußt. In ihrem Buch "Doktrinen der Wirtschaftswissenschaft" glossiert sie die Gewohnheit der Ökonomen, die Frage nach der Qualität des Gemessenen zu ignorieren und statt dessen zu mathematischen Konstruktionen Zuflucht zu nehmen:
"Es ist immer noch üblich, Modelle zu konstruieren, in denen Quantitäten von ,Kapital' erscheinen, ohne daß man die geringste Angabe darüber macht, wovon dies eine Quantität sein soll. Wie man das Problem, dem Nutzenbegriff einen praktischen Inhalt zu geben, gewöhnlich umgeht, indem man ein Diagramm zeichnet, so entzieht man sich auch dem Problem, der Quantität von ,Kapital' einen Sinn zu geben, durch Übersetzung in Algebra. K ist Kapital, AK ist Investition. Was ist aber K? Was soll das heißen? Kapital natürlich. Es muß einen Sinn haben, also wollen wir mit der Analyse fortfahren und uns nicht mit spitzfindigen Pedanten abplagen, die zu wissen begehren, was gemeint ist." (Robinson 1965, S. 85)
Es wäre zweifellos dienlich gewesen, wenn Joan Robinson den von ihr selbst gebrauchten Begriffen gegenüber die gleiche Frage gestellt

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hätte. Was ist "Output"? Die Zahl, das Gewicht, die Gesamtlänge, die Gesamtbreite der hergestellten Produkte und Dienstleistungen? Offensichtlich nichts von alledem. Der Versuch, einen dinglichen Ersatz für den Wertbegriff zu finden, führt offensichtlich in eine Sackgasse. Die sachliche Problematik zwingt zur Einführung von Begriffen, die gemessen an den positivistischen Sinnkriterien, auf die Joan Robinson sich beruft, unzulässig, empirisch gehaltlos sind. Vom empiristischen Standpunkt aus haben ihre Konstruktionen "metaphysischen" Charakter. Gleichwohl kann auf ein Äquivalent für den Wertbegriff nicht einfach verzichtet werden; es muß einen solchen Begriff geben, denn die Aufgabe der nationalökonomischen Theorie ist es, wie Joan Robinson angemerkt hatte, den "Geldschleier über den Dingen zu durchschauen" (S. 34). Joan Robinson zieht aber aus dieser paradoxen Situation keine Konsequenzen; sie meint, das Problem trotz aller Schwierigkeiten pragmatisch bewältigen zu können. Mit Recht bemerkt H. G. Backhaus hierzu:
"Der Problemgehalt der Wertform läßt sich nicht dadurch aus der Welt schaffen, daß man die Marx'sche Lösung und Darstellung ignoriert. Es zeigt sich nämlich, daß die Kritiker der Arbeitswerttheorie gelegentlich in selbstkritischer Einsicht die Unlösbarkeit eben jener Probleme konstatieren, die den Gegenstand der von ihnen ignorierten Wertformanalyse ausmachen." (Backhaus 1969, S. 149)
Eine nähere Betrachtung des von Joan Robinson entwickelten Akkumulationsmodells zeigt, wie wenig ihre pragmatische Unbekümmertheit dazu beiträgt, die gestellten sachlichen Probleme zu lösen. Im folgenden soll versucht werden zu zeigen, daß auch die relativen Veränderungen von Profitrate und Reallöhnen, aus denen Joan Robinson das Eintreten der Krise zu erklären sucht, empirisch gehaltlos und unbestimmbar bleiben, weil ihre absolute Bestimmung ungewiß bleibt. Die Akkumulationstheorie Joan Robinsons erweist sich so als ein bloßes Gedankenspiel, das ebensowenig wie die Keynes'schen Identitätsgleichungen empirischen Aussagegehalt beanspruchen kann und in seinem faktischen Erklärungswert den Horizont des "gesunden Menschenverstandes" nicht überschreitet.

Joan Robinson geht von folgenden Annahmen aus: Die Gesamtproduktion teilt sich in Konsumgüter und Produktionsmittel. Der gesamten Konsumgüterproduktion wird eine bestimmte, als "gegeben" unterstellte Preissumme zugerechnet, ebenso den in beiden Sektoren beschäftigten Arbeitern eine Lohnsumme, die gleich der Preissumme der

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Konsumgüter ist. Joan Robinson setzt also voraus, daß die Nachfrage nach Konsumgütern ausschließlich von den Arbeitern ausgeht (erst später wird die Annahme des "Rentiers", also des Konsums aus Gewinnen eingeführt) und daß diese Nachfrage sich mit dem in Preisen ausgedrückten Angebot an Konsumgütern deckt.

Die im Produktionsmittelsektor beschäftigten Arbeiter stellen jährlich einen "Output" an Produktionsmitteln her, der zur Erneuerung und — sofern er dazu ausreicht — zur Erweiterung des Produktionsmittelbestandes in beiden Sektoren dient. Der Zuwachs an Produktionsmitteln eines Jahres ist gleich der "Akkumulationsrate", die Joan Robinson als "mit dem Gewinn eines ganzen Jahres identisch" (S. 75) definiert. (Der Profit wird also nur soweit als Profit gezählt, als er zur Erweiterung der Produktionskapazität ausgegeben wird; der Teil des Profits, aus dem die Löhne für die zur Bedienung der zusätzlichen Produktionsmittel erforderlichen neu eingestellten Arbeitskräfte gezahlt werden, gilt nicht als Profit). Wiederum wird nicht erklärt, warum ein bestimmter "physischer Zuwachs" an Produktionsmitteln sich in einer bestimmten Gewinnmasse darstellt — ganz abgesehen von dem schon dargestellten Problem der quantitativen Bestimmung der Akkumulationsrate selbst. Anstatt dieses für die Akkumulationstheorie zentrale Problem zu lösen, setzt Joan Robinson seine Lösung bereits voraus, indem sie per definitionem "Profitrate" und "Akkumulationsrate" gleichsetzt:
"Die Beziehung zwischen Gewinnen und Akkumulation hat zwei Seiten. Damit überhaupt ein Gewinn erzielt werden kann, muß die Produktion pro Beschäftigten einen Überschuß über jene Menge hinaus ergeben, die notwendig ist, um die Familie des Arbeiters und damit das Arbeitskräftepotential zu erhalten. Aber die technische Möglichkeit eines solchen Überschusses ist keine hinreichende Bedingung für die Realisierung von Gewinnen. Die Unternehmer müssen dazu auch investieren. Der Satz, daß die Profitrate gleich der Akkumulationsrate ist (wenn aus Gewinnen nichts konsumiert wird), wirkt nach beiden Richtungen. Wenn die Unternehmer keinen Gewinn erzielen, können sie nicht akkumulieren, und wenn sie nicht akkumulieren, erzielen sie keinen Gewinn." (Robinson a.a.O., S. 76)
Die Gleichheit von Profitrate und Akkumulationsrate wird hier nicht aus einer Analyse der realen Konstitutionsfaktoren beider, sondern aus einem logischen Postulat abgeleitet. Joan Robinson unterstellt auf analytischer Ebene ein wechselseitiges Fundierungsverhältnis zwischen der Profitrate und dem jährlichen "physischen Zuwachs"

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an Produktionsmitteln, das in Wahrheit erst zu erklären und abzuleiten wäre. Da zwischen dem, was Joan Robinson als die "Profitrate" und dem, was sie als die "Akkumulationsrate" bezeichnet, keinerlei Vermittlung besteht, bleibt ihr nichts anderes übrig, als die Vermittlung als "gegeben" anzunehmen und so eine faktisch nicht vorhandene Lösung vorzutäuschen. Hier wird noch einmal der schon mehrmals aufgezeigte Grundzug des Verfahrens der akademischen Nationalökonomie deutlich: An die Stelle des Bemühens um Erkenntnis tritt die willkürliche Einführung von Definitionen.

Unter den gemachten Voraussetzungen (die hier nicht weiter im Detail referiert werden) hängt die "Akkumulationsrate" nach Joan Robinson von folgenden Faktoren ab:
"
  1. Durch den technisch möglichen und vorhandenen Überschuß des Produkts pro Beschäftigten über das Existenzminimum,
  2. Innerhalb dieser Grenze durch den Überschuß über jenes Reallohnniveau hinaus, das die Arbeiter akzeptieren und auch erzwingen können (indem sie gegen das Sinken eine Inflationsschranke errichten)
  3. Innerhalb dieser Grenze durch die Energie, mit der die Unternehmer ihre Pläne verfolgen (!)
  4. Bei einer von der Nachfrage unabhängigen Größe des Arbeitskräftepotentials durch die Zuwachsrate des letzteren (wenn die Akkumulationsrate hinter dieser Zuwachsrate zurückbleibt, wächst langfristig die Arbeitslosigkeit).
"
(Robinson a.a.O., S. 88)
Nachdem sie diese Thesen zunächst für ein einfaches Modell bei unveränderlichem Produktionsverfahren expliziert hat, führt sie nun den technischen Fortschritt ein und nimmt zunächst an, daß die "Arbeitsproduktivität" in beiden Sektoren gleichmäßig wächst. Während bei der vorher angenommenen konstanten "Arbeitsproduktivität" die Akkumulationsrate nur durch eine Senkung der Reallöhne gesteigert werden konnte, besteht nun bei wachsender Arbeitsproduktivität die Alternative: konstante Reallöhne und wachsende Akkumulationsrate oder wachsende Reallöhne und konstante Akkumulationsrate. Die letztere Möglichkeit wird von Joan Robinson als "golden age", als gleichgewichtiges und störungsfreies Wachstum definiert. Sie basiert auf zwei analytischen Voraussetzungen:
"Die erste wichtige Bedingung einer ruhigen Expansion lautet, daß der Bestand an Maschinen (gemessen in ihrer Kapazität) im richtigen Verhältnis zur ebenfalls steigenden Produktivität (pro Arbeiter) wächst, während unter dem Druck der Konkurrenz sich die Preise im Verhältnis zu den Geldlöhnen so [85] bewegen, daß die Kapazität der Kapitalausstattung stets im gleichen Grade ausgelastet ist. . . . Anders ausgedrückt muß der Reallohn parallel der Produktivität steigen, damit stets genügend Nachfrage vorhanden ist, um das ständig wachsende Produkt der ständig wachsenden Ausstattung zu absorbieren. Um ein stabiles Beschäftigungsniveau zu erhalten, muß zweitens jede zufällige Diskrepanz zwischen vorhandenem Arbeitskräftepotential und vorhandener Kapitalausstattung raschest beseitigt werden. Das wird dann der Fall sein, wenn bei einem Arbeitskräfteüberschuß der Reallohn langsamer als die Produktivität steigt und gleichzeitig die Investitionsausgaben auf einem Niveau verbleiben, das die Akkumulation und die Investitionsausgaben (und damit den Zuwachs an Produktionskapazität) in der schon beschriebenen Weise beschleunigt. Bei Knappheit an Arbeitskräften steigen die Geldlöhne im Verhältnis zu den Preisen, die Reallöhne steigen rascher als die Produktivität und die Akkumulation wird gebremst." (Robinson a.a.O., S. 88)
Sofern der Wettbewerbsmechanismus in Kraft ist, wird die erste Stabilitätsbedingung, das dem Produktivitätswachstum proportionale Wachstum der Reallöhne, automatisch durch die Anpassung der Preise an die fallenden Produktionskosten garantiert. Mit zunehmender Monopolisierung der Märkte schwächt sich die Wirkung dieses Mechanismus jedoch mehr und mehr ab. Im Extremfall bleiben die Preise konstant, während, wie Joan Robinson zunächst annimmt, die Geldlöhne ebenfalls konstant bleiben und als Folge davon auch die Nachfrage nach Konsumgütern. In diesem Fall würde die Unterkonsumptionskrise eintreten: Denn während die Produktion von Konsumgütern stagniert und infolgedessen die Beschäftigung im Konsumgütersektor proportional der wachsenden Produktivität zurückgeht, wachsen die Produktionskapazitäten mit dem Fortschritt der Produktivität im Investitionsgütersektor. Die Disproportionalität der Entwicklung beider Sektoren macht sich bald in Überkapazitäten bemerkbar, die jedoch wegen der monopolistischen Marktstruktur nicht zu Preissenkungen führen. Als Folge davon sinkt jetzt auch die Beschäftigung im Investitionsgütersektor, was wiederum auf den Konsumgütersektor zurückwirkt und die Unterkonsumptionskrise hervorruft.

Diese Konstruktion basiert auf der vorausgesetzten Annahme eines technisch konstanten Verhältnisses zwischen Konsumgüter- und Investitionsgüterproduktion. Die Produktivität in beiden Sektoren muß sich gleichmäßig entwickeln, so daß die "physische Produktion" im gleichen Verhältnis steigt. Dieses als "gegeben" angenommene Verhältnis wird durch die Beseitigung der Preiskonkurrenz gestört. In der Realität existiert ein solcher Zwang zur Wahrung eines konstanten technischen Verhältnisses jedoch nicht. Bei wachsender Produktivität

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existiert vielmehr eine Tendenz zu einem stärkeren Wachstum des Investitionsgütersektors. Bei allen Vorbehalten hinsichtlich der Operationalisierbarkeit des Begriffs der "physischen Produktion" läßt sich diese Tendenz über lange Perioden hinweg in den entwickelten kapitalistischen Industrieländern feststellen*III.40 . Mit diesem stärkeren Wachstum des Investitionsgütersektors ist stets die Möglichkeit gegeben, daß die im Konsumgütersektor freigesetzten Arbeitskräfte im Investitionsgütersektor Beschäftigung finden können, so daß die von Joan Robinson konstruierte "Unterkonsumptionskrise" mitnichten einzutreten braucht.

Tatsächlich räumt Joan Robinson diese Möglichkeit einer Veränderung der "Akkumulationsrate" auch ein. Sie gesteht zu, daß es verschiedene "Goldene Zeitalter" (Gleichgewichtsproportionen zwischen Konsumgüter- und Investitionsgütersektor), die durch verschiedene Akkumulations- und Gewinnraten charakterisiert sind, geben kann:
"Eine einmalige Änderung der Wachstumsrate ermöglicht ein neues "Goldenes Zeitalter". Um das einer größeren Wachstumsrate angemessene "Goldene Zeitalter" zu erreichen, muß die Produktionskapazität im Investitionssektor relativ zum Konsumsektor gesteigert werden. Damit sich die neue, größere Akkumulationsrate einspielen kann, muß der Konsum einige Zeit hindurch geringer sein, als er bei Fortdauer des alten Goldenen Zeitalters gewesen wäre. Umgekehrt hat eine geringere Wachstumsrate eine Phase mit Arbeitslosigkeit oder stärkerem Konsum zur Folge." (Robinson a.a.O., S. 158)
Das "Goldene Zeitalter", also die "Normalrelation" zwischen Investitionsgüter- und Konsumgüterproduktion, zwischen Reallöhnen und Profiten hat — da sie sich in der Realität stets verändern kann —

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nicht den Status einer empirisch begründeten Aussage, sondern eines analytischen Postulats. Sie ist lediglich definitorisch festgelegt, bleibt aber im Hinblick auf die Realität unbestimmbar. Da aber das Robinson'sche Modell einer "Unterkonsumptionskrise" auf der Annahme eines gegebenen und unveränderlichen "Goldenen Zeitalters" basiert, bleibt es ohne empirischen Gehalt und Erklärungswert. Jede mögliche empirische Situation kann ebensogut als "Goldenes Zeitalter" wie als Abweichung von ihm interpretiert werden. Deshalb weist das Modell Joan Robinsons in der Tat nicht mehr nach als — wie Mandel bemerkt hat — die "grundlegende Unstabilität des kapitalistischen Systems". Über die realen Bestimmungsfaktoren der Akkumulation sieht Joan Robinson sich vielmehr gezwungen, ihre wissenschaftliche Inkompetenz zu erklären. Die Klärung der ökonomischen Probleme schiebt sie auf die außerökonomischen Wissenschaften, die Soziologie, Psychologie und "Vergleichende Anthropologie" ab, die freilich ihrerseits bis heute ausnahmslos die von Joan Robinson gesuchten "Gesetze" nicht gefunden haben. So greift sie in der Frage der Erklärung der Verteilung des Sozialprodukts auf eine "Machttheorie" des Lohnes zurück:
"Die Reallohnrate variiert mit den verschiedenen Wendungen des Klassenkampfes zwischen einer unteren Grenze, die vage in den Begriffen des Existenzminimums definiert ist, und einer oberen, die überhaupt nicht definiert ist." (Robinson 1957, S. 34)
Mit anderen Worten: Es gibt überhaupt keine Theorie der Verteilung, sondern die "Theorie" deckt sich einfach mit der jeweiligen Faktizität.

Der "Verhandlungsstärke" der Arbeiter steht auf der anderen Seite die "Energie" der Unternehmer gegenüber, mit der diese ihre Investitionspläne und Akkumulationswünsche durchsetzen. Diese ist nicht ökonomisch zu erklären, sondern nur psychologisch oder*III.41 , wie sie an anderer Stelle vorschlägt, durch eine noch auszuarbeitende "verglei-

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chende Anthropologie"
. Um die Akkumulationsrate zu erklären, so sagt sie,
"muß die ökonomische Analyse durch eine Art vergleichender historischer Anthropologie ergänzt werden, die als wissenschaftliche Disziplin noch in den Kinderschuhen steckt." (Robinson 1972, S. 61)
Und in ihren sechs Jahre nach der "Akkumulation des Kapitals" erschienenen "Essays in the Theory of Economic Growth" sagt sie zu der Frage der Bestimmungsfaktoren der Akkumulationsrate: -
"Wir müssen uns damit begnügen, sie offen zu lassen. Um die Akkumulation zu erklären, müssen wir auf die menschliche Natur und die Gesellschaftsstruktur zurückgreifen. Einmal etablierte Unternehmen haben einen Drang, zu wachsen oder zumindest die Übergriffe auf ihre Märkte durch andere Firmen abzuwehren, die zu wachsen bestrebt sind, und in jeder Generation spüren neue Leute, die über Reichtum und Kredit verfügen, den Drang, ihr Glück zu versuchen. Aus alledem entsteht irgendwie die allgemeine Akkumulationsrate. Um zu erkennen, warum sie in einigen Nationen oder zu bestimmten Zeitpunkten größer ist als in anderen, müssen wir uns mit Fragen befassen, die grundlegender sind als die Ebene, auf der das Modell konstruiert ist." (Robinson 1962, S. 15 f.)
Solche Erkenntnisse als Quintessenz zweier Hunderte von Seiten langer Bücher über die Theorie der Akkumulation zu finden, ist fürwahr bemerkenswert!

Die vorangegangenen Kapitel befaßten sich mit der Fähigkeit der verschiedenen Ansätze der keynesianischen Ökonomie, dem Krisenproblem inhaltlich und methodologisch gerecht zu werden. Im letzten Abschnitt wurde versucht zu zeigen, wie wenig es Joan Robinson gelungen ist, eine empirisch gehaltvolle Theorie der Akkumulation zu entwickeln. Nichtsdestoweniger haben Joan Robinson und Strachey stets versucht, sich als Anwälte der Empirie gegen den "dogmatischen" Marxismus zu profilieren. Die Berechtigung dieser Marx-Kritik wird im folgenden zu überprüfen sein.

2. Die Marx-Kritik Joan Robinsons und Stracheys

Keynes hatte bei seinen wirtschaftspolitischen Empfehlungen keinen bestimmten politischen Adressaten im Auge. Er betrachtete die von ihm vorgeschlagenen Maßnahmen als parteipolitisch neutrale Mittel zur Bekämpfung von Depressionen, denen nicht nur die sozialdemo-

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kratischen, sondern auch die konservativen und liberalen Parteien in ihrem eigenen Interesse zustimmen müßten. Dagegen sehen die "linken" Keynesianer die Bedeutung der Keynes'schen Theorie darin, der Arbeiterbewegung eine neue strategische Orientierung gegeben zu haben, die eine Alternative zum revolutionären Marxismus darstellt. So sagt Strachey, nach 1945 der führende politische Theoretiker des "linken" Keynesianismus:
"Was Keynes tatsächlich erreichte und zustande brachte, entsprach nicht seinen Absichten, wäre ihm aber wohl dennoch, wenn auch einigermaßen gezwungen, willkommen gewesen. Denn dieses Erreichte bestand darin, den demokratischen und diesseits den sozialdemokratischen Kräften einen Weg aufgezeigt zu haben, auf dem sie die Ordnung trotz des Widerstandes der kapitalistischen Interessen stetig zu wandeln vermögen. Keynes leistete so den bedeutendsten aller Beiträge zur demokratischen Fortentwicklung. Er trug wesentlich dazu bei, den westlichen Völkern einen weiter nach vorn weisenden Weg anzuzeigen, der nicht über den Sturzbach des totalen Klassenkampfes führt — einen Sturzbach, vor dem die westlichen Arbeiter zurückschrecken, da sie nun seine reißenden Wasser zu sehen vermögen." (Strachey 1957, S. 250)
Worin bestand das Neue an dem von Keynes aufgezeigten Weg für die reformistischen Arbeiterparteien? Das von Keynes und seinen Anhängern vorgeschlagene Programm der Sozialreformen, der Einkommensumverteilung durch eine staatliche Steuerpolitik und der "Sozialisierung der Investition" unterschied sich offensichtlich nicht wesentlich von dem, was die reformistischen Parteien schon früher gefordert hatten. Entscheidend waren nicht diese einzelnen Programme, sondern der neue politische und ökonomische Begründungsrahmen, den die Keynes'sche Theorie für die reformistische Politik bereitstellte. Der Keynesianismus bot sich als eine ideologische Neufundierung der schon seit langem betriebenen Politik der Versöhnung mit den herrschenden Machtverhältnissen an, die eine definitive Abgrenzung gegenüber den marxistischen Traditionen der Arbeiterbewegung ermöglichte. Er schien den reformistischen Arbeiterorganisationen eine Rolle innerhalb des kapitalistischen Systems zuzuweisen, die sie tatsächlich spielten oder zu spielen wünschten. Der "rote Faden" des von Strachey nach seiner politischen Kehrtwendung 1957 geschriebenen Buches "Kapitalismus heute und morgen" ist daher die Abgrenzung gegen den Marxismus. Strachey geht es nunmehr darum, die historische Überholtheit des revolutionären Marxismus nachzuweisen und stattdessen den "demokratischen Sozialismus" als die den

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Bedingungen des fortgeschrittenen Kapitalismus gemäße Theorie der Arbeiterbewegung herauszustellen. Strachey versucht, mit seiner Kritik das systematische Zentrum der Marx'schen Theorie, die Werttheorie, zu treffen. Es geht ihm zunächst um die Klärung des theoriegeschichtlichen Hintergrundes, wobei er sich insbesondere mit dem Einfluß der Ricardo'schen Wertlehre auf die Marx'sche Theorie befaßt. Das der Ricardo'schen Wertlehre zugrundeliegende Problem war, so Strachey, die Frage nach dem "absoluten Wertmaß":
"Der Einfluß Ricardos auf seine Zeitgenossen läßt sich nicht überschätzen. Man war überzeugt davon, das große, allumfassende Grundgesetz der Nationalökonomie — vergleichbar etwa den Newton'schen Prinzipien im Bereich der Naturwissenschaften — entdeckt zu haben. In den Mann-Stunden an notwendiger Arbeit sei, so glaubten sie, der Wert nun endgültig definiert worden. Denn wenn es gelungen sei, die Einheiten aufzufinden, nach denen sich die Tauschrelationen der Waren bestimmen, dann habe man notwendigerweise auch die Substanz des Wertes, den "absoluten Wert" und damit eine Konstante ermittelt, an der sich die endlosen Schwankungen der im Tauschvorgang liegenden Waren messen lassen. Dann habe man etwas gefunden, was für die Nationalökonomie das ist, was der Standard-Meter und das Standard-Gramm für das physische Messen und Wiegen sind, was diese Nationalökonomie als exakte Wissenschaft begründet hätte und es ermöglichen sollte, sowohl das Sozialprodukt in Einheiten eben des absoluten Wertes zu summieren, wie auch die an die einzelnen Klassen der Gemeinschaft fallenden Anteile dieses Nationalprodukts zu messen." (Strachey, a.a.O., S. 49)
Die Fragestellung, auf die Strachey sich hier bezieht, war bereits von Adam Smith und den Merkantilisten aufgeworfen worden, die sich um eine wissenschaftliche Fundierung der Nationalökonomie bemühten. Das Problem bestand darin, einen zuverlässigen "Maßstab" des Reichtums zu finden, der nicht wie Gold und Silber selbst Wertschwankungen unterworfen war. Smith meinte, in der "Arbeit" dieses Wertmaß gefunden zu haben*III.42 . Er wurde von Ricardo dahingehend korrigiert, daß nicht die "Ware Arbeit", also die zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft notwendigen Arbeitsstunden, wie Smith gemeint hatte, sondern die Arbeit als solche, nicht als Ware, sondern als Tätigkeit das gesuchte "absolute Wertmaß" sein könne*III.43 .

Stracheys Ricardo-Interpretation soll hier nicht weiter zur Diskussion stehen. Der entscheidende Mangel seiner Analyse besteht in jedem

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Fall darin, daß Strachey über die Differenzen der Ricardo'schen und der Marx'schen Werttheorie (von seinen Ausführungen über den Begriff des Mehrwerts abgesehen) kaum ein Wort verliert. Er subsumiert Marx ohne weitere Umschweife unter die Nachfolger Ricardos:
"Es war möglich, unbeirrt und unter allen Umständen an den Mann-Stunden an sozial notwendiger Arbeit als Standard des Wertes festzuhalten und so zu erproben, welche Art von Diagramm oder Modell der Wirtschaft sich auf dieser Hypothese aufbauen läßt. So tat es Marx. Er tat es zweifelsohne deshalb, weil Ricardos Hypothese genau seinen eigentlichen Zwecken zu dienen vermochte." (Strachey, a.a.O., S. 77)
Diese Auffassung der Arbeitszeit als eines "Wertmaßes" ist nicht nur für Strachey typisch, sondern kennzeichnet auch die Marx-Interpretation Joan Robinsons, die sich ebenfalls um eine umfassende Kritik der Marx'schen Werttheorie bemüht hat und deren Argumentation sich weitgehend mit der Stracheys deckt. In ihrem "Essay on Marxian Economics" meint Joan Robinson, einen Bruch zwischen der Gedankenentwicklung im ersten und dritten Band des "Kapitals" feststellen zu können. Während im Band III der "gesunde Menschenverstand" triumphiere, beruhe die Wertlehre des ersten Bandes auf einem "simplen Dogmatismus" und "Mystizismus". Nachdem sie die Passagen des 1. Kapitels im ersten Band zitiert hat, in denen Marx den Wertbegriff einführt, stellt sie fest:
"Der Maßstab ist Arbeit von durchschnittlicher Qualität..." (1967, S. 52)
Weiter unten fährt sie fort:
"Welche tiefsinnigere Bedeutung der Wertbegriff auch immer für einen Studenten von Hegel gehabt haben mag, für einen modernen englischen Leser ist sie lediglich eine Frage der Definition. Der Wert einer Ware besteht in der Arbeitszeit, die zu ihrer Produktion benötigt wird, einschließlich der Arbeitszeit, die für ergänzende Waren benötigt wird, die in ihre Produktion eingehen."
Diese Wendung ist nur folgerichtig. Wenn gesellschaftlich notwendige Arbeit tatsächlich nicht mehr als ein Wertmaß ist, d. h. in keinem inneren und notwendigen Zusammenhang mit dem Gemessenen steht (ebenso wie es z. B. für die Zeit gleichgültig ist, ob sie mit einer Eieruhr oder einer Sonnenuhr gemessen wird), dann ist seine Bestimmung lediglich "amatter of definition": sie kann nach äußerlichen Kriterien der Zweckmäßigkeit entschieden werden. Der Begriff der "gesellschaftlich notwendigen Arbeit" ist dann lediglich ein "analytisches Instrument" oder eine "Arbeitshypothese" (wie Strachey sagt) unter anderen. Un-

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klar bleibt dann allerdings, was mit diesem Instrument eigentlich gemessen werden soll . . .

Joan Robinson und Strachey behandeln das Wertproblem in einer sehr oberflächlichen Weise, die schon im Ansatz an der Marx'schen Fragestellung vorbeigeht. Marx hat sich in seiner Auseinandersetzung mit Bailey ausführlich mit der Frage nach dem "absoluten Wertmaß" befaßt und deren Inkonsequenz nachgewiesen. Alle diese Ausführungen von Marx werden von Joan Robinson und Strachey in keiner Weise berücksichtigt. Marx sagt hier zu dieser Frage:
"Allein dieses Problem .. . ging selbst aus einem Mißverständnis hervor und hüllte eine sehr viel tiefere und wichtigere Frage ein. ,Unveränderliches Maß der Werte' meint de prime abord ein Maß der Werte, das selbst von unveränderlichem Wert sei, also, da der Wert selbst eine Bestimmung der Ware, eine Ware von unveränderlichem Wert. Wären z. B. Gold und Silber oder Korn solche Waren oder auch Arbeit, so könnte man durch Vergleichung mit denselben das Verhältnis, worin die anderen Waren sich zu ihnen austauschen, die Variationen im Wert dieser anderen Waren exakt messen durch ihren Goldpreis, Silberpreis, Kornpreis oder ihr Verhältnis zum Arbeitslohn." (Marx - Theorien über den Mehrwert, Bd.III, S. 131 f.)
Marx fährt fort:
"Aber damit die Waren ihren Tauschwert selbständig im Geld darstellen, in einer dritten Ware, der ausschließlichen Ware — sind schon die Warenwerte unterstellt. Es handelt sich nur noch darum, sie quantitativ zu vergleichen. Eine Einheit, die sie zu denselben — zu Werten macht — als Wert qualitativ gleichmacht, ist schon unterstellt, damit ihre Werte und Wertunterschiede sich in dieser Weise darstellen." (Marx - Theorien über den Mehrwert, Bd.III, S. 131 f.)
Folglich:
"Das Problem nach einem ,unveränderlichen Maßstab des Werts' war in der Tat also nur ein falscher Ausdruck für das Aufsuchen des Begriffs, der Natur des Werts selbst, dessen Bestimmung nicht selbst wieder Wert sein könne, also auch nicht den Veränderungen als Wert unterworfen. Dies war die Arbeitszeit — die gesellschaftliche Arbeit, wie sie sich in der Warenproduktion spezifisch darstellt. Arbeitsquantum hat keinen Wert, ist keine Ware, sondern ist das, was die Waren in Werte verwandelt, ihre Einheit, als deren Darstellung sie qualitativ gleich und nur quantitativ verschieden sind. Sie (erscheinen) als Ausdruck bestimmter Quanta gesellschaftlicher Arbeitszeit."
Worum es also geht, ist nicht ein "Maß des Wertes", sondern der Begriff des Wertes selbst. Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist kein "Zollstock" (um mit Strachey zu reden), sondern eben dieser Begriff des Werts. Als Teile der gesellschaftlichen Arbeit sind die Waren quantitativ bestimmt und diese Bestimmung kann sich als solche nicht dinglich manifestieren. Die Arbeitszeit, die bei der Herstellung bestimmter Produkte aufgewendet werden muß, ist selbst keine dingliche

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Eigenschaft dieser Produkte. Dennoch ist sie es, die die dingliche Darstellung des Werts in der Preisform — die Darstellung einer Ware als Quantität einer anderen Ware — erst ermöglicht und ihr zugrundeliegt. Die Beziehung der Waren aufeinander als Tauschwerte setzt die gesellschaftliche Arbeit als von den Gebrauchswerten der Waren unterschiedene Einheit als Medium dieser Beziehung voraus.

Aber gerade diese Interpretation der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit als Substanz des Werts ist es, die Joan Robinson als "unverdaulich" und "dogmatisch" zurückweist*III.44 . Darin ähnelt ihre Kritik der Baileys, der ebenfalls den Wertbegriff als eine ,scholastische Erfindung' zurückgewiesen hatte und versucht hatte, den Begriff des Wertes auf den der ,Kaufkraft' zu reduzieren. Wie Joan Robinson hatte Bailey die vermeintliche Verwandlung des Wertes aus etwas Relativem in ein Absolutes kritisiert und auf einer "empirischen" Definition des Wertes als einer Relation zwischen verschiedenen Waren bestanden.

Wie sehr dieser "handfeste englische Empirismus", den Joan Robinson wie Bailey und Strachey für sich bei ihrer Kritik des Wertbegriffs in Anspruch nehmen, an den wirklichen Realitäten des gesellschaftlichen Produktionsprozesses vorbeigeht, ist von Marx in aller Ausführlichkeit dargelegt worden. Der Kern seiner Lehre vom "Fetischismus" der Warenform, die weder Joan Robinson noch Strachey verstanden haben, bestand einerseits darin, den scheinhaften Charakter der dinglichen Beziehung der Arbeitsprodukte aufeinander, wie sie sich in der Form des Tauschwerts manifestiert, nachzuweisen. Dazu hatte jedoch die klassische Ökonomie mit der Arbeitswerttheorie bereits die entscheidende Vorarbeit geleistet. Marx ging es aber darum — und hierin besteht seine wichtigste Leistung über die klassische Theorie hinaus —, die Form des Tauschwerts nicht als eine bloße Illusion, sondern als einen verkehrten Ausdruck der wirklichen Realitäten nachzuweisen und die Ursachen dieser Verkehrung zu erforschen.

Inbegriff der Wirklichkeit ist für Marx die gesellschaftliche Totalität des materiellen Produktionsprozesses, von der, wie er schon in der "Deutschen Ideologie" ausgeführt hatte, vielleicht in Gedanken, aber niemals im praktischen Leben abstrahiert werden kann. Dieser Begriff der Produktion als gesellschaftliche Totalität — so lautet schon die in den Frühschriften vertretene These — ist die Lösung der philosophischen Schwierigkeiten, mit denen sich der Empirismus und Idealismus

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abgekämpft hatte: er bildet die wirkliche Einheit von Allgemeinem und Besonderem, von Denken und empirischer Realität. In dieser Wirklichkeit des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses sind nicht nur die materiellen und physischen Bedingungen der Produktion, die Produktivkräfte, sondern zugleich auch die menschlichen Produktionsverhältnisse eingeschlossen, die die Arbeit als gesellschaftliche Arbeit vermitteln.

Es kann im Rahmen dieser Arbeit nicht um eine ausführliche Marx-Exegese gehen*III.45 ; hier sollen nur noch einmal die wichtigsten Argumente der Marx'schen Wertformanalyse zusammengefaßt und ihre Bedeutung für die vorangegangene Kritik des Keynesianismus deutlich gemacht werden.

Auf der entwickelten Stufe der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, in der bürgerlichen Gesellschaft (wo also die Produktion selbst im wahren Sinne — im Gegensatz zu unmittelbaren Herrschaftsverhältnissen wie Sklaverei und Leibeigenschaft — vergesellschaftet ist) bilden die einzelnen Arbeiten Glieder eines universellen Zusammenhangs, der, obgleich als solcher nicht materiell und sinnlich nicht wahrnehmbar, dennoch zum konstitutiven Vermittlungsmoment des Lebensprozesses aller Individuen herangewachsen ist. Er ist der wirkliche, außer die einzelnen Produzenten getretene "Gesamtarbeiter", der gemeinsame Intellekt, das wirkliche Subjekt des gesellschaftlichen Produktionsprozesses. Die Produktion ist zur "konkreten Totalität" der einzelnen Arbeiten geworden.

Nur als Glieder des gesellschaftlichen Zusammenhangs — indem sie sich wechselseitig vermitteln — realisieren sich die individuellen Arbeiten, sind sie wirkliche, Gebrauchswert produzierende Arbeiten. Der soziale Zusammenhang der einzelnen Arbeiten, ihre Beziehung aufeinander als gesellschaftliche Arbeiten wird damit zum Inbegriff der menschlichen Wirklichkeit. Als seine Glieder, und nicht als Dinge, wie es die Verhältnisse der Warenproduktion erscheinen lassen, beziehen sich die individuellen Arbeitsprodukte in Wahrheit aufeinander. Weil der gesellschaftliche Zusammenhang der individuellen Arbeiten als solcher empirisch nicht wahrnehmbar ist, halten Joan Robinson und die bürgerliche Kritik der Marx'schen Werttheorie ihn für irreal, für eine "scholastische Erfindung" oder ein "Dogma". Das beruht jedoch

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nicht auf Einsichten in die Realität, sondern auf den positivistischen Vorurteilen der betreffenden Autoren*III.46 . Die empiristische Betrachtungsweise mag der Entwicklungsstufe Robinson Crusoes oder des Parzellenbauern (für die Kopf und Hand, Wirklichkeit und Sinnlichkeit noch zusammenfallen) angemessen erscheinen — die nicht-sinnliche Wirklichkeit der kapitalistischen Gesellschaft muß sie unweigerlich verfehlen.

Diese qualitative Bestimmung des Wertbegriffs schließt die quantitative ein*III.47 . Als Werte bilden die einzelnen Arbeiten quantitativ bestimmte Ausschnitte aus der Gesamtarbeit. Mit der Vergesellschaftung der Arbeit kann auch die quantitative Regulierung der Gesamtarbeit, die Verteilung der Arbeit auf die einzelnen Produktionszweige nur gesellschaftlich erfolgen — unabhängig davon, ob eine bewußte gesellschaftliche Planung der Produktion existiert oder nicht. Diese Verteilung der Gesamtarbeit kann nur in der Weise erfolgen, daß auf jeden Produktionszweig die "gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit" — die zur materiellen Reproduktion der Gesellschaft wie zur Reproduktion ihrer gegebenen Produktionsverhältnisse notwendige Arbeitszeit — entfällt:
"Das Geschwätz über die Notwendigkeit, den Wertbegriff zu beweisen, beruht nur auf vollständiger Unwissenheit, sowohl über die Sache, um die es sich handelt, als auch die Methode der Wissenschaft. Daß jede Nation verrecken [96] würde, die, ich will nicht sagen, für ein Jahr, sondern für ein paar Wochen die Arbeit einstellen würde, weiß jedes Kind. Ebenso weiß es, daß die den verschiedenen Bedürfnissen entsprechenden Massen von Produkten verschiedene und quantitativ bestimmte Massen der gesellschaftlichen Gesamtarbeit erheischen. Daß diese Notwendigkeit der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeiten in bestimmten Proportionen durchaus nicht durch die bestimmte Form der gesellschaftlichen Produktion aufgehoben, sondern nur ihre Erscheinungsweise ändern kann, ist seif evident. Naturgesetze können überhaupt nicht aufgehoben werden; was sich in historisch verschiedenen Zuständen ändern kann ist nur die Form, in der sie sich durchsetzen. Und die Form, worin die proportioneile Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit sich durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht, ist eben der Tauschwert dieser Produkte." (Marx Brief an Kugelmann, 1867, Zit. bei Mattick, 1971, S. 145)
Mit den bisher referierten allgemeinen Argumenten zur Rechtfertigung des Wertbegriffs ist jedoch weder der eigentliche Kern der Marx'schen Werttheorie noch ihre spezifische Differenz zur Arbeitswerttheorie der klassischen bürgerlichen Ökonomie erfaßt. Denn solange der innere Zusammenhang zwischen Wertsubstanz und Wertform nicht untersucht ist, muß die Differenz zwischen absolutem und relativem Wert, zwischen Wert und Preisform als eine nur äußerliche und gleichgültige erscheinen und damit die Bedeutung des Wertbegriffs selbst unklar bleiben. Es scheint sich hier nur um verschiedene "Maße" zu handeln, in denen der gleiche materielle Inhalt der Produktion zur Darstellung gebracht wird. Die qualitative Differenz zwischen der gebrauchswert- und der tauschwertproduzierenden Arbeit wird nicht erfaßt. Marx sah die Unzulänglichkeit der klassischen Ökonomie vor allem darin, bei der Untersuchung der Wertgröße stehengeblieben zu sein, ohne die Bedeutung der von ihr selbst aufgedeckten Unterscheidung zwischen absolutem und relativem Wert zu begreifen. Damit hing für ihn zugleich das unhistorische Denken der bürgerlichen Ökonomie, ihre Unfähigkeit, die kapitalistische Produktion als eine besondere historische Produktionsweise zu erfassen, zusammen. Und schließlich sah er in der Reduktion des Wertproblems auf die quantitativen Differenzen zwischen relativem und absolutem Wert den Keim der späteren Vulgarisierung der Arbeitswerttheorie in der politischen Ökonomie, in deren Tradition auch Keynes und Joan Robinson stehen. Das Charakteristikum der Wertform besteht nach Marx darin, daß der gesellschaftliche Charakter der Arbeit, die Beziehung der Arbeiten aufeinander, eine abstrakte, d. h. gegenüber der physischen Existenz

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der Arbeitsprodukte verselbständigte Gestalt annimmt. Diese Verselbständigung erscheint unmittelbar in der Äquivalentform der Ware. Sie verkörpert die selbständige Darstellung ihres Tauschwerts im Gegensatz zu ihrem Gebrauchswert. Die gesellschaftliche Eigenschaft des Arbeitsprodukts als Glied der Gesamtarbeit wird damit im Gegensatz zu ihren stofflichen Eigenschaften dargestellt. Der Wertformanalyse geht es darum, diese Verselbständigung der gesellschaftlichen Qualität als solche festzuhalten, ihre gesellschaftlichen Konstitutionsbedingungen zu untersuchen und ihre logische Struktur nachzuzeichnen. Marx beschränkt sich also nicht wie die klassische Ökonomie darauf, die gesellschaftliche Beziehung der Arbeit aufeinander als den Inhalt zu definieren, der sich hinter der Form des Tauschwerts verbirgt, sondern zugleich auch die Notwendigkeit dieser Form selbst abzuleiten. Erst durch diesen Schritt verliert der Wertbegriff seinen nur formellen Charakter als ein bloßes "Maß" der materiellen Produktion, den ihm die klassische Ökonomie und in vulgarisierter Weise Keynes, Joan Robinson und Strachey zuschreiben. Die Rekonstruktion der Dialektik der Wertform erweist die substantielle Bedeutung des Wertbegriffs, die Marx in dem Begriff des Kapitals faßt.

Im Zusammenhang der vorangegangenen Diskussion der Keynes'schen Theorie und der an sie anknüpfenden Diskussionsrichtungen soll hier die These vertreten werden, daß allein dieser substantielle Wertbegriff, d. h. der von Marx in der Wertformanalyse abgeleitete Begriff des Kapitals, die Lösung jener von der Keynes'schen Schule ebensowenig wie von ihren Vorgängern bewältigten inhaltlichen und methodologischen Grundproblematik der Krisentheorie ermöglicht. Die wichtigsten Resultate der Marx'schen Wertformanalyse müssen hier deshalb noch einmal zusammenfassend referiert werden, was wegen der umfangreichen Literatur, die hierüber bereits existiert, nur sehr kurz geschehen soll.

Die Produktion ist in der bürgerlichen Gesellschaft trotz ihres gesellschaftlichen Charakters auf der Basis des Privateigentums organisiert. Sie wird nicht ihrer faktischen Struktur gemäß gesellschaftlich geplant, organisiert und angeeignet, sondern individuell. Der Horizont ihrer bewußten Regelung beschränkt sich auf das Privateigentum, so daß sich der gleichwohl bestehende gesellschaftliche Zusammenhang nur ex post, nach vollendeter Vergegenständlichung der Arbeit, als die in der gegenständlichen Form des Geldes ausgedrückte Beziehung der Arbeitsprodukte auf dem Markt geltend machen kann. Die sozialen

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Beziehungen der Produzenten erhalten eine verdinglichte Gestalt in der Beziehung der Arbeitsprodukte aufeinander. Statt der fehlenden bewußten Regelung der Produktion muß das objektiv-gesellschaftliche "Naturgesetz" des Marktes in Funktion treten.

Erst von hier aus wird der weder subjektivistisch noch naturalistisch zu mißdeutende Sinn des Wertbegriffs als "abstrakt-allgemeiner menschlicher Arbeit" deutlich. Der Wert ist die gesellschaftliche Beziehung der Produzenten zueinander, aber die abstrakte, von ihnen als wirkenden Subjekten isolierte und verselbständigte Beziehung, die ihnen als fremde aber gleichwohl von ihnen selbst produzierte Macht gegenübertritt. Er ist die "entäußerte", als ihr eigenes Verhältnis außer ihnen existierende gesellschaftliche Arbeit der privaten Produzenten. Dieses Verhältnis ist nichts anderes als ihr eigener gesellschaftlicher Intellekt, das synthetische Medium der Beziehungen der einzelnen Arbeiten aufeinander, das bei dem Parzellenbauern noch im einzelnen Individuum vereinigt war, aber nun zu einem objektiven und dem einzelnen Produzenten gegenüber verselbständigten gesellschaftlichen System geworden ist.

Die unmittelbare Erscheinungsform dieser verselbständigten gesellschaftlichen Subjektivität ist die Form der Ware, d. h. die Einheit von Tauschwert und Gebrauchswert, wie sie unmittelbar an der einzelnen Ware auftritt. In ihrer Eigenschaft als Tauschwert ist die Ware jedoch nur eine besondere und einseitige, deshalb in sich widersprüchliche und über sich hinausweisende Daseinsweise der abstrakten Arbeit. Der Tauschwert bedarf einer selbständigen, gegenständlichen und abstrakten Darstellung in einer "allgemeinen Ware", im Geld. Das Resultat dieser Überlegungen ist zunächst der Begriff der "einfachen Zirkulation", in der das Geld als Vermittler zweier vorausgesetzter Extreme, Gebrauchswert und Tauschwert, fungiert. In seiner Eigenschaft als Zirkulationsmittel kommt ihm keine Substantialität zu, sondern lediglich funktionelles Dasein als formelles Mittelglied für die Realisierung der Waren als Gebrauchswerte. In seinem gegenständlichen Dasein als Geldware ist jedoch die Möglichkeit begründet, über diese nur "verschwindende" Vermittlungsfunktion hinauszuwachsen und seinerseits wiederum zu einem "Extrem" zu werden. Ebenso wie der innere Widerspruch der Ware als Gebrauchswert und Tauschwert seine Vermittlung im Begriff des Geldes fand, bedarf nun der immanente Widerspruch der Geldform, wie sie sich aus der Bestimmung des Geldes als gegenständlicher Daseinsweise des Tauschwerts ergibt, seinerseits der

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Vermittlung. Ebenso wie der Ware ihre Wareneigenschaft nicht ihrer stofflichen Existenz, sondern allein ihrer Beziehung auf das Geld anhaftet (und der Realisierung durch den faktischen Akt des Austauschs bedarf), ist die Tauschwerteigenschaft des Geldes nicht mit seinem metallischen Dasein identisch, sondern existiert allein in der Beziehung auf die Ware, in der allein sie sich als solche realisieren kann: die Ware Arbeitskraft. Nicht in dem Austausch gegen eine bestimmte, vergegenständlichte Arbeit, sondern nur gegen die Arbeit überhaupt, das lebendige Arbeitsvermögen selbst, kann das Geld sich als Tauschwert (im Gegensatz zu seiner Funktion als Zirkulationsmittel) realisieren. Damit gewinnt der Tauschwert eine substantielle Bedeutung: Seine Erhaltung und Vermehrung als solche wird nun zum alleinigen Inhalt des ökonomischen Formwandels. Zugleich beschränkt sich seine Funktion nicht mehr auf die Zirkulationssphäre; der Tauschwert wird konstitutiv für die Produktion selbst und damit für die Bedingungen seiner eigenen Reproduktion. Die Selbstrealisierung des Werts, seine grenzenlose Vermehrung, wird zum Zweck der Produktion und die äußerliche Beschränkung der Produktion durch den Gebrauchswert und die Konsumbedürfnisse aufgehoben. Das Verhältnis von Vermittelndem und Vermitteltem kehrt sich gegenüber der einfachen Zirkulation um; der Gebrauchswert hat innerhalb der Reproduktion des Kapitals keine substantielle Bedeutung mehr, sondern wird zum bloßen Vehikel der Selbstverwertung des Werts.

Die Marx'sche Darstellung geht also von den unmittelbaren Erscheinungsformen des Werts aus und versucht, schrittweise durch den Nachweis der Einseitigkeit und inneren Widersprüchlichkeit dieser Erscheinungsformen zu konkreteren Begriffen des Werts zu gelangen. Dieser Argumentationsgang führt zu der Konsequenz, daß der Wert nur adäquat als Subjekt, als vermittelnde Einheit der verschiedenen ökonomischen Formbestimmungen begriffen werden kann. Erst damit wird der Wertbegriff in seiner vollen und substantiellen Bedeutung erfaßt, zu der die Arbeitswerttheorie der klassischen Ökonomie noch nicht vordringen konnte und die der den unmittelbaren empirischen Phänomenen verhafteten bürgerlichen Ökonomie völlig unzugänglich bleiben mußte.

Mit diesem Verfahren gelingt es Marx, die für die bürgerliche Ökonomie charakteristische Kluft zwischen Empirie und Theorie, wie sie im vorigen Abschnitt am Beispiel der Akkumulationstheorie Joan Robinsons demonstriert wurde, zu überwinden. Der Marx'sche Kapi-

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talbegriff ist keine äußerlich an das empirische Material herangetragene "Verstandesbestimmung", kein "Modell" im Sinne der analytischen Definitionen Joan Robinsons, sondern bezeichnet das in den empirischen Phänomenen und Entwicklungstendenzen wirksame reale Entwicklungsgesetz der kapitalistischen Produktion, das keiner Absicherung durch eine ceteris-paribus-Klausel oder anderer analytischer Prämissen bedarf. Diese Vermittlung von Theorie und Empirie gelingt jedoch nur, indem zugleich die Differenz beider deutlich gemacht wird: Gerade indem Marx zeigt, daß die kapitalistische Produktion einem anderen Prinzip gehorcht als — wie es in der unmittelbaren Erfahrung erscheint — der Produktion von Gebrauchswerten und der Bedürfnisbefriedigung, werden eine Fülle von Phänomenen der kapitalistischen Entwicklung erklärbar und begrifflich faßbar, für die Joan Robinson die Zuständigkeit auf die außerökonomischen Wissenschaften abgeschoben hatte.

Subjekt der auf dem Privateigentum begründeten Produktion ist das Kapital; ihr Ziel ist die Produktion von Mehrwert*III.48 bzw. die fortwährende Selbsterweiterung des Kapitals, die seine Existenzbedingung ist. Die logische Entfaltung dieser begrifflichen Bestimmungen führt zu den Begriffen der organischen Zusammensetzung des Kapitals, des absoluten und relativen Mehrwerts, aus denen sich empirisch nachprüfbare Aussagen zunehmender Konkretion ableiten. So gelangt Marx zu einer rationalen Erklärung des besonderen Klassenantagonismus der bürgerlichen Produktionsweise wie ihrer säkularen historischen Entwicklungstendenzen und Grenzen: des Wachstums der industriellen Reservearmee, der Steigerung der organischen Zusammensetzung des Kapitals, der unaufhörlichen Revolutionierung der Produktionstechnik, der zunehmenden Verschärfung der Krisen. Hier ist also eine sehr viel weiter gehende Vermittlung von Theorie und Erfahrung erreicht als etwa in der Stagnationstheorie Hansens und der Unterkonsumptionstheorie Joan Robinsons, die auf die Frage nach den entscheidenden Erklärungsgründen der von ihnen analysierten wirtschaftlichen Entwicklungstendenzen nur den Verweis auf die außerökonomischen

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Wissenschaften parat haben. Gerade diese Vermittlung von Theorie und Erfahrung bildet jedoch für Joan Robinson und andere Marx-Kritiker der akademischen Nationalökonomie den Stein des Anstoßes und gilt ihnen als Beweis für den "dogmatischen" und "metaphysischen" Charakter der Marx'schen Theorie. Wie die vorangegangene Diskussion der Unterkonsumptionstheorie Joan Robinsons gezeigt hat, verbirgt sich jedoch hinter diesem Vorwurf eine in Wahrheit agnostizistische Position: der Verzicht auf eine theoretische Durchdringung der ökonomischen Wirklichkeit selbst und der Rückzug auf ein gegen die Erfahrung immunes Modelldenken. In der Tat erweist sich hier der empiristische gesunde Menschenverstand Joan Robinsons als der größte Metaphysiker.

Die Relativierung der unmittelbaren Erfahrung, die Marx in seiner Darstellung der Dialektik der Wertform unternimmt, ist schließlich von zentraler Bedeutung nicht nur für die methodischen Probleme der Wirklichkeitsbezogenheit der ökonomischen Theorie, sondern auch für die inhaltliche Problematik der Krisentheorie selbst. Die Diskussion der Beiträge von Keynes, Hansen und Joan Robinson hat gezeigt: Eine Theorie, die keine substantielle Differenz zwischen Gebrauchswert und Tauschwert bzw. zwischen Gebrauchswert und Tauschwert produzierender Arbeit anerkennt und in der "zahlungsfähigen Nachfrage" nur den "Geldschleier" der Gebrauchswerte und materiellen Bedürfnisse sieht, muß notwendigerweise scheitern, wenn es um die theoretische Klärung und Bewältigung des Paradoxons der Armut im Überfluß geht. Allein aus dem in der Ableitung des Kapitalbegriffs geführten Nachweis, daß die kapitalistische Produktion einer anderen Zielsetzung folgt als der Befriedigung der Bedürfnisse, für die die Produktion von Gebrauchswerten eine nur funktionelle Rolle spielt, wird das Rätsel der Armut aufgrund übermäßiger Produktion erklärbar. Das Absinken der Profitrate und der Kapitalverwertung ist es, was den Stillstand der Produktion trotz unbefriedigter Konsumbedürfnisse herbeiführt. Die Theorie des tendenziellen Falls der Profitrate — keine Unterkonsumptionstheorie — steht im Zentrum der Marx'schen Krisentheorie. Marx erinnert daran:
"Es werden nicht zuviel Lebensmittel produziert im Verhältnis zur vorhandenen Bevölkerung. Umgekehrt. Es werden zuwenig produziert, um der Masse der Bevölkerung anständig und menschlich zu genügen. ... Es werden nicht zuviel Produktionsmittel produziert, um den arbeitsfähigen Teil der Bevölkerung zu beschäftigen. Umgekehrt. Es wird erstens ein zu großer Teil [102] der Bevölkerung produziert, der tatsächlich nicht arbeitsfähig, der durch seine Umstände auf die Ausbeutung der Arbeit anderer angewiesen ist oder auf Arbeiten, die nur innerhalb einer miserablen Produktionsweise als solche gelten können. Es werden zweitens nicht genug Produktionsmittel produziert, damit die ganze arbeitsfähige Bevölkerung unter den produktivsten Umständen arbeite, also ihre absolute Arbeitszeit verkürzt werde durch die Masse und Effektivität des während der Arbeitszeit angewandten konstanten Kapitals." (Das Kapital III)
Aber, so fährt Marx fort,
"es werden periodisch zuviel Arbeitsmittel und Lebensmittel produziert, um sie als Exploitationsmittel der Arbeiter zu einer gewissen Rate des Profits fungieren zu lassen."
Marx sah die Erklärung des Paradoxons der "Armut im Überfluß" darin, daß die
"Aneignung unbezahlter Arbeit und das Verhältnis dieser unbezahlten Arbeit zur vergegenständlichten Arbeit überhaupt, oder, kapitalistisch ausgedrückt, daß der Profit und das Verhältnis des Profits zum angewandten Kapital, also eine gewisse Höhe der Profitrate über Ausdehnung und Beschränkung der Produktion entscheidet, statt des Verhältnisses der Produktion zu den gesellschaftlichen Bedürfnissen, zu den Bedürfnissen gesellschaftlich entwickelter Menschen. Es treten daher Schranken für sie ein schon auf einem Ausdehnungsgrad der Produktion, der umgekehrt unter der anderen Voraussetzung weitaus ungenügend erschiene. Sie kommt zum Stillstand nicht wo die Befriedigung der Bedürfnisse, sondern wo die Produktion und Realisierung von Profit diesen Stillstand gebietet." (Das Kapital III, S. 268 f.)
Die Marx'sche Theorie des tendenziellen Falls der Profitrate soll im letzten Abschnitt dieses Buches ausführlich diskutiert werden.

Joan Robinson betrachtet es als überflüssig, sich um ein näheres Verständnis der soeben skizzierten Marx'schen Wertformanalyse, die sie für "hegelian stuff and nonsense" hält, zu bemühen. Das hindert sie dennoch nicht daran, Marx ein ungenügendes Verständnis seiner eigenen Werttheorie vorzuwerfen:
"Ricardo suchte in den Arbeitskosten ein Wertmaß zu finden, das in derselben Art unveränderlich sein würde wie ein Längenmaß oder Gewicht, und Marx spricht, obwohl er Ricardos ,Essay über Absoluten Wert und Tauschwert' nicht gelesen hatte, denselben Gedanken aus, wenn er nach dem ,Etwas' sucht, das alle Güter mit gleichem Tauschwert gemeinsam haben und das kann nicht eine geometrische, physikalische, chemische oder sonstige natürliche Eigenschaft der Waren sein. [103] Diese Art, die Dinge zu betrachten, ist im wesentlichen vormarxistisch (der Autor einer neuen Idee braucht lange Zeit, um alle ihre Folgerungen zu überblicken; es gibt viele Beispiele von vorkeynesianischen Gedanken in der ,Allgemeinen Theorie'); denn einer der größten Beiträge von Marx zur Analyse ist die Unterscheidung zwischen ´Produktivkräften' und ´Produktionsverhältnissen', das heißt: zwischen den technischen Bedingungen des Menschen zu seiner natürlichen Umwelt und den wirtschaftlichen Beziehungen zu seinen Nachbarn in der Gesellschaft. Ein weiterer Beitrag ist die Idee des Fetischismus, der den tauschbaren Gütern anhaftet — Eigenschaften, die sich aus Beziehungen zwischen Menschen ergeben, erscheinen als Beziehungen von Dingen. Gewicht und Länge sind technisch zu verstehen, Wert dagegen sozial. Robinson Crusoe bildet den Prüfstein für diese Unterscheidung: Gewicht und Länge hatten auf seiner Insel dieselbe Bedeutung wie für ihn Zuhause, die Kaufkraft hatte überhaupt keine." (Robinson, 1962, S. 65 f.)
Leider hat Joan Robinson aus dieser Entdeckung keinerlei weitere Folgerungen gezogen. In keiner ihrer ökonomischen Analysen finden sich Ansatzpunkte für ein Verständnis des Werts als einer sozialen Beziehung, im Gegenteil: Es zeigt sich, daß ein großer Teil ihrer Einwände gegen die Marx'sche Wert- und Kapitaltheorie von der Befangenheit in eben jenem dinglichen Wertbegriff geleitet ist, den sie aus offensichtlicher Unkenntnis Marx zuschreibt. Es wurde schon zu Anfang darauf hingewiesen, daß Joan Robinson wie auch Strachey die gesellschaftlich notwendige Arbeit als ein Wertmaß interpretieren. Das ließ die Frage nach dem Gemessenen, nach dem Gegenstand der Messung offen. Darauf gibt Joan Robinson aber die bekannte Antwort:
"Die wachsende Produktivkraft der Arbeit im Kapitalismus läßt eine schwerwiegende Ungereimtheit in der Marx'schen Terminologie entstehen. Seine Methode, den Ausstoß in den Begriffen des Wertes zu messen, weicht dem Indexproblem aus (obwohl sie das Problem der Bewertungen von Arbeiten von unterschiedlichem Geschicklichkeitsgrad nach dem Maßstab einer Einheit von einfacher Arbeit' offen läßt). Aber da der ,reale Ausstoß' ein wichtiger Begriff ist, muß das Problem behandelt werden und kann nicht einfach ignoriert werden. Solange Mann-Stunden von Arbeit von gegebener Intensität konstant sind, ist der gesamte pro Zeiteinheit geschaffene Wert konstant. Aber im Laufe der Zeit wächst der Output im realen Sinne. Der Wert der Waren fällt fortlaufend, und solange die Reallöhne konstant sind, fällt auch der Wert der Arbeitskraft. Die Kaufkraft einer bestimmten Wertsumme von variablem Kapital über Arbeitskraft steigt infolgedessen. Das Problem, einen Maßstab des realen Output zu finden — ein Maßstab, der von der Natur der Sache her ein gewisses beliebiges Element enthalten muß — ist durch die Rechnung in Werten nicht gelöst, da das Austauschverhältnis zwischen Wert und Ausstoß sich fortlaufend ändert." (1957, S. 20)

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Was also in Wirklichkeit gemessen werden soll, ist nicht der Wert, der vielmehr nur ein Maßstab ist, sondern der "real Output". Weil der "real Output" sich mit wachsender Produktivität der Arbeit erhöht, eignet sich die Arbeitszeit nur so lange als sein Maß, wie die Produktionstechnik konstant bleibt. Dieser Einwand trifft nicht die Marx'sche Wertlehre, sondern die Keynes'sche Verwendung der Arbeitszeit als Maß des "real Output", die Joan Robinson und auch Strachey in grober Mißdeutung mit der Marx'schen Wertlehre identifizieren. Diese Fehlinterpretation liegt aber allen inhaltlichen Einwänden Joan Robinsons gegen die Marx'sche Akkumulationstheorie zugrunde, wie im folgenden anhand einiger Beispiele gezeigt werden soll. Ihre Kritik kann mithin nicht als immanent gelten.

Sie tritt insbesondere bei der Robinson'schen Deutung des Marx'schen Begriffs der Mehrwertrate auf, worauf Rosdolsky*III.49 aufmerksam gemacht hat. Die zahlreichen Mißverständnisse und Konfusionen Joan Robinsons — die fälschliche Identifizierung der Mehrwertrate mit dem empirischen Verhältnis von Löhnen und Profiten, die vom Standpunkt der Marx'schen Theorie unbegründete Behauptung, ein Austausch der Waren zu ihren Werten unterstelle eine gleiche Ausbeutungsrate (hier verwechselt Joan Robinson die Smith'sche Fassung der Arbeitswertlehre mit der Marx'schen) — sollen hier nicht im einzelnen verfolgt werden; es genügt, auf die Rosdolsky'sche Kritik zu verweisen, die diese Mißverständnisse im einzelnen aufgezeigt und korrigiert hat. Lediglich die folgenden Sätze Joan Robinsons sollen als Beispiel zitiert werden:
"Marx verwickelte sich in eine künstliche Schwierigkeit, indem er von der Annahme einer gleichförmigen Ausbeutungsrate ausging. Für diese Annahme gibt es keine Rechtfertigung. Wenn die Löhne in allen Industriezweigen gleich sind, variiert der Überschuß pro Beschäftigten (die Ausbeutungsrate) mit der Nettoproduktivität pro Beschäftigten, und im allgemeinen ist die Produktivität pro Beschäftigten dort größer, wo das Kapital pro Beschäftigten größer ist. In Marx' eigenen Worten: ,Der vorherrschende Grad der Produktivkraft zeigt sich in dem relativen Übergewicht des konstanten über das variable Kapital. Wenn ein Kapital in einer bestimmten Produktionssphäre von höherer Zusammensetzung (als durchschnittlich) ist, dann drückt es eine überdurchschnittliche Entwicklung der Produktivkraft aus.' Folglich tendiert die Exploitationsrate dazu, mit dem Kapital pro Beschäftigten zu variieren." (Robinson, 1957, S. 16)

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Diese Sätze zeigen besonders deutlich die Unfähigkeit Joan Robinsons, den Marx'schen Wertbegriff und den Begriff der physischen Produktivität zu unterscheiden und den Begriff des Wertes anders als in dinglichen Kategorien zu denken. Marx hatte zwar die Möglichkeit eingeräumt, daß die Mehrwertrate als Folge einer Steigerung der organischen Zusammensetzung des Kapitals steigen könne. Diese Wirkung tritt jedoch nur dann ein, wenn die mit einer Steigerung der organischen Zusammensetzung verbundene Produktivitätssteigerung direkt oder indirekt zu Wertsenkungen der notwendigen Lebensmittel führt, und so den Anteil der notwendigen Arbeit an der Gesamtarbeit senkt. Diese Senkung betrifft den Wert der Arbeitskraft in allen Industrien, gleichgültig, wie die Produktivität im einzelnen variieren mag. Keineswegs gibt es aber einen direkten Zusammenhang zwischen der Mehrwertrate und der "productivity per man", wie Joan Robinson behauptet. Steigt die "productivity per man", so drückt sich die wachsende Gebrauchswertmasse in einer gleichbleibenden Mehrwertmasse aus, wobei sich die Mehrwertrate unmittelbar mitnichten erhöht.
"Es bedarf schon einer regen Phantasie,"
schreibt Rosdolsky mit Recht,
"eine solche Produktivitätstheorie des Wertes' Karl Marx zuzuschieben." (Rosdolsky, a.a.O., S. 639)
Damit erweist sich auch der Haupteinwand Joan Robinsons gegen die Marx'sche Theorie des tendenziellen Falls der Profirate — der Hinweis auf die als Folge der steigenden organischen Zusammensetzung und damit wachsenden Arbeitsproduktivität zunehmende Mehrwertrate — als gegenstandslos. Nur wenn man wie Joan Robinson physische Produktivität und Wertproduktivität verwechselt, d. h. mit einem steigenden "physischen Output" pro Arbeiter zugleich eine steigende "Wertproduktion" pro Arbeiter annimmt, könnte eine so definierte steigende "Mehrwertrate" die Steigerung der organischen Zusammensetzung kompensieren. Nach den Marx'schen Begriffen bleibt aber mit wachsender Gebrauchswertproduktion pro Arbeiter die Wertproduktion pro Arbeiter konstant. Innerhalb der konstant bleibenden Gesamtwertmasse verschiebt sich mit den Wertsenkungen der notwendigen Lebensmittel lediglich das Verhältnis m/v zugunsten von m. Das bedeutet aber, wie Marx in den "Grundrissen" (S. 246 f.) zeigt, daß gleiche Produktivitätssteigerungen in der Konsumgüterindustrie oder in den sie mittelbar oder unmittelbar beliefernden Industriezweigen zu fortlaufend absolut sich verringernden Zunahmen an

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Mehrarbeit pro Arbeiter führen. Ist z. B. die Gesamtarbeit 4000 Arbeitstage und die Mehrwertrate = 1:1, so beträgt die Mehrarbeit 2000 Arbeitstage. Verdoppelt sich nun die Produktivität in der Lebensmittelindustrie, so wird die Mehrwertrate bei gleichbleibenden Reallöhnen auf 3:1 steigen, die Mehrarbeit steigt um 1000 auf 3000. Verdoppelt sich nun die Produktivität erneut, so wird der Zuwachs an Mehrarbeit nur noch 500 betragen usw. Mit der mit wachsender organischer Zusammensetzung steigenden Arbeitsproduktivität und dem dadurch bedingten Wertfall der notwendigen Lebensmittel wird sich also die den Fall der Profitrate kompensierende Wirkung einer steigenden Mehrwertrate fortlaufend abschwächen. Während der einzelne Arbeiter mit steigender physischer Produktivität in der Konsumgüterindustrie einen fortlaufend geringeren Zuwachs an Mehrarbeit liefert, steigt der Wert des von ihm in Funktion gesetzten konstanten Kapitals weiter an, ohne an die absolute Schranke des Arbeitstages gebunden zu sein. So wird auf die Dauer ein Fall der Profitrate unvermeidlich sein.

Die Fixierung Joan Robinsons an einen dinglich verstandenen Wertbegriff läßt sich schließlich noch an jenen Passagen zeigen, wo sie die Frage der "Produktivität" des Kapitals behandelt. Joan Robinson meint die Marx'sche Ansicht, "that only labour is productive" (a.a.O. S. 18) kritisieren zu müssen:
"An sich ist das lediglich eine terminologische Frage. Land und Kapital produzieren keinen Wert, denn Wert ist das Produkt von Arbeitszeit. Aber fruchtbares Land und effiziente Maschinen fördern die Produktivität der Arbeit vom realen Ausstoß her betrachtet und in der Tat ,ist dem Kapital eine Neigung und konstante Tendenz zur Steigerung der Produktivität der Arbeit immanent'. Im Kapitalismus ,wird die Produktivität der Arbeit treibhausmäßig zum Reifen gebracht.' Ob wir uns entscheiden zu sagen, daß Kapital produktiv ist, oder daß Kapital notwendig ist, um Arbeit produktiv zu machen, ist keine Frage von großer Bedeutung. . .. Vielmehr verdunkelt eine Sprache, die uns zwingt zu sagen, daß Kapital (im Gegensatz zum Eigentum an Kapital) nicht produktiv ist, das Problem. Es ist einleuchtender zu sagen, daß Kapital und die Anwendung der Wissenschaft in der Industrie ungeheuer produktiv sind und daß die Institutionen des zum Monopol sich entwickelnden Privateigentums genau deshalb schädlich sind, weil sie uns daran hindern, die Menge und die Art von Kapital zu besitzen, die wir benötigen." (Robinson, a.a.O., S. 19)
Zunächst: Marx identifizierte niemals "land and efficient machines" und "capital", wie Joan Robinson es tut. Joan Robinson wiederholt

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hier die von Marx vielfach aufgedeckten Mystifikationen der bürgerlichen Ökonomie. Maschinen, Land sind für Marx durch ihr stoffliches Dasein definiert, Kapital dagegen ist
"kein Ding, sondern ein bestimmtes gesellschaftliches, einer bestimmten historischen Gesellschaftsformation angehöriges Produktionsverhältnis, das sich an einem Ding darstellt und diesem Ding einen gesellschaftlichen Charakter gibt." (Kapital III, S. 822)
Maschinen und Land sind kein Kapital, sondern fungieren lediglich als Medium des Produktionsverhältnisses der abstrakten Arbeit. Zwar übt das Kapital, indem es die Produktion des relativen Mehrwerts forciert, einen gesellschaftlichen Zwang zur Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit aus, und in diesem Sinne könne es, wie Marx an einer Stelle ausführt, als "produktiv" (Grundrisse, S. 231) bezeichnet werden. Daß diese durch das Kapital bewirkte Steigerung der physischen Produktivität aber von der Produktivität als ökonomischer Größe bzw. Qualität, von der Produktion von Mehrwert und Profit, der allein die Arbeit zugrundeliegt, scharf zu unterscheiden ist, ist von Marx unzählige Male hervorgehoben worden, ohne daß Joan Robinson dieses Argument auch nur an einer Stelle über globale Denunziationen hinaus aufgegriffen hätte. Aus der Steigerung der physischen Produktivität folgt keinesfalls, daß das Kapital etwas zu dem Wert der Waren hinzufügt und — wie Rosdolsky anmerkt,
"daß in dieser Hinsicht kein Unterschied zwischen der Tätigkeit des ,Faktors Arbeit' und des ,Faktors Kapital' bestünde, wie es Joan Robinson anzunehmen scheint. Im Gegenteil, der Unterschied ist enorm; er ist um nichts geringer als etwa der Unterschied zwischen der Tätigkeit eines Pferdes und der ´Tätigkeit' der Peitsche, die es zum Laufen bringt." (Rosdolsky, a.a.O., S. 648)
Die Konsequenzen zeigen sich dort, wo Joan Robinson ihre Vorstellungen über den "Sozialismus" entwickelt. Als das zentrale Merkmal des Sozialismus betrachtet sie:
"... daß im Sozialismus das aus dem Eigentum resultierende Einkommen abgeschafft wird und jedes Individuum einen Anteil am Gesamtprodukt erhalten wird, der seinem eigenen Beitrag dazu entspricht. Das drückt den wesentlichen Sinn der Marx'schen Theorie aus, der jederzeit ohne den Gebrauch des Wertbegriffs formuliert werden kann." (Robinson, 1957, S. 24)
Joan Robinson entgeht also gerade die grundlegende Intention, die den Marx'schen Begriff des Sozialismus als bewußt vergesellschafteter

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Produktion ausmacht: Es geht nicht um eine gerechte Verteilung von Belastungen und Entschädigungen, sondern um die Beseitigung der ökonomischen Formbestimmungen der Lohnarbeit, des Kapitals, von Ware und Geld, um die Abschaffung der Beherrschung der Produktion durch den Tauschwert. Nur eine bewußte Verteilung der gesellschaftlichen Arbeitszeit in Übereinstimmung mit den gesellschaftlichen Bedürfnissen auf der Basis eines gesellschaftlichen Eigentums an Produktionsmitteln — so lautet das Marx'sche Argument — kann die Eigendynamik der kapitalistischen Produktionsweise, die mit ihr verbundenen historischen Krisen und Katastrophen, die aus ihr hervorgehende Versklavung der Produzenten aufheben. Für eine Betrachtungsweise, die naiv die ökonomischen Formbestimmungen mit ihrem materiellen Inhalt identifiziert und unfähig ist, deren gesellschaftlichen Charakter zu erkennen, muß dieser Gedanke prinzipiell unzugänglich bleiben*III.50 . Das Fazit soll hier mit L. Althusser formuliert werden:
"... Ich erwähne diese Vorwürfe nicht zum Vergnügen, sondern weil sie direkt die Grundlagen der ökonomischen Analysen von Marx, die Begriffe ,Wert' und ,Mehrwert' betreffen. Man hat an diesen Begriffen kritisiert, daß sie nicht ,operativ' seien und nicht ökonomische, weil nicht meßbare, nicht quantifizierbare Realitäten bezeichneten. Daß eine solche Kritik auf ihre Weise viel von der Auffassung verrät, die die betreffenden Ökonomen von ihrem eigenen Gegenstand und den entsprechenden Begriffen haben, ist sicher. Wenn sie allerdings den Punkt des schärfsten Widerspruchs gegen Marx bezeichnen soll, dann verfehlen die betreffenden Ökonomen mit ihrer Kritik den Gegenstand von Marx gerade deshalb, weil sie ihn als ,metaphysisch' behandeln. Hier liegt das entscheidende Mißverständnis, denn die Ökonomen verkehren die Marx'schen Analysen in ihr Gegenteil. Ein solches Mißverständnis bei der Lektüre ist aber nur möglich, wenn man sich falsche Vorstellungen über den Gegenstand von Marx macht: Das führt dann dazu, daß man anstelle eines neuen und anderen Gegenstandes aus dem Marx'schen Text nur die Projektion seines eigenen Gegenstandes herausliest. Die Stelle dieses Mißverständnisses halten die Ökonomen für den schwächsten und widersinnigsten Punkt der Marx'schen Theorie. Er ist in Wirklichkeit ihr stärkster Punkt." (L. Althusser, Das Kapital lesen, Bd. I, Reinbek 1972, S. 104 f.)
Joan Robinson will mit ihrer Kritik nachweisen, daß
"none of the important ideas which he (Marx, C. D.) expresses in the concept of value cannot be better expressed without it." (Robinson, a.a.O., S. 20)

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Dabei unterstellt sie bereits, daß Marx die Werttheorie nur entwickelt habe, um einige "allgemeine Ideen" über den Kapitalismus auszudrücken. Sie hält es für ausgemacht, daß die Werttheorie für die Erklärung der empirischen Marktrealität irrelevant sei:
"According to Marx' own argument, the labour theory of value fails to provide a theory of prices." (Robinson, a.a.O., S. 17)
Joan Robinson greift hier das vieldiskutierte Problem der Wert-Preis-Transformation im 3. Band des "Kapital" auf. Sie knüpft hier an die traditionelle, auf Böhm-Bawerk zurückgehende Marx-Kritik der akademischen Nationalökonomie an, deren Ziel es ebenfalls gewesen war, einen unüberbrückbaren Widerspruch zwischen dem ersten und dem dritten Band, zwischen der Werttheorie und der Theorie der Produktionspreise nachzuweisen und so die empirische Irrelevanz der quantitativen Aussagen der Werttheorie aufzuzeigen. Im folgenden sollen noch einige Überlegungen zur Berechtigung dieser Kritik angestellt werden.

Marx hatte die Analyse im ersten und zweiten Band unter einer Reihe von vereinfachenden Annahmen — Tausch der Waren zu ihren Werten, Abstraktion von der Zirkulationssphäre, der Konkurrenz und der verschiedenen Erscheinungsformen des Mehrwerts — durchgeführt. Im III. Band werden diese Annahmen fallengelassen; Marx weist nunmehr darauf hin, daß der Tausch der Waren zu ihren Werten in der empirischen Realität der kapitalistischen Produktion nicht die Regel, sondern den Ausnahmefall bildet, und er kritisiert ausdrücklich die anders lautenden Annahmen Smiths und Ricardos. Schon im ersten Band hatte er darauf hingewiesen;
"Die Möglichkeit quantitativer Inkongruenz zwischen Preis- und Wertgröße, oder der Abweichung des Preises von der Wertgröße liegt also in der Preisform selbst." (Kapital I, S. 117)
Die Abweichung der Preise von den Werten bedeutet aber keinesfalls die Irrelevanz der Werttheorie für die Erklärung der Preisbewegung; im Gegenteil versucht Marx im III. Band, die Wertbewegung als das "wirkliche Gesetz der Phänomene" nachzuweisen und die Vermittlungen zwischen Wert- und Preisbewegung aufzuzeigen. Wegen der ungleichen organischen Zusammensetzung des Kapitals in den einzelnen Produktionssphären sind die wertmäßigen Profitraten unterschiedlich, sie werden in der empirischen Realität durch die Konkur-

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renz zu einer allgemeinen Durchschnittsprofitrate ausgeglichen. Dieser Ausgleichungsvorgang führt zur Bildung der Produktionspreise, die in der Regel von den Warenwerten abweichen werden. Dennoch kann aber gezeigt werden, wie die Preise mittelbar durch das Wertgesetz bestimmt sind. Das erläutert Marx wie folgt:
"Wie immer die Preise geregelt sein mögen, es ergibt sich:
  1. Das Wertgesetz beherrscht ihre Bewegung, indem Verminderung oder Vermehrung der zur Produktion erheischten Arbeitszeit die Produktionspreise steigen oder fallen macht. Es ist in diesem Sinne, daß Ricardo sagt (der wohl fühlt, daß die Preise von den Werten abweichen), daß the inquiry to which he wishes to draw the reader's attention, relates to the effect of the variations in the relative value of commodities and not in their absolute value.
  2. Der Durchschnittsprofit, der die Produktionspreise bestimmt, muß immer annähernd gleich sein dem Quantum Mehrwert, das auf ein gegebenes Kapital als aliquoten Teil des gesellschaftlichen Gesamtkapitals fällt. . . . Da nun der Gesamtwert der Waren den Gesamtmehrwert, dieser aber die Höhe des Durchschnittsprofits und daher der allgemeinen Profitrate regelt — als allgemeines Gesetz oder als das die Schwankungen Beherrschende —, so reguliert das Wertgesetz die Produktionspreise.
"
(Kapital III, S. 189)
Bei der ersten These setzt Marx die Abwesenheit rein monetärer Veränderungen voraus (a.a.O., S. 176), d. h.: Veränderungen im Geldausdruck desselben Wertes sowie Wertveränderungen der Geldware selbst. Monetäre Veränderungen können, wie Marx im 1. Band (S. 142) und ausführlich in der "Kritik der Politischen Ökonomie" zeigt, eintreten, wenn das Repräsentationsverhältnis zwischen dem als Zirkulationsmittel fungierenden Goldquantum, das den getätigten Warenumsätzen entsprechen würde, sich ändert. Überschreitet die nominelle Papiergeldmenge die Goldmenge, die an ihrer Stelle zirkulieren würde, so tritt eine "Übertreibung des Geldausdrucks" des Werts, eine Erhöhung der Warenpreise, der keine Werterhöhung entspricht, ein. Das ist allerdings nach Marx nur dann denkbar, wenn Papiergeld mit Zwangskurs umläuft, wie der Staat es gelegentlich zur Finanzierung nicht durch Steuereinnahmen gedeckter Ausgaben emittiert. Marx hielt eine solche durch Überziehung des Staatskredits induzierte Inflation für möglich:
"Die Einmischung des Staates, der das Papiergeld mit Zwangskurs ausgibt — und wir handeln nur von dieser Art Papiergeld —, scheint das ökonomische Gesetz aufzuheben. Der Staat, der im Münzpreis einem bestimmten Goldgewicht nur einen Taufnamen gab, und in dieser Münzung nur seinen Stempel auf das Gold drückte, scheint jetzt durch die Magie seines Stempels Papier in [111] Gold zu verwandeln. Da die Papierzettel Zwangskurs haben, kann ihn niemand daran hindern, beliebig große Anzahl derselben in Zirkulation zu zwängen und beliebige Münznamen, wie 1 Pfd. St., 5 Pfd. St., 20 Pfd. St. ihnen aufzuprägen. Die einmal in Zirkulation befindlichen Zettel ist es unmöglich herauszuwerfen, da sowohl die Grenzpfähle des Landes ihren Lauf hemmen, als sie allen Wert, Gebrauchswert wie Tauschwert, außerhalb der Zirkulation verlieren." (a.a.O., S. 122 f.)
"Indes ist diese Macht des Staates ein bloßer Schein. Er mag beliebige Quantität Papierzettel mit beliebigen Münznamen in die Zirkulation hineinschleudern, aber mit diesem mechanischen Akt hört seine Kontrolle auf. Von der Zirkulation ergriffen, fällt das Wertzeichen oder Papiergeld ihren immanenten Gesetzen anheim. Wären 14 Millionen Pfund St. die Summe des zur Warenzirkulation erheischten Geldes und würfe der Staat 210 Millionen Zettel, jeden mit dem Namen von 1 Pfd. St. in die Zirkulation, so würden diese 210 Millionen in Repräsentanten von Gold im Belauf von 14 Mill. St. umgewandelt. . .. Nichts wäre geändert als die Namensgebung des Maßstabs der Preise, die natürlich konventionell ist, ob sie nun direkt durch Änderungen des Münzfußes oder indirekt durch Vermehrung der Papierzettel in einer für einen neuen niedrigeren Maßstab erheischten Anzahl geschieht. Da der Name 15 Pfd. St. jetzt ein 15mal kleineres Goldquantum anzeigte, würden alle Warenpreise um das 15fache steigen und nun wären in der Tat 210 Mill. Pfd. St. Zettel ganz ebensowenig notwendige wie vorher 14 Mill." (a.a.O., S. 122 f.)
Diese Möglichkeit der Entwertung ist jedoch nur bei unkonvertiblen, nicht aber bei konvertiblem Papiergeld (Banknoten) gegeben, für das Marx der These der "Banking"-Schule folgend jede selbständige Wirkung der Geldmenge auf das Preisniveau bestreitet. Marx nimmt vielmehr umgekehrt an, daß die Menge der Banknoten als Folge der Variationen der Preissumme der zirkulierenden Waren zu- oder abnimmt und damit denselben Gesetzen folgt wie die Zirkulation der Goldmünzen*III.51 . Festzuhalten ist somit, daß die erste These Marx' über den Zusammenhang zwischen Wert- und Preisbewegung uneingeschränkt nur unter den Bedingungen der Goldumlaufswährung bzw. des Umlaufs voll konvertiblen Papiergeldes gültig ist. Läuft unkonvertibles Papiergeld (oder Giralgeld) um, so

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besteht stets die Möglichkeit, daß die Summe der Warenumsätze (bei gegebener Umlaufgeschwindigkeit) unter die Summe der umlaufenden Geldzeichen fällt, so daß die Warenpreise unabhängig von der Wertbewegung steigen.

Derartige rein monetäre Veränderungen können sich, wie P. Sweezy gezeigt hat (1958, S. 95 f.), ferner ergeben, wenn die organische Zusammensetzung der Goldproduktion von der durchschnittlichen organischen Zusammensetzung aller Industrien abweicht. Darauf soll jedoch hier nicht im einzelnen eingegangen werden, ebenso wie auf die Frage der Wertveränderungen des Goldes*III.52 .

Die zweite These ist von Marx im 9. und 10. Kapitel des III. Bandes ausführlich expliziert worden. Das Wertgesetz bestimmt die Aufteilung der gesamten Wertsumme der produzierten Waren in konstantes, variables Kapital und Mehrwert und damit den Durchschnittsprofit. Die einzelnen Produktionspreise ergeben sich dann als Summe aus dem individuellen Kostpreis und der Durchschnittsprofitrate, auf diesen Kostpreis berechnet. Dabei muß berücksichtigt werden, daß die einzelnen Kostpreise die Produktionspreise der vorangegangenen Fertigungsstufe sind und deshalb in der Regel ebenfalls von den Werten abweichen werden, so daß bei der Berechnung einzelner Produktionspreise,
"wenn in einer besonderen Produktionssphäre der Kostpreis der Ware dem Wert der in ihrer Produktion verbrauchten Produktionsmittel gleichgesetzt wird, stets ein Irrtum möglich ist." (Band III, S. 174)
Die Berechnung einzelner Produktionspreise führt also zu einem logischen Zirkel; sie setzt das Abzuleitende bereits voraus. Jeder einzelne Produktionspreis kann nur auf einer Basis berechnet werden, die ihrerseits bereits durch kontingente Abweichungen des Preises vom Wert modifiziert ist. Dieser Zirkel markiert die Grenze der theoretischen Analyse der Marktrealität. Die Abweichungen der Produktionspreise vom Wert bilden deren kontingentes Element, das sich als solches nicht theoretisch fassen und systematisieren läßt.

Indessen betrifft dieses Problem der theoretischen Ableitung der Produktionspreise lediglich deren absolute Größe bzw. deren Abweichung

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vom Wert. Hiervon ist die Ableitung der in dem einzelnen Produktionspreis enthaltenen Relation zwischen Kostpreis und Profit zu unterscheiden, deren Bestimmung unabhängig von der absoluten Größe des Produktionspreises und dessen Abweichung vom Wert erfolgen kann. Die Durchschnittsprofitrate, und nicht die absolute Höhe einzelner Preise, ist die für die Erklärung der Marktrealität, des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage entscheidende "strategische Variable". In der Ableitung der ersteren und nicht der letzteren erblickte Marx die Leistung der Werttheorie. Das wird von der bürgerlichen Marx-Kritik, die eine prinzipielle Kluft zwischen Wert- und Produktionspreistheorie durch den Hinweis auf den genannten Zirkel nachzuweisen versucht, übersehen.

Marx kann mit Recht für sich in Anspruch nehmen, das Problem der Bestimmung der Durchschnittsprofitrate gelöst zu haben, die Joan Robinson in ihrer Akkumulationstheorie lediglich in Form eines logischen Postulats eingeführt hatte, ohne sie in ihrer faktischen Existenz zu erklären. Hierbei bleibt die allgemeine Durchschnittsprofitrate in der Tat eine "sinn- und begriffslose Vorstellung". Nach der Marx'schen Argumentation reflektiert die Durchschnittsprofitrate das Verhältnis des Gesamtmehrwerts zum Wert des gesamten konstanten und variablen Kapitals, die als absolute Größen gegeben sind. Da die Produktionspreise nur der relative Ausdruck dieser Größen sind, kann sich durch die Transformation der Werte in Preise gesamtwirtschafllich nur deren numerische Darstellung, nicht aber ihr Verhältnis ändern:
"Gesetzt, die allgemeine Profitrate und daher der Durchschnittsprofit sei in einem Geldwert ausgedrückt, höher als der wirkliche Durchschnittsmehrwert, seinem Geldwert nach berechnet. Soweit die Kapitalisten dann in Betracht kommen, ist es dann gleichgültig, ob sie sich wechselseitig 10 oder 15 % Profit anrechnen. Der eine Prozentsatz deckt nicht mehr wirklichen Warenwert als der andere, indem die Übertreibung des Geldausdrucks wechselseitig ist. Was aber die Arbeiter angeht (da vorausgesetzt ist, daß sie ihren normalen Arbeitslohn erhalten, die Heraufsetzung des Durchschnittsprofits also nicht einen wirklichen Abzug vom Arbeitslohn, d. h. etwas ganz anderes als den normalen Mehrwert des Kapitalisten ausdrückt), so muß der durch die Heraufsetzung des Durchschnittsprofits entstehenden Erhöhung der Warenpreise eine Erhöhung im Geldausdruck des variablen Kapitals entsprechen. In der Tat ist eine solche allgemeine nominelle Erhöhung der Profitrate und des Durchschnittsprofits über den durch das Verhältnis des wirklichen Mehrwerts zum vorgeschossenen Gesamtkapital gegebenen Satz nicht möglich, ohne Erhöhung des Arbeitslohnes nach sich zu ziehen, und ebenso Erhöhung der Preise der [114] Waren, die das konstante Kapital bilden. Ebenso umgekehrt bei Erniedrigung." (Bd III, S. 189)
Bei den einzelnen Kapitalien bewirkt die durch die Konkurrenz bedingte Abweichung der Preise vom Wert dagegen auch eine Abweichung der Preisrelationen von den Wertrelationen, jedoch nur von dem individuellen Wertverhältnis von konstantem und variablem Kapital und Mehrwert. Da aber innerhalb der Konkurrenz jedes Kapital zugleich als Käufer wie als Verkäufer auftritt, müssen diese Abweichungen sich insgesamt notwendigerweise wechselseitig kompensieren. Der Erhöhung des Profits, die durch den Überschuß des Produktionspreises über den Wert in einem Produktionszweig entsteht, muß ceteris paribus eine Senkung des Profits in demjenigen Produktionszweig entsprechen, in den die Produkte des ersten Produktionszweiges als Elemente des konstanten oder variablen Kapitals eingehen. Die Wirkung der Konkurrenz kann somit nur in einer Umverteilung des vorhandenen Mehrwertquantums, nicht in einer Veränderung dieses Mehrwertquantums selbst bestehen. Wenn aber diese Umverteilung in der Weise erfolgt, daß bei allen Kapitalien eine überall gleiche Durchschnittsprofitrate entsteht, so muß diese dem gesamtwirtschaftlichen Wertverhältnis entsprechen.

Die Durchschnittsprofitrate vermittelt also in der Marx'schen Darstellung die empirische Analyse der Marktrealität und die begrifflichen Bestimmungen des Kapitals. Weil es sich hier um unterschiedliche logische Ebenen handelt, kann die Bestimmung der Durchschnittsprofitrate durch das Wertgesetz nicht ihrerseits empirisch nachgewiesen werden. Der Sinn der werttheoretischen Ableitung besteht vielmehr darin, dem gegebenen empirischen Faktum der Durchschnittsprofitrate eine rationale Interpretation zu geben. Die Marx'sche Formel "Summe der Werte = Summe der Preise" drückt kein Verhältnis zweier empirischer Größen, sondern die logische Fundierung der Produktionspreise in der Wertsubstanz aus. Hier pflegt in der bürgerlidien Marx-Kritik der "Dogmatismus"-Vorwurf aufzutauchen. Diese Kritik geht jedoch, wie bereits oben gezeigt wurde, auf einen den Anspruch einer rationalen Interpretation der ökonomischen Wirklichkeit selbst negierenden Standpunkt zurück; bzw. auf eine Position, die die Analyse der eigenen Reflexionsvorstellungen mit der der ökonomischen Wirklichkeit verwechselt. Sie ist von der gleichen Art wie die bereits oben diskutierten Einwände Baileys und Joan Robinsons gegen den Wertbegriff selbst und fällt daher unter die gleichen Gegenargumente.

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Das Unsicherheitsmoment, das in der Marx'schen Theorie verbleibt, liegt nicht in der werttheoretischen Ableitung der Durchschriittsprofitrate, sondern in den Abweichungen der Produktionspreise von ihrem "natürlichen Gesetz", dem Austausch der Waren zu ihren Werten. In grober Annäherung muß zwar die Struktur der Preise stets der Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit entsprechen*III.53 . Die Bestimmung, Organisation und Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit bildet das wirkliche (und nicht nur in der analytischen Konstruktion vorhandene) Gesetz der Ökonomie und ihren rationalen Kern. In der kapitalistischen Realität existiert außer dem Tauschwert kein anderes Medium, das diese notwendigen Regulierungsfunktionen vermitteln könnte. Dieser erfüllt sie jedoch notwendigerweise unvollkommen. Er stellt die Übereinstimmung zwischen der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit und der gegebenen kapitalistischen Bedarfsstruktur stets nur ex post her, was stets die Möglichkeit zufälliger Abweichungen und Disproportionalitäten impliziert. Er schafft ferner über die Mechanismen der Konkurrenz und der Durchschnittsprofitrate eine systematische Verzerrung der Verteilung der faktischen gesellschaftlichen Arbeitszeit in Relation zur gesellschaftlich, d. h. kapitalistisch notwendigen, wie Marx im 10. Kapitel des III. Bandes zeigt. Die Ausgleichung der individuellen Profitraten der einzelnen Produktionszweige zu einer durchschnittlichen Profitrate impliziert eine ständige Bewegung des Kapitals aus Produktionszweigen mit unterdurchschnittlicher in die mit überdurchschnittlicher Profitrate, wodurch eben diese Ausgleichung zustandekommt. Diese Kapitalbewegung hat zur Folge, daß in den Industriezweigen mit überdurchschnittlicher organischer Zusammensetzung des Kapitals (also mit wertmäßig betrachtet unterdurchschnittlicher Profitrate) Produktionsmittel und Arbeitskräfte in geringerem Maß konzentriert sind als von der gegebenen kapitalistischen Bedarfsstruktur her erforderlich; umgekehrt sind in denjenigen Industriezweigen mit unterdurchschnittlicher organischer Zusammensetzung (also wertmäßig betrachtet überdurchschnittlicher Profitrate) Produktionsmittel und Arbeitskräfte stärker als gesellschaftlich erforderlich konzentriert. Nur in den Industriezweigen mit mittlerer organischer Zusammensetzung entspricht die faktisch aufgewendete Arbeitszeit der gesellschaftlich notwendigen; in den Industriezweigen mit unterdurchschnittlicher Zusammenset-

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zung liegt sie über jener, in denen mit überdurchschnittlicher Zusammensetzung unter jener. Obgleich jede Ware nur die zu ihrer Produktion notwendige Arbeitszeit enthalten mag, repräsentiert daher wegen der abweichenden Gesamtquanta der produzierten Waren, wie Marx zeigt, ein Teil der Waren auf dem Markt einen größeren und ein anderer einen geringeren Umfang gesellschaftlicher Arbeitszeit, als tatsächlich in ihnen enthalten ist, was seinen Niederschlag in der Abweichung der Marktpreise von den Werten findet*III.54 .

Diese Aussagen über Regelmäßigkeiten in der Abweichung der Preise von den Werten sind jedoch nicht operational in dem Sinne, daß sie eine theoretische Bestimmung der Abweichungen einzelner Preise vom Wert ermöglichen würden. Das kann allerdings nicht als ein Mangel der Marx'schen Theorie betrachtet werden; die Forderung nach einer rationalen Ableitung auch der zufälligen Komponenten der Preisbewegung ist in sich selbst widersprüchlich und übersteigt die Möglichkeiten jeder theoretischen Analyse. Das Unsicherheitsmoment der Marx'schen Theorie in dem Problem der Wert-Preis-Transformation, das Fehlen einer vollständigen Vermittlung von Theorie und Empirie, verweist vielmehr auf das Fehlen dieser Vermittlung in dem Gegenstand selbst. Nur dort, wo die Produktion unter vorherbestimmter Kontrolle der Gesellschaft steht, so hatte Marx ausgeführt, besteht ein geregelter Zusammenhang zwischen der zur Produktion bestimmter Güter aufgewendeten Arbeitszeit und den gesellschaftlichen Bedürfnissen. In einer auf der Basis einer bewußten Verteilung der gesellschaftlichen Arbeitszeit organisierten sozialistischen Produktion würde das Problem der Wert-Preis-Transformation nicht auftauchen. Dagegen kann sich die gleiche (allerdings kapitalistisch modifizierte) Notwendigkeit der Bestimmung, Organisation und Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit in der kapitalistischen Produktion nur als Durchschnitt unzähliger Zufälligkeiten durchsetzen, die als solche nicht in ein System zu bringen sind. Das Problem der vollständigen Vermittlung von Theorie und Empirie ist also in letzter

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Instanz kein theoretisches, sondern ein praktisches Problem der Organisation der Gesellschaft.

Die vorangegangene Auseinandersetzung mit der Marx-Kritik des linken Keynesianismus erhebt nicht den Anspruch, die Probleme der Marx'schen Werttheorie auch nur annähernd vollständig diskutiert und geklärt zu haben. Sie hat jedoch ihren Zweck erfüllt, wenn aus ihr deutlich wird, daß allein die Weiterarbeit an diesen Problemen und nicht ihre "pragmatische" Eliminierung durch analytische Konstruktionen zu einem wirklichen Fortschritt der ökonomischen Theoriebildung führen kann.

IV. Die Politik des linken Keynesianismus

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In den vorangegangenen Kapiteln wurde eine Kritik der wirtschaftstheoretischen Fundierung des linken Keynesianismus versucht. Das folgende soll die der theoretischen Position des linken Keynesianismus korrespondierende politische Programmatik und Praxis untersuchen. Diese Programmatik wird in der theoretisch anspruchsvollsten Weise von John Strachey in seinem Buch "Kapitalismus heute und morgen" vertreten. Ein weiterer zentraler Beitrag zur politischen Programmatik des linken Keynesianismus ist das 1945 erschienene Buch von W. Beveridge "Vollbeschäftigung in einer freien Gesellschaft". Beide Autoren spielten in der Labour-Diskussion der vierziger und fünfziger Jahre eine wichtige Rolle. Wenn auch die von Strachey und Beveridge vertretenen Positionen heute aufgrund der Erfahrungen mit der Politik sozialdemokratischer Regierungen seit dem Ende der fünfziger Jahre in einem anderen Licht erscheinen als in der damaligen Zeit, bleiben ihre zentralen Aussagen nach wie vor aktuell und repräsentativ für eine "linke" sozialdemokratische Politik. Ein den Beiträgen Stracheys entsprechendes Niveau der theoretischen Auseinandersetzung ist bei den heutigen Repräsentanten des "demokratischen Sozialismus" überdies selten geworden.

Stracheys politische Position ordnet sich in die Tradition des sozialdemokratischen Reformismus ein. Mit dieser teilt er die Grundannahme einer autonomen Stellung des Staates gegenüber der ökonomischen Sphäre. Diese Autonomie drückt sich darin aus, daß der Staat die Möglichkeit zu umfassenden und bewußten Eingriffen in Produktion und Verteilung hat, die die spontanen Entwicklungstendenzen der Kapitalakkumulation umkehren können. Einen Beweis dafür sieht Strachey insbesondere in der Entwicklung des Lebensstandards der Arbeiter, die die von marxistischer Seite gemachten Verelendungsprognosen widerlegt habe und die er auf den "demokratischen Druck" der Gewerkschaften und parlamentarischen Arbeiterparteien zurückführt.

Es kann im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht um eine allgemeine Kritik des Reformismus oder eine Darstellung der theoriegeschichtlichen Wurzeln reformistischen Denkens gehen. Diskussionsgegenstand soll hier vielmehr die spezifische Verknüpfung eines refor-

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mistischen Programms mit der Keynes'schen Fiskalpolitik sein, wie sie in der Position Stracheys vorliegt.

Das Strachey'sche Konzept des "demokratischen Sozialismus" unterscheidet sich in einer bemerkenswerten Nuance von den reformistischen Programmen der Vorkriegszeit, etwa der Position Bernsteins und Hilferdings. Bernstein und Hilferding sahen in dem von der Sozialdemokratie proklamierten Programm der Sozialreformen einen Weg der allmählichen Umformung des kapitalistischen Systems in den Sozialismus. Dieses Programm konnte nach ihrer Ansicht nur gegen den zähen und hartnäckigen Widerstand der besitzenden Klasse durchgesetzt werden. Bernstein und Hilferding geben sich überzeugt von der Notwendigkeit des Klassenkampfes des Proletariats gegen die Bourgeoisie; eine Auffassung, die auch ihren Niederschlag in dem Heidelberger Programm der SPD von 1925 fand, das davon sprach, daß der "Gegensatz zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten immer schroffer" und der "Klassenkampf zwischen den kapitalistischen Beherrschern der Wirtschaft und den Beherrschten immer erbitterter" werde. Diese Kampfentschlossenheit, die die sozialdemokratische Parteiführung um sich verbreitete, hatte allerdings einen Pferdefuß. Denn nach ihrem Willen sollte ja nicht das Proletariat selbst Subjekt und Träger des Kampfes sein, sondern seine Vertretung im Parlament, die sozialdemokratische Reichstagsfraktion. Die politische Rolle der Arbeiterklasse außerhalb des Parlaments sollte sich auf die Stimmabgabe für die Sozialdemokratie bei den Wahlen beschränken. Der Übergang zum Sozialismus sollte nicht mit Gewalt und bewaffnetem Umsturz, sondern friedlich und demokratisch auf dem Wege parlamentarischer Mehrheitsentscheidungen vor sich gehen — so friedlich, daß die Sozialdemokratie gelegentlich sogar mit bewaffneter Gewalt einschreiten mußte, um den friedlichen Übergang zu sichern: wie z. B. 1918, 1920 oder 1929, als sozialdemokratische Minister oder Polizeipräsidenten auf streikende und demonstrierende Arbeiter schießen ließen.

Wenn allerdings, so erklärte Hilferding, die Bourgeoisie die Entscheidungen eines demokratisch gewählten Parlaments nicht respektieren sollte, dann . . .! Hinter dieser radikalen Rhetorik verbarg sich ein entscheidender politischer Frontwechsel. Denn wenn der langfristig zu erwartende parlamentarische Machtzuwachs der Sozialdemokratie automatisch den allmählichen Übergang in den Sozialismus garantierte, konnte die Hauptaufgabe der Arbeiterbewegung nur in der Verteidigung der parlamentarischen Demokratie bestehen. Die

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politische Stoßrichtung der Arbeiterbewegung wurde so unbemerkt auf die Erhaltung des Status quo festgelegt. "Wenn Sie nicht verstanden haben, daß die Erhaltung der Demokratie und Republik das wichtigste Interesse der Partei ist, haben Sie nicht das ABC des politischen Denkens begriffen", rief Hilferding 1927 den Delegierten des Kieler Parteitages der SPD zu. Um die Herbeiführung des Sozialismus über die Demokratie hinaus sollten die Arbeiter sich nicht mehr kümmern — das würden ihre parlamentarischen Vertreter schon für sie besorgen. Lediglich für den Fall einer Gefährdung der Demokratie selbst sollten sie Gewehr bei Fuß stehen. Es war nur die innere und notwendige Konsequenz dieses Weges, daß die SPD eben gerade in diesem Augenblick, als die Demokratie wirklich in Gefahr war — in den Jahren vor der faschistischen Machtergreifung — sich nicht zur Mobilisierung der Arbeiter entschließen konnte und völligen Schiffbruch erlitt.

Das Strachey'sche Konzept geht über die Position der Sozialdemokratie in der Vorkriegszeit noch einen Schritt hinaus. Wollten die sozialdemokratischen Führer der zwanziger Jahre das Parlament noch zur "Tribüne des Klassenkampfes" machen, so stellt Strachey die Gemeinsamkeiten der "demokratischen Parteien" gegenüber ihren Differenzen in den Vordergrund. Diese Gemeinsamkeit hat eine ökonomische Grundlage. Denn wenn, wie die Keynes'sche Theorie zeigte, die Wurzel der Krisen des kapitalistischen Systems in dem zu niedrigen "Hang zum Verbrauch" zu lokalisieren ist, so muß die von der Sozialdemokratie betriebene Politik der Sozialreformen und der Einkommensumverteilung im Interesse aller Beteiligten, also auch im wohlverstandenen Interesse des Kapitals selbst liegen. Den Widerstand des Kapitals gegen die sozialdemokratische Politik führt Strachey auf eine kurzsichtige Haltung der Kapitalisten zurück, die über den Tellerrand der individuellen Profitinteressen nicht hinauszublicken und die gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge nicht zu durchschauen vermögen.
"Wir kommen so zu der paradoxen Folgerung, daß es gerade der Kampf der demokratischen Kräfte gegen den Kapitalismus war, der dem System das Fortbestehen ermöglichte. Denn nicht nur machte er die Lebensbedingungen der Arbeiter erträglicher. Zugleich hielt er jene Absatzmärkte für Fertigprodukte offen, die ein selbstmörderischer Vorstoß des Kapitalismus in eine zunehmend ungleichheitliche Volkseinkommensverteilung mehr und mehr zerstört hätte." (Strachey 1957, S. 124)
Strachey sieht die historische Bedeutung der Weltwirtschaftskrise darin, daß sie den sozialdemokratischen Parteien eine neue historische

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Verantwortung auferlegte. Während innerhalb des noch ohne staatliche Eingriffe funktionierenden Laissez-faire-Kapitalismus die Aufgabe der parlamentarischen Arbeiterparteien und Gewerkschaften lediglich darin bestand, die Interessen der Arbeiterschaft zur Geltung zu bringen, kommt ihnen nunmehr eine Rolle für die Erhaltung des Gesamtsystems zu. Denn die Erhaltung der Vollbeschäftigung und der wirtschaftlichen und sozialen Stabilität des Kapitalismus hängt nach seiner Ansicht weitgehend davon ab, wieweit es den "demokratischen Kräften" gelingt, ihren Einfluß zu verstärken und ihre Vorstellungen von einer demokratischen Umformung des kapitalistischen Systems durchzusetzen. Es geht Strachey also nicht mehr wie dem früheren Reformismus um ein auf den Klasseninteressen der Arbeiter begründetes politisches Reformprogramm, sondern dieses Reformprogramm erfährt jetzt dank der Einsichten der Keynes'schen Theorie eine auf das Gesamtsystem bezogene wirtschaftstheoretische Fundierung:
"Die von den britischen Repräsentativ-Körperschaften während der Wachstumsphase im großen und ganzen bewältigte Aufgabe war die, dem damals noch wettbewerblichen Kapitalismus eine mit dem Anstieg des Sozialprodukts Schritt haltende Anhebung des Lebensstandards der Lohnverdiener abzuringen. Ihre nunmehrige Aufgabe besteht darin, den Letztstufe-Kapitalismus dermaßen (und schließlich dann völlig) umzuformen, daß sich dieser Anstieg des Arbeiter-Lebensstandards in einem zur Abwendung wirtschaftlicher und sozialer Krisen notwendigen Tempo fortzusetzen vermag." (Strachey, a.a.O., S. 161)
Das Paradebeispiel, das Strachey immer wieder zur Rechtfertigung dieser Position anführt, ist die Politik der Labour-Regierung von 1945 bis 1951. Nicht nur Strachey, sondern auch andere, der linken Sozialdemokratie nahestehende Theoretiker haben diese Regierung immer wieder als Exempel für die Möglichkeiten reformistischer Politik genannt*IV.1 — in Kontrast zu dem deutlich bescheideneren Bild, das spätere sozialdemokratische Regierungen, etwa die Wilson-Regierung 1965 bis 1969 in England, die Politik der PSI in Italien oder die der Brandt-Regierung in der BRD, offenkundig bieten. Deshalb soll auf die Strachey'sche Argumentation etwas näher eingegangen werden.

Stracheys These ist, daß sich nach 1945 die Lebenshaltung der britischen Arbeiterklasse dank der Politik der regierenden Labour-Party und dem gestiegenen Einfluß der Gewerkschaften fühlbar verbesserte.

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Für die Erfolge der Labour-Regierung führt er dreierlei ins Feld: Die Reform der Sozialversicherung, die Nationalisierungen, vor allem aber die fühlbare Erhöhung der Lohnquote, die, wie er behauptet, in den Jahren 1945 bis 1949 zu verzeichnen sei.

Bei der letzten These stützt Strachey sich auf Untersuchungen von Jay und Seers über die Entwicklung der Lohnquote seit Mitte des 19. Jh. in England. Jay kommt zu dem Ergebnis, daß die Lohnquote
"bis über die Jahrhundertwende hinaus deutlich nach unten tendierte und sich dann bis 1945 nur mühsam wieder auf das zu Marx' Zeiten veranschlagte Niveau zu erholen vermochte." (Strachey, a.a.O., S. 136)
Berechnet man die staatlichen Sozialleistungen mit ein, so verändert sich das Ergebnis nicht wesentlich:
"Mr. Jay's Schlußfolgerung ist die, daß es in England bis 1939 keine oder doch kaum eine durch gewerkschaftlichen Druck oder durch fiskalische Maßnahmen bewirkte Umverteilung des Volkseinkommens zugunsten der Bevölkerungsmasse gegeben hat." (Strachey, a.a.O., S. 157)
Die Lohnquote blieb somit bis 1939 annähernd konstant*IV.2 . Obwohl also, wie Strachey schließt, die Reallöhne mit dem Wachstum des Volkseinkommens steigen*IV.3 , ist demnach festzustellen:
"In unserer Gesellschaft gab es eine beträchtliche Armut und eine sehr ausgeprägte Ungleichheit." (Strachey, a.a.O., S. 139)
Strachey nennt auch die von Jay angeführten Daten über die Ungleichheit: So entfielen zwischen 1929 und 1935 42 % des gesamten persönlichen Einkommens auf die obersten 10 % der Arbeitsbevölkerung mit dem höchsten Einkommen.

Für die Zeit nach 1945 behauptet Strachey, gestützt auf Analysen von Jay und Seers, eine Zunahme der Lohnquote um ca. 10 %, die er dem Einfluß der Labour-Regierung und derem "spezifisch politischem Druck" (S. 142) zuschreibt. Dabei gelten jedoch, wie er selbst hinzu-

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fügt, zwei Einschränkungen:
  1. Die Lohnquote ist auf der Grundlage der persönlichen Einkommen berechnet, die die unverteilten Gewinne nicht enthalten, d. h. ein wesentlicher Teil des Einkommens der Kapitalbesitzer ist nicht erfaßt.
  2. Strachey bezieht sich auf das Jahr 1949, in dem die Egalisierung der Einkommensverteilung nach seinen Angaben ein Maximum erreicht hatte; nach 1949 nahm die Tendenz zur Ungleichheit wieder zu.
  3. Eine dritte Einschränkung, die Strachey selbst nicht berücksichtigt, muß hinzugefügt werden: 1938 betrug die Arbeitslosigkeit fast 13 %, während in der Nachkriegszeit Vollbeschäftigung herrschte: der Anstieg der Lohnquote könnte also teilweise nicht auf einen Anstieg der Reallöhne, sondern auf eine Zunahme der Beschäftigung zurückzuführen sein (wenngleich ein solcher Schluß angesichts des in der Regel hohen Lohnanteils während Depressionsphasen keineswegs zuverlässig gezogen werden kann).
Von diesen Einschränkungen abgesehen, kann der empirischen Argumentation Stracheys zumindest in ihrer Tendenzaussage zweifellos zugestimmt werden.

Strachey "vergißt" allerdings, eine "Kleinigkeit" zu erwähnen: Wenn der behauptete Anstieg der Lohnquote wirklich zustandegekommen sein sollte, dann keineswegs mit Einwilligung oder gar auf Betreiben der Labour-Regierung, sondern gegen ihren Willen. In Wirklichkeit gab das Kabinett Attlee sich alle Mühe, den Lohnauftrieb mit Rücksicht auf die prekäre Situation der Zahlungsbilanz — insbesondere nach der Kürzung der US-Devisenkredite im Herbst 1945 — zu bremsen. Zunächst ließ sie mit Zustimmung des "General Council" des TUC den von der Kriegsregierung erlassenen "Order 1305" in Kraft, der die Tarifautonomie beseitigt, ein Verbot von Streiks erklärt und ein Zwangsschlichtungsverfahren institutionalisiert hatte; er wurde erst 1951 aufgehoben. Unter dem Eindruck der Zahlungsbilanzkrise von 1947 erklärte sich der "General Council" auf Drängen der Regierung hin bereit, "die Möglichkeit einer Lohnbeschränkung in Erwägung zu ziehen". 1948 nahmen die Lohnstoppappelle der Regierung zu; der TUC versicherte seine Unterstützung. 1949 schließlich,
". . . als es eine neue Zahlungsbilanzkrise gab, die den Anstoß zu einer Abwertung des Pfund gab, wurde der ´General Council' durch den neuen Kanzler, Sir Stafford Cripps, darum gebeten, noch entschiedener für die Lohnbeschränkung einzutreten. ... Im November 1949 erklärte sich der ,General Council' bereit, zu empfehlen, die bestehenden Lohnraten stabil zu halten, ,solange der zwischenzeitliche Index der Einzelhandelspreise zwischen der oberen und untersten Grenze von 118 und 106 verbleibt'." (Pelling 1963, S. 225)

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Die vereinten Anstrengungen der TUC-Führung und der Regierung konnten freilich nicht verhindern, daß zahlreiche Streiks stattfanden, mit denen die Löhne nach oben getrieben wurden: Die Zahl der durch Streiks "verlorenen" Arbeitstage schwankte zwischen 2,8 Millionen im Jahre 1945 und 1,8 Millionen 1949. Diese Streiks wurden durch die Vollbeschäftigungssituation, die es in England seit dem Ende des Ersten Weltkrieges nicht mehr gegeben hatte, begünstigt. Dennoch hielt sich die Streikbewegung im Vergleich zur Vorkriegszeit (mit in einigen Jahren über 3 Mill. "verlorenen" Arbeitstagen) auf relativ begrenztem Niveau. Das war sicherlich nicht allein eine Folge der Fortdauer des Streikverbots, sondern vor allem des disziplinierenden Einflusses, den die Regierung über ihre enge Verbindung mit der TUC-Spitze auf die Gewerkschaftsbewegung ausüben konnte. R. Miliband bemerkt dazu sicherlich mit Recht:
"In den sechs Jahren nach dem Krieg belief sich die Zahl der durch Streiks und Aussperrungen verlorenen Arbeitstage auf 12.740.000. In der entsprechenden Periode nach dem Ersten Weltkrieg betrug die Zahl 187.580.000. Es ist natürlich unwahrscheinlich, daß, selbst wenn nach 1945 eine konservative Regierung gewählt worden wäre, irgendetwas stattgefunden hätte, was dem industriellen Kampf nach 1918 ähnelte. Aber es ist ebenso unwahrscheinlich, daß die industrielle Disziplin ebenso groß gewesen wäre, wie sie es tatsächlich war." (Miliband 1973, S. 287 f.)
Die Lohnstoppolitik der britischen Regierung verschaffte der Industrie eine Atempause: 1950 stiegen die Profite, gleichzeitig verbesserte sich die Außenhandelsposition, während der Anteil der Löhne am Volkseinkommen wieder zurückging.

Die politische Konstellation verhielt sich also genau umgekehrt als von Strachey dargestellt: Nicht der "demokratische Druck" der Labour-Regierung und der Gewerkschaftsführungen trieben die Lohnquote nach oben, sondern beide bemühten sich umgekehrt mit vereinten Kräften, die Löhne gegen den Druck der gewerkschaftlichen Basis wieder zu senken, eine Politik, für die Strachey, zeitweilig selbst Minister, mit verantwortlich war. Der "demokratische Druck" existierte zweifellos — aber es war nicht der Druck der Führungsspitzen von Regierung und Gewerkschaften, sondern der der shop-steward-Komitees, die ihre durch die Vollbeschäftigung gestärkte Machtposition ausnutzten und dadurch dem Duo Regierung-Gewerkschaftsführung zum Ärgernis wurden.

Auch der reale Gehalt der von der Regierung durchgeführten Reformen erweist sich bei genauerer Betrachtung als weitaus bescheide-

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ner als von Strachey dargestellt. Der Unterhausabgeordnete D. N. Pritt zieht bei seiner Untersuchung der Politik der Regierung folgende Schlußfolgerung:
"Eine Lehre, die, wie ich meine, gezogen werden muß, ist, daß die rechte Sozialdemokratie niemals mehr tun kann, als einen kapitalistischen Wohlfahrtsstaat mit bescheidener Effizienz zu regieren. Die Regierung, überwiegend rechtsgerichtet in ihrer Zusammensetzung und politischen Orientierung, weit mehr auf den vermeintlichen ,Feind auf der Linken' als auf den wirklichen Feind auf der Rechten fixiert, den zu besiegen der Wähler sie beauftragt hatte, akzeptierte den kapitalistischen, politischen und ökonomischen Status quo, als ob er ein Naturgesetz wäre, und versuchte niemals wirklich, die Klassenstruktur der Nation zu ändern, die Sitze und Ursprünge der Macht anzugreifen oder auch nur die herrschende Klasse zu schwächen." (Pritt 1963, S. 456)
Die von der Labour-Regierung durchgeführten Nationalisierungen (Bank von England, Kohle, Gas, Elektrizität, öffentlicher Transport und schließlich Stahlindustrie), die von der Partei als Schritte zum Sozialismus hingestellt wurden, hatten in Wahrheit mit dem sozialistischen Programm der "Eroberung der Kommandohöhen" nichts zu tun. Mit Ausnahme der Verstaatlichung der Stahlindustrie (die denn auch sehr zögernd und halbherzig durchgeführt wurde, so daß sie nach 1951 schnell wieder rückgängig gemacht werden konnte) traf keine von ihnen auf irgendwelchen Widerstand der Eigentümer oder der Unternehmerverbände. Im Gegenteil: Sie brachte den Eigentümern sogar Vorteile: Gas, Elektrizität, Transport und vor allem Kohle waren schon lange defizitäre Industriezweige gewesen, und so war die Verstaatlichung (die mit hohen Entschädigungen verbunden war) für die Eigentümer häufig der einzige Weg aus ihren finanziellen Schwierigkeiten. Diese "Sozialisierung der Verluste" war noch nie mit dem Kapitalismus unvereinbar gewesen:
"Es war bemerkenswert, daß der größte Teil der von der Labour-Regierung in ihrer Amtszeit durchgeführten Nationalisierungen — ausgenommen Eisen und Stahl (und bis zu einem gewissen Grade Transport) — im wesentlichen unumstritten war. Fast alle waren schon in der Vergangenheit durch Königliche Kommissionen oder ähnliche Körperschaften empfohlen worden, in denen die Ansichten von Labour nur von einer Minderheit vertreten wurden. ... Viele von ihnen bildeten den einzigen Ausweg aus den Schwierigkeiten oder sogar Bankrotten, selbst für die Eigentümer. Alles wurde ohne Widerstand von den ,Opfern' akzeptiert, sobald sie die Entschädigungsbedingungen kannten ..." (Pritt, a.a.O., S. 44)
Die Weiterführung des Transportwesens sowie der Energieproduktion auf Nicht-Profitbasis brachte außerdem für den von diesen Lei-

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stungen abhängigen restlichen privaten Sektor den Vorteil einer beträchtlichen Kostensenkung mit sich: Die Defizite der verstaatlichten Industrien bedeuteten erhöhte Profite für die Privatwirtschaft. Das war ein weiterer entscheidender Grund für die Unterstützung der Nationalisierungen durch das private Kapital.

Schließlich waren die Nationalisierungen schon deshalb nicht als "sozialistisch" zu bezeichnen, weil sie mit keinerlei Formen von Arbeiterkontrolle verbunden waren. Auch den Gewerkschaften — die sogar freiwillig darauf verzichteten — wurden keinerlei Mitbestimmungsrechte in den nationalisierten Industrien eingeräumt.

Die 1945 und 1946 verabschiedeten Gesetze über den Nationalen Gesundheitsdienst und die Sozialversicherung bedeuteten zweifellos einen gewissen Fortschritt. Sie beruhten im wesentlichen auf dem 1942 vorgelegten Beveridge-Plan und schufen ein einheitliches und alle Lohnabhängigen einbeziehendes System der finanziellen Vorsorge für Arbeitslosigkeit, Krankheit, Unglücksfälle, Alter und einen größtenteils kostenlosen Gesundheitsdienst. Aber dennoch hatte auch dieses System schwerwiegende Mängel:
  1. Die Leistungen der Sozialversicherung waren zu niedrig. Sie waren auf der Basis der von Beveridge 1942 ohnehin sehr knapp festgelegten Sätze kalkuliert und berücksichtigten den beträchtlichen Anstieg der Lebenshaltungskosten zwischen 1942 und 1946 (54 %) nur weitaus ungenügend. So blieben die meisten auch derjenigen, die die vollen Leistungen erhielten, auf zusätzliche Fürsorgeunterstützung angewiesen.
  2. Ein noch schwerwiegenderer Mangel des Systems war, daß es auf dem Beitragsprinzip beruhte, das die Labour Party noch bis 1937 abgelehnt hatte. Es stellte keine Umverteilung des Einkommens dar, sondern wurde ausschließlich von den Arbeitern selbst durch ihre Sozial-Versicherungsbeiträge finanziert:
"Das bedeutet nicht nur, daß die Arbeiter einer speziellen und harten Besteuerung unterworfen werden, um das zu bezahlen, was nun für den Lebensunterhalt notwendig ist, es impliziert darüber hinaus eine regressive Steuerstruktur, die diejenigen belastet, die ohnehin schon überlastet oder unterbezahlt sind, während aus den allgemeinen Steuereinnahmen finanzierte nicht beitragspflichtige Leistungen den Renten-, Zins- und Profitempfängern beträchtliche Belastungen auferlegen würden." (Pritt, a.a.O., S. 47 f.)
Hinzu kam noch, daß
"die Beitragsbasis den Anspruch der Arbeiter auf Unterstützungen von einer bestimmten Summe von Beitragszahlungen abhängig machte, die in einer bestimmten Anzahl von Jahren geleistet werden mußte. [127] Das bedeutet, daß gerade diejenigen keine Unterstützung bekommen, die sie am meisten brauchen, d. h. die häufig krank oder arbeitslos sind." (Pritt, a.a.O., S. 47 f.)
Während die Regierung auf dem Gebiet der Sozialausgaben Sparsamkeit walten ließ, tat sie das Gegenteil auf dem der Rüstungsausgaben. Ende 1945 umfaßte die Armee noch 4.248.000 Mann und die Demobilisierung wurde in der folgenden Zeit weiter beträchtlich verlangsamt. Der 1947 von den USA begonnene Kurs des "Kalten Krieges" gegenüber der Sowjetunion wurde von der Labour-Regierung voll unterstützt. Das war nicht nur eine Folge der Abhängigkeit Großbritanniens von amerikanischen Devisenkrediten: die Labour-Regierung leistete vielmehr selbst eine Reihe von aktiven Beiträgen zur "rollback" Politik. Das drastische Beispiel war die Rolle Großbritanniens im griechischen Unabhängigkeitskampf, der maßgeblich mit Hilfe der von der Labour-Regierung entsandten Truppen niedergeschlagen wurde. Die Labour-Regierung setzte in der Außenpolitik (die "Unabhängigkeit" Indiens, die nur eine subtilere und für Großbritannien weniger kostspielige Form der Abhängigkeit war, ist kein Gegenargument) konsequent die Kontinuität des britischen Imperialismus fort und bewies sich als zuverlässiger Hüter seiner Traditionen.

Mit dem Beginn des Kalten Krieges forcierte auch die britische Regierung ihre Rüstungsanstrengungen. Im September 1948 wurde der Bestand an Kampfflugzeugen verdoppelt, die Ausrüstung der Armee beträchtlich erhöht und das Flottenbauprogramm beschleunigt. Im gleichen Jahr noch wurde die Dauer der Wehrpflicht von 12 auf 18 Monate erhöht. Im Jahre 1949 gab die Regierung 760 Mill. £ für die Rüstung aus ...

Kurzum: Die Labour-Regierung handelte nicht viel anders, als auch eine konservative Regierung gehandelt hätte. In ihren Repressionsmaßnahmen gegen die bereits erwähnten Streiks — vor allem 1945 und 1946, als eine Welle von Streiks über Birkenhead, Liverpool, Tyne, Tees, Humber, London, Glasgow, Leith, Avonmouth hereinbrach — ging sie sogar über das Verhalten früherer konservativer Regierungen hinaus:
"Die Reaktionen der Regierung waren kaum weniger als schockierend. Es wäre schlimm genug gewesen, wenn sie sich ebenso verhalten hätte, wie es eine konservative Regierung — ohne in dem Ruf zu stehen, von der Arbeiterklasse zur Unterstützung ihrer Sache gegen die herrschende Klasse gewählt worden zu sein — getan hätte. Aber sie verhielt sich in zweierlei Hinsicht [128] noch schlimmer: Erstens darin, daß sie ohne Zögern (bei zehn Anlässen) Truppen als Streikbrecher benutzte, während die Tories sich fast immer darauf beschränkt hatten, sie zum Schutz ziviler Streikbrecher einzusetzen; zweitens griff sie häufig und eilfertig zu Notstandserklärungen nach dem ´Emergency Powers Act' von 1920, das das ,hartgesottene' Parlament am Ende des Ersten Weltkrieges verabschiedet hatte, um handliche diktatorische Vollmachten zur Unterdrückung der befürchteten Aktivitäten der Arbeiterklasse zu schaffen." (Pritt, a.a.O., S. 86)
Das von Strachey angewandte optische Täuschungsmanöver ist nicht seine Erfindung, sondern seit jeher ein beliebtes Instrument aus dem Arsenal sozialdemokratischer Argumentationskunst. Der Hinweis auf die im Kapitalismus mögliche Steigerung der Reallöhne war stets ein tragender Pfeiler der reformistischen Argumentation — während in der Praxis die Rolle sozialdemokratischer Parteien an der Regierung typischerweise darin bestand, die besonderen Loyalitäten, die ihnen in der Arbeiterschaft entgegengebracht wurden, für eine Politik der "freiwilligen" Lohnbeschränkung auszunutzen. Das läßt sich für die Politik sozialdemokratischer Regierungen in der Nachkriegszeit vielfach nachweisen.

Wo immer die Sozialdemokratie an die Regierung gelangte, bewies sie fast immer eine erhebliche "gesamtwirtschaftliche Verantwortung". Diese Verantwortung stellte sich freilich fast immer als eine für steigende Profite und niemals für wachsende Reallöhne heraus. Es war freilich häufig nicht zu verhindern, daß die Reallöhne unter dem Druck der durch den mehr oder weniger hohen Beschäftigungsstand gestärkten gewerkschaftlichen Verhandlungsposition trotzdem stiegen — jedoch geschah das dann gegen den Willen der Regierung und der mit ihr verbündeten Gewerkschaftsspitzen. Diese boten dann stets ihre politische Autorität bzw. ihren Einfluß und ihre Kontrolle über den Gewerkschaftsapparat auf, um die Bewegungen an der Basis zum Stillstand zu bringen.

Die enge Verbindung zur Gewerkschaftsführung und die damit verbundene Kontrolle über den Gewerkschaftsapparat war es, was die sozialdemokratischen Regierungen in der Regel ihren konservativen Opponenten gegenüber voraus hatten, wenngleich auch diese versuchten, ihren Einfluß innerhalb der Gewerkschaften zu verstärken. Sie hatten dadurch subtilere und häufig auch wirksamere Mittel zur Verfügung, um eine Lohnstoppolitik gegenüber der gewerkschaftlichen Basis durchzusetzen. So war es zu erklären, daß die sozialdemokratischen Regierungen manchmal in der Lohnbeschränkung erfolgreicher

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waren als konservative oder liberale. Denn eine offene Zusammenarbeit mit der staatlichen "Einkommenspolitik" konnten sich die Gewerkschaftsspitzen in der Regel nur dort leisten, wo sozialdemokratische Parteien an der Regierung waren. Die sozialdemokratische Etikette gab ihnen eine gewisse Legitimationshilfe, um die Lohnstoppolitik gegenüber ihren Mitgliedern vertreten zu können.

Dennoch erwies sich der Erfolg solcher Arrangements als nicht übermäßig. Erstens wirkte die "Einkommenspolitik" sich, wie eine Reihe von Untersuchungen gezeigt haben, nur auf die Tariflöhne, weniger aber auf die Effektivverdienste aus. Zweitens unterwarf die Beteiligung der Gewerkschaftsführungen an der Politik der Lohnbeschränkung die Loyalität der Mitglieder einer gefährlichen Zerreißprobe, die bald zu "Abnutzungserscheinungen" führte.

So war die TUC-Bürokratie in England erst 1964, nach dem Regierungsantritt Wilsons, wieder zu einer offiziellen Mitarbeit in der staatlichen Einkommenspolitik bereit — was allerdings nicht hieß, daß es nicht auch vorher eine "konstruktive Zusammenarbeit" zwischen den konservativen Regierungen und der TUC-Führung gegeben hätte. Die weitere Entwicklung zeigte jedoch die Grenzen des Manövrierspielraums der Gewerkschaftsführung auf. Zwar war die TUC-Führung bereit, sogar den gesetzlichen Lohnstopp von 1966 zu akzeptieren, ohne damit jedoch die Entwicklung der Effektivverdienste, die in der Zeit der Einkommenspolitik insgesamt sogar noch schneller stiegen als vorher, beeinflussen zu können. Während der gleichen Zeit nahmen die meist auf betrieblicher Ebene geführten und zum größten Teil inoffiziellen Streiks erheblich zu. 1969 legte die Labour-Regierung die stumpfe Waffe der Einkommenspolitik schließlich beiseite und versuchte sich in einer "reform of industrial relations", einem Gesetzentwurf, der die Rechte der Arbeiter empfindlich beschneiden sollte. Das rief jedoch in den Gewerkschaften eine solche Protestbewegung hervor, daß die Wilson-Regierung gezwungen war, den Gesetzentwurf zurückzuziehen. 1970 kam es zu einer neuen Lohnexplosion mit durchschnittlichen Lohnerhöhungen von 11,2 %. Glyn und Sutcliff*IV.4 haben berechnet, daß der Lohnanteil am Nettoausstoß der britischen Kapitalgesellschaften von durchschnittlich 79 % in den Jahren 1960 - 64 auf 87,5 % 1970 stieg — eine Tatsache, in der sie

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eine der Hauptursachen der gegenwärtigen britischen Krise sehen, und die zugleich die gegenwärtigen rigorosen einkommenspolitischen Eingriffe der Heath-Regierung erklärt.

Auch in anderen Ländern erwiesen sich die Versuche einer staatlichen Politik der Lohnbeschränkung jedenfalls auf Dauer als wenig erfolgreich. So wurde in den Niederlanden ein sehr drastischer Versuch einer staatlichen Lohnbeteiligung durchgeführt — ebenfalls unter sozialdemokratischer Regierung bzw. Regierungsbeteiligung. Mit dem Einverständnis der Gewerkschaftsverbände hatte die Regierung 1945 ein "Dekret über die Arbeitsverhältnisse" initiiert, das sie zur Zwangsschlichtung und zum Eingriff in Tarifvereinbarungen ermächtigte. 1951 erließ sie — ebenfalls mit Zustimmung der Gewerkschaften — einen zweijährigen Lohnstopp, der einer 5 %igen Senkung der Reallöhne gleichkam. Die Folge der staatlichen Eingriffe war, daß der Profitanteil am Sozialprodukt während der fünfziger Jahre stieg. Anfang der sechziger Jahre mußte das System jedoch aufgegeben werden, da infolge des wachsenden Lohngefälles immer mehr Arbeitskräfte in die BRD abwanderten. Daraufhin kam es zu einer Lohnexplosion, die alle Wirkungen der vorangegangenen einkommenspolitischen Eingriffe zunichte machte.

Obwohl die Experimente der "Einkommenspolitik" allenfalls temporär wirksam waren, konnten allerdings in bestimmten Situationen durch sie wichtige konjunkturelle Wirkungen erzielt werden. Neben der bereits erwähnten Lohnstoppolitik der Labour-Regierung Ende der vierziger Jahre ist die 1967 in der BRD ins Leben gerufene "Konzertierte Aktion", mit deren Hilfe die Regierung der "Großen Koalition" gemeinsam mit der Gewerkschaftsführung einen Reallohnstopp im Jahre 1968 durchsetzten, ein Beispiel dafür. Sie hat zweifellos zur schnellen Überwindung der Rezession von 1966/67 beigetragen. Auch hier war die Regierungsbeteiligung der SPD die Bedingung, unter der die Gewerkschaftsführer den Lohnstopp akzeptierten.

Was für die Lohnpolitik gilt, gilt auch für die Sozialpolitik. Es gibt keine Beweise für eine nennenswerte "politische" Veränderung der primären Einkommensverteilung im Hinblick auf die Anteile von Kapital und Arbeit durch fiskalische Maßnahmen sozialdemokratischer Regierungen. So kommt eine UN-Studie über eine Reihe teils konservativer, teils sozialdemokratischer Länder (Österreich, Dänemark, Finnland, Frankreich, Westdeutschland, Niederlande, Norwegen, Schweden, Großbritannien) zu dem Ergebnis, daß die Steuerstruktur

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bei Einberechnung der Sozialversicherung in fast allen Ländern einen eher regressiven Trend hat:
"Wenn man somit alle Steuern (direkte Steuern im strikten Sinne, Sozialversicherungsbeiträge und indirekte Steuern) in Rechnung stellt, verschwindet die Progressivität tendenziell, außer an der Spitze der Einkommenspyramide in einigen Ländern; tatsächlich tendiert das gesamte Steuersystem für die große Mehrheit der Haushalte dazu, regressiv zu sein." (UN-Studie)
Zwar wird diese Regressivität der Steuern und Sozialversicherungsbeiträge durch Transferzahlungen wieder ausgeglichen. Es findet aber keine nennenswerte Redistribution des Einkommens statt:
"Der Grad und das Muster der Einkommensumverteilung unterscheidet sich zwischen den verschiedenen Ländern, aber im allgemeinen erscheint die Reduktion der Streuung der Einkommen zwischen der großen Mehrzahl der Haushalte, die ihr Einkommen aus abhängiger und selbständiger Arbeit und Eigentum beziehen, als sehr gering. Die Umverteilung, die stattgefunden hat, geschieht hauptsächlich zugunsten nicht beschäftigter Personen (hauptsächlich Rentenempfänger) und wurde zum größten Teil durch ihre eigenen früheren Beiträge finanziert, entweder durch Sozialversicherungsbeiträge oder durch allgemeine Steuern. Insgesamt scheint es gerechtfertigt, die Schlußfolgerung zu ziehen, daß für die große Mehrheit der Bevölkerung die primäre Einkommensverteilung nur geringfügig durch Staatseingriffe modifiziert wird." (Incomes in Post War Europe — A Study of Politics, Growth and Distribution, Genf, Kap. 6, S. 41)
Die Behauptungen Stracheys über die Macht der Sozialdemokratie als gegenwirkendem "politischem Faktor" erwiesen sich im Licht der vorangegangenen Darlegungen als wenig überzeugend. Die Kritik Stracheys an der Marx'schen "Verelendungstheorie" scheint jedoch hiervon unberührt zu bleiben. Hatte nicht Marx eine absolute Verelendung der Arbeiterklasse prophezeit? Und steht diese Prognose nicht in Widerspruch zu der faktisch eingetretenen Steigerung des Lebensstandards der Arbeiter?

Hierzu soll noch einmal auf die von mehreren Autoren (Gillman und insbesondere Rosdolsky)*IV.5 ausführlich dargelegte Tatsache hingewiesen werden, daß eine "Verelendungstheorie" in dem von Strachey behaupteten Sinne bei Marx nicht existiert. Das von Marx formulierte "allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation" besagt viel-

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mehr, daß im Verlauf der Kapitalakkumulation und der damit verbundenen Steigerung der organischen Zusammensetzung des Kapitals die industrielle Reservearmee relativ zur Gesamtbeschäftigung wächst. Mit dem Wachstum der Reservearmee muß jedoch der von der Armenunterstützung abhängige Teil des Proletariats wachsen. Wenn Marx von der "Pauperisierung" der Arbeiterklasse spricht, so meint er damit das Wachstum ihres beschäftigungslosen Teils:
"Je größer der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital, Umfang und Energie seines Wachstums, also auch die absolute Größe des Proletariats und die Produktivkraft seiner Arbeit, desto größer die industrielle Reservearmee. Die disponible Arbeitskraft wird durch dieselben Ursachen entwickelt wie die Expansivkraft des Kapitals. Die verhältnismäßige Größe der industriellen Reservearmee wächst also mit den Potenzen des Reichtums. Je größer diese Reservearmee im Verhältnis zur aktiven Arbeitsarmee, desto massenhafter die konsolidierte Überbevölkerung, deren Elend im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Arbeitsqual steht. Je größer endlich die Lazarusschicht der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto größer der offizielle Pauperismus. Dies ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation. Es wird gleich allen anderen Gesetzen in seiner Verwirklichung durch mannigfache Umstände modifiziert, deren Analyse nicht hierher gehört." (Kapital I, S. 673)
Der wachsenden industriellen Reservearmee kommt nach Marx ferner eine "regulierende Funktion" für den Arbeitslohn zu. Sie führt zur Verschärfung der Konkurrenz unter den Arbeitern und verhindert dadurch mit zunehmendem Erfolg eine Verringerung des Exploitationsgrades, die die Akkumulation des Kapitals gefährden könnte. Das bedeutet nicht notwendigerweise einen Fall oder auch nur eine Stagnation der Reallöhne; sofern mit steigender Intensivierung der Arbeit und/oder Qualifizierung der Arbeitskraft deren Reproduktionskosten steigen, kann sich trotz des Wachstums der Reservearmee eine Steigerung der Reallöhne als unumgänglich erweisen. Darüber hinaus hielt Marx ein temporäres Steigen der Reallöhne über den Wert der Arbeitskraft während Prosperitätsphasen, in denen die industrielle Reservearmee sich verringert, für möglich. Langfristig werden die Reallöhne jedoch auf dem für das Funktionieren der Arbeitskraft notwendigen (zweifellos niemals völlig exakt objektivierbaren) Minimum gehalten.

Diese Theorie des Wachstums der industriellen Reservearmee kann angesichts der faktischen Entwicklung der Arbeitslosigkeit im ersten Drittel des 20. Jh. keineswegs als unrealistisch bezeichnet werden,

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weder was das Elend der Arbeitslosen (trotz staatlicher Fürsorge und Arbeitslosenunterstützung) noch die "regulierende Funktion" der industriellen Reservearmee betrifft. Die in den dreißiger Jahren überall auch in bürgerlichen Kreisen um sich greifende Einsicht in die Notwendigkeit einer staatlichen "Beschäftigungspolitik" bedeutete im Gegenteil eine unzweideutige Bestätigung der Marx'schen Akkumulationstheorie. Die Massenarbeitslosigkeit war permanent geworden und hatte ein solches Ausmaß erreicht, daß ihr nicht mehr wie in früheren Zeiten freier Lauf gelassen werden konnte, ohne den Bestand des kapitalistischen Systems zu gefährden. Nicht nur im politischen, sondern vor allem im ökonomischen Interesse der Erhaltung der Profite erwies sich eine "kompensatorische Finanzpolitik" zur Steigerung der Beschäftigung als eine unabdingbare Notwendigkeit. Es waren gerade die Repräsentanten des linken Keynesianismus, die sich für eine staatliche Vollbeschäftigungsgarantie einsetzten und politische Programme dafür entwickelten. Wegweisend hierfür war Beveridge mit seinem Programm der "Vergesellschaftung der Nachfrage" (Beveridge 1945). Beveridge war es andererseits auch, der die Kehrseite einer solchen Politik erkannte: den Ausfall der "regulierenden Funktion", die die industrielle Reservearmee innerhalb des Laissez-faire-Kapitalismus innegehabt hatte. In seinen Ausführungen über die "internal implications" einer Vollbeschäftigungspolitik sorgt Beveridge sich darum, daß die Stärkung der gewerkschaftlichen Verhandlungsmacht, wie sie sich aus der von ihm vorgeschlagenen Reduzierung der Arbeitslosigkeit auf durchschnittlich 3 % ergeben würde, zu einer inflationären Lohn-Preis-Spirale und schließlich zu einer Gefährdung der Profite und der Zahlungsbilanz führen könnte. Beveridge sucht daher nach einem "funktionellen Äquivalent" für die industrielle Reservearmee. Eine Möglichkeit hierfür erblickt er in einer Umgestaltung der gewerkschaftlichen Lohnpolitik. Nach Meinung Beveridges sollten die Lohnverhandlungen nach Möglichkeit zentral geführt werden, um sie dem Einfluß der militanten, noch stärker von der Mitgliederbasis kontrollierten unteren Sektionen der Gewerkschaftsorganisation zu entziehen. Ferner plädiert er für eine Einschränkung der Tarifautonomie: Beide Tarifparteien sollten sich für den Fall eines Scheiterns der Verhandlungen im voraus auf einen Schlichter einigen, dessen Spruch dann für beide Seiten verbindlich wäre. Dadurch soll der Gebrauch gewerkschaftlicher Kampfmittel, den Beveridge für "anachronistisch" hält, nach Möglichkeit vermieden werden. "Wages", so argumentiert Be-

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veridge, "ought to be determined by reason and not by the methods of strike and lock out."

Der Vorschlag Beveridges läuft also — zusammenfassend formuliert — auf eine Umfunktionierung der gewerkschaftlichen Organisation hinaus: Anstatt Organisationen zur Vertretung der Interessen ihrer Mitglieder sollen die Gewerkschaftsapparate nun Instrumente zur Durchsetzung der "gesamtwirtschaftlichen Vernunft" gegen die Mitglieder sein. Eine Betrachtung der Politik der Sozialdemokratie und der Gewerkschaftsführungen in der Nachkriegszeit zeigt, daß diese sich in der Tat nach besten Kräften bemühten, dieser ihnen von Beveridge zugeschriebenen Rolle eines "politischen Äquivalents" für die Funktion der industriellen Reservearmee gerecht zu werden, wenn auch — wie ebenfalls Beveridge schon ahnte — keineswegs immer erfolgreich. Hier zeigt sich der innere Zusammenhang zwischen der von der Sozialdemokratie proklamierten "Vollbeschäftigungspolitik" und den Versuchen einer staatlichen "Einkommenspolitik", der den faktischen Kern der "linken" keynesianischen Politik ausmacht. In dem objektiven Zwang, der die Sozialdemokratie zur Übernahme dieser Rolle veranlaßte, erweist sich die fortdauernde Gültigkeit der Marx'schen Akkumulationstheorie und die fortdauernde Priorität der Ökonomie über die Politik. Mattick bemerkt dazu mit Recht:
"Die Forderung nach einer Erhöhung der Kaufkraft der unteren Einkommensschichten berücksichtigt nicht die Tatsache, daß der ,reife' Kapitalismus selbst als ´gemischtes Wirtschaftssystem' immer noch ein profitproduzierendes System ist. Während die wirkliche oder mögliche Produktionskapazität dieses Systems eine Produktion von ,Überfluß' erlaubt, bleibt es im Hinblick auf den Profitbedarf eine ,Mangelwirtschaft' .. . Die Forderung, daß der Hang zum Verbrauch über höhere Löhne gefördert werden solle, läuft auf das Verlangen hinaus, mit der Marktwirtschaft Schluß zu machen. Wenn sie ernst genommen wird, würde sie eine zentralisierte Kontrolle der gesamten Wirtschaft und die Planung ihrer Produktion, Konsumption und Expansion erfordern. Der Hang zum Verbrauch verändert sich mit der Fähigkeit zur Akkumulation von Kapital. Deshalb befinden sich staatlich manipulierte Lohnerhöhungen nicht unter den ´eingebauten Stabilisatoren' des gemischten Wirtschaftssystems und der niedrigste Lohn bildet immer den Standard für die staatliche Mindestlohngesetzgebung." (Mattik 1971, S. 177 f.)
Die wirtschaftspolitische Rolle, die die Sozialdemokratie in der Nachkriegszeit übernahm, lag in der Konsequenz des politischen Weges, den sie seit dem Ersten Weltkrieg beschatten hatte. Die politische Funktionalisierung für die Aufrechterhaltung der Herrschaft des Ka-

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pitals bedingte zugleich die ökonomische in dem Augenblick, als der Staat gezwungen war, zur Vermeidung von Krisen in die Wirtschaft einzugreifen: hierin liegt der wirkliche Kern der von Strachey beschworenen "gesamtwirtschaftlichen Verantwortung" der "demokratischen Kräfte". Die enge Zusammenarbeit zwischen Sozialdemokratie und Monopolkapital ergab sich auf der Basis des gemeinsamen Interesses an der Vermeidung wirtschaftlicher und sozialer Krisen. Die Weltwirtschaftskrise und der darauf folgende Zerfall der Sozialdemokratie war ein traumatisches Ereignis für den Reformismus gewesen, das ihm die eigene Abhängigkeit von den Wechselfällen der konjunkturellen Entwicklung vor Augen geführt hatte. Nur solange die konjunkturelle Lage einen Spielraum für Kompromisse in den Konflikten zwischen Arbeitsklasse und Kapital ließ, konnte der Reformismus hoffen, zwischen den Fronten lavieren und seine Basis halten zu können. Mit jeder Verschlechterung der ökonomischen Lage und Zuspitzung der Klassenkämpfe sah er sich aber in der Gefahr, zwischen den antagonistischen Klassenfronten zerrieben zu werden.

Von daher war es nur zu verständlich, daß gerade die reformistischen Parteien und Gewerkschaftsführungen nach der Keynes'schen Botschaft wie nach einem Rettungsanker griffen. Denn ihre Anwendung versprach nicht nur die Wiederbelebung der Beschäftigung, der Produktion und der Profite des Kapitals, sondern damit zugleich auch des ganzen Milieus, in dem allein der Reformismus leben und gedeihen konnte. Es sei die politische Bedeutung des Hauptwerkes von Keynes — so wurde gesagt — "daß es ausnahmslos in jedem Punkt mit der Politik der Labour Party in diesem Land übereinstimmt, und, was sogar noch bedeutsamer ist, daß es in geeigneter nationalökonomischer Form das ausdrückt, was schon immer die Auffassung der Arbeiterbewegung gewesen ist"*IV.6 . Das gemeinsame Interesse an der Erhaltung der "gesamtwirtschaftlichen Stabilität" bildete von nun an das einigende Band, das der Zusammenarbeit zwischen Reformismus und Monopolkapital, wie sie sich in vielen westlichen Ländern nach der Weltwirtschaftskrise entwickelte, zugrundelag.

Die politische Rolle der Sozialdemokratie innerhalb dieses Bündnisses mußte mit dem Erfolg der Anwendung der Keynes'schen Politik stehen und fallen. Das führt zu der entscheidenden Frage nach dem "Erfolgsgeheimnis" der Keynes'schen Politik, seinen Bedingungen und

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Perspektiven zurück, die im Mittelpunkt des folgenden, abschließenden Kapitels stehen sollen.

Eine Anmerkung muß noch im Hinblick auf die in der Einleitung erwähnten radikalistischen Varianten des linken Keynesianismus gemacht werden. Wenn der im Vorangegangenen ausgeführten Argumentation zugestimmt werden kann, so erweist sich die von Gorz und anderen behauptete Irrelevanz gewerkschaftlicher Lohnkämpfe für eine revolutionäre Politik als durchaus unbegründet; ebenso unhaltbar erscheint die pauschale Identifizierung des Reformismus mit dem Lohnkampf. Im Gegenteil: Gerade die seit Ende der sechziger Jahre in einer Reihe westlicher Länder aufbrechenden militanten Lohnkämpfe haben ein zentrales Gefahrenmoment für den "Vollbeschäftigungs"-Kapitalismus hervortreten lassen, das latent zu halten die reformistischen Parteien und Gewerkschaftsführungen ihre Kraft und ihren Einfluß aufbieten. In der Einsicht, daß die Funktion der bis heute noch andauernden Herrschaft der Sozialdemokratie über die Gewerkschaften gerade in der Paralysierung des gewerkschaftlichen Lohnkampfes, in der Verhinderung und dem Hinauszögern von Reallohnverbesserungen besteht, liegt heute eine wichtige Aufklärungschance für die Arbeiterbewegung, die an den vorhandenen und nicht an erst zu aktualisierenden Bedürfnissen ansetzt. Die darin enthaltenen politischen Möglichkeiten werden von der von Gorz repräsentierten Position ohne Not preisgegeben. Mehr noch: Gerade der scheinbare Radikalismus der kritischen Richtung des linken Keynesianismus hat den "linken" Tendenzen in der Sozialdemokratie häufig als Alibi vor einer klaren Entscheidung für eine Politik konsequenter gewerkschaftlicher Interessenvertretung gedient.

V. Die Funktion der fiskalpolitischen Eingriffe

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1. Die permanente Rüstungswirtschaft

Die These, daß die ökonomische Entwicklung der Nachkriegszeit die Keynes/Hansen'sche Stagnationstheorie widerlegt habe, ist heute in der bürgerlichen Nationalökonomie weit verbreitet. Dem "konjunkturtheoretischen" Keynesianismus wird nach wie vor Berechtigung und Aktualität eingeräumt, dagegen wird der "stagnationstheoretische" Keynesianismus als antiquiert betrachtet*V.1 . Die Begründung scheint evident: Die für die Nachkriegszeit befürchtete Wiederkehr der Massenarbeitslosigkeit, der fallenden Profite und schrumpfenden Märkte trat nicht ein. Westeuropa und Japan erlebten seit dem Beginn der fünfziger Jahre eine bis zur Mitte der sechziger Jahre reichende Periode fast ungebrochener Prosperität mit vorher kaum jemals erreichten Wachstumsraten, die nahezu alle Länder erfaßte. Die kurzen "Rezessionen" bestanden lediglich in temporären Rückgängen der Wachstumrate; nur in Belgien und Großbritannien, wo das Wachstum generell etwas geringer war, kam es in einigen Jahren zu geringfügigen Rückgängen des Sozialprodukts. Nicht die Vollbeschäftigung, sondern die Inflation wurde zum Hauptproblem der Wirtschaftspolitik; man versuchte, sie durch eine Umkehrung der von Keynes vorgeschlagenen Anti-Depressionsmaßnahmen und durch Lohnrestriktionen zu bekämpfen, allerdings meist mit wenig Erfolg*V.2 .

Die naheliegendste Erklärung für den Aufschwung in Westeuropa war zunächst der Wiederaufbau. Die ungeheuren materiellen Zerstörungen, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hatte, erlaubten eine rapide Expansion von Produkten und Beschäftigung, eine hohe Rate der Kapitalbildung und eine entsprechend beträchtliche Profitrate.

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Der Anteil der Inlandsinvestitionen, gemessen an der Höhe des Bruttosozialprodukts war
"in den fünfziger Jahren beträchtlich höher als zu irgendeiner vergleichbaren Periode in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in allen westeuropäischen Ländern, für die Unterlagen vorhanden sind." (Shonfield 1968, S. 6)
Um die Mitte der fünfziger Jahre jedoch war der Wiederaufbau in den meisten westeuropäischen Ländern zum größten Teil beendet. Trotzdem trat der erwartete wirtschaftliche Rückschlag nicht ein, im Gegenteil: Um die Wende der fünfziger/sechziger Jahre beschleunigte sich das wirtschaftliche Wachstum erneut. Dieser Aufschwung war offensichtlich nicht mehr allein aus den Kriegsfolgen zu erklären. Shonfield führt eine Reihe weiterer Faktoren an, die nach seiner Ansicht für den unerwarteten Fortgang des Aufschwungs verantwortlich gemacht werden können: Alle diese Faktoren scheinen aber eher Wirkungen als Ursachen des Booms zu sein. Was Shonfield nicht berücksichtigt, ist ein anderes Phänomen, auf das eine Reihe anderer Autoren (Kidron 1970, Vilmar 1965, Vance 1970) aufmerksam gemacht und in den Mittelpunkt ihrer Erklärung des Nachkriegsbooms gestellt haben: In Frankreich und Großbritannien waren die Rüstungsausgaben schon seit Kriegsende auf einem Niveau verblieben, das — gemessen am Anteil der Rüstungsausgaben am Bruttosozialprodukt — unvergleichlich über dem der Vorkriegszeit stand. Sie schwankten in beiden Ländern um 7 — 8 % des Bruttosozialprodukts*V.3 und betrugen in Großbritannien 1962 42 % der Bruttoanlagekapitalbildung*V.4 . Als in der Bundesrepublik um die Mitte der fünfziger Jahre, von 1955 bis 1958 die jährliche Wachstumsrate des Sozialprodukts von 11,8 auf 3,2 % fiel, stiegen die Rüstungsausgaben steil an. Während sie 1955 nur 0,3 % des Bundeshaushalts ausgemacht hatten, betrug ihr Anteil 1959 20,4 %. Ihr Anteil verlief in den folgenden Jahren ungefähr parallel zu der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung: Sie wuchsen mit dem Boom von 1960 und 1964 auf über 30 % des Bundeshaushalts an und als 1965 ihr Anteil zurückging, verringerte sich auch das wirtschaftliche Wachstum und wurde 1967 sogar negativ. Die wachsenden

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Rüstungsausgaben waren überall von einer entsprechenden Expansion des Anteils der Staatsausgaben am Bruttosozialprodukt begleitet. Sie wurden teils durch Steuererhöhungen finanziert*V.5 , teils durch Staatsdefizite. Diese konnten auch eine indirekte Form annehmen, wie z. B. in der BRD, in der der Bundeshaushalt bis 1965 ausgeglichen blieb, die Verschuldung der Gemeinden und Länder aber schon 1964 eine Gesamthöhe von 23 Milliarden DM erreicht hatte*V.6 .

Das gleiche Entwicklungsmuster, nur weit ausgeprägter, findet sich in den USA, die keine Wiederaufbauphase hatten. Die USA sind in den letzten Jahren Objekt einer Reihe von Untersuchungen über die Rüstungswirtschaft*V.7 geworden. Die amerikanische Entwicklung zeigt, wie die an der Oberfläche relativ störungsfreie konjunkturelle Entwicklung der Nachkriegszeit (die Wachstumsraten waren in den USA zwar etwas geringer als in Westeuropa, aber auch hier kam es zu keinen schweren Rezessionen) mit tiefgreifenden strukturellen Wandlungen des kapitalistischen Systems verbunden waren. Der Kern dieser Wandlung war die Entstehung eines "contractual public sector", d. h. eines bedeutenden Teils der Wirtschaft, dessen ökonomische Existenz auf Staatsaufträgen, zum größten Teil Rüstungsaufträgen, basierte. Dieser Sektor war am Ende der dreißiger Jahre entstanden und dehnte sich im Zweiten Weltkrieg beträchtlich aus. Ähnlich wie in Westeuropa ging er nach Kriegsende nur relativ wenig zurück, um dann mit jeder Rezession wieder weiter anzuwachsen. Hatte der Anteil der Rüstungsausgaben am Bruttosozialprodukt in den USA vor 1939 in Friedensjahren niemals über 1,5 % ausgemacht, so betrug er in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg durchschnittlich um 10 %. Charakteristisch ist demgegenüber, daß sich der Anteil der Sozialausgaben am Bruttosozialprodukt (1929 = 10,7 %, 1959 = 10,9 %) gegenüber 1929 so gut wie nicht erhöhte*V.8 . Die Anwendung der "kompensatorischen Finanzpolitik" in den USA hatte keine "wohlfahrtsstaatliche" Tendenz, sondern führte zur Entstehung einer permanenten rüstungswirtschaftlichen Struktur.

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"Immerhin" (1962, S. 36)
, schreibt W. Hofmann,
"ist aber in den USA bei jeder der bisherigen vier Nachkriegsrezessionen das probate Mittel, auf das zurückgegriffen wurde, verstärkte Neuverschuldung der öffentlichen Hand, unter Mehrung vor allem der Rüstungsausgaben gewesen."
Mit der Ausdehnung des durch Rüstungsaufträge finanzierten privaten Sektors einher ging ein rapides relatives Wachstum des direkt durch den Staat kontrollierten öffentlichen Sektors. Beide Prozesse lassen sich an der Entwicklung der amerikanischen Staatsfinanzen ablesen, die im folgenden anhand der Darstellung von Stamm (1969) untersucht werden soll. Seit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre läßt sich ein rapides Anwachsen des Anteils der Staatsausgaben am Bruttosozialprodukt beobachten. Die Gesamtausgaben der Gebietskörperschaften zeigen noch ausgeprägter das absolute und relative Wachstum des öffentlichen wie öffentlich finanzierten Sektors. Ihr Anteil am Bruttosozialprodukt betrug Somit ging nahezu ein Drittel des Bruttosozialprodukts durch die Hände des Staates.

Die wachsenden Ausgaben wurden zu einem großen Teil durch Steuererhöhungen, zu einem nicht geringen Prozentsatz aber auch über eine zunehmende Staatsverschuldung finanziert. Das Wachstum der Steuerlast läßt sich an der Entwicklung des Anteils der Steuereinnahmen aller Gebietskörperschaften am Nationaleinkommen ablesen. Er betrug Die Staatsverschuldung erkletterte nach 1930 astronomische Höhen. Die Defizitfinanzierung blieb nicht nur auf die Zeit der Krise in den dreißiger Jahren und den Zweiten Weltkrieg beschränkt, sondern wurde auch in der Nachkriegszeit zur normalen Erscheinung. Der Ausgleich von Staatsdefiziten- und -Überschüssen im Wechsel der konjunkturellen Entwicklung, auf den manche Keynesianer in der Nachkriegszeit noch gehofft hatten, blieb eine Illusion. Das Bekenntnis zum Ausgleich

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der Staatsfinanzen, bis in die dreißiger Jahre selbstverständliche Grundmaxime solider Haushaltspolitik, sank auch im Munde der republikanischen Regierungen zu einer bloßen Floskel herab. Nach 1949 wiesen die amerikanischen Bundesfinanzen lediglich in vier Jahren — 1951, 1956/57 und 1960*V.10 Überschüsse zwischen 1,2 und 3,5 Mrd. Dollar auf; die Defizite in den übrigen Jahren schwankten zwischen 1,8 (1949) und 18,6 (1968) Mrd.*V.11 . Die Bruttoverschuldung des Bundes pro Kopf der Bevölkerung (also alle ausstehenden Wertpapiere des Bundes, die sich in den Händen privater oder anderer öffentlicher Stellen befinden zuzügl. Bürgschaftsverpflichtungen) betrug Diese Steigerung bleibt auch dann außerordentlich, wenn man die zweifellos durch die hohe Staatsverschuldung mit produzierte Inflation mit berücksichtigt. (Zwischen 1946 und 1968 stiegen die Preise für Güter und Dienstleistungen um 58 %).

Das Verharren der Staatsverschuldung auf einem solch hohen Niveau in der Nachkriegszeit fällt besonders in die Augen, wenn man die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mit früheren Nachkriegsperioden vergleicht.

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Das Wachstum der Staatsausgaben wirkte sich in den beiden bereits genannten Richtungen aus. Das relative Wachstum des öffentlichen Sektors wie des gesamten nicht profitablen Sektors ist von E. Ginzberg anhand von Daten über die Beschäftigung und über die Anteile am Bruttosozialprodukt dargelegt worden. So wuchs der Anteil der direkt im öffentlichen Sektor Beschäftigten an den gesamten Erwerbspersonen von 6,9 % (1929) auf 15,3 % (1960) und wies damit eine weitaus stärkere relative Steigerungsrate als die privaten Wachstumsbranchen auf. Innerhalb der Beschäftigten des öffentlichen Sektors bilden die Streitkräfte das bei weitem stärkste Kontingent; sie machten 1960 allein 32 % aller Regierungsbeschäftigten aus. Zählt man zu der Beschäftigung im öffentlichen Sektor die indirekt durch die Staatsausgaben bewirkte Beschäftigung in den für den Staat produzierenden Industriezweigen, so ergibt sich ein Gesamtanteil der direkt oder indirekt für den Staat Angestellten von 24,8 % aller Erwerbspersonen.

Die Rüstungsausgaben waren der bei weitem wichtigste Faktor bei der Ausdehnung der öffentlichen Ausgaben. Nach Stamm betrugen die Rüstungsausgaben im engeren Sinne in der Nachkriegszeit zwischen 50 und 60 % der gesamten Bundesausgaben; zählt man die Rüstungsausgaben im weiteren Sinne (also Waffenhilfe für das Ausland, Raumfahrt, Pensionen für Veteranen, Zinszahlungen) hinzu, so ergibt sich seit 1948 ein jährlicher Gesamtanteil der Rüstungsausgaben von nicht weniger als 80 % des Bundeshaushalts. Der gewaltig aufgeblähte Rüstungsetat wurde zur Existenzbasis ganzer Industriezweige, insbesondere Elektronik, Flugzeug- und Schiffbauindustrie. In der Aufstellung der wichtigsten Vertragspartner des Pentagon von Weidenbaum*V.12 fehlt keiner der großen Industriekonzerne der USA. Mandel*V.13 gibt eine Aufschlüsselung nach Industriezweigen. Danach erhielt die Industrie der USA 1957 Rüstungsaufträge im Gesamtwert von 33 Mrd.$. Davon entfielen 7,4 Mrd. auf die Flugzeugindustrie, 4,5 Milliarden auf die Bauindustrie und Beträge zwischen 1 und 2 Milliarden Dollar auf die Raketen-, Schiffbau, Chemie-, Elektronik- und Nahrungsmittelindustrie.

Der für das Pentagon produzierende industrielle Sektor gewann erstrangige Bedeutung für die konjunkturelle Entwicklung in den USA. Vilmar (a.a.O, S. 76) zitiert eine Untersuchung von Melman, nach der

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1964 12 bis 14 Millionen Arbeitsplätze von Rüstungsarbeiten abhingen. Bedeutsam ist hier auch, daß die in der Rüstungsindustrie Beschäftigten sehr stark auf bestimmte Industriezweige — also vor allem die bereits genannten Bereiche Flugzeugindustrie, Schiffbau und Elektroindustrie —, Berufsgruppen (technische Intelligenz) und Regionen (vor allem Kalifornien und New York) konzentriert waren, die dadurch ganz besonders von der Rüstungskonjunktur abhängig wurden. Rüstungsaufträge wurden für einen großen Teil der Investitionsgüterindustrie zu einem Geschäft ersten Ranges, das allgemein als weitaus profitabler und vor allem als stabiler und sicherer als die Produktion ziviler Investitionsgüter galt*V.14 . Indem sie der Preisberechnung für die Rüstungsgüter manipulierte Kostenrechnungen zugrunde legten, war es den Empfängern der Aufträge möglich, weit überdurchschnittliche Profite aus dem Rüstungsgeschäft zu erzielen. Während sich der Preis eines Automobils in der Nachkriegszeit etwa verdreifachte, stieg der Preis eines Panzers auf das Zehn- bis Zwölffache*V.15 . Nach Meinung Crossers können die Überprofite aus dem Rüstungsgeschäft als eine indirekte Subvention für die nebenher laufende und häufig wenig profitable zivile Produktion der betreffenden Konzerne interpretiert werden:
"Es ist nicht zu weit hergeholt, anzunehmen, daß ein großer Teil der Summen, mit denen die Regierung von den Rüstungsfirmen belastet wird, eine Risikoprämie ist, die, wie man erwartet, die Regierung in verschleierter Form an diese Gesellschaften zahlen soll um einen profitablen Fortgang ihres Geschäfts mit zivilen Gütern zu garantieren. Die Vermutung kann kaum von der Hand gewiesen werden, daß die außerordentlich hohe Risikoprämie, mit denen die Regierung bei Rüstungsaufträgen belastet wird, es den großen Rüstungskonzernen möglich macht, ein vergleichsweise mäßiges Niveau bei den Preisen ihrer zivilen Güter aufrechtzuerhalten." (Crosser, a.a.O., S. 31)
Kein Zweifel: Die Nachkriegskonjunktur in den USA war zu einem wesentlichen Teil durch wachsende und zu einem großen Teil kreditfinanzierte Rüstungsausgaben des Staates induziert. Die relative "Prosperität" war eine "gemachte" und durch den staatlichen Eingriff gelenkte Prosperität, die durch wachsende Staatsverschuldung zustande kam:

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"Und es kann nicht verwundern, daß die ,Fiscal Policy', die zunächst antizyklisch arbeiten sollte, unter den Bedingungen fehlender Zyklizität der Konjunktur in der Folgezeit fast ständig nur in einer Richtung, nämlich des tendenziell zunehmenden Haushaltsdefizits gewirkt hat." (Hofmann, a.a.O., S. 34)
Von der bürgerlichen Nationalökonomie weitgehend unbemerkt, hatte sich damit unter der Oberfläche einer scheinbar problemlosen Konjunkturentwicklung eine wichtige Veränderung abgespielt. Die Vorstellung von der "produktiven" und sich finanziell selbst tragenden und akkumulierenden Privatwirtschaft war mehr oder weniger zu einer Fiktion geworden. Die "Privatwirtschaft" hatte sich zu einer staatlich finanzierten und von staatlichen Aufträgen abhängigen Wirtschaft entwickelt*V.16 . Die Akkumulation von Kapital und die Realisierung der Profite beruhte zu einem wesentlichen Teil nicht mehr auf der aus dem privaten Sektor selbst erzeugten Nachfrage, sondern auf Staatsaufträgen. Sie war zu einem immer größeren Teil eine Akkumulation von Waffen. Crosser schätzt, daß heute etwa die Hälfte der jährlichen Nettokapitalbildung in den USA aus Rüstungsgütern besteht; ähnliche Verhältnisse herrschen, wie bereits erwähnt, in Großbritannien. Der wachsenden Bedeutung der Rüstungsproduktion geht ein entsprechender Niedergang der produktiven Kapitalbildung parallel, der besonders deutlich aus der folgenden, von Mattick aufgeführten Tabelle sichtbar wird: Prozentuale Verteilung der Komponenten des Bruttosozialprodukts der USA auf den Höhepunkten der Konjunkturzyklen von 1948 bis 1963 in gegenwärtigen Dollarwerten:

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Die Anwendung der Keynes'schen Politik führte zu einer wachsenden indirekten "Verstaatlichung" der Wirtschaft. Diese konnte neben Staatsaufträgen auch mannigfache andere Formen wie Subventionen, Investitionshilfen, Steuervergünstigungen u. a. annehmen, die oft beträchtliche zusätzliche Summen ausmachten. Alle diese Formen staatlicher Finanzierung der Privatwirtschaft spiegelten das wachsende Bestreben des privaten Kapitals wider, sich über die öffentlichen Haushalte das zur Aufrechterhaltung einer ausreichenden Profitrate erforderliche Geld zu verschaffen, das durch die Marktnachfrage allein nicht mehr garantiert werden konnte. Das fand seinen Niederschlag in den wachsenden Staatsdefiziten. Die Kehrseite dieser Praxis war der Trend zu wachsenden Inflationsraten, der sich in den meisten Ländern seit Anfang der sechziger Jahre bemerkbar machte und auch durch Rezessionen kaum mehr unterbrochen werden konnte.

Die folgenden Kapitel werden der Frage gelten, ob sich aus der Marx'schen Theorie eine systematische Interpretation dieser Entwicklungstendenzen ableiten läßt.

2. Tendenzieller Fall der Profitrate und Staatseingriffe

Der Strukturwandel des kapitalistischen Systems und die Nachkriegsprosperität führten in der marxistischen ökonomischen Diskussion zu großer Unsicherheit und Verwirrung. Die unerwartete Fähigkeit des kapitalistischen Systems zur Anpassung und Selbststabilisierung schien die Marx'sche Analyse der kapitalistischen Entwicklung grundlegend in Frage zu stellen. Die radikalsten Konsequenzen zogen die amerikanischen Vertreter der "angelsächsischen Schule" des Marxismus: Baran/Sweezy und Gillman. Baran/Sweezy sehen den Kern der Wandlung des Kapitalismus in dem Übergang vom Konkurrenz- zum Monopolkapitalismus, in der Abschaffung des Systems der freien Konkurrenz und seine Ersetzung durch ein System monopolistischer Regulie-

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rung von Preisen, Profiten und Produktionsmengen. Diese Wandlung hat nach ihrer Ansicht die wichtigste Gültigkeitsbedingung der Marx'schen Analyse hinfällig werden lassen. Die marxistische Analyse geht, so Baran/Sweezy, von der Voraussetzung einer Konkurrenzwirtschaft aus. Die Entstehung des Monopolkapitalismus wurde zwar von einigen marxistischen Autoren zur Kenntnis genommen, jedoch nicht "als ein qualitativ neues Element in der kapitalistischen Wirtschaft"*V.17 behandelt.
"Wir halten es für an der Zeit"
, meinen Baran und Sweezy,
"mit dieser Situation aufzuräumen, und zwar rücksichtslos und radikal." (a.a.O., S. 15)
Baran und Sweezy werfen die Arbeitswerttheorie und die aus ihr abgeleiteten Begriffe über Bord. An die Stelle der Kategorie des Mehrwerts setzen sie die des "ökonomischen Surplus". Das von ihnen verwendete begriffliche Konzept hat nichts mehr mit der Marx'schen Theorie gemeinsam, sondern entspricht weitgehend dem Keynes'schen Modell. Diese Revision wird nach Baran/Sweezy durch die neue Qualität der Marktbeherrschung erfordert, die die Monopole ihrer Ansicht nach beweisen und der die auf der Arbeitswertlehre begründete Theorie nicht gerecht werden könne.

Diese neue Qualität der Marktbeherrschung schlägt sich vor allem in dem "Gesetz des steigenden Surplus" nieder, das Baran/Sweezy in Analogie zum Keynes'schen Gesetz des sinkenden "Hangs zum Verbrauch" formulieren. Es löst das Marx'sche Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate ab, dem Baran/Sweezy Gültigkeit nur für die Periode des Konkurrenzkapitalismus zugestehen. Entsprechend orientieren sich Baran/Sweezy in ihrer Diagnose des Stagnationsproblems nicht mehr an der Marx'schen Analyse des Falls der Profitrate, sondern an der Keynes/Hansen'schen Stagnationstheorie, die sich in allen ihren wichtigen Elementen in den Ausführungen Baran/Sweezys wiederfindet.

Die Beiträge Baran/Sweezys beherrschten insbesondere in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre die marxistische Diskussion. Demgegenüber ist bis heute der Versuch Paul Matticks relativ unbekannt geblieben, auf der Basis der Marx'schen Theorie eine Interpretation der wirtschaftlichen Entwicklungstendenzen der Nachkriegszeit zu geben.

Matticks Kritik an Baran/Sweezy setzt an dem zentralen Punkt ihrer Erklärung der Stagnationstendenzen des fortgeschrittenen Kapi-

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talismus an: dem Problem der als Folge der monopolistischen Profitmaximierungspolitik gefährdeten Realisierung der Profite. Mattick weist auf eine Inkonsequenz in der Argumentation Baran/Sweezys hin:
"Für Baran/Sweezy jedoch sind kapitalistische Probleme ausschließlich Marktprobleme. Nicht die Produktion, sondern die Realisierung des Surplus ist das aktuelle Dilemma des Kapitalismus. Ein Mangel an effektiver Nachfrage in bezug auf das Produktionspotential führt zu ungenutzten Ressourcen. In diesem Fall wäre die Nachfrage relativ größer, wenn die Produktion weniger effektiv wäre. Da nun der steigende Surplus und die fehlende Nachfrage ein- und dasselbe Phänomen sind, kann das eine nicht als Erklärung für das andere dienen, vielmehr bedarf dieses zweiseitige, doch einzigartige Phänomen selbst der Erklärung. Offenbar würde das Monopolkapital mehr Produkte verkaufen, wenn es könnte. Und es würde dazu in der Lage sein, wenn das Kapital akkumulierte und damit die effektive Nachfrage steigerte. Doch das Kapital expandiert nicht, weil es nicht rentabel wäre. Die Klage über die fehlende Nachfrage ist also in Wirklichkeit eine Klage über unzureichende Rentabilität." (Mattik 1969, S. 41 f.)
Mattick macht hier auf die Unzulänglichkeit der Erklärung der Krise aus fehlender "effektiver Nachfrage" aufmerksam. Die fehlende "effektive Nachfrage" erklärt nichts — sie muß vielmehr ihrerseits erklärt werden. Nach der Theorie Baran/Sweezys ist die fehlende "effektive Nachfrage" ein Resultat der geringen Auslastung der Produktionskapazitäten und der Vermeidung von Erweiterungsinvestitionen, wie sie für das monopolistische Unternehmen charakteristisch sind. Diese erklären sich aber ihrerseits aus der Tatsache, daß die Produktion bei voller Auslastung der Kapazitäten und bei Erweiterung der Produktion nicht mehr rentabel wäre. Die wirkliche Erklärung der Krise — so folgert Mattick — sind somit nicht die übermäßigen, sondern die zu geringen Profite.

Die als Folge der steigenden Arbeitsproduktivität wachsende Gebrauchswertmasse enthält eine relativ sinkende Profitmasse, was eine Einschränkung der Gebrauchswertproduktion erzwingt, um Preise und Profite aufrechtzuerhalten. Für dieses Phänomen geben Baran/ Sweezy keine Erklärung. Diese Schwäche beruht, wie Mattick zeigt, auf der Unzulänglichkeit des "Surplus"begriffs, der in physischen Kategorien definiert ist und die Wertseite der Produktion nicht berücksichtigt. Der wachsende "physische" Überschuß läßt die Tatsache des sinkenden Surpluswertes übersehen. Das Dilemma besteht nicht in den übermäßig wachsenden materiellen Produktionskapazitäten, son-

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dern darin, daß die wachsende Gebrauchswertmasse weniger Mehrwert enthält:
"In Baran/Sweezys Darstellung ist es allein die Produktionskapazität, die eine Einschränkung der Produktion erzwingt. Diese Theorie vernachlässigt den Wertcharakter der kapitalistischen Produktion. Der Surplus wird nicht als Mehrwert, sondern nur als Surplus-Produktion angesehen. Im Kapitalismus erscheint die wachsende Masse von Waren (als Gebrauchwerte) dagegen als Tauschwerte. Da die Masse der Tauschwerte mit der wachsenden Produktivität der Arbeit fällt, erfordert die Kapitalakkumulation eine schneller wachsende Masse von Gebrauchswerten. . . . Darum muß der Tauschwert der Surplus-Produkte, nicht die Produkte selbst, zu dem Wert des Gesamtkapitals in Beziehung gesetzt werden, um den Grad der Rentabilität zu bestimmen. Da sich die kapitalistische Produktionskapazität nicht auf eine bestimmte Warenmenge, sondern auf den Tauschwert dieser Menge bezieht, müßten Baran/ Sweezy ihre Position nicht auf die wachsende Kapazität zur Produktion von Waren, sondern auf die wachsende Kapazität zur Produktion von Tauschwerten beziehen." (Mattik a.a.O., S. 42)
Mattick macht in seiner Analyse des Stagnationsproblems den Versuch, an die ursprüngliche Marx'sche Konzeption anzuknüpfen. Die Basis seiner Argumentation ist das Marx'sche "Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate", das im folgenden zunächst erörtert werden soll.

a) Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate

Eine breite Darstellung der Marx'schen Theorie des Falls der Profitrate ist hier nicht beabsichtigt*V.18 . Im folgenden soll nur auf einige Probleme eingegangen werden, die von Kritikern der Marx'schen Argumentation aufgeworfen wurden, aber von Mattick nicht oder nur ungenügend berücksichtigt worden sind. Das gilt vor allem für die Frage der Wertsenkungen des konstanten Kapitals, auf die sich die folgende Erörterung konzentrieren soll.

Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate ergibt sich, wie Marx zeigt, aus der dem Kapital selbst inhärenten Tendenz zur Steigerung des relativen Mehrwerts. Die Steigerung des relativen Mehrwerts hängt davon ab, daß die zur Produktion der notwendigen Le-

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bensmittel pro Arbeiter gesellschaftlich erforderliche Arbeitszeit abnimmt. Sie setzt also Steigerungen der Arbeitsproduktivität voraus, die sich direkt oder indirekt in Wertsenkungen der notwendigen Lebensmittel niederschlagen.

Die Steigerung der Arbeitsproduktivität bedingt aber nach der Marx'schen Argumentation eine Tendenz zum Wachstum der organischen Zusammensetzung des Kapitals. Auf den ersten Blick erscheint diese Folgerung wenig einsichtig. Steigerungen der Arbeitsproduktivität finden sowohl im Konsumgüter- wie im Investitionsgütersektor statt. Sie führen nicht zu Wertsenkungen der notwendigen Lebensmittel und — als Folge davon — der Ware Arbeitskraft, sondern auch der Produktionsmittel. Würden sie sich in beiden Sektoren gleichmäßig auswirken, so würde der Wert der Waren überall in gleichbleibender Proportion fallen und die organische Zusammensetzung mitnichten steigen. In der Tat gibt Marx diese Möglichkeit auch zu:
"Abstrakt betrachtet, kann beim Fall des Preises der einzelnen Ware infolge vermehrter Produktivkraft, und daher bei gleichzeitiger Vermehrung der Anzahl dieser wohlfeilen Waren, die Profitrate dieselbe bleiben, z. B. wenn die Vermehrung der Produktivkraft gleichmäßig und gleichzeitig auf alle Bestandteile der Waren wirkte, so daß der Gesamtpreis der Ware in demselben Verhältnis fiele, wie sich die Produktivität der Arbeit vermehrte, und andererseits das gegenseitige Verhältnis der verschiedenen Preisbestandteile der Ware dasselbe bliebe." (Kapital III, S. 239 f.)
Kritiker der Marx'schen Theorie, so M. Blaug*V.19 , haben daraus gefolgert, daß die von Marx behauptete Tendenz zur Steigerung der organischen Zusammensetzung auf der willkürlichen Annahme überproportionaler Produktivitätssteigerungen in der Konsumgüterindustrie beruhe. Sie versuchen demgegenüber nachzuweisen, daß diese Annahme empirisch unbegründet sei und in der Realität eher eine gegenteilige Tendenz zu sog. "kapitalsparenden Innovationen" bestehe.

Wie Marx an anderer Stelle*V.20 gezeigt hat, ist die Steigerung der organischen Zusammensetzung des Kapitals (worunter Marx prinzipiell die Zusammensetzung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals versteht*V.21 ) keineswegs von derartigen disproportionalen Produktivitätssteigerun-

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gen abhängig. Um das näher zu erläutern, muß die genaue Bedeutung des Begriffs der organischen Zusammensetzung, wie Marx sie im 23. Kapitel des 1. Bandes darlegt, in Erinnerung gerufen werden. Als "organische Zusammensetzung" bezeichnet Marx hier die
"Wertzusammensetzung des Kapitals, insofern sie durch seine technische Zusammensetzung bestimmt wird und deren Änderungen widerspiegelt."
Die technische Zusammensetzung ist nach Marx das
"Verhältnis zwischen der Masse der angewandten Produktionsmittel einerseits und der zu ihrer Anwendung erforderlichen Arbeitsmenge andererseits" (Kapital I, S. 640)
Für die technische Zusammensetzung als solche läßt sich kein allgemeiner quantitativer Ausdruck finden; sie läßt sich nur grob für einzelne Industriezweige (z. B. die Zahl der von einem Arbeiter bedienten Webstühle) beschreiben. Dennoch lassen sich einige verallgemeinernde Aussagen über den Zusammenhang zwischen technischer Zusammensetzung und Produktivitätssteigerung machen, wie bereits weiter vorne angedeutet wurde. Marx hatte in seiner Analyse der Entwicklung der kapitalistischen Technologie im 13.—15. Kapitel des 1. Bandes gezeigt, daß das Prinzip der Steigerung der Arbeitsproduktivität (die Erhöhung der Produktionsmenge eines bestimmten Gebrauchswerts pro Arbeitsstunde) in der Ersetzung von menschlichen Arbeitsfunktionen durch Maschinenfunktionen besteht. Die einzelnen Funktionen der menschlichen Arbeitskraft — ihre Funktion als Energiequelle, Handhabung der Werkzeugmaschine, die intellektuellen Funktionen der Kontrolle, Koordinierung und Lenkung des Produktionsprozesses — werden schrittweise in der Maschinerie objektiviert. Verbunden damit ist die Zerlegung der Arbeit in immer einfachere Teilprozesse, die in wachsendem Grade durch die Maschine vermittelt werden und sich schließlich ganz in ihr vergegenständlichen. Die wachsende Produktivität der Arbeit beruht so auf der wachsenden Ersetzung "lebendiger" durch "vergegenständlichte" Arbeit. Die "vergegenständlichte" Arbeit besteht in der wachsenden, weil qualitativ immer vielfältigeren und differenzierteren Masse von Gebrauchswerten, die in der Produktionstechnik angewandt werden.

Die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals reflektiert diesen technischen Wandlungsprozeß. Sie wird nicht nur durch Variationen des Werts ihrer Bestandteile, sondern auch durch Veränderungen dieser Bestandteile selbst modifiziert. Von der Seite des Arbeitsprozesses hat es der Arbeiter nicht mit Werten, sondern mit einer bestimmten technischen Ausrüstung zu tun, die die materielle

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Struktur des Arbeitsprozesses und den qualitativen Charakter der Arbeit bestimmt:
"Die Masse Arbeit, die ein Kapital kommandieren kann"
, sagt Marx,
"hängt nicht ab von seinem Wert, sondern von der Masse der Roh- und Hilfsstoffe, der Maschinerie und der Elemente des fixen Kapitals, der Lebensmittel, woraus es zusammengesetzt ist, was immer deren Wert sei." (Kapital III, S. 258)
Überall dort, wo Marx die Tendenz zur Steigerung der organischen Zusammensetzung des Kapitals erörtert, stellt er diese materielle und technische Seite der Produktion in den Vordergrund. So sagt er im 23. Kapitel des ersten Bandes:
"Abgesehen von Naturbedingungen wie Fruchtbarkeit des Bodens usw. und vom Geschick unabhängiger und isoliert arbeitender Produzenten, das sich jedoch qualitativ mehr in der Güte als quantitativ in der Masse des Machwerks bewährt, drückt sich der gesellschaftliche Produktivgrad der Arbeit aus im relativen Größenumfang der Produktionsmittel, welche ein Arbeiter, während gegebener Zeit, mit derselben Anspannung von Arbeitskraft, in Produkt verwandelt. Die Masse der Produktionsmittel, womit er funktioniert, wächst mit der Produktivität seiner Arbeit." (Kapital I, S. 650)
Das Wachstum der Masse der Produktionsmittel ist das Wachstum der technischen und stofflichen Differenzierung der Ausrüstung, der Produktionsmittel und der Rohstoffe, wie sie mit der Objektivierung menschlicher Arbeitsfunktionen in Maschinenfunktionen verbunden ist. Im Verlauf der kapitalistischen Entwicklung entstehen im Produktionsgütersektor laufend neue Industriezweige, die qualitativ immer vielfältigere Produkte herstellen (Chemieindustrie, Elektroindustrie, Auto-, Flugzeug-, Elektronikindustrie usw.). Das Wachstum der organischen Zusammensetzung des Kapitals ist in erster Linie auf diese qualitative Vervielfältigung der Produktionsmittel und ihrer Bestandteile zurückzuführen. Sie findet zwar bis zu einem gewissen Grade auch im Konsumgütersektor statt, konzentriert sich aber in erster Linie auf den Investitionsgütersektor. Das größere Wachstum der "Masse" der Produktionsmittel wird durch die bereits oben angeführten Statistiken (vgl. oben S. 86 Fußnote 40) bestätigt.

Das größere mengenmäßige Wachstum der Produktion der einzelnen Zweige des Produktionsmittelsektors spiegelt sich, wenn auch nicht in gleichem Maße in der Veränderung der Verteilung der Arbeitskräfte auf die beiden Bereiche, wie die Statistiken ebenfalls zeigen. Als Bei-

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spiel sollen im folgenden die Daten Hoffmanns über die Beschäftigten in Industrie und Handwerk in Deutschland aufgeführt werden:

Während sich die Zahl der in den Bereichen Metallerzeugung, Metallverarbeitung und Bau Beschäftigten von 1875 bis 1913 verdreifachte, die in der Chemie Beschäftigten sogar vervierfachte, stieg die Zahl der in der Nahrungsmittelherstellung Beschäftigten lediglich um das Doppelte und stieg die Beschäftigtenzahl in den Bereichen Textil, Bekleidung und Lederverarbeitung lediglich um ca. 25 bzw. 50 %. Ähnliches läßt sich für die BRD in den Jahren 1950 — 1959 feststellen. Das Wachstum der Beschäftigung spiegelt das mengenmäßige Wachstum der Produktion wider, wenn auch nur unterproportional*V.22 .

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Obgleich daher der Wert der einzelnen Elemente des konstanten Kapitals im gleichen Maße fallen mag, wie die Arbeitsproduktivität im Konsumgütersektor steigt, so muß doch infolge der ständigen technischen Revolutionen und der zunehmenden Masse und Differenzierung der im Produktionsprozeß angewandten Gebrauchswerte der Wert des konstanten Kapitals relativ gegenüber dem variablen Kapital zunehmen und mit ihm der Wertumfang der Produktion des Sektors I gegenüber dem des Sektors II. Die einzelnen Elemente des konstanten Kapitals werden im Wert fallen, dieser Wertfall wird aber dadurch aufgewogen, daß zusätzliche und qualitativ neue Produktionselemente hinzukommen.

Das schließt freilich nicht aus, daß es sog. "kapitalsparende Erfindungen" geben kann, d. h. neue technische Verfahren und Ausrüstungen, die weniger vergegenständlichte Arbeit enthalten als die alten Produktionsmittel, die sie ersetzen. Gillman (1969) vertritt die These, daß dieser Typus der "kapitalsparenden Technologie" in der technologischen Entwicklung in den USA seit den 20er Jahren dominant geworden sei. Die Gillman'schen Statistiken sind jedoch mit zu vielen Fehlerquellen behaftet, um als empirischer Beleg der These gelten zu können, daß die von der Marx'schen Akkumulationstheorie ausgesagten Tendenzen der Kapitalakkumulation sich umgekehrt haben*V.23 . Insbesondere sieht Gillman nicht, daß einige der von ihm aufgeführten kapitalsparenden Erfindungen mit bedeutenden Infrastrukturinvestitionen verbunden sind, die jedoch in seiner Rechnung (die nur die verarbeitende Industrie berücksichtigt) nicht erscheinen. Ein Beispiel ist die Ersetzung von Dampfkraft durch elektrische Energie, der Gillman eine Schlüsselrolle für die "neue Technologie" zuspricht. Die Einführung elektrischer Energie mag aus der Perspektive einzelner Unternehmen als "kapitalsparend" erscheinen, jedoch nur deshalb, weil die dazu notwendigen Infrastrukturinvestitionen mit hoher organischer Zusammensetzung (Kraftwerke, Versorgungssysteme usw.) nicht von ihnen selbst, sondern — was der Regelfall war — von der öffentlichen Hand übernommen werden. Ähnliches gilt für die Einführung des Automobils, die ebenfalls umfangreiche Infrastrukturinvesti-

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tionen erfordert (Straßenbau). In der Tat zeigt sich um die von Gillman bezeichnete kritische Periode nach der Jahrhundertwende ein deutlicher Trend zur Erhöhung des Anteils der öffentlichen Investitionen an den Staatsausgaben wie an der gesamten Bruttokapitalbildung, den Gillman nicht berücksichtigt*V.24 .

Die "kapitalsparenden" Investitionen in der Privatindustrie begleitet also eine wachsende Übernahme kapitalintensiver Investitionen durch den Staat, die bei einer Analyse der säkularen Entwicklungstendenzen der Durchschnittsprofitrate und der organischen Zusammensetzung des Kapitals berücksichtigt werden müßte. Ob sich aus einer solchen Untersuchung eine Bestätigung des Marx'schen Gesetzes des tendenziellen Falls der Profitrate ohne die zweifellos problematische Umformulierung des Gesetzes, die Gillman vornimmt, gewinnen läßt, kann an dieser Stelle nicht näher geprüft werden und muß einer späteren Arbeit vorbehalten bleiben. Hier soll zunächst nur die Beweiskraft der empirischen Argumentation Gillmans angezweifelt werden.

Diese wird darüber hinaus durch die von einer Reihe anderer Autoren referierten statistischen Ergebnisse in Frage gestellt. Pesenti hat dazu ausgeführt:
"Meiner Ansicht nach ist die fortdauernde Gültigkeit des Gesetzes durch einige Daten bewiesen. Um den Grad der kapitalistischen Entwicklung über einen Zeitraum hin und durch internationale Vergleiche zu messen und den unterschiedlichen Grad von Arbeitsproduktivität zu verstehen, wird gewöhnlich der pro Arbeiter investierte Kapitalbetrag geschätzt. Die historische Reihe zeigt, ausgedrückt in Wertkategorien (dies gilt sogar noch zwangsläufiger für quantitative Kategorien — Mengen von Energie, Rohstoffen, Maschinengewicht), ein Wachstum der Kapitalmengen pro Arbeiter, d. h. der organischen Zusammensetzung; die geographische Analyse weist nach, daß die fortgeschritteneren Länder größere Mengen investierten Kapitals pro Arbeiter aufweisen. Die Wachstumsrate der Gesamtwirtschaft, d. h. der Bildung ihres Nettoprodukts, das den im Produktionsprozeß geschaffenen Mehrwert freilich unvollkommen ausdrückt, sinkt allmählich in dem Maße, wie die kapitalistische Produktion sich entwickelt." (Pesenti)*V.25
In die gleiche Richtung weisen die von Steindl und Mattick referierten Daten von Kuznets und von anderen Quellen über das Wachs-

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tum der amerikanischen Wirtschaft. Sie zeigen sowohl für die Zeit bis zur Weltwirtschaftskrise als auch nach dem Zweiten Weltkrieg einen deutlichen Trend zu einem Wachstum der investierten Kapitalmengen pro Arbeiter einerseits und zu einem im Verhältnis zur Bruttokapitalbildung sich verringernden Wachstum der Nettokapitalbildung andererseits. Obgleich diese Analysen und die Unstimmigkeiten, die sich aus ihrem Vergleich mit den Ergebnissen Gillmans ergeben, einer sehr viel weitergehenden Präzisierung und Klärung bedürfen, können sie doch als eine annähernde Bestätigung der Marx'schen Tendenzaussagen gelten.

Die Gillman'sche Argumentation erscheint ferner aus dem Blickwinkel einer theoretischen Diskussion über das Verhältnis kapital- und arbeitssparender Innovationen als problematisch. Gillman — und mit ihm allerdings viele Verteidiger der originären Fassung des Marx'schen Gesetzes — übersehen die außerordentlich komplexen Wechselwirkungen, die beide Innovationstendenzen im gesamtwirtschaftlichen Rahmen haben.

Die Tendenz zur Steigerung der organischen Zusammensetzung des Kapitals ergibt sich nach Marx aus der Notwendigkeit der Steigerung der Arbeitsproduktivität und des relativen Mehrwerts. Den Zusammenhang zwischen steigender Arbeitsproduktivität und steigender organischer Zusammensetzung leitet Marx aus der Analyse der technologischen Entwicklung ab: Die Entwicklung der Technologie ist die Entfaltung des dem Kapital innewohnenden Drangs, lebendige menschliche Arbeitsfunktionen durch Maschinenfunktionen, durch "vergegenständlichte Arbeit" zu ersetzen.

Auch wenn eine Erfindung unmittelbar als "kapitalsparend" erscheinen mag; im gesamtwirtschaftlichen Rahmen ist sie notwendigerweise auch arbeitssparend, da jede Reduktion von vergegenständlichter Arbeit auf eine Reduktion von lebendiger Arbeit an einer anderen Stelle des gesellschaftlichen Produktionsprozesses zurückgehen muß. Die "Kapitalersparnis" setzt ursächlich stets eine Arbeitsersparnis voraus; der Arbeitsersparnis kommt daher stets Priorität gegenüber der Kapitalersparnis zu und nicht umgekehrt. Die abstrakte Gegenüberstellung von "kapitalsparenden" und "arbeitssparenden" Erfindungen, wie sie von vielen marxistischen Autoren vorgenommen wird, übersieht, daß jede vergegenständlichte Arbeit zeitlich und kausal lebendige Arbeit voraussetzt. Das impliziert zugleich, daß jede arbeitssparende Erfindung zugleich eine kapitalsparende Erfindung sein kann,

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sofern sie innerhalb des Investitionsgütersektors stattfindet. Da hier die Produkte der einen Fertigungsstufe als Elemente des konstanten Kapitals in die Produktion der nächsten eingehen, wirkt sich eine Arbeitsersparnis als "Kapitalersparnis" auf der nächsten Stufe aus.

Da jede Kapitalersparnis mit einer Arbeitsersparnis beginnt, ist die Steigerung der organischen Zusammensetzung stets der ursprüngliche Impuls. Sie impliziert jedoch immer und notwendig eine Gegentendenz gegen den Fall der Profitrate: Entweder in der beschriebenen Weise oder — sofern sie innerhalb der Konsumgüterproduktion stattfindet — in Form einer Steigerung der Mehrwertrate. Trotzdem werden beide Tendenzen von Marx nur als "Gegentendenzen", die die überwiegende Tendenz zum Fall der Profitrate auf die Dauer nicht aufhalten können, behandelt. Das läßt sich nicht allein durch empirische, sondern auch durch theoretische Argumente rechtfertigen.

Sowohl für die Wertsenkung der Elemente des konstanten Kapitals wie für die Steigerung der Mehrwertrate läßt sich demonstrieren, daß sie als Gegentendenz um so schwächer werden, je mehr die primär notwendigerweise durch arbeitssparende Erfindungen induzierte Steigerung der organischen Zusammensetzung des Kapitals (die auch, wie betont, bei kapitalsparenden Innovationen vorausgesetzt werden muß!) anwächst.

Was die Steigerung der Mehrwertrate betrifft, so hatte Marx, wie schon erörtert (vgl. oben S. 105 f.), gezeigt, daß gleiche Produktivitätssteigerungen zu absolut geringeren Zunahmen an Mehrarbeit pro Arbeiter führen. Das Analoge läßt sich, wie im Anhang ausführlicher demonstriert werden soll, für die Wertsenkung des konstanten Kapitals zeigen: Gleiche absolute Wertsenkungen der Elemente des konstanten Kapitals fallen mit steigender Gesamtzusammensetzung als Gegentendenz immer weniger ins Gewicht. Je höher die Gesamtzusammensetzung bereits ist, desto mehr müßte der Wert der Produkte der ersten Stufe sinken, um den von der ersten Stufe ausgehenden Impuls zur Steigerung der organischen Zusammensetzung mindestens zu neutralisieren. Das paradoxe Ergebnis ist also, daß die organische Zusammensetzung der ersten Stufe, je höher die Gesamtzusammensetzung bereits ist, um so schneller steigen müßte, um ein weiteres Steigen der Gesamtzusammensetzung zu verhindern.

Nicht minder widersprüchlich als in seinem Begriff selbst setzt sich das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate in der empirischen Realität des Krisenzyklus durch. Die Einführung arbeitssparender Er-

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findungen in einzelnen Unternehmen führt keineswegs unmittelbar zu einem Fall der Profitrate, im Gegenteil: Solange die neuen Verfahren vereinzelt bleiben und die durchschnittlichen Produktionsbedingungen des betreffenden Industriezweiges nur unwesentlich berühren, bleiben die bestehenden Produktionspreise erhalten. Deshalb sichern die als Folge der Einführung des neuen Verfahrens gesunkenen Produktionskosten (arbeitssparende Erfindungen werden in der Regel nur dann eingeführt, wenn die Ersparnis an Lohnkosten größer ist als die Mehrkosten an konstantem Kapital) den als Pionieren fungierenden Kapitalisten zunächst einen Extraprofit. Der Extraprofit löst einen Investitionsboom aus, in dessen Verlauf die ursprünglich nur vereinzelt angewandten neuen Verfahren sich verallgemeinern und immer mehr die durchschnittliche organische Zusammensetzung bestimmen. In dem Maße, wie das der Fall ist, sinken die Produktionspreise und die Extraprofite werden getilgt. Die Durchschnittsprofitrate sinkt und fällt auf das der neuen Durchschnittszusammensetzung entsprechende Niveau; sie bestimmt nun die neuen Produktionspreise. Erst die notwendig eintretende Verallgemeinerung bringt das allgemeine Gesetz zur Geltung. Vermittelt ist die Durchsetzung des Gesetzes aber durch sein Gegenteil: durch den Extraprofit, der den Konkurrenzmechanismus in Gang setzt und dadurch die Verallgemeinerung empirisch in die Wege leitet. Diese setzt sich somit wahrlich "hinter dem Rücken" der beteiligten Kapitalisten durch. Eben durch das ihnen gemeinsame Streben nach dem Höchstprofit führen sie durch ihre unbewußte gemeinsame Aktion das Gegenteil dessen herbei, was sie intendieren. Marx beschreibt die Wirkung dieses Mechanismus wie folgt:
"Kein Kapitalist wendet eine neue Produktionsweise, sie mag noch so viel produktiver sein oder um noch soviel die Rate des Mehrwerts vermehren, freiwillig an, sobald sie die Profitrate vermindert. Aber jede solche neue Produktionsweise verwohlfeilert die Waren. Er verkauft sie daher ursprünglich über ihrem Produktionspreis, vielleicht unter ihrem Wert. Er steckt die Differenz ein, die zwischen ihren Produktionskosten und dem Marktpreis der übrigen, zu höheren Produktionskosten produzierten Waren besteht. Er kann dies, weil der Durchschnitt der zur Produktion dieser Waren gesellschaftlich erheischten Arbeitszeit größer ist als die mit der neuen Produktionsweise erheischte Arbeitszeit. Seine Produktionsprozedur steht über dem Durchschnitt der gesellschaftlichen. Aber die Konkurrenz verallgemeinert sie und unterwirft sie dem allgemeinen Gesetz. Dann tritt das Sinken der Profitrate ein — vielleicht zuerst in dieser Produktionssphäre, und gleicht sich nachher mit den anderen aus —, das also ganz und gar unabhängig ist vom Willen der Kapitalisten." (Kapital III, S. 275)

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Je mehr die Profitrate sinkt, desto mehr muß das akkumulierte Kapital wachsen, um einem absoluten Fall der Masse des Profits entgegenzuwirken*V.26 . Der akkumulierte Teil des Profits muß sich also fortlaufend ausdehnen, die Produktionskapazitäten ausweiten, die Produktionsmenge ausdehnen, während gegenläufig dazu die Profitrate sinkt. Diese Scherenbewegung bringt zuerst vor allem die kleineren Kapitalien in die Krise. Mit fallender Durchschnittsprofitrate reicht die absolute Größe ihres akkumulierbaren Mehrwerts nicht mehr aus, um die zur Behauptung im Konkurrenzkampf erforderlichen Neuanlagen zu finanzieren, auch wenn sie nicht weniger oder sogar mehr als die Durchschnittsprofitrate erzielen. Die Masse des Profits wird damit zu einem ebenso entscheidenden Faktor wie die Profitrate; denn obwohl die größeren und kleineren Kapitalien die gleiche Profitrate abwerfen mögen, können doch nur noch die größeren Kapitalien wegen der absolut gestiegenen Minimalkosten der Investitionen die Akkumulation fortsetzen und dadurch einen absoluten Fall ihrer Profite verhindern. In der Realität werden die kleineren Kapitalien zwar zunächst versuchen, sich die benötigten Mittel auf dem Kreditwege zu verschaffen, wodurch sie jedoch ihren Bankrott nur um so wirkungsvoller herbeiführen.

So führt die Akkumulation notwendigerweise zu einer wachsenden Konzentration und Zentralisation des Kapitals. Die zum Überleben im Konkurrenzkampf erforderliche Minimalgröße wächst ständig.
"Und gleichzeitig wächst die Konzentration, weil jenseits gewisser Grenzen ein großes Kapital mit kleiner Profitrate rascher akkumuliert als ein kleines mit großer." (Kapital III, S. 261)
Die Konzentration bzw. Zentralisation des Kapitals hat die Funktion, die verfügbare Profitmasse in dem für die Aufrechterhaltung der Akkumulation erforderlichen Grad zu steigern. Die Einführung neuer, Kostensenkungen und Extraprofite verheißender Verfahren erfordert mit wachsender organischer Zusammensetzung des Kapitals einen immer größeren Kapitalaufwand, der zunehmend nur noch von den großen Kapitalien getragen werden kann. Darüber hinaus kann sie auch die Profitrate steigern, insofern sie wie häufig in Krisen mit der Übernahme bankrotter und entwerteter Kapitalien verbunden ist. So kommt es in der Krise nahezu regelmäßig zu einer Kette von Zusam-

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menschlüssen und Fusionen. Sie machen die erneute Ausdehnung der Produktion möglich, von der die Überwindung der Krise abhängt. Da jede einzelne Ware eine fortschreitend geringere Wert- und daher auch Mehrwertmasse enthält, kann die gesamte Mehrwertmasse nur durch eine erneute Expansion der Produktion gesteigert werden. Der Stillstand der Akkumulation beruht nicht auf einer Überproduktion von Waren in Relation zu den bestehenden Bedürfnissen, sondern auf einem Mangel an Mehrwert. Die Krise wird daher auch typischerweise nicht durch Beschränkung, sondern durch erneute Ausdehnung der Produktion überwunden.

Die Steigerung der organischen Zusammensetzung ist mit einer Freisetzung von Arbeitskräften verbunden. Obgleich sich diese Freisetzung nicht notwendigerweise in einem absoluten Rückgang der Beschäftigung niederschlagen muß, solange die Akkumulation andauert, verringert sich jedoch das Wachstum der Beschäftigung und wächst die Wahrscheinlichkeit eines absoluten Rückgangs, da mit wachsender organischer Zusammensetzung nicht nur die Erweiterungsinvestitionen, sondern auch die Erneuerungsinvestitionen mit einer geringeren Beschäftigung verbunden sind. So entsteht eine latente industrielle Reservearmee, die in den Krisen manifest wird. Ihre Funktion ist die Verschärfung der Konkurrenz unter den Arbeitern, die in den Krisen eine Senkung der Reallöhne ermöglicht und so als eine temporäre "entgegenwirkende Tendenz" wirksam wird. (Ähnliches gilt für die niedrigen Löhne in Kolonien und imperialistisch beherrschten Ländern, die den Kapitalexport stimulieren.)

So entwickelt sich die Kapitalakkumulation als ein sich selbst perpetuierender Mechanismus, der gerade durch die Mittel, mit denen er Krisen überwindet, die Voraussetzungen für neue, schwerere Krisen schafft. Die Mehrarbeit kann nur gesteigert werden, indem Arbeit überhaupt freigesetzt und überflüssig gemacht wird. Mit der Freisetzung von Arbeit verengt sich aber auch der Spielraum der Mehrarbeit, was zur erneuten Erhöhung der Mehrarbeit zwingt. Irgendwann muß dieser circulus vitiosus seinen logischen Endpunkt erreichen: Nivellierung der Profitrate, Monopolisierung der Märkte, weit fortgeschrittene Steigerung der organischen Zusammensetzung des Kapitals und Entwicklung der Technologie und Arbeitsproduktivität, Massenarbeitslosigkeit. Dieser "Endpunkt" muß nicht im Sinne eines mechanischen Zusammenbruchs gedacht werden, wohl aber als ein Zustand, in dem die Überwindung der Krise nicht mehr mit den erörterten, dem

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Kapital selbst immanenten Mitteln der Verbesserung der Verwertungsbedingungen des Kapitals, der Gegentendenzen gegen den Fall der Profitrate, möglich ist, sondern "externe" Eingriffe erfordert.
"Wir haben es hier nicht mit der Frage zu tun, ob Marx sich hinsichtlich der gesellschaftlichen Entwicklung allzusehr auf Präzedenzfälle verließ, oder den Aufstieg eines revolutionären Proletariats zu optimistisch erwartete, oder gar Illusionen zum Opfer fiel — was der Fall zu sein scheint, wenn man die tatsächlichen politischen Bedingungen des Kapitalismus im 20. Jahrhundert betrachtet. Was uns hier interessiert, ist lediglich die begrenzte Voraussagekraft einer Wertanalyse der Kapitalentwicklung. Marx war sich dieses ,Mangels' bewußt, wie es in seiner Weigerung sich andeutet, das Ende des Kapitalismus in anderen als allgemein historischen Formen vorauszusagen. Doch ist seine Theorie, wie beschränkt sie aufgrund ihres hohen Abstraktionsgrades auch sein mag, die einzige Theorie der Kapitalakkumulation, die durch den tatsächlichen Verlauf der Entwicklung verifiziert wurde. Ob wir die wachsende organische Zusammensetzung des Kapitals oder die sich in der kapitalistischen Krise zeigende Tendenz der fallenden Profitrate betrachten oder die zunehmende Heftigkeit der Krisen, die Erzeugung einer industriellen Reservearmee, das trotz des qua Kapital wachsenden Wohlstandes unverminderte Elend der großen Masse der Weltbevölkerung, die Beseitigung des Wettbewerbs durch den Wettbewerb (die Konzentration, Zentralisation und Monopolisierung von Kapital) — wir müssen das Entwicklungsmuster, das Marx entworfen hat, zur Kenntnis nehmen." (Mattick 1971, S. 110 f.)*V.27
Trotz aller Schwierigkeiten der statistischen Überprüfung und Operationalisierung dürfte die Berechtigung dieser Feststellung Matticks kaum zu bestreiten sein. Für die Marx'sche Theorie lassen sich nicht nur die empirischen Daten der Entwicklung des Kapitalismus anführen, sondern ironischerweise auch das empirische Urteil von Autoren der bürgerlichen Nationalökonomie wie Keynes, oder Schumpeter, die der Marx'schen Theorie ablehnend gegenüberstehen. Nicht der Tatbestand der fallenden Profitrate und der steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals ist zwischen Marx und Keynes — wie auch die obige Keynes-Diskussion gezeigt hat — kontrovers, sondern seine theoretische Interpretation. Es sind also gerade empirische Gründe, die die Versuche einer Erklärung der wirtschaftlichen Entwicklungstendenzen des Kapitalismus in der Nachkriegszeit auf der Basis der Marx'schen Akkumulationstheorie rechtfertigen.

b) Das Realisierungsproblem

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Die Krise ist, so zeigt Marx, stets eine Krise der Mehrwertproduktion, der Verwertung des Kapitals. Die Begriffe Produktion und Realisierung stehen in der Marx'schen Theorie in innerem Zusammenhang. Für Marx war die Realisierung der Waren ein Moment der kapitalistischen Produktion; Waren werden nur dann und insofern realisiert, als sie direkt oder indirekt als Mittel zur weiteren Produktion von Mehrwert dienen können. Die "effektive Nachfrage" erklärt nach Marx nichts; sie muß vielmehr ihrerseits erklärt werden, und diese Erklärung ist nur aus den Bedingungen der Produktion des Mehrwerts, die in der Werttheorie begrifflich gefaßt sind, möglich. Ist die Produktion des Mehrwerts ausreichend, so ist auch die zur Realisierung des Mehrwerts erforderliche effektive Nachfrage vorhanden, da das Kapital sich selbst diese Nachfrage schafft. Reicht umgekehrt die effektive Nachfrage zur Realisierung des Mehrwerts nicht aus, so kann das nur auf mangelnde Mehrwertproduktion zurückgeführt werden.

Nach Marx kann daher die mangelnde Konsumnachfrage der Arbeiter nicht Ursache der Krise sein; sie selbst geht darauf zurück, daß zu wenige Arbeiter beschäftigt werden und der mangelnde Beschäftigungsstand findet seinerseits seine Erklärung in der zu niedrigen Profitrate, in der zu geringen Auspressung von Mehrarbeit. Die Krise wird typischerweise nicht durch eine Erhöhung der Massenkaufkraft überwunden — charakteristisch für den Zustand der Krise ist vielmehr, wie im übrigen auch eine Fülle statistischer Untersuchungen zeigen, das Anwachsen des Anteils der Arbeitseinkommen am Gesamtprodukt —, sondern durch deren genaues Gegenteil: Durch Reallohnsenkungen und durch Herabdrücken des Lebensstandards der Arbeiter. Die "effektive Nachfrage" ist im Kapitalismus keine Nachfrage nach Gebrauchswerten, sondern eine Nachfrage nach Waren, die wieder in die Mehrwertproduktion eingehen. Die Zirkulation des Kapitals, der Absatz der Waren, ist daher stets eine Funktion der Produktion des Mehrwerts und nicht umgekehrt.

Diese Position scheint zunächst auf eine modifizierte und eingeschränkte Version des Say'schen Postulats hinauszulaufen: Vorbehaltlich einer ausreichenden Verwertung des Kapitals müssen Angebot und Nachfrage sich die Waage halten, da das Kapital sich dann selbst die zur Realisierung der Waren notwendige Nachfrage schafft. Produktion

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und Konsumption stimmen überein, da die Konsumption nur Mittel zur weiteren Produktion von Mehrwert ist.

Marx war jedoch ein entschiedener Kritiker des Say'schen Postulats. Seine Kritik am Say'schen Postulat beschränkte sich nicht auf den im ersten Band gegebenen Hinweis, daß Kauf und Verkauf infolge der Trennung von Ware und Geld auseinanderfallen und damit die Möglichkeit der Krise, der allgemeinen Überproduktion gegeben ist*V.28 . In seiner Kritik an der Akkumulationstheorie Ricardos geht Marx über diese Position hinaus. Die Bedingungen der Krise müssen über die Formbestimmungen von Ware und Geld — in denen sie in der Tat nicht mehr als eine bloße Möglichkeit, als ein bloßer Zufall erscheinen — hinaus verfolgt werden:
"Daher sieht man die enorme Fadaise der Ökonomen, die, nachdem sie das Phänomen der Überproduktion und der Krisen nicht mehr wegräsonnieren konnten, sich damit beruhigen, daß in jenen Formen die Möglichkeit gegeben, daß Krisen eintreten, es also zufällig ist, daß sie nicht eintreten und damit ihr Eintreten selbst als ein bloßer Zufall erscheint.
Die in der Warenzirkulation, weiter in der Geldzirkulation entwickelten Widersprüche — damit Möglichkeiten der Krise — reproduzieren sich von selbst im Kapital, indem in der Tat nur auf der Grundlage des Kapitals entwickelte Warenzirkulation und Geldzirkulation stattfindet. Es handelt sich aber nun darum, die weitere Entwicklung der potentia Krisis — die reale Krisis kann nur aus der realen Bewegung der kapitalistischen Produktion, Konkurrenz und Kredit dargestellt werden — zu verfolgen, soweit sie aus den Formbestimmungen des Kapitals hervorgeht, die ihm als Kapital eigentümlich und nicht in seinem bloßen Dasein als Ware und Geld eingeschlossen sind."
(Theorien über den Mehrwert II, S. 513)
Dieses Vorhaben nimmt Marx im II. Band des "Kapitals" in Angriff. In seiner Analyse des Geldkapitalkreislaufs in den ersten Kapiteln des II. Bandes zeigt Marx, wie die Kapitalzirkulation das aus der einfachen Warenzirkulation abgeleitete Say'sche Gesetz in doppelter Weise negiert:

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Die aus dem Verkauf des Warenkapitals resultierende Geldsumme muß größer sein als die Summe des vorgeschossenen Kapitals, andernfalls hätte sich der Mehrwert nicht realisiert und die Produktion könne als kapitalistische Produktion nicht aufrechterhalten bleiben:
"Der Kapitalist wirft weniger Wert in der Form von Geld in die Zirkulation hinein, als er aus ihr herauszieht, weil er mehr Wert in Form von Ware hineinwirft, als er ihr in Form von Ware entzogen hat. Soweit er als bloße Personifikation von Kapital fungiert, als industrieller Kapitalist, ist seine Zufuhr von Warenwert stets größer als seine Nachfrage nach Warenwert. Deckung seiner Zufuhr und seiner Nachfrage in dieser Beziehung wäre gleich Nichtverwertung des Kapitals; es hätte nicht als produktives Kapital fungiert; das produktive Kapital hätte sich in Warenkapital verwandelt, das nicht mit Mehrwert geschwängert; es hätte während des Produktionsprozesses keinen Mehrwert in Warenform aus der Arbeitskraft gezogen, also überhaupt nicht als Kapital fungiert." (Kapital II, S. 120)
Wie ist es den Kapitalisten möglich, ständig mehr Geld aus der Zirkulation herauszuziehen, als sie hineinwerfen? Das Geld, das die Kapitalisten aus ihren Verkäufen realisieren und mit dem Kauf wieder in die Zirkulation werfen, kann offensichtlich nicht die Quelle der Realisierung des Mehrwerts sein, denn eben diese Möglichkeit der Realisierung aus den Verkäufen steht ja zur Debatte. Die Realisierung des Mehrwerts impliziert eine Ausdehnung der Warenzirkulation. Wenn die wachsende Warenmasse realisiert werden soll, muß sich auch die Geldmenge ausdehnen, bzw. die Zirkulationsgeschwindigkeit des Geldes muß zunehmen. Was die Kapitalisten jedoch ausdehnen, ist nicht die Geldmenge, sondern die Warenmenge: um die zusätzlichen Waren absetzen zu können, müssen sie die Geldvermehrung bereits als ein Faktum vorfinden. Wenn die Kapitalisten, soweit sie den Mehrwert realisieren, fortwährend verkaufen, ohne vorher gekauft zu haben, so muß es andererseits Käufer geben, die kaufen, ohne vorher verkauft zu haben. Es muß ein "Loch" in der Zirkulation geben, durch das die zur Realisierung des Mehrwerts erforderliche zusätzliche Geldmenge fortlaufend einströmt.

Wo ist aber dieses Loch zu lokalisieren? Marx wälzte dieses Problem in den letzten Kapiteln des zweiten Bandes über lange Seiten hin und her. Die Lösung, zu der er schließlich Zuflucht suchte, war die Goldproduktion. Dem Goldproduzenten kommen die gesuchten Eigenschaften zu, die aus der Analyse des Realisierungsproblems postuliert werden müssen. Da die von ihm produzierte Ware unmittelbar die Geldware ist, fallen für ihn Kauf und Verkauf in eins. Während die

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übrigen Kapitalisten mehr Geld aus der Zirkulation herausziehen als sie hineinwerfen, wirft daher der Goldproduzent umgekehrt fortwährend mehr Geld in die Zirkulation hinein als er herauszieht. Marx sah selbst die Unzulänglichkeit dieser Erklärung:
"Stellte man sich den Zirkulationsprozeß zwischen den verschiedenen Teilen der jährlichen Reproduktion als in gerader Linie verlaufend vor — was falsch, da er mit wenigen Ausnahmen allzumal aus gegeneinander rückläufigen Bewegungen besteht —, so müßte man mit dem Gold- (resp. Silber-) Produzenten beginnen, der kauft ohne zu verkaufen, und voraussetzen, daß alle anderen an ihn verkaufen. Dann ginge das gesamte jährliche gesellschaftliche Mehrprodukt an ihn über und sämtliche anderen Kapitalisten verteilen pro rata unter sich sein von Natur in Geld existierendes Mehrprodukt, die Naturalvergoldung seines Mehrwerts; denn der Teil des Produkts des Goldproduzenten, der sein fungierendes Kapital zu ersetzen hat, ist schon gebunden und darüber verfügt. Der in Gold produzierte Mehrwert des Goldproduzenten wäre dann der einzige Fonds, aus dem alle übrigen Kapitalisten die Materie für Vergoldung ihres jährlichen Mehrprodukts ziehen. Er müßte also der Wertgröße nach gleich sein dem gesamten gesellschaftlichen Mehrwert, der erst in die Form von Schatz sich verpuppen muß. So abgeschmackt diese Voraussetzungen, so hülfen sie zu weiter nichts, als die Möglichkeit einer allgemeinen gleichzeitigen Schatzbildung zu erklären, womit die Reproduktion selbst, außer auf Seite des Goldproduzenten, um keinen Schritt weiter wäre." (Kapital II, S. 487)
Marx deutet ferner auch die Richtung an, in der die wirkliche Lösung des Problems gesucht werden könnte:
"Es erledigt sich damit auch die abgeschmackte Frage, ob die kapitalistische Produktion in ihrem jetzigen Umfang ohne das Kreditwesen (selbst nur von diesem Standpunkt betrachtet) möglich wäre, d. h. mit bloß metallischer Zirkulation. Es ist dies offenbar nicht der Fall. Sie hätte vielmehr Schranken gefunden an dem Umfang der Edelmetallproduktion. Andererseits muß man sich keine mystischen Vorstellungen machen über die produktive Kraft des Kreditwesens, soweit es Geldkapital zur Verfügung stellt oder flüssig macht. Die weitere Entwicklung hierüber gehört nicht hierher." (Kapital II, S. 247)*V.29

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Es blieb jedoch bei diesen Andeutungen: die "weitere Entwicklung" wurde von Marx nicht mehr ausgeführt, die in den letzten Kapiteln des zweiten Bandes abgebrochene Diskussion des Realisierungsproblems an keiner Stelle wieder aufgenommen.

In der weiteren marxistischen Diskussion war es bemerkenswerterweise nur Rosa Luxemburg (1968), die dieses Problem aufgriff und die Unzulänglichkeit seiner Behandlung bei Marx aufzeigte. Der Versuch Rosa Luxemburgs hatte jedoch keine Wiederaufnahme der Diskussion zur Folge, sondern trug ihr lediglich Anfeindungen der parteioffiziellen sozialdemokratischen Krisentheoretiker — vor allem O. Bauer und G. Eckstein — ein. Nach Bauer und Eckstein wie auch Hilferding*V.30 und Tugan-Baranowsky*V.31 war die Hauptursache der kapitalistischen Krisen die mögliche Disproportionalität der Entwicklung der verschiedenen Produktionszweige; sie glaubten, sich hierbei auf die Marx'sche Analyse des Reproduktionsprozesses am Ende des zweiten Bandes berufen zu können. Da Marx in seinen Reproduktionsschemata von der Geldzirkulation abstrahierte, glaubten die "Disproportionalitätstheoretiker" schließen zu dürfen, daß er die Geldzirkulation nicht als eine selbständige Krisenursache betrachtete. Nach ihrer Ansicht, die sie mit der Marx'schen identifizierten, spielt das Geld auch innerhalb der Kapitalzirkulation keine andere Rolle als die des Zirkulationsmittels. Es ist daher als indifferent für den Reproduktionsprozeß des Kapitals zu behandeln:
"Die Verwertung des gesellschaftlichen Kapitals findet durch die Vermittlung des Geldes statt. Die Waren müssen verkauft werden, um sich in neue Waren zu verwandeln. Aber bei der abstrakten Analyse der gesellschaftlichen Reproduktion des Kapitals können wir von der Rolle des Geldes in dieser Reproduktion vollkommen absehen. Damit leugnen wir durchaus nicht, daß die Unterbrechungen der Geldzirkulation Störungen im Prozeß der Reproduktion des gesellschaftlichen Kapitals hervorrufen. Es ist aber augenblicklich nicht unsere Aufgabe, diese Unterbrechungen zu untersuchen. Insofern das Geld nur eine Vermittlerrolle spielt, werden Produkte mit Produkten gekauft. Von dieser Annahme wollen wir bei der folgenden Analyse ausgehen." (Tugan-Baranowsky, S. 17)
Die Position entsprach in ihrem Kern dem Standpunkt der liberalen bürgerlichen Ökonomie. Deren Grundsatz — das Say'sche Postulat —

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besagte ebenfalls nichts anderes, als daß "Produkte mit Produkten" gekauft werden und daher eine allgemeine Überproduktionskrise, d. h. ein allgemeines Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage nicht möglich ist; möglich sind allenfalls partielle Disproportionalitäten, Überangebot an Waren in einem Sektor, dem ein Unterangebot in einem anderen Sektor gegenübersteht. Eben das war auch die prinzipielle Position Bauers, Hilferdings und Tugan-Baranowskys. Sie räumten zwar ein, daß ein allgemeines Ungleichgewicht als Folge von Geldhortungen entstehen könne. Diese Möglichkeit gestand aber auch die liberale Theorie zu, die jedoch ihre Bedeutung für die Erklärung des Umschwungs von der Prosperität zur Depression als sehr gering einschätzte*V.32 . Es waren bemerkenswerterweise nicht nur Tugan-Baranowsky, Bauer und Hilferding, die diese Auffassung von der Rolle des Geldes als bloßem Vermittler innerhalb des Akkumulationsprozesses vertraten, sondern auch Grossmann, der in dieser Hinsicht mit der Kritik Bauers an Rosa Luxemburg völlig übereinstimmte*V.33 . Grossmanns Argumentation gegen Bauer beschränkt sich darauf, die Bauer'schen Reproduktionsschemata fortzurechnen und auf die langfristigen Perspektiven des Falls der Profitrate aufmerksam zu machen. Auch Grossmann bemerkt das Problem der Geldexpansion nicht: Wie Hilferding und Tugan-Baranowsky erklärt er die allgemeine Überproduktionskrise aus der Hortung von Geld, die nach seiner Ansicht eintritt, sobald die Profitrate stark sinkt:
"Die Kaufkraft ist beim Ausbruch in unserem Schema ebenso vorhanden, wie sie bisher während der gesamten Aufstiegsphase vorhanden war. Geht doch Marx von der Voraussetzung aus, daß sie vorhanden ist, und nichts hat uns bisher während unserer Analyse zur Änderung dieser Annahme gezwungen. Die Krise tritt nicht ein, weil von der vorhandenen Kaufkraft kein Gebrauch gemacht wird, weil es sich nicht lohnt, die Produktion zu erweitern, da bei der erweiterten Reproduktion nur so viel Mehrwert zu erzielen ist, wie bei der Produktion im bisherigen Umfang." (Grossmann, a.a.O., S. 291)
Auch bei Mattick, der in seiner Interpretation der Marx'schen Krisentheorie stark von Grossmann beeinflußt ist, findet sich diese Vorstellung, daß die Krise mit Geldhortungen der Kapitalisten verbunden sei. Daraus entstehen bei ihm, wie sich weiter unten noch genauer

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zeigen wird, Unklarheiten über die Wirkungsweise des Staatseingriffs und über die Bedeutung der Defizitfinanzierung.

Die Analyse des Realisierungsproblems von Rosa Luxemburg zeigt die Richtung, in der die Lösung des Problems gesucht werden muß. Sie zeigt, daß das Eintreten der allgemeinen Überproduktionskrise keineswegs davon abhängt, daß Geld der Zirkulation entzogen und gehortet wird. Im Gegenteil: Auch wenn sämtliche aus Verkäufen realisierten Gelder sogleich wieder in die Zirkulation geworfen werden, kann die Überproduktion eintreten; sie muß eintreten, wenn darüber hinaus keine Expansion des Geldvolumens stattfindet. Solange das Geldvolumen konstant bleibt, kann der Mehrwert nicht realisiert werden, denn der gleichbleibenden Geldmenge stünde dann eine wachsende Warenmenge gegenüber, die im Maß ihres Wachstums entweder nicht realisiert werden könnte oder im Preis fallen müßte. Die Kapitalakkumulation bedingt (da die Zirkulationsgeschwindigkeit des Geldes nur beschränkt wachsen kann) eine Expansion des Geldvolumens, die andere Formbestimmungen voraussetzt als die des Zirkulationsmittels. Das wird — so lautet der Einwand Rosa Luxemburgs — von den "Disproportionalitätstheoretikern" übersehen, deren Konstruktionen auf eine Übertragung der Verhältnisse der einfachen Warenzirkulation auf die Kapitalakkumulation hinauslaufen.

Nach wie vor bleibt jedoch das Problem der Lokalisierung der Quelle der Geldexpansion. Wie bereits gesagt, kommt die Nachfrage der Kapitalisten als diese Quelle nicht in Betracht, denn die Kapitalisten expandieren nicht die Geldmenge, sondern das Warenangebot, und müssen die Geldvermehrung bereits vorfinden, um das in den Waren enthaltene Mehrwertquantum realisieren zu können. Aus dem bloßen Austausch zwischen den Kapitalisten kann kein zusätzliches Geld resultieren, offensichtlich noch viel weniger aus dem Austausch zwischen Kapitalist und Arbeiter. Das Problem scheint innerhalb eines geschlossenen kapitalistischen Systems nicht lösbar, wie Rosa Luxemburg folgerte. Als einzig mögliche Lösung bleibt das Phänomen des Imperialismus. Indem das Kapital in seinem fortlaufenden territorialen Expansionsprozeß das vorkapitalistische Milieu, in dem es aufwächst, zerstört und dadurch neue Märkte erobert, schafft es sich "exogen" die zur Realisierung des Mehrwerts erforderliche zusätzliche Nachfrage, die es "endogen" nicht hervorbringen kann.

So einseitig und anfechtbar diese von Rosa Luxemburg vorgeschlagene Lösung sein mag, so sehr muß ihr im Hinblick auf ihre Problem-

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Stellung Recht gegeben werden. Rosa Luxemburg (neben ihrem Schüler Sternberg) bleibt das Verdienst, als einzige der marxistischen Autoren das Realisierungsproblem klar erkannt und definiert zu haben*V.34 . Es waren nicht marxistische Autoren, sondern die bürgerliche Nationalökonomie, die das Problem aufgriff und seine Implikationen für den Krisenzyklus analysierte. Die bürgerliche Wachstumstheorie fand in dem zusätzlichen Kredit die "endogene" Quelle der Geldvermehrung, die die Realisierung der Profite ermöglicht. Stellvertretend für diese Argumentation soll im folgenden die Krisentheorie von G. Kroll (1958, S. 291 f.) referiert werden, in der die entscheidenden Positionen besonders klar und prägnant zusammengefaßt sind.

Kern der Kroll'schen Theorie ist der Nachweis der These, daß "eine Wirtschaft, deren Nachfrage im Kreislauf nur von den Kostenzahlungen der Betriebe bei synchronisiert gedachter Produktion abhängt, (sich) nicht im Gleichgewicht, sondern in einem permanenten Schrumpfungsprozeß (befindet)". Kroll setzt voraus, daß außer der Selbstfinanzierung der Unternehmen keine zusätzlichen Geldquellen — also kein Außenhandel mit der Möglichkeit von Exportüberschüssen, keine Giralgeldschöpfung und keine staatlichen Haushaltsdefizite, keine zusätzlichen Goldfunde — existieren. In diesem Fall bestünde die gesamte effektive Nachfrage aus den Kostenzahlungen der Unternehmen. Diese bestehen ihrerseits zum einen in den Ausgaben für Löhne und Gehälter, andererseits in den Ausgaben für Investitionen, Rohmaterial und Hilfsmaterialien usw. Von besonderer Bedeutung sind die Investitionen, die eine längere Bauzeit erfordern: ihre konjunkturelle Wirkung besteht darin, daß sie nachfragewirksam sind, ohne sogleich auch angebotswirksam zu sein. M. a. W.: Sie haben einen "Einkommenseffekt", aber nicht sogleich auch einen "Kapazitätseffekt". Geht man von den oben gemachten Annahmen aus, so kann nur diese zeitliche Verzögerung des "Kapazitätseffekts" das unmittelbare Manifestwerden der Krise verhindern. Sobald aber die Investi-

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tionen fertiggestellt sind, sinkt nicht nur die Nachfrage (da die während der Bauphase anfallenden Kostenzahlungen eingestellt werden), sondern findet zugleich auch eine überproportionale Angebotserhöhung statt. Denn die mit den neuen Anlagen produzierten Waren, die jetzt auf den Markt gelangen, enthalten nicht nur die Produktionskosten, sondern darüber hinaus den jetzt zu realisierenden Profit. Da aber keine Geldvermehrung stattgefunden hat, können die Profite nicht realisiert werden: es kommt zu einer "automatischen Deflation", d. h. die Waren bleiben, insofern das Angebot die ursprünglichen Kostenzahlungen übersteigt, entweder unabsetzbar oder sinken im Preis. Das Nachfragedefizit zieht aber Produktionseinschränkungen nach sich, die wiederum eine Verstärkung des Nachfragedefizits und der deflationären Tendenzen nach sich ziehen, und so kommt es zu einem sich selbst verstärkenden krisenhaften Schrumpfungsprozeß.

Anders ausgedrückt: "Die moderne Wirtschaft hat nur die Chance, zu wachsen oder zu schrumpfen", sie hat "nicht die Chance, im Zustand eines stabilen Gleichgewichts zu verharren"*V.35 , da die Realisierung des Profits und nicht der Austausch der Waren zu ihren Produktionskosten ihre Gleichgewichtsbedingung bildet. Das Wachstum setzt aber eine Expansion des Geldvolumens voraus. Die Hauptrolle dieser Expansion ist nach Kroll der zusätzliche Kredit (der somit als ein notwendiges Moment der erweiterten Reproduktion begriffen werden muß). Rosa Luxemburg hatte in ihrer Analyse das Kreditsystem nicht berücksichtigt und daher die entscheidende endogene Quelle der Geldexpansion übersehen. Prinzipiell kann das Kreditsystem in doppelter Weise zu einer Vermehrung des Geldumlaufs beitragen: Mit Hilfe des Kreditsystems kann einerseits die Zirkulationsgeschwindigkeit des bereits vorhandenen Geldes gesteigert und dadurch bei gleichbleibendem Geldvolumen eine Vermehrung der Warenumsätze ermöglicht werden. Die Vertreter der modernen Kreditschöpfungslehre (Macleod, Hahn, Schumpeter u. a.) haben jedoch gezeigt, daß sich die Tätigkeit der Banken nicht in dieser Funktion der bloßen Vermittlung bereits zirkulierender Gelder erschöpft:
"Der Umfang der Kreditgewährung ist keineswegs durch den empfangenen Kredit beschränkt, sondern die Banken sind in der Lage, über die ihnen zufließenden Gelder hinaus, dem erfahrungsgemäßen Reserveverhältnis entsprechend, ein Mehrfaches der deponierten Beträge in Form von Gutschriften [170] zu schaffen. Diese Guthaben, über die durch Scheck oder Überweisung verfügt werden kann, sind Umlaufmittel, die in ökonomischem Betracht Geld sind, weil sie als Geld fungieren. Zwischen ihnen und den Banknoten besteht kein Unterschied." (Wagner 1966, S. 149)
Beide Mechanismen, die Beschleunigung der Zirkulationsgeschwindigkeit des Geldes wie die Vermehrung des Geldvolumens, sind in ihrer Funktion für die Vermehrung der Warenumsätze äquivalent. Auf ihre genauere Darstellung und Abgrenzung kann im Rahmen dieser Arbeit verzichtet werden. Eine präzise Darstellung des Mechanismus der multiplen Giralgeldschöpfung gibt E. Schneider*V.36 . Die entscheidende Schlußfolgerung, die Kroll aus der Rolle des zusätzlichen Kredits für die Realisierung der Profite zieht, lautet: Die Selbstfinanzierung der Unternehmen allein kann niemals ausreichen, um die Kapitalakkumulation von der monetären Seite her in Gang zu halten. Das richtet Kroll auch als zentralen Einwand gegen die Keynes'sche Theorie: eine ex-ante Gleichheit von "Ersparnis" und "Investition" kann innerhalb eines kapitalistischen Systems niemals Gleichgewichtsbedingung sein, wie Keynes behauptete, denn sie unterstellt einen stationären Zustand, den es im Kapitalismus nicht geben kann:
"Die Behauptung, daß die Übereinstimmung von Sparen und Investieren eine Bedingung des Gleichgewichts sei, erweist sich somit als gründlich verkehrt, sie ist vielmehr eine der wesentlichen Voraussetzungen einer schweren Gleichgewichtsstörung. In einer schrumpfenden bzw. bei Unterbeschäftigung stagnierenden Wirtschaft vermag das Sparvolumen niemals auszureichen, um Investitionen in Gang zu bringen, die groß genug wären, um die Wirtschaft zu einem Gleichgewicht mit Vollbeschäftigung zu führen. Zur Wiederherstellung des Gleichgewichts bedarf es vielmehr Investitionen, die mit zusätzlichem Kredit finanziert werden." (Kroll, a.a.O., S. 344)
Umgekehrt: Nicht erst das "Horten", sondern ein gewisser Rückgang der Geldexpansion, der mit zusätzlichem Kredit finanzierten Investitionen reicht bereits völl